Nr. 306. Erstes Blatt. Samstag ben 30. December
1898
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Die Gießener
wrtm dem Anzeiger «GchoUich dreimal
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
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Alle Annonren-Bureaux de» In. und Au»lande» nehm» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. SSSVSSSSSWWSSSWVWSSSWSNMW»»
2lmtitd?er Theil.
Gießen, den 22. December 1893.
Betr.: Die Kranken-, JnvaliditätS-und Alters-Versicherung der Kreisstraßenwarte.
DaS Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Sie wollen die Gemeinde«Einnehmer anweisen, bezüglich der bis Ende December 1893 für die Kreisstraßenwarte vorlagSweise gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gemeinde- Krankenversicherung und zwar für 51 Wochen, sowie derjenigen für JnvaliditätS- und Altersversicherung mit der Kreiskasie abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber, zu welchen die den Gemeinde - Einnehmern demnächst zugehenden Formularien zu benützen sind, in Empfang zu nehmen.
Wir sehen Ihrem Bericht darüber, daß die gedachte Abrechnung erfolgt ist, bis spätestens 1. Februar 1894 entgegen. ___________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
betreffend die Zulaffung von Loosen auswärtiger Lotterieen zum Vertrieb im Großherzogthum.
Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs ist dem Münsterbauverein in Freiburg in Baden die Erlaubniß ertheilt worden, die Loose einer zum Zwecke der Wiederherstellung des dortigen Münsters in den Jahren 1894, 1895 und 1896 zu veranstaltenden Prämien- lotterie innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.
Wir bringen dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß, daß nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan für jede Ziehung 200000 Loose ä 3 Mk. ausgegeben werden dürfen und 260000 Mk. zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden müffen.
Gießen, den 28. December 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Der Vogel- und Geflüge^uchtverein in Offenbach be- abfichtigt mit der in der Zett vom 7.—10. April 1894 zu
Offenbach stattfindenden Geflügel- und Vogelausstellung eine Verloosung von Nutzgeflügel, Käfigen rc. zu verbinden.
Gr. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 4000 Loose zu 50 Pfg. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 65% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, den 28. December 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
den landwirthschaftlichen Nothstand betreffend.
Mit Rücksicht auf den derzeitigen landwirthschaftlichen Nothstand sind wegen des Bezugs von Kalirohsalzen folgende Vergünstigungen den Landwirthen Oberheffens gewährt worden: 1. DaS Verkaufs-Syndikat der Kaliwerke zu Leopoldshall- Staßfurt gewährt eine Ermäßigung des Grundpreises für den Doppel-Centner Kainit und Sylvinit um 30 Pfg., für den Doppel-Centner Karnallit und Bergkiesierit um 15 Pfg., wenn die betreffenden Düngemittel in der Zeit vom 15. September d. I. bis zum 31. März 1894 bezogen werden. Der Bestellung muß eine Bescheinigung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins oder der Großh. Bürgermeisterei des Bestimmungsortes beigefügt werden, daß die bezogenen Kalisalzmengen zur Düngung während der Herbstmonate diese» ober der Frühjahrsmonate beß nächsten Jahres in landwirthschaftlichen Betrieben der Provinz Oberheffen Verwendung finden sollen.
Neben dieser Begünstigung werden jedoch irgendwelche Rabattvergütungen nicht gewährt.
2. Seitens der Oberhessischen Bahnen und der Königlich Preußischen Staatsbahnen wird für vorerwähnte Kalisalzbezüge eine Frachtermäßigung in der Weise gewährt, daß 25pCt. der Sätze des Ausnahmetarifs vom 1. Januar 1890 (sog. Robstofftarifs) den Empfängern im Reclamationswege zurückerstattet werden.
Laubach, am 24. December 1893.
Der Präsident des landwirthsch. Vereins von Oberheffen. Friedrich, Graf zu Solms-Laubach.
Bekanntmachung.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaftslehrer Leit Higer von Alsfeld Sonntag den 7. Januar 1894, Nachmittags 3 Uhr, in dem Saale des Wirths Ludwig Steinmüller VII. zu Heuchelheim einen Vortrag über „Futterzusammensetzung und Fütterungsmethode" halten wird.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins, sowie alle Freunde der Landwitthschaft werden zu diesem Vortrag hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister von Heuchelheim und der benachbarten Gemeinden werden ersucht, diese Bekanntmachung zur Kenntniß der Landwirthe in ihren Gemeinden zu bringen und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, den 23. December 1893.
Der Director des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 28. December. Die Anträge des LandtagS- abgeordnelen Pennrich und Genoffen über die neuen Reichssteuergesetzentwürfe werden am 5. Januar von dem Petitionsausschuß der Zweiten Kammer zur Berathung gelangen. Der Finanzausschuß tritt zur Berathung deS Budgets am 4. Januar zusammen.
Berlin. 28. December. Nur nock eine ganz flüchtige Spanne Zeit, und die Sonne des Jahres 189 4 wird UN« leuchten! Im Vertrauen auf die Sicherung des kostbaren Gutes des Friedens dürfen die Völker Europas dem anhebenden j neuen Zeitabschnitte entgegenschauen und zugleich in der Hoffnung, daß Handel und Wandel, die im alten Jahre viel- , fach zu wünschen übrig ließen, endlich den sehnlichst erwarteten Ausschwung zum Befferen nehmen werden. Die Ansätze zu einer solchen Wendung sind glücklicher Weise auch vorhanden, so daß also hoffentlich wieder einmal günstigere wirthschaftliche ! Verhältnisse eintreten werden. Daß neben dem politischen ' Frieden auch der sociale Frieden unseres Welttheilcs gewahrt > bleiben möge, dies ist gewiß ebenfalls ein Wunsch, mit dem * man allgemein in Europa das neue Jahr begrüßt, hat doch der verfloffene Zeitabschnitt wahrlich genug der unerfreulichen Erscheinungen auf diesem speziellen Gebiete hervorgebracht! So mannigfach jedoch sonst noch die Wünsche und Hoffnungen
Feuilleton.
Frankfurter Theaterbrics.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.) Dr. M. Gerhart Hauptmann und die Aufführung von „Hannele".
Wenn von, der modernen literarischen Geistesbewegung die Rede ist, so tritt sofort der Name „Gerhart Hauptmann" auf die Lippen. Hauptmann und Sudermann, das sind die beiden Pole, die beiden Persönlichkeiten, die man der Kürze wegen als den treffendsten Ausdruck für die innerhalb der neuen Richtung sich entwickelnden Gegensätze nehmen kann. Es ist Zeit, mit Nachdruck darauf hmzuweisen, denn der Fernerstehende fühlt sich noch immer geneigt, das jüngste Literatur-Deutschland als eine Gruppe zu betrachten, deren Glieder in innerster Gefühls- und Geislesgemeinschaft stehen. Dem ist nicht so. Die Leute, die Sudermann das Wort reden, wollen von Hauptmann nichts wissen, und umgekehrt. Wie der Verfasser der „Ehre" und der Dichter des „Hannele" Übereinander denken, läßt sich schwer vermitteln. Offenbar haben sie wenig Berührungspunkte, abgesehen von dem einen, daß sie theoretische Erörterungen Über ihre Schaffensart vermeiden. „Bilde Künstler — rede nicht" schrieb Sudermann nach berühmtem Muster, als ihm jene Bekenntnißtafel „Wie denken Sie über die Zukunft der deutschen Literatur" vorgelegt wurde.
In Otto Br ahm bat Hauptmann seinen Entdecker und Verkünder gefunden. Otto Brahm, der uns die werth- vollste Schillerbiographie geschenkt, wird dem Vorwurfe, daß er wüstem naturalistischen Gebühren Vorspann leiste, lächelnd zu begegnen wiffen.
Hauptmann ist kein Stürmer und Dränger, sein Weg führt auch nicht in gerader Linie und man sollte die Frage: ist dieses neue Werk nun ein Rückschritt oder ein Fortschritt ihm gegenüber überhaupt nicht stellen, denn bald sehen wir
j ihn an diesem, bald an einem entgegengesetzten Aussichtspunkt- • ihn beschäftigt weniger da§ Ziel als die Landschaft, durch welche der Weg führt. Die Traumdichtung „Hannele" ist nun weder ein Bruch mit den künstlerischen Anfängen, noch bedeutet sie in unseren Augen eine veränderte Weltanschauung. Hauptmann hat doch niemals irgendwo behauptet, daß er sich in religiöse Stimmungen nicht hineindenken könne. Es ist ja das Wesen des Dichters, daß er durch die Hirne und Herzen ganz verschieden gearteter Menschen zu uns zu sprechen vermag. Je bedeutender er selbst, je weniger wird man sein eigenes Gesicht hinter der Maske hervorlugen sehen. Hier ist der Punkt, wo sich dichterisches Schaffen mit der Ver- wandlungssähigkeit großer Mimen berührt. Als Schiller die „Räuber" schrieb, war er kein Revolutionär, und als ihm die //Jungfrau von Orleans" aus der Seele floß, lag ihm der romantische Phantast ebenso fern. Warum sollte man nicht nach den „Webern" „Hannele" schreiben können, ohne einen Umwandlungsprozeß mit sich vorgenommen zu haben?! Was uns im „Hannele" von Hauptmanns wirklicher Dichterkrast berichtet, ist der durchgehend lyrische Zug. Hauptmann achtet nicht auf die bestehenden Gesetze der Bühne und es fällt ihm auch nicht ein, neue zu geben; aber trotzdem erzielt er Eindruck, eben deshalb, weil er das, was er gibt, unter dem Gesichtspunkt innerer Wahrheit gibt. Seine neueste „Traumdichtung" ist so wahr wie unsere Fieber- und Schlafträume - die physiologischen Voraussetzungen des Opus sind so richtig wie die psychischen. Hannele Mattern ist ein armes Proletarierkind, das vor den Mißhandlungen eines Trunkenbolds von Stiefvater in den See flüchtet, aber noch rechtzeitig herausgezogen wird, um auf einer elenden Lagerstatt im Spital sein armes Leben zu verhauchen. In der Sterbestunde tritt dem Kinde zum ersten Male entgegen, was es nie zuvor gekannt: Fürsorgende Menschen, Liebe und Glück. Die liebreiche Diaconissin, der mitleidige Lehrer, die nicht mehr hämischen Schulkameraden — das ist das Glück. Und der Glanz, der in diese letzte Stunde fällt, setzt sich zusammen aus den Eindrücken der Catechismuslehre, die nun plötzlich in greifbaren Bildern vor den geschloffenen Augen
Hannele's erscheinen. Sie hat eine Unterredung mit der ihr im Tode vorausgegangenen Mutter, die Diaconissin, zu einer überirdischen Erscheinung verklärt, reicht ihr den Kranz des ewigen Lebens, von Engellippen tönt ihr entgegen:
„Wir bringen ein erstes Grüßen
Durch Finfternisie getragen;
Wir haben auf unseren Federn Ein erstes Hauchen von Glück. Es leuchtet von unseren Füßen Der grüne Schein unserer Heimath, Es blitzen im Grund unserer Augen Die Zinnen der ewigen Stadt"
und der Heiland selbst führt sie endlich in die Stadt der goldenen Gaffen.
Hannele träumt und wir sehen mit ihr, was sie sieht, das ist der „Vorgang" — Handlung darf man wohl schwerlich sagen — der neuesten Dichtung Hauptmanns. Künstlerisch berechtigt ist diese so gut wie die mystischen Chöre im zweiten Theile des „Faust" oder die Erscheinung Clärchens in „Egmont". Der Unterschied ist nur der, daß, was dort nur Episode, hier als Mitte und Ende auftritt.
Es ist ein Zeichen der Zeit, daß die Theater die alte Frage: Ist dieses Stück mit Kenntniß und Berücksichtigung unserer Regeln geschrieben? — abgeändert haben in die Frage: Welchen Nutzen können wir aus dieser Dichtung ziehen, auf welche Weise vermag die Bühne sich ihr anzu- pasien? Die Frankfurter Regie hat darauf eine sehr befriedigende Antwort gefunden. Die Schwierigkeit, welche darin liegt, das innerliche Erlebniß in sichtbare Vorgänge umzusetzen, wird von ihr, soweit es überhaupt möglich ist, bewältigt.
Frl. Eichenberg giebt das „Hannele"- die Worte der „Mutter" spricht Frl. Frank. Herr Barthel verkörpert die bedeutsame Figur des „Lehrer Gottwald".
Die weihevolle Musik Marschalks thut das ihre, um die Hörer in die vom Dichter beabsichtigte Stimmung zu versetzen. _____________


