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30.4.1893 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 30. April

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Zur (Eröffnung der Weltausstellung in Chicago.

Am Montag, als dem 1. Mai, soll in Chicago, der so mächtig, ja unvergleichlich emporgeblühien Städtekönigin des amerikanischen Westens, die Eröffnung des jüngsten Welt- aussteüungSunternehmens stattfinden. Im Hinblick auf die verschiedenen unangenehmen Zwischenfälle, von denen die ört­lichen Vorbereitungen zur Chicagoer Ausstellung betroffen worden sind, erscheint eS allerdings fraglich, ob sich dieselbe an dem officiellen Eröffnungstage wirklich als in allen Theilen vollendet präsentiren wird. Aber selbst eine noch hie und da unvollkommene äußerliche Erscheinung des gewaltigen Unternehmens an dem genannten Termine würde an seiner Bedeutung als der deS neuesten friedlichen Wettstreites der Culturvölker beider Hemisphären nicht das Mindeste ändern. Man mag zugeben, daß vielleicht für e'nc ganze Anzahl von Industrien und gewerblichen Zweigen die Betheiligung an derartigen internationalen Concurrenzschauspielen nach wie vor unzweckmäßig ist, namentlich in Erwägung des säst all­gemeinen wirthschaftlichcn Niederganges in Europa während des letzten Jahrzehntes. Anderseits jedoch steht wiederum fest, daß zahlreiche industrielle Branchen gerade durch die Weltausstellungen den Impuls zu einer kräftigen Weiter- cntwickelung empfangen haben und daß jene infolge der Be­schickung der letzteren vielfach ein wesentlich erweitertes Absatz­gebiet errangen. Wenn man dann noch bedenkt, daß solche internationale Veranstaltungen über den Rahmen des rein industriellen und volkswinhschafilichen Interesses ber beteiligten Nationen entschieden hinausgreifen, daß es sich hierbei schließ­lich auch um die Förderung von allgemeinen Culturintereffen zwischen den Völkern handelt, so dürfte das Wort, wonach sich die Weltausstellungen überlebt haben sollen, schwerlich noch aufrecht erhalten werden können.

Dies wenigstens ganz gewiß nicht in Bezug auf die Weltausstellung in Chicago. Gerade sie ist aus allen Welt- theilen außerordentlich reich beschickt, da auf ihr fast alle Länder Amerikas und Europas, weiter die australischen Colonien, die entwickelteren Staaten Asiens, wie China, Japan, Korea, Persien, Siam, das indo-britische Reich usw., von afrikanischen Ländern, soweit bekannt, Egypten, Algerien, Tripolis, das Copland, der Congostaat und Madagascar ver­treten sind und zwar theilweise durch sehr reichhaltige Samm­

lungen des verschiedensten CharacterS. Da ist es denn für uns Deutsche doppelt erfreulich, zu sehen, daß das Deutsche Reich in Chicago durchaus würdig vertreten ist und dies kann nur mit Genugthuung begrüßt werden. Hat doch gerade die -deutsche Industrie auf amerikanischem Boden gewissermaßen eine Scharte auszuwetzen, denn noch ist das abfällige Urtheil, welches Profeffor Reuleaux anläßlich der Weltausstellung in Philadelphia vom Jahre 1876 über die Leistungen der deutschen Industrie fällte:Billig, aber schlecht !" nicht vergessen. Nun, seit jener Zeit hat die deutsche Industrie auf allen Gebieten mit Ernst und Fleiß wacker gearbeitet und trotz der vielfachen Ungunst der wirthschastlichen Verhältnisse immer steigende Anerkennung auch im Auslande gefunden, so daß sie jetzt getrost in den an den Gestaden des Michigansees anhebenden friedlichen Völkerwettstreit eintreten kann. Alle über die Betheiligung Deutschlands an der Chicagoer Ausstellung bislang vorliegenden Berichte bekunden, daß es daselbst einen hervorragenden Platz einnimmt, und speciell steht schon jetzt fest, daß die Gruppe der sächsi-chen Textilindustrie eine der gelungensten und besten der gcsammten Ausstellung ist. Wir Deutsche dürfen uns daher der frohen Zuversicht hingeben, daß unsere Industrie mit Ehren in dem großen internationalen Concurrenzstreile von Chicago bestehen und daß es ihr darum voraussichtlich beschieden sein wird, durch die zu erwartenden AuSstellungsersolge ihren Absatzmarkt namentlich auf amerika­nischem Boden selbst nicht nur zu befestigen, sondern auch noch beträchtlich zu erweitern.

Die Weltausstellung in der Millionenstadt des amerika­nischen Westens knüpft gleich der ihr vorangegangenen Welt­ausstellung von Paris im Jahre 1889 äußerlich an ein her­vorragendes Ereigntß an. In der französischen Hauptstadt beging man durch die Veranstaltung der Ausstellung die Centennarfeier der ersten französischen Revolution, die Welt­ausstellung in Chicago indeß geht von einem noch weit bedeut- sameren weltgeschichtlichen Ereignisse aus, denn das Unter­nehmen ist bekanntlich anläßlich der vierhundertjährigen Jubel­feier der Entdeckung Amerikas in Scene gesetzt worden. So finden sich denn die Culturnationen des Erdballes jetzt durch ihre Vertreter in Chicago zusammen, um gleichsam daselbst die Nachfeier des ErinnerungsfesteS jener unvergleichlichen Großthat eines Christoph Columbus durch ein friedliches Ringen auf den hervorragendsten Gebieten des öffentlichen Lebens zu begehen. Hoffentlich wird darum auch die Chicagoer

Weltausstellung das ihrige dazu beitragen, die Nationen'geistig einander immer näher zu bringen und ein neue- Band wechsel­seitiger Sympathien um sie zu schlingen.

verruchter.

* Frankfurt, 26. April. Ein Organ deS hessischen Bundes der Landwirthe" soll vom 1. Mai ab unter dem TitelDer hessische Landwirth" hier erscheinen. Als Herausgeber soll der Bundcsvorsitzende für Hessen, Herr Carl Lucke auf Patershausen, fungiren.

* Wehlheiden. 25. April. Gestern Abend wurde eine hiesige, achtbare Familie plötzlich in große Trauer ver­setzt. Während sich die Mutter auf kurze Zeit aus der Stube entfernt hatte, wo das kleine Söhnchen in der Wiege lag, hatte sich eine Katze auf das Gesicht des in der Wiege schlafenden Kindes gelegt und dessen Tod durch Ersticken herbeigeführt. Die Katze lag noch auf dem Kinde, als die Mutter die Stube wieder betrat und nun die entsetzliche Ent­deckung machte, daß ihr Kind erstickt war.

* Eine schwere Ballonkatastrophe. Die Montgolfiere Columbus" (unterMontgolfiere" versteht man bekanntlich einen Luftballon, deffcn Auftrieb durch Erhitzung und mithin Verdünnung der Luft im Ballon bewirkt wird) des amerika­nischen Aeronauten Wilson, der seinerzeit in Weißensee bei Berlin mit seinen Auffahrten namentlich in wissenschaftlichen Kreisen Aufsehen erregte, ist, wie man aus Rathenow a. Havel schreibt, das Opfer einer Brandkatastrophe ge­worden. Ueber den Unfall, bei welchem Wilson nur mit Mühe dem Tode entging, erhalten Berliner Blätter folgenden Bericht: Der Ballon sollte am verflossenen Sonntag Nach­mittag in dem an der Havel belegenen großen Bellevue- Garten eine Auffahrt unternehmen. Tausende von Zuschauern füllten den Garten, während ebensoviele Schaulustige sich an den Usern des Flusses eingefunden hatten, um das für Rathenow seltene Schauspiel anzusehen. Die Füllung ging, Dank der herrschenden Windstille, schnell von statten- der Riesenballon war in kaum 15 Minuten straff gefüllt- eine Abtheilung Husaren hielt den Koloß- Wilson hatte bereits sein Trapez, an welchem er unter dem Ballon hängt, er­griffen; seme Assistenten entzündeten die letzte Spirituspfanne, um die Hitze in dem unteren Ballontheile zu steigern- daS Commandolos!" ertönte von Wilsons Lippen und dann

Feuilleton.

Wochendriefe aus der Residenz.

(Originalbericht für dmGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 28. April 1893.

Stiftungsfest des Mozartvereins. Vom Polytechnikum. Allerlei.

Daß derMo zart verein", einer unserer ältesten und angesehensten Gesangvereine, im künftigen Sommer die Feier seines 50jährigen Bestehens feiern will, habe ich Ihren Lesern schon früher berichtet, heute bin ich in der Lage, ihnen auch einige nähere Nachrichten über das vorgesehene Fest­programm mittheilen zu können. Im Ganzen soll die zu veranstaltende Feier vier Tage lang dauern, am 2. Juni ist Anfang, am 5. Schluß. Eine öffentliche Generalprobe im Großh. Hoftheater wird die Reihe der musikalischen Dar­bietungen eröffnen, daran schließt sich eine zwanglose gesellige Vereinigung im Vereinslocale, dem weißen Saale derStadt Pfungstadt". Am 3. Juni werden die von auswärts kommenden Gesangvereine festlich eingeholt unbjn das Ver­einslocal geleitet, am Abend folgt das eigentliche große Fest- concert, für das ein besonders gewähltes Programm vor­gesehen ist. DaS Nähere über diesen Punkt hoffe ich Ihnen bald berichten zu können. Auch dem Concerte reiht sich natürlich eine gesellige Zusammenkunft an, bann kommt, am Sonntag ben 4. Juni, ber feierliche Feftact im großen Saale des stäbtischen SaalbaueS. Hiernach wirb das Festmahl zu Ehren der auswärtigen Gäste abgehalten, endlich beschließt eine Wagenfahrt in bte nähere Umgebung ber Stabt, ein Gartenfest unb Ball bas Festprogramm. Der letzte Tag bringt noch einen Frühschoppen in berStadt Pfungstadt" und einen Ausflug in die Bergstraße, auf daS Auerbacher Schloß. In der That eine stattliche Reihe von Festlich­keiten und Genüffen aller Art verspricht der rührige Verein zu bieten. Natürlich ist ein besonderer Festausschuß gewählt worden, der für gehörige Vorbereitung sorgen wird. Ja, so­gar eine Finanzen-Commission ist zusammengetreten, um das Gelingen der Jubelfeier auch nach dieser Seite hin zu sichern. Wir können verralhen, daß Dank der opferfreudigen Bereit­

willigkeit zahlreicher Mitglieder und Freunde desMozart- Vereins" schon eine recht ansehnliche Summe zur Bestreitung der Kosten zusammengekommen ist. Ein glänzender Verlauf des ganzen, so großartig geplanten Festes steht also in Aus­sicht und bei der großen künstlerischen Bedeutung des Ver­einsdirigenten, Herrn Richard Senfs, der seines Amtes nun schon seit einer längeren Reihe von Jahren mit größter Sorg­falt und Umsicht waltet, ist vor Allem auf einen sicheren Erfolg der zur Aufführung vorgesehenen GesangSvorlräge, an denen sich auch die Mitglieder der auswärtigen Vereine be- theiligen werden, mit Bestimmtheit zu rechnen. Se. Königl. Hoheit der Großherzog hat dem Verein einen besonderen Be­weis seiner gnädigen Gesinnung und seines Allerhöchsten In­teresses gegeben, indem er die Abhaltung deS Concertes in den prächtigen Räumen des Hoftheaters gestattete. Da diese Erlaubniß nur in ganz seltenen Avsnahmefällen ertheilt wird, hat der Mozartverein allen Grund, auf die dadurch aus­gesprochene Allerhöchste Anerkennung seiner Leistungen und Bestrebungen stolz zu sein. Ich werde nicht verfehlen, Ihren Lesern seinerzeit genauen Bericht über den Gang des inte­ressanten Festes zu erstatten, daS im künstlerischen Leben unserer schönen Residenzstadt eine ganz hervorragende Bedeu­tung beanspruchen wird, auch über die Einzelheiten des Con- certprogramms hoffe ich bald genaue Auskunft geben zu können. Auch Ihr freundliches Gießen ist ja eine sangesfrohe Stadt, ba werben ihre Bewohner auch auf ben Ausfall bes Mozart- festes in ber Resibenz gespannt sein.

In ben währenb ber letzten Wochen veröbeten ober doch nur spärlich besuchten Räumen unserer Technischen Hoch­schule herrscht seit Kurzem wieber ein lautes und buntes Treiben. Das Sommersemester hat begonnen und wie erfreu­licherweise conftatirt werden konnte, scheint sich die Besucher­zahl unserer Darmstadter alma mater in diesem Sommer wieder erheblich vergrößern zu wollen. Es ist dies gewiß ein gutes Zeichen für das fernere Gedeihen der Anstalt, die ja nun auch in allernächster Zeit ein stattliches neues Gebäude bekommen soll. ES hat lange gedauert, bis die Mehrzahl der Darmstadter einsehen lernte, von welcher Bedeutung die Gewerbeschule") so hieß die technische Hochschule früher, für uns ist, nur der Initiative hochherzig gesinnter.Männer, dar­unter deS verstorbenen Prinzen Alexander von Hessen, ist es

zu verdanken, daß wir unserPolytechnikum", wie der popu­läre Ausdruck lautet, noch haben, denn in den 60er Jahren sollte es einmal mit der Landesuniversität verschmolzen werden. (Wäre auch fein Unglück gewesen. Anm. des Setzerlehrlings.) Auch das studentische Leben hat sich gehoben, ich habe Ihren Lesern darüber schon in einem früheren Briefe berichtet unb komme heute nur daraus zurück, da es von einem neuen Ereigniß" zu berichten gibt, das allerdings nicht von großer, welterschütternder Bedeutung ist, aber doch das Interesse der Gießener Studentenschaft finden dürfte. Wir haben na.-lich jetzt die fünfte Couleurverbindung bekommen: der ehemalige Akademische Radfahrerverein" hat sich in eine freischlagende Verbindung verwandelt und schwarz weiß grüne Farben als Abzeichen angenommen. Von der in jeder Beziehung sich glänzend bewährenden Thätigkeit des hier bestehenden Studenten- ausschuffes habe ich Ihnen schon öfters berichtet, es wird wohl auch in künftigen Briefen davon die Rede sein.

Sonst möchte ich für heute noch mittheilen, daß die im letzen Berichte erwähnte Lancastertetralogie im Großh. Hof- theater nun mit einer wohlgelungenen Aufführung vonHein­rich V." ihr Ende erreicht hat, über das Gastspiel der Frau Ende-Andrießen, das uns bevorsteht, sende ich in der nächsten Woche genauen Bericht. Interessant ist gegen­wärtig die Ausstellung im Kunstverein, wo Ihr Referent neulich die künstlerisch vollendet ausgeführte Büste Seiner Königlichen Hoheit des regierenden Großherzogs sah. Der rühmlichst bekannte Bildhauer (Soner in Kreuznach hat das Kunstwerk geschaffen und damit allgemeinen Beifall errungen. Schade ist es nur, daß der Kunstverein immer noch über ziemlich beschränkte Räume verfügt, ein Mißstand, der nun bald beseitigt werden soll. Das Erträgniß der demnächst zu veranstaltenden Ziehung der sogen.Darmstädter Lotterie" soll zur Herstellung eines Anbaues an die Kunsthalle ver­wendet werden und schon in Anbetracht dieses edlen Zweckes ist es dem rührigen Vereinsvorstande zu wünschen, daß die Lotterie ein gutes Resultat erzielen möge. Das nächste Mal will ich Ihnen etwas von Darmstadt im Frühling erzählen und dabei der gärtnerischen Ausschmückung unserer Residenz, die sich in ben letzten Jahren auch hierin sehr vervollkommnet hat, in kurzer Schilberung gebenfen. Z.