Ausgabe 
30.3.1893 Erstes Blatt
 
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Ausland.

Der französische Senat nahm am Montag die infolge des Ablebens JuleS Ferrys nothwendig gewordene Wahl eines neuen Präsidenten vor. Es wurde hierbei der Senator Challemel-Lacour mit 172 Stimmen zum Präsidenten gewählt, nachdem derselbe schon bei einer von der Linken ver­anstalteten Probewahl für den Präsidentenposten die meisten Stimmen gegenüber den beiden anderen Candidaten, ConstanS und Magnin, erhalten hatte. Challemel-Lacour bekleidete früher den Botschafterposten in Bern und London und über­nahm dann im zweiten Cabinet Ferry das Portefeuille deS Auswärtigen. Er trat aber schon nach kurzer Zeit im No­vember 1883 wieder zurück, weil er Frankreich durch die Ablehnung des von Bourot geschlossenen Vertrages in den Krieg mit China verwickelte. Die Ausweisungsordre gegen den Pariser Correspondenten desBerliner Tageblatt", Brandes, ist einstweilen wieder zurückgezogen worden.

Norrefte Nachrichten»

Wolffs telegr«phtfcheS Correspondenz-Bureau.

Berlin, 28. März. DerReichsanzeiger- veröffentlicht die Gesetze, betreffend den Reichshaushaltetat pro 1893 bis 1894, und betreffend die Aufnahme einer An­leihe für Zwecke des Reichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen, sowie zur Erhöhung des Betriebsfonds der Reichskaffe, betreffend die Feststellung des Haushaltsetats für Kamerun, Togo und das südwestasrikanische Schutzgebiet, und betreffend den Staatshaushaltetal für Preußen für 1893 bis 1894, ferner die Ernennung des Wirklichen Geh. Legations­raths in der Reichscanzlei, Göring, zum'Wirklichen Ge­heimenrath mit Prädicat Excellenz, und Geheimen Regte- rungsrath Günther zum vortragenden Rath in der Reichs­canzlei.

Berlin, 28. März. Die Stadtverordneten-Bersammlung beschloß, die pro 189394 zu erhebende Quote der Ge­meinde-Einkommensteuer auf 85 pCt., sowie den StadthauShallsetat pro 189394 in Einnahmen und Aus­gaben auf Mk. 83,124,534 festzustellen.

Depeschen de» BureauHerold*.

Berlin, 28. März. Die Kaisermanöver werden in diesem Jahre früher als sonst stattfinden. Die Manöver des 16. gegen das 8. Armeecorps finden am 5., 6., 7. und 8. September statt.

Berlin, 28. März. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat die Eisenbahn-Directionen ermächtigt, in dem Verkehr der preußischen Staatsbahnen nach Stationen, wo sich noch Hoch­öfen befinden, die vom Landeseisenbahnrath befürworteten Frachtermäßigungen für Eisenerze baldthunlichst einzuführen- gleichzeitig die Frachtsätze für Coaks zum Hoch­ofenbetrieb auf 2,2 Pfg. Streckenfracht und 70 Pfg. Ab­fertigungsgebühr für die Tonne herabzufetzen. Im Verkehr mit den deutschen und luxemburgischen Bahnen, welche gleiche Einheitssätze annehmen, sollen dieselben Frachtermäßigungen eingeführt werden.

Berlin, 28. März. Die Mannschaften zur Verstärkung der Schutztruppe in Deutsch - Südwest - Afrika sind am 16. März in der Walfischbal eingetroffen.

Berlin, 28. März. Die gestrige Versammlung, in welcher Ahl warbt Beweise für feine Behauptungen im Reichstage vorzulegen in Aussicht stellte, war sehr zahlreich besucht. Ahlwardt war nicht erschienen, statt seiner sprach Wilberg und bezeichnete Ahlwardt als einen Ehrenmann, deffen deutsches Wort auch ohne Acten genüge. Die Acten würden nach Ostern vorgelegt und enthielten eine große Fülle Compro- mittirendes. Ahlwardt sei der Bannerträger, dem zu folgen jedes braven Antisemiten Ehrensache fein müsse.

Berlin, 28. März. Der heute Vormittag zu wissen­schaftlichen Zwecken in Charlottenburg aufgestiegene Luft­ballonHumboldt" wurde gegen den Schornstein der Physikalisch Technischen Reichsanstalt geschleudert. Der Blitz­ableiter riß ein metergroßes Loch in den Ballon. In der Gondel befanden sich drei Personen, deren Schicksal noch un­bekannt ist. (Nach einem uns aus Annaberg im Erzgebirge zugegangenen Telegramm ist der BallonHumboldt" nach neunstündiger Fahrt Abends dort glatt gelandet. Red.)

Berlin, 29. März. Dem Reichstag geht noch in der laufenden Tagung ein Nachtrags etat zu, da die bisher vom Reiche für die Chicagoer Ausstellung zur Verfügung gestellte Summe nicht genügt. Die Ausgaben an Ort und Stelle,

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-rr. 76 Erstes Blatt.

Donnerstag den 30. März

1893

Der iefewer A«,et,er nldjf.nt täglich, eit luinabmt be4 MontoqS.

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Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblutt für den Tireis Gieren.

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Rnvohme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ! dlnnoncen.vureaux bei In- und «uilanbei nehme«

salgenben lag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. | SgylUllPVvllUyC« ^Nlk^kNtc lillU .Ulltl. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Nr. 8 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 24. d. Mts., enthält:

(Nr. 2076.) Gesetz zur Ergänzung der Gesetze, betreffend Postdampfschiffsverbindungen mit überseeischen Ländern, vom 6. April 1885 und vom 27. Juni 1887. Vom 20. März 1893.

(Nr. 2077.) Gesetz, betreffend die Anwendung der für die Einfuhr nach Deutschland vertragsmäßig bestehenden Zoll­befreiungen und Zollermäßigungen gegenüber Rumänien und Spanien. Vom 23. März 1893.

Gießen, den 28. März 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachmlg,

betreffend die Maul- und Klauenseuche zu Hattenrod.

Nachdem in einem Gehöft zu Hattenrod die Maul- unb Klauenseuche festgestellt worden ist, haben wir die Sperre des betreffenden Gehöfts und weiter verfügt, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine aus der genannten Gemarkung bis auf Weiteres nur zur sofortigen Abschlachtung und nur auf Grund thierärztlicher Gesundheitsscheine ausgeführt werden dürfen.

Gießen, den 28. März 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gaaern.___________________

Bekanntmachung.

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Hachborn.

Die zu Hachborn, Kreis Marburg, ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche ist erloschen.

Gießen, den 28. März 1893.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

das Mitnehmen von Hunden in Felder und Wälder betreffend.

Nachdem die Wahrnehmung gemacht worden ist, daß die Bestimmungen über das freie Umherlaufenlaffen von Hunden in Feldern und Wäldern vielfach unberücksichtigt gelassen werden und daß dies besonders häufig Seitens der Land- w irthe geschieht, welche zur Feldarbeit ihre Hunde mitnehmen und sie dann zum Schaden der Jagd umherftreifen lassen, sehen wir uns veranlaßt, ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß dies strafbar und daß an die Polizeiorgane Weisung ergangen ist, Zuwiderhandlungen unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.

Gießen, den 28. März 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Gießen, den 28. März 1893. Betreffend: Wie oben.

ras Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzogl. Bürgermeistereien, Polizei­

behörden und Gendarmerie des Kreises.

Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung be­auftragen wir Sie, Uebertretungcn des Art. 25 des Jagd- strafgesetzes unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen. Soweit i Ihnen Feldschützen und Polizeidiener unterstellt sind, wollen Sie dieselben entsprechend bedeuten.

_____________v. Gagern.___________________

Gießen, den 28. März 1893.

Netr.: Die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung (Mittel-Europäische Zeit); hier: den Beginn des Unterrichts in den Volksschulen.

Die

Großh. Kreis-Schulcommisfiou Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Durch die am 1. April d. I. bevorstehende Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung (Mittel-Europäische Zeit) siitd mir veranlaßt, uns dahin auszusprechen, daß wir zunächst lieber für den Monat April, in welchem nach dem Winter- st-undenplan der Unterricht mit der vollen 8 Uhr-Stunde beginnt, noch auch für den Sommerstundenplan, in welchem her Unterricht mit der vollen 7 Uhr-Stunde beginnt, eine lenberung für nöthig erachten.

Im Vergleiche zur seitherigen Ortszeit würde hiernach her Unterricht vom 1. April an allerdings um eine schwache halbe Stunde früher zu beginnen haben; wir erachten dies

aber namentlich sür ländliche Verhältnisse für durchaus zulässig. Hinsichtlich der Einrichtung des Stunden­planes im nächsten Winter behalten wir uns noch weitere Steigerung vor.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend Einlegung eines Arbeiter-Frühzuges auf der Strecke Großen-BuseckGießen.

Die nach unserer Bekanntmachung vom 16. März vom 1. April an geplante Einlegung eines Arbeiterfrühzugs auf der Strecke Großen-BuseckGießen wird nach neuerer Be­stimmung erst vom IO. April an stattfinden.

Gießen, den 28. März 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. ________________ v. Gagern.

Gießen, den 28. ll)iärz 1893. Betr.: Wie oben.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Alten-Buseck, Annerod, Bersrod, Beuern, Burkhardsfelden, Climbach, Gießen, Großen-Buseck, Harbach, Hattenrod, Oppenrod, Reiskirchen, Rödgen, Trohe und Wieseck.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie sofort orts­üblich publiciren laffen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. März. Der Kaiser gedenkt noch vor An­tritt seiner italienischen Reise einen Ausflug nach der Wart­burg zu unternehmen, um in den Forsten der Umgebung wiederum der Auerhahnjagd obzuliegen. Die Beamten in den betreffenden Forsten sind schon auf das Kommen des Kaisers vorbereitet.

Berlin, 27. März. Die vom Reichsversicherungsamt einberufene Conferenz von Vertretern der Landesver- sicherungsämter, der Jnvaliditäts-undAlters- oersicherungsan st alten wurde heute im Reichstags­gebäude unter dem Vorsitz des Präsidenten Bödiker eröffnet. Erschienen sind 58 Theilnehmer.

Wie eine offiziöse Meldung aus Rom besagt, sind der Commandeur des 4. Armeecorps, Graf de Sonnay, und der Commandant der Militärdivision Allefsandria, General Sterpon.', zum Ehrendienst beim Kaiser Wilhelm während dessen Aufenthaltes in Italien commandirt.

Fast jeder Tag bringt jetzt neue Gerüchte in Sachen der Mi litärfrage, was recht bezeichnend für die herrschende unsichere Situation ist. So verlautet neuerdings, daß in Berliner Regierungskceisen gewichtige Bedenken gegen den Plan einer Reichstagsauflösung im Falle der definitiven Ab- lebnung der Militärvorlage ausgetaucht seien und daß man hier noch immer die Hoffnung hege, es werde sich noch eine Verständigung erzielen lassen. Auf Herrn v. Bennigsen werde allerdings bezüglich eines weiteren Entgegenkommens in der Militärfrage nicht mehr gerechnet, dagegen erwarte man, daß das Centrum den Anstoß zu Concessionen geben werde. Einstweilen läßt sich indessen in der Haltung der ton­angebenden Centrumspresse nichts entdecken, was zu einer solchen Hoffnung berechtigen konnte. Sollten indeffen an maßgebender Stelle wirklich Bedenken wegen der Paßlichkeit einer Reichstagsauflösung emporgekommen sein, so würde dies beweisen, daß die Reichsregierung die wahre Sachlage zu würdigen anfängt. Die Stimmung im Lande ist der Militär- Vorlage offenbar keineswegs so günstig, wie man in Berlin bislang annahm, selbst in nanonalliberalen Kreisen mehren sich die Stimmen gegen eine unverkürzte Bewilligung der militärischen Forderungen der Reichsregierung. Hiervon zeugt u. A. auch der Beschluß der Landesversammlung der national- liberalen Partei Braunschweigs, wonach sich letztere mit dem Verhalten Herrn v. Bennigsens in der Militärfrage solidarisch erklärt. In der am vergangenen Samstag abgehaltenen Sitzung des preußischen Staatsministeriums soll es sich nicht um die weitere Behandlung der Militärvorlage wie es allgemein hieß gehandelt haben, sondern um innere preußische Angelegenheiten.

Die Internationale Sanitäts-Conferenz in Dresden wird dieser Tage in ihren Verhandlungen an­gesichts des Osterfestes eine Pause eintreten laffen- die nach- österltchen Conferenzarbeiten sollen dann etwa noch eine Wocke dauern. Die Verhandlungen haben sich bis jetzt unter dem strengsten Ausschlüsse der Oeffentlichkeit vollzogen, hoffentlich

wird man wenigstens nach Schluß der Conferenz etwas Näheres über ihre Ergebniffe erfahren.