Ausgabe 
29.11.1893 Erstes Blatt
 
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so kann diese Ehe nur auf Grund zweier Bedingungen zu Stande kommen: entweder ist die junge Dame eine durchaus tadellose Schönheit ersten Ranges zum Mindesten muß sie gesund sein an Körper und Geist in diesem Falle braucht man nicht engherzig auf die Schwere des Geldbeutels zu sehen, oder jene Dame, so sie genannte Bedingungen nicht erfüllt, muß mit Millionen ausgestattet werden, um ihre Mängel und Gebrechen zu vergolden. Das ist meine offene und ehrliche Meinung."

Mängel und Gebrechen? Meine Tochter? Was meinst Du meinen Sie, mein Herr?" Papa Biesemann rollte die Augen.

Nun, ich muß mich übrigens wundern, daß Sie, Herr Biesemann, mir nicht im Voraus reinen Wein eingeschenkt hatten, ich hätte meine Reise ersparen können. Mit Respect, Herr, eine des Sehvermögens Beraubte kann ich nicht als Gattin heimsühren."

Meine Tochter? Sehvermögens Beraubte also blind!"

Auch taub darf die Repräsentantin meines HauseS nicht sein."

Taub?!" donnerte Biesemann,Sie wagen zu be­haupten, Herr--"

Ja, und was Sie unter Geist, Esprit und Tempera­ment zu verstehen scheinen, kann ich mit Verlaub lediglich Beschränktheit nennen," schmetterte Koppitz dazwischen.Im Uebrigen muß ich mich über diese Eigenschaft der mir zu­gedachten' Gemahlin sehr anerkennend äußern, denn sie war mit Offenheit gepaart und ich erfuhr, daß man mich zum Opfer eines gelinde ausgedrückt unsoliden Geschäfts- manöoerS auserkoren hatte. Nicht allein, daß die soeben ausgebotene Mitgiftsumme eine Fata Morgana darstellt, nein, ich sollte vielmehr daS Zwg zum Verstopfen eines lecken Schiffes hergeben Pleite lautet wohl der bei Ihnen übliche technische Ausdruck."

Nun war dem Faß der Boden ausgeschlagen. Papa Biesemann schäumte.

Meine Tochter blind taub geistig beschränkt ich, Besitzer der renommirtesten Weinfirma der Provinz, ich pleite, mein Geschäft ein leckes Schiff! Herr, diese Belei­digungen, diese unüerschämten Verleumdungen wagen Sie mir inS Gesicht zu sagen, Sie Sie schäbige Reblaus, Sie! Entweder find Sie sinnlos berauscht oder, was wahrschein­licher, verrückt . . . Taub beschränkt pleite un­

solide Geschäftsmanöver ha, Sie müssen mir Genugthuung geben, auf der Stelle nein, das Richtigste ist, ich laffe Sie durch meinen Bedienten hinauswerfen."

Sie wollen mich hinauswerfen laffen?" trompetete der Dicke seinerseits los, nun schon ganz grün im Gesicht.Sie wagen, mich, einen Ehrenmann, zu beschimpfen, Sie alter Schwi"

Schwindler wollten Sie sagen! Noch ein Wort und ich macke Sie verantwortlich für daS, was geschieht! Nein, Sie sollen noch ein Weilchen bleiben, Sie sollen sehen, daß ich Sie niemals benöthigt habe,- Sie sollen sehen, daß ich ein reicher, unabhängiger Mann bin, Sie sollen sehen, daß. ich einen blutarmen, aber anständigen jungen Mann Ihnen, der sich einbildet, ich schielte nach seinen paar tausend Thalern, daß ich diesen Mann Ihnen vorziehe, daß ich mit dem Glück meines Kindes nicht zu schachern brauche, daß ich meinen armen, aber braven Schwiegersohn in den Stand setzen kann, seiner Gattin ein fürstliches Heim zu bieten. Ich verdreifache hiermit die Mitgift meiner Tochier und ernenne einen Mann, der keine zehn Reichsmark im Vermögen hat, zu meinem Socius . . . Johann," er klingeltesofort rufst Du Herrn Hermann Neuburg herauf auch meine Tochter soll kommen."

Das alles interessirt mich viel zu wenig," überschrie ihn der Rheinländer,Ihren hohlen Prahlereien glaube ich nicht und damit Schluß!" Sprach- und stürmte pustend und gestikulirend zur Thüre hinaus.

Papa! Lieber, guter, herrlicher Papa, ich nehm Dich beim Wort!" ertönte nun Malwinens jubelnde Sttmme und zwei weiche Arme umfaßten llebkoseud seinen Hals.Sieh, da steht auch schon Hermann. Wiederhole das Gesagte und Du machst zwei Menschen zu den Glücklichsten der Sterblichen."

Ich breche mein Wort nie Ihr sollt Euch haben, dem Verleumder und eingebildeten Gecken zum Trotz!"

Malwinchen und Hermann lagen sich in den Armen. Papa Biesemann, voll grimmiger Genugthuung, legte thre Hände zusammen. Wagenrollen ertönte von der Straße herauf.

Der Fremde ist soeben fortgefahren," meldete Johann; zähneknirschend fügte er in Gedanken hinzu:Und der Lmnp hat mir keinen Sechser Trinkgeld gegeben." Doch soll ihn. Fräulein Malwine nachher reichlichst entschädigt haben.

Hinterland von Kamerun und befürwortet die Missionen in bat Schutzgebieten. Bei der Besprechung des MflitäreiatS erwähnt Fritzen den Spielerprozeß in Hannover und fordert die Aushebung de- Totalisators, sowie eine Emschränkung der Beurlaubungen von Offizieren zu Wettrennen. Die Marine dürfe nicht mehr kosten, al­ber Schutz ber heimischen Küsten unb bte Besetzung bet auswärtigen Stationen erforderten. Der Redner bespricht bie Tilgung der Reichs­schulden; ber Gebanke, bte tnbirecte Besteuerung zu beseitigen unb dieselbe durch eine btrecte zu ersetzen, sei eine Illusion; das Correlat ber tndirectm Besteuerung müffe da« allgemeine gleiche directe Wahl­recht bleiben. Zur Reichssteuerreform könne das Eentrum noch keme feste Stellung einnehmen. DaS Centrum könnte ja mit verschränkien Armen zusehen, wie die, welche die Mtlttärvorlage bewilligten, nun­mehr die Mittel zur Deckung beschaffen; solches Verhalten wäre aber unklug und unpatriotisch. DaS Centrum werde mit Treue unb Hin­gebung babei milwirken, für bas Reich, b. h. für baS Volk bie Mittel nunmehr aufzubringen. (Beifall.)

Abg. Bebel meint, die Schutztruppe habe bet ber Croberung von Hornkranz in Südafrika scheußliche Metzeleien begangen. Die Wahlstatistik beweise, daß mehr Wähler gegen, als für bie Militär­vorlage stimmten. Angesichts ber Vorgänge in Hannover sei eS fraglich, ob der Offiztersstand noch im Stande sei, seine Pflicht zu thun. (Präsident v. Levetzow fordert den Redner auf, den OsfizierS- stand nicht zu beleidigen.) Die deutsche Militärliteratur stehe hinter der französischen zurück. Bei ber Marine seien bie häufigen SchiffS- zusammenftöße bei ben Manöoern eine bedenkliche Erscheinung. Angesichts des allgemeinen NothstandeS müßten die Steueroorlagen die Unzufriedenheit vermehren. Die Mehrlasten mühten durch die Einkommensteuer ausgebracht werden. Der Redner bespricht die Steuervorlagen und bezeichnet die Stempelsteuer als die verwerf­lichste, da ber Staat aus bem verwerflichen Börsenspiel Gewinn ziehen wolle. Bebel erwähnt, baß Miquel als Jüngling socialdemo- kratische Anschauungen gehegt habe.

Kriegsminister Bronsart v. Schellenborf erklärt, er wolle bie Vorgänge in Hannover keineswegs beschönigen, er würde, wenn von den 22,000 Osfizieren nicht wie jetzt 40, sondern nur einer der­artig gehandelt hätte, die- entschieden verurtheilen, es sei aber un­erhört, daß man nicht die Betrüger und Wucherer, sondern die leichtsinnigen unverständigen Osfiziere als Angeklagte behandele. Auf bte Anklagebank gehörten jene, Vie bk Vorgänge agitatorisch auS- nutzten. Das Offiziercorps sei seiner Aufgabe jetzt wie früher ge­wachsen unb werde es auch bleiben. Hazarb werbe in allm Bevölke­rungsschichten gespielt, es sei verwunderlich, daß man von dem Spiel von Offizieren solches Aufheben mache. Gegen bte Ausschreitungen Einzelner habe man bte Commandobehörbe und alS letzte Instanz den allerhöchsten Kriegsherrn. Die Armee bedürfe der gemachten Vor­schläge nicht, sie wird nach wie vor intact bleiben. Das gesammte OffiziercorpS verurthelle das Hazardspiel und leichtsinnige Schulden- machen.

1893

Mittwoch den 29. November

281 Erstes Blatt

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger

5<inlpttd)K 61.

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

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chrattsöeitage: Hießen er Iamikienötätter

Amtlicher Theil

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Feuilleton

I»nähme von Anzeigen zu der Nachmittag» für dm trtflenbro tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslande» nehmm Anzeigen für dmSiebener Anzeiger" entgegen.

Die Giehmer y»*4H»eiritfet *Tt*n dem Anzeiger eiüchmtttch dreimal brgelegL

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Kriegslist.

Humoreske von Ed. Wilde.

(Schluß.)

Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr schon Bekanntschaft miteinander gemacht habt," rief Herr Btesemann händereibend. ,,DaS ist schön, Kinder, so soll es sein. Also da bist Du denn, mein theurer Sylvester, und so ohne alle Anzeige, so plötzlich na verstehe, hast unS überraschen wollen, Schelm Da! . . . Aha, daS schüchterne Mäuschen schleicht sich fort, um das Weitere Papa zur Erledigung zu überlaffen. Ich muß also annehmen, daß Ihr beiden im Reinen seid mit­einander. Gratulire! Kurz, bündig, klar daS ist ja auch weine Maxime. Geh nur, mein Kind, ich werde mit

109 Millionen schlechter stehen; das Reich bedürfe jedenfalls neuer Etnnabmeqaellm; die Matrieularbeiträge dürften die Ueberweisungen nicht übersteigen, sonst müßten die Einzelstaaten eine Kopfsteuer einführen.

Abg. Fritzen (Centrum) wünscht eine erneute Prüfung der Frage betreffend die DienstalterSzulagen ber Postbeamten unb spricht sich gegen bie neu geforberte Unterstaatssecretärstelle im Reichspostamt aus. Der Redner begrüßt daS beutsch-englische Abkommen über das

i in Berlin, Dber-Poft-Direck r Gegenseitigste ings-Actien-Gesi rtrag abgeschlosst ? Prämien h« w

Gießen, ben 28. November 1893.

Betr.: Die Vornahme einer außerordentlichen Viehzählung am 1. December 1893.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

Ml die ereto. Bürgermeister eie« M Srettes.

Indem wir nochmals an die am 1. December d. I. borzunehmende außerordentliche Viehzählung er» mliern, erwarten wir genaue Befolgung der mit unserem Aus­schreiben vom 14. b. M. (Anzeiger Nr. 272) veröffentlichten Betimmungen, sowie pünktliche Einhaltung des für die Ein- scndung der Bezirksliften und Zusammenstellungslisten be- jlmimten Termins (10. December b. I.).

v. Gagern.

bienen bestimmt sei. Fränkel verwirft das Gesetz sckon aus dem Grunde, weil es in kaum glaublicher Weise jede politische Freiheit bedrohe und durch das ganze Gesetz das Princip einer grenzenlosen Beamtenwillkür gehe. Zum Schluß wurde eine 10 Paragraphen umfassende Resolution an den Reichstag einstimmig angenommen.

Berlin, 27. November. An den Reichskanzler Caprivi gelangte dieser Tage mit der Post ein Kästchen aus Bordeaux. Dem Adjutanten, Major Ebmeyer, der es öffnen wollte, kam die Sendung verdächtig vor. Das Kästchen wurde der Polizei zur Untersuchung übergeben, wobei eS sich herausstellte, daß es eine Dynami tpatrone enthielt, die bei unvorsichtigem Oeffnen durch eine in dem Kistchen an­gebrachte Vorrichtung explodirt fein würde. (Frkf. Z.)

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Samjtag den 2. $Kr henbäne 22,

BtcrttijUriflrr >lanntmtnt»prt<e» 2 Mark 20 Psg.* vrmyerlohn. Durch die Poft bezachE 2 Mark 60

Deutsches Reich.

Berlin, 27. November. Heute Nachmittag 3 Uhr fand ein Allgmeiner Eongreß der deutschen TabakS- inreressenten, veranstaltet vomVerein deutscher Tabak- fabrikantcn und -Händler, im großen Saale der Tonhalle statt. Die Versammlung war überaus zahlreich besucht. Aus nicht weniger als über 200 deutschen Städten waren Jnte- rtfienten auS der Tabaksbranche erschienen. Den Vorsitz führte Tabaksfabrikant A. Deker-Berlin. Zur Tagesordnung Iprachen über die voraussichtlichen Wirkungen des von der Regierung beantragten Tabakssteuergesetzes vom Standpunkte hi Eigarrenfabrikation C. Keilpflug-Berlin, im Interesse der Rauch-, Kau- und Schnupftabakfabrlkänien C. H. v. Eickett- hcmburg. Ferner die Herren W. Brünnecke-Magdeburg, E. Ury-Berlin und die Reichstagsabgeordneten Fr cse-Bremen .utiib Galier-Stuttgart. Vom Standpunkte der VolkSwirth- fdjaft und Socialpolitik beleuchtete Dr. Heinrich Fränkel- Weimar das vorliegende Gesetz. Sämmtliche Redner sprachen sich im weitesten Sinne gegen das Tabakfabrikatssteuergesetz au®, indem eS nur als Uebergang zu dem Tabakmonopol zu

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Deutscher Reichstag.

6. Sitzung. Montag ben 27. November 1893.

Am BunbeSrathstische befinben sich ber Reichskanzler Graf v. Caprivi, sowie bie Minister 0r. o. Bötticher, v. Posabowsky Miquel, Bronsart v. Schellenborf unb der StaatSsecretärbeS Reichs.Marineamis Holl mann.

Auf ber Tagesordnung steht bie erste Lesung bes Etats.

StaatSsecretär v. Posabowsky gibt eine Zusammenfassung ber bereits bekannten Etatsziffern. Der Ueberschuß des laufenden EtatSjahreS werde voraussichtlich P/e Millionen betragen, von denen eine halbe Million für bie Schutzgebiete in Anspruch genommen werbe. Zucker bürste 3«/, Millionen, Salz 1% Million, ibte Brau- steuer 1 Million, bie Wechselstempel einige Hunderttausend Mark, die Post unb Telegraphie 2/< Millionen, bie Eisenbahnen^ Millionen, verschiedene Verwaltungszweige l2/s Millionen mehr gegen ben Vor­anschlag ergeben. Den Mehreinnahmen beS loufenben Etats stehen folgende Mehrausgaben gegen ben Voranschlag gegenüber: bei bem Heere 10»/4 Millionen, bei der Marine/< Milltonm. Im Jahre 1892/93 würden 39»/, Millionen Motrikularumlagen mehr erhoben werden. Die Einzelstaaten würden sich gegen daS Jahr 1892/93 um

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Deinem zukünftigen Herrn und Gebieter auch schon einig werden."

AlS Malwine hinauSgegangen war, wollte Papa Biese­mann seinem Schwiegersöhne noch eine väterliche Umarmung cmgedeihen laffen, doch fiel ihm deffen schweigsames Wesen befremdend auf.Donnerwetter, sollt ich Euch zu früh ge­stört haben?" fragte er.Ich sehe Dich verstimmt, lieber Koppitz . . . Na, nichts für ungut, Ihr werdet Euch ja ein ganzes Lebenlang haben. Kurz und gut wie gefällt Dir denn mein liebes Vögelchen?"

Außerordentlich," schnarrte Koppitz, an seinem Schnurr­bart kauend.

Nicht wahr, viel Temperament, Esprit, was?"

Ungeheuer viel."

Und das Aeußere? Sauber, wie?"

Entzückend, Herr Biesemann?"

Herr Biesemann? Weßhalb denn so förmlich und steif, mein Lieber?" fragte der Weinhändler.Und nun auf den Kern der Sache zu kommen: bte Mitgift bemesse ich hiermit auf rund zwanzigtausend Thaler und ich glaube an» üehmen zu dürfen, lieber Sohn, daß damit billige Ansprüche ^befriedigt fein könnten vorläufig natürlich,- ihr späteres Erbe wird sich auf mindestens die dreifache Summe belaufen. Offen und ehrlich antworteu: Bist Du zufrieden, lieber Freund?"

Wenn ick offen und ehrlich sein soll: Nein!" sagte der ,liebe Freund" spöttisch.Wenn ein Vater heutzutage sein .Töchterchen verheirathen will an einen notorisch reichen Mann,