1893
Nr. 26
Zlnrts- und Anzeigeblatt füv den Aveis Gieren
। Gratisbeilage: Gießener Kamittenbtätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Ukr.
28501 28.-
। SgppL prto. Anl. 94 25
ßrop.--Lu$a Geld. 100.20
udo!i Geld (3al}t)
101.25
8
der Leichen.
1. Bild.
101
do. tj» 1900 102.- 1Ui ,tanbb<n 19W I
uni
8S>
85.95
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" cntgegen.
Silmbahn . üiornefer . .
76.90
78 40
103 30
21.20
44.20
5685
6410
138 80 96.10 99V»
Dienstag den 31. Januar
104 851 IOC.
9680 il-
IM I99.li 1514 1009
139 Ki h 18®
U'2'
91.-
96-
101.-
Der Gießener Anreiger erscheint täglich, ■rit Ausnahme de» Montag».
Dir Gießener D««ilien» kälter Werden dem Anzeiger »»chenllich dreimal hrigelegt.
ders festlich und glanzvoll vor sich. Hervorragende Momente der Feier bildeten die Festtafel beim Kaiserpaare und der sich anschließende Besuch der Kaiserlichen Majestäten, der Mitglieder des Kaiserhauses und der fürstlichen Gäste im Berliner Opernhause.
— Merkwürdig genug, waren gerade in diesen Tagen, da der älteste Sohn des Czaren die Gastsrenndschaft des deutschen Kaisers genoß, allarmirende Gerüchte über angebliche kriegerische Vorbereitungen Rußlands gegenüber Deutschland aufgetaucht. Es ging die Rede von abermaligen bedeutenden Verschiebungen russischer Truppen nach den Westgrenzen des Czaren-Reiches und es wurde sogar behauptet, man sehe in den leitenden Berliner Kreisen mit Bestimmtheit einem russischen Angriffe entgegen. Wie aber aus einem anscheinend officiösen Entrefilet der „Rordd. Allg. Ztg." erhellt, handelt es sich bei diesen Gerüchten um geflissentliche Erfindungen, es ist an ihnen kein wahres Wort.
— Einiges Aufsehen erregt der vom commandirenden General des 9. Armeecorps, Grafen Waldersee, am Geburtstage des Kaisers beim osficiellen Festmahle in Altona auf den Kaiser ausgebrachte Toast. Graf Waldersee sprach in demselben von kommenden ernsten Zeiten, welche die an die Nation gestellten militärischen Forderungen begründeten und sei darum im Interesse der Friedenswahrung zu hoffen, daß der vorhandene Widerstand gegen die Militärvorlage glücklich überwunden werde. Sollte bei dieser Kundgebung des Grafen Waldersee nicht mit der Versuch unterlaufen, Stimmung für die Militärvorlage zu machen?
Berlin, 28.Januar. Die Militärcommission des Reichstags beendigte heute die Generaldiscussion über die Vorlage. Der Abg. Schädler gab die Erklärung ab, die Vorlage wie auch der Vorschlag des Abgeordneten v. Bennigsen sei für das Centrum unannehmbar. Der Reichskanzler Graf Caprivi hob hervor, die Vorlage sei nicht dazu bestimmt, einer momentanen acuten Gefahr entgegenzutreten, sondern einem andauernden, als gefährlich zu bezeichnenden Zustande zu begegnen. Die verbündeten Regierungen seien der festen Ansicht, daß das Land die geforderten Lasten tragen könne. Wenn der Ernst der Lage völlig klar geworden sei, werde man der Regierung zustimmen. Staatssekretär Freiherr v. Mal Hahn vertheidigte hierauf die finanzielle Darlegung. Der Standpunkt des Centrums wurde alsdann noch' einmal vom Abg. Lieber entwickelt, welcher sich außer Stande
102 —
97.—
96.-
101-
LlerttljShriger A5on«kment»prelL» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezog«» 2 Mark 50 Pf,.
«edaction, Lxpeditk» und Druckerei:
Gch»lßr«t« Mr.R, Fernsprecher 5L
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Januar. Kaisers Geburtstag ist auch diesmal in allen deutschen Landen mit Wärme und Begeisterung gefeiert worden, ein neuer erhebender Beweis, daß alle guten Deutschen trotz aller sie sonst trennenden politischen und übrigen Streitfragen immer wieder einig sind, wenn es die Bethätigung der Liebe und Verehrung für den erhabenen Schirmherrn des Reiches gilt. Auch außerhab der Reichs- grenzen hat man das Geburtsfest Kaiser Wilhelms vielfach begangen und selbst jenseits des Oceans, ja sogar im fernen Afrika und Australien haben die Deutschen an vielen Punkten den Geburtstag ihres Kaisers herzlich gefeiert. — Am Kaiserlichen Hofe ging die Geburtstagsfeier des Kaisers infolge der Anwesenheit zahlreicher auswärtiger Fürstlichkeiten beson-
Wir waren auf der Reise nach Baltimore. Unser Schiff hatte 1800 Passagiere an Bord, lauter Auswanderer. Die Reise war sehr stürmisch. Ein Sturm im Canal machte fast alle Leute seekrank. Die schwarzen Blattern brachen aus, dann noch die Masern- alle Jsolirspitäler waren bald überfüllt. Mehrere Kinder starben. In einer Familie, es waren Baiern aus der Gegend von Regensburg, erkrankten zugleich drei Kinder, zwei erholten sich bald, das dritte bekam eine Lungenentzündung dazu. Es war ein herziges Bübchen von drei Jahren. Mit rührender Liebe pflegte die Mutter den Kleinen. Ost jammerte sie: „O, wären wir nur zu Hause geblieben, ich habe immer solche Angst vor dem Waffer gehabt !" Zudem litt die arme Frau entsetzlich unter der Seekrankheit, sie hatte schon viele Tage nichts gegessen und war doch immer thätig gewesen. — Nun war das Kind gestorben.
Ich ließ es aus dem großen Raume hinaustragen in eine leere Cabine. Die Mutter folgte und fragte unter Thränen: „Ist es denn wahr, Herr Doctor, was die Leute sagen, unser Seppi würde ins Waffer geworfen?" Ich tröstete sie, so gut es ging, doch sie ließ sich 'aum beruhigen
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung, betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Nachdem in einem Gehöft der Gemarkung Friedelhausen die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist, haben wir die Sperre dieses Gehöfts verfügt.
Gießen, den 28. Januar 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
und bat, ihr Kind doch nach Amerika mitzunehmen. Ich bedeutete ihr schonend, dies sei unmöglich, sie müsse sich darein finden, ihr Kind behandeln zu lassen wie alle andern, die auf See stürben. Nun kam der Steward, der die Besorgung der Leichen hat. Die Mutter bat nun, dem Kindchen erst reine Wäsche und sein Sonntagskleidchen anziehen zu dürsen. Unter Thränen erwies sie dem tobten Liebling diesen letzten Liebesdienst. Der Steward nähte nun die Leiche in Segelleinwand ein. Zur Beschwerung werden, je nach dem Gewicht der Leiche, mehr oder weniger eiserne Roststäbe mit eingenäht, so daß die Leichen jedenfalls sofort und rasch in die größten Tiefen versinken. Gegen Abend kam der Vater zu mir. Er bat, dabei sein zu dürfen, wenn das Kind über Bord gesetzt würde. Ich rieth ihm, sich diesen Anblick zu ersparen. Ich hätte schon von mehreren Vätern gehört, daß sie bedauerten, diese Art der Bestattung von Kindern mit angesehen zu haben. Er gab sich zufrieden- er wollte alles geschehen lassen, wie es sein müsse und wie wir ihm riethen.
Bei der Abendvisite fand ich die Familie in einem Winkel sitzend- der Vater las aus einem Gebetbuch vor, Mutter und Kinder saßen mit gefalteten Händen drum herum. Viele von den Umliegenden hatten sich diesem einfachen Gottesdienste angeschloffen und auch die Ungarn, die sonst stets tanzten und sangen, ehrten die Trauer durch Schweigen.
Am Abend war ich gerade auf der Commandobrücke, um nach einem ganz nahe vorbeifahrenden Dampfer zu sehen. Da kam der Steward und meldete: „Alles in Ordnung!" Ich wußte erst nicht, was er meinte. Dann erst fiel es mir ein. Die kleine Leiche ward über Bord gesetzt. Niemand hatte eine Ahnung davon und den Eltern blieb es erspart, es mit anzusehen. In ihrem Herzen werden sie dem lieben Todten ein treues Andenken bewahren.
2. Bild.
„Herr Doctor möchten einmal ins hinterste Comparte- ment im untersten Zwischendeck kommen, es ist ein Kind tobt Qufgefunben!" ,
Mit biesen Worten rief mich eines Nachmittags ber Zwischenbecks-Stewarb vom üblichen Skat ab. Wir waren auf ber Reise nach Brasilien etwa aus ber Höhe ber Cap Verbischen Inseln. Unsere 500 Paffagiere, meist aus Spaniern
erklärt, mehr als bas gemachte Angebot zu bewilligen. Der Reichskanzler bagegen sprach bie Hoffnung aus, baß Lieber sich in ber Specialbiscussion bekehren lassen werbe. Nächste Sitzung Dienstag. ~,
Berlin, 28. Januar. Der Großfürst-Thronfolger reiste heute Abenb 10 Uhr 35 Min. vom Centralbahnhofe ab. Der Kaiser unb bie Prinzen hatten ihn nach bem Bahnhofe geleitet, wo auch bas Personal ber russischen Botschaft unb bie Generalität anwesenb war. Die Verabschiebung war sehr herzlich. Der Kaiser trug russische Uniform, ber Groß- fürst preußische Husarenuniform. ,
Spandau, 28. Januar. Die Königliche Artillerie-Werk- statt hat zahlreichen Civilschreibern unb Arbeitern g e k Ü n - d igt, barunter Leuten, welche 20 Jahre im Dienste bes Instituts stauben. r _ f
Köln, 28. Januar. Das Düsselborfer Walzwerk, bei welchem bisher Feierschichten vorkamen, nahm laut Mittheilung ber „Köln. Volksztg." ben vollen Betrieb auf, weil größere Aufträge eingelaufen sinb. Auch sonst sinb bie Eisenberichte aus Rheinlanb-Westphalen etwas besser.
Nietleben, 28. Januar. Es ist ferne neue Erkrankung, jedoch sind zwei Todesfälle vorgekommen.
st-nj-M SUbet 82.35 aatl. e<nenl M
77 K
78 50
103 75 21.24 433.
9371
Ausland.
Wien, 28. Januar. Der Deutsche Kaiser beauftragte die hiesige deutsche Botschaft, am 30. ds. Mts., dem Todestage des Kronprinzen Rudolph, am Sarge deffelben einen Kranz niederzulegen.
Budapest, 28. Januar. Von den im Tokoder Kohlenschachte bei der Explosion schlagender Wetter befindlichen 200 Mann wurden bisher 41 gerettet, 19 wurden tobt herausbefördert. Die übrigen befinben sich noch in ber Tiefe unb sinb unzweifelhaft verloren. Die Opfer hinterlaffen zumeist Familie. Die Grube ist Eigenthum bes Grauer Erzcapitels.
Paris, 28. Januar. Das „Journal offiziell" veröffentlicht ein Decret, burch welches Cornelius Herz wegen ehrenrühriger Hanblungen ans ben Listen ber burch bie Ehrenlegion Ausgezeichneten gestrichen wirb.
Paris, 28. Januar. Anläßlich bes Geburtsfestes deS Deutschen Kaisers fand gestern im Hotel kontinental ein Banket statt, dem etwa zweihundert Herren unb
Gießen, ben 27. Januar 1893.
Betr.: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung, hier die Vorlage von Baugesuchen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Nachdem sich im verflossenen Jahre bei Erledigung von Baugesuchen infolge der vielfach erforderlichen ordnungsmäßigen Feststellung der Baufluchten wiederholt lästige Verzögerungen für die Baulustigen ergeben haben, empfehlen wir Ihnen, im laufenden Jahre auf eine möglichst frühzeitige Vorlage der in Aussicht stehenden Bauprojecte durch diesbezügliche wiederholte ortsübliche Bekanntmachung hinzuwirken.
v. Gagern.
100.24
101.11 82.11
57.11 64.- M
94.11
1 79.75
10710 1<”JI
10850 >5'
>Pvttug.-jl.8öu.8S mott. Stib. Gold- Rente .... »eivtfcheEismbahn- YYV.-Obl. L. k..
-Lwed.Oblig.lM dürfen conv. Ltt. D, lrgenl. Gold-Lil o. 1887 . . .
Feuilleton.
Tod und Bkststtungrn sn Bord von Schiffen.
Von Dr. N.
Während über das Leben unb Treiben auf Schiffen aller Art viel geschrieben wird, so daß sich fast jeder eine Vorstellung darüber machen kann, ist über den Tod unb bie Behanblung ber Tobten auf ben Schiffen nur wenig bekannt, unb Viele, bie schon Seereisen gemacht haben, wissen nur, daß eben bie Leichen ins Meer versenkt werben. Auf ben Reisen, bie ich, so schreibt Dr. N. ber „Köln. Ztg.", als Schiffsarzt gemacht, habe ich über biesen Punkt verschiedene Erfahrungen gewonnen, die ich in Folgendem zu schildern versuchen will. In gar verschiedener Form tritt einem auf dem Schiffe ber Tob entgegen unb ebenso ist es mit ber Antheilnahme ber Angehörigen unb mit ber Behandlung
kn vv'_
Atm.
iWnRombttbai1 bo. do.
bo. dv.
10160 lOJ;
128.45 j
133.50 18<
riet Pich. tu
Coare o»» 20./I. 27./1
Gießener Anzeiger
Senerat-Mzeiger.
schweig. 20
sK-
ÄS
tieir« u ,178.801179-
M, frÜgg! I
i283.- \285.M
UlWWi unter MlW -
r - tyA Wmmen
MU-
entfie9en
M ’N damit „'An sich eine ftnrfr n bis \«^lnöunflen
jünstig emrintn ' N Mi -abiauh.^wHili Wrsj’unb * w
äwS&a:
n abwickklien, daß der
6o“r’< logen an. Das unb Mciout^toantungtn fmi
,ei1 iutn geben "
unb Portugiesen bestehenb, ließen es sich bei bem schönen Wetter wohl fein. Tag unb Nacht hörte man Guitarren, Tamboringesang unb ben fchlurfenben Schritt bes Walzers. Heute Mittag sah es anberS aus- bie Spanier stauben in Gruppen zusammen, überall reges Geberbenspiel, lebhafte Unterhaltungen. Mein Dolmetscher, ber bieses Amt mit ber Würbe eines ©rauben versah, sie nannten ihn „Profeffore", erzählte mir, bie Mutter habe bas Kiub verhungern lassen, währenb sie oben stets getanzt unb gesungen habe. Mit Mühe brängte ich mich vor. Auf einem Bette lag eine Kiubesleiche, abgemagert bis zum Scelett, mit pergament- artiger Haut - davor kniete eine junge stattliche Frau, mit einem Gesicht, wie man es auf alten Heiligenbildern findet. Sie schien in großer Trauer unb küßte bie falten Lippen bes tobten Kinbes. Der Profeffore erklärte alles für Heuchelei - sie fürchte nur jetzt bie Strafe ihrer Laubsleute. Bei bem Verhör zeigte sie sich allerbings nicht als sorgsame Mutter: ihr Kiub sei stets gefunb gewesen, sie sei nur einmal für einen Augenblick an bie Luft gegangen, ba habe man ihr gesagt, das Kiub sei tobt. Ihren Manu habe sie nicht bei sich. Der Profeffore meinte, sie habe sich ihres Kinbes als einer im fremden Laude beschwerlichen Bürde auf diese Weise entledigt. Auf meinen Wink nahm ber Zwischeubeck-Stewarb die kleine Leiche auf — die Mutter rührte sich nicht und zeigte nicht die geringste Lust, zu erfahren, was mit dem Kinde geschehe — bann wurde es eiugeuäht. Abends 10 Uhr kam ich gerade dazu, als der Steward ben Umfang bes kleinen Packes abmaß. Er sagte: „Da brauch ich mir gar nicht mit abzuschleppen, bat Leht burch bat Fenster zu stoppen." Er öffnete ein Fenster — herein brang bas Brausen unb Rauschen ber See. Er nahm bie Leiche auf, schob sie zum Fenster hinaus, mit einem gelinben Rucke nachhelfeub. Bei bem allgemeinen Getöse hörte man nicht ihr Aufschlagen. Jetzt wußte ich, warum ihn bie Mannschaft „Leichenflebberer" nannte. Der Alte schraubte bas Fenster wieber zu, brehte sich um unb sagte: „Na, Herr Doctor, gibts ba nicht nen orbentlichen Bittern sor bat Kinb wegzuschmeißen?"
(Schluß folgt.)
0 oblln’i-'
ebener 8cd . • ■ ttdWSrtbttb..
xttemb. % ioü-
4t|d)e
aff.Südw ttsmb. \ 05 05
ilabiltmtes 6«nl l 94 20 I 79.851
Utu
iKarieubw.^.^ct. 1184'/s ybrbo.^abnCiLB. |1966/i ibarbt.....|
. MitlelMll . . I ’00.65


