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Freitag dm 29. December

1893

Nr. 305.

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Amts« und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.

Krati«k«ilage: Hi-ßm«r AamMmöW^

Alle Innoncm-Burteur bei In« und luHexbel nchmm Anzeigen für denLietzener Anzeiger^ mtHege.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 23. December 1893.

Betr.. Beschränkung der PorloauSgaben.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an sämmtliche unterstellte Behörden und Beamten.

Nachstehendes Ausschreiben Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 9. d. M. zu Nr. M. I. 34073 theilen wir Ihnen zur Kenntnißnahme und Nachachtung mit. v. Gagern.

Darmstadt, am 9. December 1893.

Betr.: Beschränkung der Portoausgaben.

Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz

an sämmtliche unterstellte Behörden und Beamten.

ES ist wiederholt die Wahrnehmung gemacht worden, daß die in rubr. Betreff bestehenden Vorschriften (vergleiche Nr. IV der Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetz vom 6. Juni 1889 über die Portofreiheiten vom 24. December 1875), wonach im Interesse thunlichster Vereinfachung der Postsendungen und Verminderung der Portoausgaben bei solchen Briefsendungen, welche nur aus einem Bogen bestehen, die besondere Couvertirung in der Regel vermieden werden soll, wenn der betr. Bogen auf der dritten Seite nicht be­schrieben ist, von einzelnen Behörden und Beamten nicht be­achtet werden. In Folge deffen sehen wir uns veranlaßt, jene Vorschriften zur strengsten Nachachtung unter dem An- fügen in Erinnerung zu bringen, daß bei fernerer Außer- achtlaffung derselben die dadurch der Staatskaffe unnöthiger Weise erwachsenden Kosten den betreffenden Beamten zur Last gesetzt werden müßten.

Finger. Best.

Feuilleton.

Gsspsro.

Eine romantische Weihnachtsgeschichte. (Literarisches Eigenthum

von Hugo Andres u. Co., Frankfurt a d. Oder.) (Schluß.)

Ich wurde ungefähr in der halben Höhe abgesondert und sah, daß Gasparo noch höher ging. Als wir alle zurechtgestellt waren, ging der Oberaufseher umher, um uns unsere Instruction zu geben. Auf ein gegebenes Signal sollte jeder von uns durch die Scharte oder das Fenster, an welches er gestellt war, hindurch passiren und sich rittlings auf ein schmales hölzernes Brett setzen, welches gerade unter ihm an einem starken Seile hing. Dieses Seil kam durch das Fenster, war um eine Rolle gewunden und inwendig befestigt. Bei dem folgenden Signal sollte jedem eine an­gezündete Fackel in die rechte Hand gegeben werden und er sollte das Seil mit der linken Hand fest ergreifen. Bei dem dritten Signal sollte das Seil durch einen Gehilfen, welcher »u diesem Zwecke dort hingestellt war, von inwendig abge­wickelt werden, dieser durfte es schnell über die Krümmung des Domes hinabgleiten lassen, und während es so glitt, sollte der Arbeiter seine Fackel an jede Lampe, an welcher er auf seinem Wege nach unten vorüberkam, anhalten.

Nachdem wir diese Jnftructtonen empfangen hatten, warteten wir, jeder Mann an seinem Fenster, bis das erste Signal gegeben wurde.

ES ward schnell dunkel und die silberne Illumination war seit sieben Uhr angezündet. Alle großen Rippen des Domes, so weit ich sehen konnte, alle Gesimse und Friese der Fatzade unten, alle Säulen und Brustwehren der großen Colonnade, welche die Piazza vierhundert Fuß unten um­gaben, zeichneten sich in Linien von Papierlaternen ab, deren Licht, durch daö Papier gedämpft, in silbernem Feuer glänzte und einen magischen wundervollen Anblick gab. Zwischen und unter diesen Papierlaternen waren in verschiedenen Zwischen­räumen über die ganze Kathedrale an der Seite, die der Piazza gegenüberlag, eiserne Tiegel, padelle genannt, an­gebracht, welche mit Talg und Terpentin gefüllt waren.

Deutscher Kefcb.

Berlin, 27. December. Auf dem Gebiete der aus­wärtigen Angelegenheiten ist während des WeihnachtS- festeS keinerlei Ereigniß eingetreten, das hervorragendes Interesse hätte erwecken können, oder welches gar geeignet gewesen wäre, einen störenden Mißton in das große Friedens­und Freudenfest der Christenheit zu bringen. Auch in der inneren Politik herrschte festtägliche Stille vor und ist von keiner Seite her eine bemerkenswerthere Nachricht zu verzeichnen. Was die sensationellen Gerüchte anbelangt, denen zufolge in den kurz vor Weihnachten stattgesundenen längeren Sitzungen des preußischen Staatsministeriums zu stürmischen Auseinandersetzungen gekommen sein sollte, so werden die Gerüchte jetzt für unbegründet erklärt. Es wird versichert, der Ministerrath habe in den betreffenden Sitzungen lediglich landwirthschaftliche Fragen erörtert und seien die Berathungen hierüber in ruhigstem Tempo verlaufen. Nun, um so bester!

Trotz des Dementis der Nachricht, die Weinsteuer- Vorlage solle wieder zurückgezogen werden, verlautet fort und fort, daß ein solcher Verzicht noch zu erwarten stehe. Finanzminister Dr. Miquel soll sich im intimen Kreise dahin ausgesprochen haben, daß das Weinsteuerproject aussichtslos sei, angeblich projectirt nunmehr Herr Miquel eine Licenz- steuer für die Wirthe und Weinhändler. Vorerst muß man natürlich noch abwarttn, was es mit diesem neuen, dem erfinderischen Kopfe des preußischen Finanzministers zuge- schriebcnen, © teuer pinne eigentlich auf sich hnt Ink-ssen dürfte angebracht sein, darauf hinzuweisen, daß die Wtrthe und die Weinhändler in den deutschen Einzelstaaten überall Gewerbesteuer bezahlen, in Preußen seit neuerer Zeit sogar doppelt. Es ist aber absolut kein stichhaltiger Grund zu ersehen, weshalb die Wirthe und Weinhändler nun noch einer ganz besonderen Steuer von reichswegen unterworfen werden sollen, im Gegensatz zu allen übrigen Gewerbetreibenden- es wird darum wohl auch der Plan einer Weinlicenzsteuer nur ein schöner Gedanke bleiben.

Diese auf dem Dome und der Kuppel anzuzünden, war die gefahrvolle Aufgabe der Arbeiter- wenn sie alle angezündet sein würden, dann war die goldene Illumination aus­geführt.

Es vergingen wenige Augenblicke gespannter Erwartung. Jede Secunde ward der Abend dunkler, die Papierlaternen leuchteten Heller, das sich erhebende Summen der Tausende in der Piazza und den Straßen unten tönte lauter an unser Ohr. Ich fühlte das beschleunigtere Athmen des Gehilfen an meiner Schulter ich konnte fast das Klopfen meines Herzens hören. Plötzlich, wie das Vorüberschießen eines electrischen Stromes, flog das erste Signal von Lippe zu Lippe. Ich trat hinaus und kreuzte meine Beine fest um das Brett bei dem zweiten Signal ergriff ich die brennende Fackel bei dem dritten fühlte ich mich in Bewegung ge- setzt, und indem ich beim Vorbeigleiten jeden Tiegel anzündete, sah ich den ganzen ungeheueren Dom über und unter mir in Linien hervorspringender Flammen hervortreten. Die Uhr schlug jetzt acht Und als der letzte Schlag ertönte, glühte die ganze Kathedrale in feurigen Umrissen. Ein Toben, wie das Toben eines großen Oceans, erhob sich von der Menge unten und schien den Dom selbst, an den ich mich klammerte, zu erschüttern. Ich konnte sogar das Licht auf den gaffenden Gesichtern sehen, die Menge auf der St. Angelo-Brücke und die Boote, welche auf dem Tiber schwärmten.

Nachdem ich in der ganzen Länge meines Seiles sicher hinabgelasten war und den mir zukommenden Theil der Lampen angezündet hatte, saß ich jetzt in dem sicheren Genuß dieser staunenswerthen Scene. Plötzlich fühlte ich, wie das Seil zitterte. Ich sah auf und erblickte einen Mann, welcher mit einer Hand sich an die eiserne Stange hielt, die den Tiegel trug, und mit der anderen gnadenreicher Himmel es war der Piemontese, der das Seil über mir mit seiner Fackel ansteckte!

Ich hatte keine Zeit übrig, zu denken, ich handelte instinctmäßig. In einem furchtbaren Augenblicke war es geschehen. Ich klomm aufwärts wie eine Katze, schlug meine Fackel dem Verbrecher ins Gesicht und ergriff das Seil einen oder zwei Zoll über der Stelle, wo es brannte. Geblendet und getäuscht, that er einen furchtbaren Schrei und stürzte nieder wie ein Stein. Durch all das Geräusch des lebendigen Oceans unten konnte ich den dumpfen Fall hören, mit dem

In Oesterreich erregt die Ermordung eines Handschuhmachers Mrva in Prag großes Aufsehen, weil daß Verbrechen aus politischen Beweggründen begangen worden ist. Mrva galt in jungczechischen Kreisen als agent provo- cateur und gehörte er dem jungczechischen Geheimbunde Omladina" an, dessen Treiben er der Polizei verrathe« haben sollte. Der Jungczechensührer Dr. Herold hatte kürzlich im österreichischen Abgeordnetenhause Mrva ganz offen als Polizeispitzel bezeichnet, seitdem sah sich Mrva zahlreichen Anfeindungen seitens czechischer Fanatiker ausgesetzt. A« Samstag vor Weihnachten wurde er in seiner Wohnung ermordet aufgesunden und sofort bezeichnete der Volksmund die That als einen politischen Racheact. Die Polizei leitete schleunigst die Untersuchung ein und alsbald wurden die Handarbeiter Dolezal und Dragoun, der Schlosser Dvorak und ein gewisser Kriz als der Ermordung Mrvas verdächtig verhaftet. Wirklich ist inzwischen von Dolezal und Dragoun auch daß Geständniß abgelegt worden, daß sie Mrva ermordet hätten, und zwar auf Anstisten des Kriz. Als Beweggrund der That gaben die Mörder an, daß die erwähnte Rede deß Abgeordneten Dr. Herold den Entschluß zur Beseitigung MrvaS bei ihnen habe reifen lasten. Dolezal, Dragoun und Kriz sind bereits dem Strafgerichte eingeliefert worden, während Dvorak, der die Rolle des Aufpasters gespielt zu haben scheint, noch in Polizeihaft gehalten wird.

Auf der Insel Sicilien folgt eine Ausschreitung der von revolutionären Agitatoren verhetzten Bevölkerung der anderen. So fanden letzter Tage in Lercara und Valguarnera ernste Ruhestörungen statt- namentl'.ch trugen die Vorgänge in ersterer Gemeinde den Character einer förmlichen Straßen­revolution. Die Meuterer griffen nicht nur die Gendarmerie, sondern sogar auch die einschreitenden Truppen an- in dem sich entspinnenden Kampfe wurden vier Aufrührer getödtet, einige andere verwundet, auch zahlreiche Polizisten erhielten Verletzungen. Bös genug ging jedoch auch in Valguarnera zu, wo die wüthende Menge die öffentlichen Gebäude in Brand steckte - nur mit Mühe gelang an beiden Orten schließlich, die Ordnung wieder herzustellen. Die Errichtung einer Milltärdictatur auf Sicilien scheint angesichts solcher

er auf das Bleidach kam er tönt mir immer wieder durch alle die Jahre, die seit jener Nacht vergangen sind, ich höre ihn noch.

* . *

Ich war kaum zu Äthern gekommen, als ich fühlte, daß ich h'naufgezogen ward. Der Gehilfe kam keinen Augenblick zu früh, denn ich war vor Schreck krank und schwindelig und fiel in Ohnmacht, sobald ich sicher im Corridor war. Am folgenden Tage machte ich meine Aufwartung bei dem Ver­walter und erzählte ihm alles, was vorgesallen war. Meine Aussage ward durch das leere Seil, von welchem Gaöparo herabgestiegen war, und durch das angebrannte Stück, durch welches ich heraufgezogen war, bestätigt. Der Verwalter theilte meine Geschichte einem hochstehenden Prälaten mit und weil keiner, auch keiner von den Arbeitern an der Sanct Petrikirche glaubte, daß mein Freund auf ungewöhnliche Weise zu Tode gekommen fei, ward die Wahrheit von Palast zu Palast leise verbreitet, biß sie dem Papste zu Ohren kam. Mir ward große Sympathie und solche pecuniäre Hilfe zu Theil, daß ich der Zukunft furchtlos entgegensehen konnte. Seit jener Zeit habe ich verschiedene Schicksale erlebt und mich in vielen Gegenden aufgehalten, bis mich das Schicksal nach den Vereinigten Staaten und unter die Schaaren der Bundesarmee führte. ES sind nun mehr als dreißig Jahre seit jener Weihnachtsnacht verstrichen, aber, Kameraden, sie steht mir in der Erinnerung so fest, so unverrückt, daß ich noch jetzt vermeine, das Licht der Fackel an dem Seile über mir flammen zu sehen, daß es mir ist, als fühlte ich daß Zittern des Seiles, als hörte ich das Knarren über meinem Sitze noch jetzt, welches des entsetzlichen Piemontesen Brett verursachte. Schneeweiß, wie Ihr mein Haar jetzt seht, bin ich in jenen wenigen Minuten geworden und ich zählte kaum achtundzwanzig Jahre damals!

Die göttliche Gnade aber, die schirmend in jener Weih­nachtsnacht über mir waltete, sie hat mir ewigen Trost und ewige Zuversicht ins Herz gesenkt und durch alle Mühsale, auf allen Irrfahrten meines wunderbar reichbewegten Ledens ist mir der Glaube geblieben an die hehre und heilige Güte unseres himmlischen Vaters und an seine Gerechtigkeit. Ihm sei darum Ehre und Macht, Herrschaft, Majestät und Herr­lichkeit in alle Ewigkeit!"