1893
Samstag den 28. October
itft. 254 • Erstes Blatt.
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Gießener Anzeiger
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen
2lmtlid?6r Ttzeil.
Bekanntmachung
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Hungen.
Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauenseuche *m der Gemarkung Hungen Seuchenfälle nicht mehr aufge- -treten sind, haben wir der Großh. Bürgermeisterei Hungen Die Erlaubniß zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen für tiindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine, die von Händlern auSgeführt werden, ertheilt. Insoweit die bezeichneten Thiere von anderen Personen ausgeführt werden, bedarf es der Aus» siellung von Gesundheitsscheinen nicht.
Gießen, den 26. October 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.__________________
Steckbrief.
Der unten näher bezeichnete. Rekrut Ludwig Weller, Jakob VI. Sohn, des Landwehrbezirks Gießen hat sich der Gestellung entzogen. Sämmtliche Eivil- und Militärbehörden werben dienstergebenst ersucht, gefälligst auf denselben ein wachsames Auge zu haben, ihn im Ergreifungsfalle zu arre- tiien und an die nächste Militärbehörde abliefern zu lasten.
Signalement: 1) Name: Ludwig Weller, Jakob VI. Lohn, 2) Geburtsort: Heuchelheim, 3) Kreis: Gießen, 4| Geboren: 16. Mai 1871, 5) Größe: 1 m 68 cm, 6| Religion. Evangelisch, 7) Stand oder Gewerbe: Dach, btder, 8) Besondere Kennzeichen: Keine.
Gießen, den 23. October 1893.
CaSpary, Cberftüeut. z. D. und Commandeur des Landwehrbezirks Gießen.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. October. Zu einem Vorspiel zu den bevorstehenden Steuerdebatten im Reichstage ist es im Finanz- ausschusse der bayerischen Abgeordnetenkammer gekommen. Ministerpräsident v. Crailsheim verbreitete sich bei der allgemeinen Debatte namentlich über die Deckungs- jrage bei der Hceresreform. Herr v. Crailsheim bezeichnete die Auslastung der Mehrkosten auf die Einzelftaaten als die drückendste Deckungsart und erklärte er zugleich eine birecte 'Reichseinkommensteuer als unannehmbar. Er wurde daun im weiteren Verlause der Debatte vom Finanzminister von Riedel unterstützt, welcher das Schwanken der Matrikular. beiträge und der Ueberweisungen aus den Einnahmen des Reiches beklagte und weiter als muthmaßliche neue Reichs- sieuern eine Börsensteuer, eine „wohlwollende" Tabakfabrikat- sieuer und eine Weinsteuer mit einer gewiffen Werthgrenze für Landweine, sowie mit strengster Steuercontrolle für Kunst
wein bezeichnete.
Berlin, 24. October. Stempelsteuervorlage. In der letzten Zeit sind mancherlei Nachrichten über die geplante Stempelsteuervorlage, sogar mit genauen Angaben über Einzelheiten, in Umlauf gesetzt worden, als ob eine solche schon Ifeügestellt und bereit sei, dem Bundesrathe zur Beschluß- sastung übergeben zu werden. Auf Grund sicherer Erkundigungen werden der „National - Zeitung" alle solche Nachlichten als bloße Kombinationen bezeichnet. Eine Vorlage, die eine Abänderung der Besteuerung der Börsengeschäfte betrifft, ist bisher weder beschlossen, noch ausgearbeitet worden. Daß eine Erhöhung der Börsensteuer in erster Reihe erstrebt 7 und beschlossen werden wird, unterliegt wohl keinem Zweifel. Für den in der Presse vielfach erörterten Vorschlag einer Emissionssteuer besteht aber keine Neigung und es ist zu :onstatiren, daß in dieser Richtung nicht, wie jüngst ein Blatt meldete, ein Gegensatz zwischen den Anschauungen des Reichs- ichatzamtes, des preußischen Finanzministeriums und des Bank- 'Präsidenten Dr. Koch besteht. Eine Emlssionssteuer wird ichon darum für wenig geeignet gehalten, weil dieselbe bei )er Einführung einer fremden Anleihe an den deutschen Börsen in einem kleinen Teilbeträge der ersteren doch die ganze Summe der Anleihe treffen würde, was eine auch dem Handel und Verkehr schädliche Ungerechtigkeit in sich schlösse. Eine allgemeine Quittungssteuer für das Reich wird erwogen, aber fte als Landessteuer zu erheben, falls sie im Reiche nicht zur Einführung kommt, wie es ein Blatt jüngst in Aussicht stellte, fann nicht in der Absicht der Finanzleitungen der Bundes- naaten liegen, da durch eine Anzahl einzelstaailicher Quittungs- iieuern leicht Verwirrung herbeigesührt werden würde.
r— Vor dem Landgericht zu Hannover spielt gegenwärtig ein großer Spieler- und Wucherer- Pro ceß, der schon wegen seines Umfanges und der de-
ibciligten Persönlichkeiten allgemeines Interesse erweckt. Der Prozeß läßt aber zugleich bedenkliche Schäden und Zustände hervortreten, und wenn sich die socialdemokratische Agitation der Lehren öes Prozesses von Hannover als eines „dankbaren Stoffes" bemächtigen sollte, so wäre dies nicht weiter verwunderlich.
Halle a. S., 25. October. Zur 50jährigen Jubelfeier des Landwirthschastlichen Centralvereins der Provinz Sachien sand im städtischen Schützenhause ein Festact statt, dem gegen 1000 Teilnehmer beiwohnten.
Ausland.
— Die kritische parlamentarische Situation in Oesterreich befindet sich sortgesetzt in der Schwebe, die Entscheidung scheint sich noch verzögern zu wollen. Nur das Eine ist gewiß, daß das letztere zunächst nicht von der Wahlresorm abhängt. Wohl gilt das Schicksal der Wahlresorm-Vorlage als besiegelt, nachdem in der Generaldebatte über dieselbe die drei großen Parteien der Deutsch-Liberalen, der Polen und der Conserva- tiven eine offen ablehnende Stellung gegenüber dem Re- gierungsentwurse eingenommen haben, aber das Schicksal des Abgeordnetenhauses hängt für jetzt von seiner Haltung gegenüber den Prager Ausnahmeverfügungen ab. Die Plenarab- stimmung hierüber wird nächster Tage erwartet. Inzwischen ist der Regierung wenigstens die Genugthuung geworden, daß der Wehrausschuß des Abgeordnetenhauses die' Novelle zum Landwehrgesetze unverändert genehmigte, womit die Annahme dieser wichtigen Vorlage auch im Plenum als gesichert erscheint. — Bei den Ergängungswahlen zum Prager Stadtverord- neten-Collegium wurden 16 Alttzechen und 13 Jungczechen gewählt, was eine nicht unerhebliche Verstärkung des jung» ezechischen Elements in der Prager StadtverordnetewVer- sammlung bedeutet; außerdem sind vier Stichwahlen vorzunehmen.
— Der Russen-Be such in Frankreich ist nach zweiwöchiger Dauer zu Ende, denn soweit bekannt, gedenkt das russische Geschwader am Samstag die Gestade des gastfreundlichen Landes wieder zu verlassen. Zwei Wochen unausgesetzter rauschender Festlichkeiten zu Ehren der russischen Gäste, zuerst in Toulon, hieraus in Paris, zuletzt in Lyon und Marseille und nochmals in Toulon sind hiermit zum Abschluß gelangt, eine wahrhafte Hochfluth von russisch- französischen Verbrüderungsscenen, von Redeergüssen zu Gunsten der russisch-französischen Freundschaft ist hiermit vorüber- gerauscht. Es war ohne Zweifel eine großartige und — man muß dies schon anerkennen — ohne bedenkliche Zwischenfälle verlaufene Demonstration, zu welcher sich der russische Flottenbesuch in Frankreich gestaltet hat und namentlich die Franzosen werden sich in der Erinnerung an dieses glanzvolle internationale Verbrüderungssest noch lange sonnen. Welche practiiche Folgen aber das ganze Ereigniß eigentlich zeitigen wird, das steht auf einem anderen Blatte und vielleicht dürsten die Franzosen noch einsehen, daß sie bei der Russen- feier doch nicht auf ihre Kosten gekommen sind.
Neueste 2lad?rid)teu.
Wolffs telegraphisches Korrespondenz - Bureau.
Berlin, 26. October. Der „Reichsanzeiger" meldet: Im R^ichseisenbahnamt wurde gestern unter Betheiligung von Vertretern mehrerer Bundesregierungen eine Vorbesprechung abgehalten, die bezweckt, im Interesse des Verkehrs und der Erhöhung der Betriebssicherheit einheitliche Vorschriften für den Fahrdienst der Eisenbahnen Deutschlands durchzusühren. Weitere Verhandlungen sollen folgen.
Berlin, 26.October. Die Stadtverordneten lehnten mit 53 gegen 49 Stimmen die Vorlage betreffend Ankauf von Grundstücken für den Bau eines neuen Rathhauses ab. Hermes und Genossen brachten einen Antrag ein betreffend Einsetzung einer gemischten Deputation zur Berathung über die Stellung der Stadtbehörden zu der Berliner Ausstellung im Jahre 1896.
Spezia, 26. October. Bei dem Frühstück im Civileasino dankte der Chef der Stadtverwaltung dem englischen Admiral Seymour und seinen Offizieren für ihren Besuch, der das brüderliche Verhältniß und die herzliche Zuneigung und Freundschaft der beiden Nationen, deren gemeinsames Ziel der Fortschritt der Cioilisation und der Frieden, gefestigt habe. Redner trank auf das Wohl der Königin Victoria, des Königs und der Königin von Italien. Seymour dankte für den herzlichen Empfang und trank auf das Wohl des Königs, sowie auf die Zukunft Specias. Hieraus war großer von der Muntcipalität un Stadttheater veranstalteter Empfang und zum Schluffe Ball.
Montevideo, 26. October. Nach hier eingetroffenen Nachrichten machten die Commaudanten der vor Rio de Janeiro befindlichen fremden Geschwader, ausschließlich des deutschen, den Präsidenten Pcixoto darauf aufmerksam, daß die in den Arsenalen getroffenen kriegerischen Vorbereitungen geeignet seien, zu einem Bombardement durch den Admiral Mello zu führen und daß hierunter die den Arsenalen benachbarten Stadttheile in empfindlicher Weise leiden würden.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 26. October, lieber die Ergebnisse der gestrigen Finanzminister-Cons erenz wird osfiziös mitgetheilt, daß eine vollständige Einigung über die Abgrenzung der Reichsfinanzen, sowie über die Entwürfe der Tabaksadrikat- fteuer und Börsensteuer erzielt wurde. In Betreff der Weinsteuer ist zwar eine Beseitigung der hervorgetretenen Mein- ungsverschiedenheiten noch nicht gelungen, aber die Auffassungen näherten sich soweit, daß auch in diesem Punkte gestern eine vollständige Einigung erzielt worden ist. Bezüglich der Börsensteuer sind die gebrachten Steuersätze bisher unrichtig.
Berlin, 26. October. Die „Nordd. Allgem. Zeitung" macht bekannt, daß alle P et i t i o n e n an den Reichstag, welche vor Erlaß der kaiserlichen Verordnung über Reichstagseinberufungen etngehen, den Einsendern durch das Reichstagsbureau zurückgesandt werden würden.
Berlin, 26. October. Im Reichseisenbahnamt hat gestern in Anwesenheit der Vertreter mehrerer Bundes- regierungen eine Vorbesprechung stattgefunden, dahin zielend, einheitliche Vorschriften für den Fahrdienst auf deutschen Eisenbahnen durchzuführen.
Berlin, 26. October. Der „Reichsanzeiger" meldet aus Tilsit 2 Todesfälle an Cholera, aus Stettin und Zerpenschleuse je 1 Erkrankung, aus Havelberg und Hamburg je 5 Erkrankungen und je 2 Todesfälle, aus Gleiw itz 1 Todesfall.
Potsdam, 26. October. Der Erzherzog Albrecht von Oesterreich hat heute früh 7 Uhr Potsdam verlassen. Der Kaiser begleitete ihn zum Bahnhose und verabschiedete sich von ihm in herzlichster Weise.
Köln, 26. October. Socialdemokratischer Parteitag. In der gestrigen Nachmittagssitzung begann man mit der Berathung des Punktes 5 der Tagesordnung, „Maifeier", zu welchem Abgeordneter Liebknecht Bericht erstattete und gleichzeitig folgende Resolution einbrachte: „Gemäß den Beschlüssen der Internationalen Arbeitercongresse von Paris (1889), Brüssel (1891) und Zürich (1893) begebt die deutsche Soeialdemokratie den 1. Mai als das Weltfest der Arbeit, gewidmet den Klaffensorderungen des Proletariats, der internationalen Verbrüderung, dem Weltfrieden. Zur würdigen Feier des 1. Mai erstreben wir die allgemeine Arbeitsruhe. Da aber deren Durchführung bei der gegenwärtigen Wirth- schaftslage in Deutschland zur Zeit nicht möglich ist, so em- pfiehlt der Parteitag, daß nur diejenigen . Arbeiter und Arbeiter-Organisationen, die ohne Schädigung der Arbeiterinteressen dazu im Stande sind, neben den anderen Kundgebungen den 1. Mai auch durch die Arbeitsruhe feiern." Die Discussion über diese Resolution währte bis Abends und war theilweise sehr lebhaft. Verschiedentlich erklärte man es für unmöglich, die Maifeier am ersten Tage im Monat Mai stattfinden zu lassen, während andere Redner bestimmt diesen Tag dafür festgesetzt wissen wollten. Schließlich wurde obige Resolution in namentlicher Abstimmung mit 195 gegen 3 Stimmen angenommen. Sechzehn zu diesem Punkte gestellte Anträge wurden abgelehnt, bezw. zurückgezogen, während der nachfolgendeangenommen wurde: „Die Maifestzeitung soll in besserer Ausstattung wie bisher erscheinen." Hegten wirft Auer vor, daß er nicht genügendes Interesse für einen Anschluß der gewerkschaftlichen an die politische Organisation habe. Auer verwahrt sich dagegen und nimmt auch die übrigen Mitglieder des Parteivorstandes gegen diese und andere Vorwürfe in Schutz. Das Urtheil Legiens stamme aus dem Organ der Unabhängigen. Auer führt weiter aus, er sei fein Feind der Gewerkschaftsbewegung. Es sei alles erlogen, was man gegen ihn in dieser Beziehung vorbringe, er suche nur die Gegensätze in der Partei auszugleichen. Liebknecht greift Legien heftig an, er sei von jeher für die Organisation der Gewerkschaft gewesen. Die Arbeiter sollten sich gewerkschaftlich organifiren, jedoch ohne Zwang.
Köln, 26. October. Socialdemokratischer Parteitag. In der heutigen Vormittagssitzung wurde die Gewerkschaftsbewegung und deren Unterstützung durch die Parteigenossen besprochen, wobei es zeitweise zu sehr erregten Debatten kam. Mehrere Resolutionen, darunter eine von den Delegirten Singer, Bebel, Auer und Liebknecht unterstützte, liegen zu dem BerathungSgegenstande vor. Die letztere


