1893
Nr. 228
Kernsprech« H.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gietzen.
chraliskeikage: Gießener KamitienMtier
jetzt
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Die Antwort Bismarcks lautet:
Kissing en, 19. September. An Seine Majestät den Deutschen Kaiser, Güns. Euer Majestät danke ich in tiefster Ehrfurcht für den huldreichen Ausdruck der Theilnahrne an meiner Erkrankung und der neuerlich eingetretenen Befferung, und nicht minder für die Absicht gnädiger Fürsorge für die Förderung meiner Genesung durch Gewährung eines klimatisch günstigen Wohnsitzes. Meine ehrfurchtsvolle Dankbarkeit für die huldreiche Intention wird durch die Ueberzeugung nicht abgeschwächt, daß ich meine Herstellung, wenn sie mir nach Gottes Willen überhaupt in Aussicht steht, am wahrschein-
Vitprrußen.
— Der Depeschen wechsel zwischen Kaiser Wil
Der Todtengräber, welcher dem Hunde gefolgt war, kam ebenfalls zur Stelle.
„Was gibts da?" fragte der Alte mit rauher Stimme.
Mmr Anzeiger «scheint tLglich, «tt Ausnahme de« Montags.
Die Gießener
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Rebection, Lxp-dui« und Drucker«:
Erstes Blatt. Donnerstag de» 28. September
von Ehre geträumt und nun Schande eingeheimst — sie stand jetzt nach zwei Jahren — vor dem Friedhöfe ihres Dorfes — als Diebin, — die man zwangsweise heim escortirt hatte.
Sie war rasch entschloßen, — Alle hatten sie von sich gewiesen, — Alle sie gescbmäht und verspottet, so wollte sie flüchten zum Grabe der Mutter. Ihr wollte sie all das Leid, welches sie empfunden, das Weh, welches sie betroffen, klagen und die Mutter tief unten im Grabe wird sie verstehen und ihr glauben und sie nicht verstoßen, wie die anderen Leute. .
DaS Mädchen schlüpfte durch das Pförtchen m den Friedhof, leise am Todtengräberhäuschen vorbei, und trat in den Raum, welcher der ewigen Ruhe und dem Frieden geweiht war.
Bei jedem Windstoß bewegten sich gespenstisch die Kranze auf den Grabmälen oder knarrten die älteren Holzkreuze unheimlich. r .
Dann wieder schlugen die schweren Regentropfen klatschend an die Grabsteine oder rauschten die Trauerweiden und seufzten die Aeste so seltsam, — als würden hier Geisterstimmen läut, oder als stiegen Seufzer aus den Grabern der Abgeschiedenen empor.
Ein Grauen erfaßte Lore, doch ermannte sie sich rasch und schritt durch die Reihen der Gräber dorthin, wo ihr todtes Mütterchen ruhte.
Jetzt stand sie vor dem Grabe, ein schlichtes Holzkreuz bezeichnete die Ruhestätte, die ganz verwahrlost war, — kein Blumenschmuck — kein frisch aufgeworfener, mit Steinen gezierter Erdhügel.
Lore warf sich laut wemend darüber.
„O Mutter!" jammerte sie, „höre Dein Kind, das zu Dir kommt, weil es Alle verstoßen. Du aber wirst mir glauben, wenn ich Dir sage, daß ich unschuldig bin! - O Mutter, Dein Kind ist elend, nimm es zu Dir, da es ja nicht leben kann, — schmachbeladen und ehrlos, nimm mich zu Dir, Mutter, und alles ist gut!"
Da fuhr ein Hund mit lautem Gebell auf das Mädchen zu.
Er war mit dem Todtengräber, der eben vom Gasthause heimkehrte, in den Friedhof gekommen, hatte die Anwesenheit eines Fremden gewittert, Lore zwischen den Gräbern entdeckt und schlug nun auf sie an.
Dorische» Reich.
Darmstadt, 26. September. Seine Königliche Hoheit der lvroßherzog werden morgen Mittwoch, den 27. ds. Mts. im Großh. Residenzschloß wieder Audienzen ertheilen, sowie Meldungen und Vorträge entgegennehmen.
Berlin, 26. September. Kaiser Wilhelm hat nun- inehr auch seinen Jagdaufenthalt in Ungarn beendigt, er reifte am Montag Abend 9 Uhr nach herzlichster Derab- shredung vom Erzherzog Friedrich und unter den lebhaften Zurufen der am Bahnhofe versammelten Volksmenge von Mllhacs ab; der König Albert von Sachsen und der Prinz Leopold von Bayern waren bereits Nachmittags von Mohacs abgereist. Soweit bekannt, gedachte der Kaiser am Mittwoch ilbend in Swinemünde einzutreffen und alsdann sofort an Bord der „Hohenzollern" zu gehen, deren Eintreffen in Gothenburg für Donnerstag Abend angekündigt ist. In lch.erer Stadt wird Kaiser Wilhelm vom Kronprinzen von Schweden Namens des Königs Oscar empfangen werden, worauf sich der Kaiser und der Kronprinz nach Hunneberg tegeben, woselbst die diesjährigen schwedischen Hofjagden auf Llchwild ftattfinden- am Freilag trifft auch König OScar in Hunneberg ein. Nach Beendigung seines Jagdbesuches in 6dbroeben begiebt sich der Kaiser dieect nach Rominten in
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vor, diese seine und meine Ueberzeugung schriftlich zu be« gründen. Bismarck.
— Die Urwahlen zum preußischen Landtag finden laut Bekanntmachung im „Reichsanzeiger" am 31. October statt, während die Wahlen der Abgeordneten selbst auf den 7. November seftgesetzt worden sind. Angesicht- dieses so nahen Wahltermins dürfte die Wahlbewegung in Preußen sich wohl endlich lebhafter gestalten, als dies bislang der Fall war.
Die Berliner Steuerconferenzen sollen nunmehr doch so weit zu einem Einverständniß zwischen den be- theiligten bundesstaatlichen Commiffarien geführt haben, daß die Vorlegung des Entwurfes eines TabaksabrikatsteuergesetzeS und des Entwurfes eines Weinsteuergesetzes in der nächsten Reichslagssession als sicher gilt. Was die Tabakfabrikatfieuer anbelangt, so haben die hierüber seitens der betreffenden Commission vernommenen Sachverständigen, wie verlautet, anerkannt, daß die in Aussicht genommenen Modalltaten für Besteuerung der Fabrikate den Interessen der Tabakbrauche nach Möglichkeit angepaßt seien. Ueber die Weinsteuer wird gemeldelt, daß bei den bezüglichen Verhandlungen die Hauptschwierigkeit in dem Interesse der süddeutschen Staaten an der Beibehaltung der Landesbesteuerung der billigeren Weine liege, doch sei schließlich auch hier eine Einigung erzielt worden, dahingehend, daß die Besteuerung für das Reich bei Wein von-.50 Mark per Hectoliter beginnen solle.
Berlin, 26. September. Zur Tabak-Fabrikatsteuer wird dem „B. T." aus Hamburg geschrieben: Die Tabakintereffenten von Hamburg- Altona und Umgegend werden in diesen Tagen gegen die Tabakfabrikatsteuer entschieden Stellung nehmen. Tausende von Flugblättern, tn denen kurz auf die unausbleibliche schädigende Wirkung der projectirten Steuer hingewiesen wird, sind bereits an die Interessenten zur Vertheilung gelangt, und außerdem sollen in dieser Woche vier große Protestversammlungen stattfinden, in denen anerkannt tüchtige Redner die Materie ausführlich erörtern werden, weffen die Tabakfabrikanten und Arbeiter gewärtig sein können, wenn daS Project der Tabakfabrikat« fteuer realisirt werden sollte. .
— Uebermorgen tritt die Bors en-Enq u ete - C om- mission wiederum zusammen, wie es heißt zum Zweck der
Presse lebhaft erörtert. , ftreit darüber entspannen, ob der Monarch aus eigenem Antriebe oder durch äußere Einflüsse bewogen, dem Altreichs- ianzler sein theilnehmendeS Telegramm nach Kissingen zugchen ließ. Es scheint indessen, daß Diejenigen Recht haben, welche lchaupten, daß der Kaiser seinen entgegenkommenden Schritt renenüber dem Altreichskanzler ganz aus eigener Initiative pethan habe. Auch über die Rolle des Reichskanzlers Grafen Ca-privi bei diesem bedeutungsvollen Depeschenaustausch kann man verschiedenen Auffassungen begegnen- jedoch weiß die ,Nat. Ztg." durch Nachrichten von authentischer Seite be« ftimm't zu versichern, daß der Kaiser in der Angelegenheit in
Feuilleton.
Zwangsweise „abgeschobkn".
Von Heinrich Penn.
(Schluß.)
Die Macht der Verzweiflung im Innern — eine furche bare Sturmnacht von außen. Der Wind pfiff eisig kalt von den eisigen Höhen her und trieb ihr den Regen ins Gesicht, daß sie sich vergebens in das Tuch hüllte. _
Ihre Kleider waren durchnäßt, ihre Füße, mit einfachen Schuhen bekleidet, staken in bodenlosem Morast, eisiger Frost schüttelte die Aermste wie im Fieber.
Wo sollte sie hin? — Sie wußte es nicht. Ohne auf den Weg zu achten, wankte sie weiter, unbekümmert um die Richtung. , r .
Da stand sie plötzlich an einer Mauer, ein Thor befand sich darin.
Darüber ragte ein großes schwarzes Kreuz in die Luft, unter demselben stand mit großen Buchstaben geschrieben:
„Saat, von Gott gesäet, am Tage der Garben zu reifen."
Es durchzuckte sie, — sie befand sich am Eingänge des Friedhofes. t _
Ein kleines Pförtchen neben dem Hauptthor war offen, der Todtengräber mochte noch auswärts sein.
Da dämmerte ein Gedanke in ihr empor. Im Friedhöfe drinnen, mitten unter den Hügeln von Bekannten und ehemaligen Freundinnen, befand sich auch das Grab ihrer Mutier.
Ihrer Mutter, welche die schwarzen Manner vor zwei Jahren hinausgetragen und in die kalte Gruft gesenkt. Lore aber rang oben die Hände und klagte und weinte, denn sie hatte mit der Mutter das einzige Wesen verloren, an dem sie hing mit der ganzen . Liebe ihres jungen Herzens, — sie .war eine Waise.
Und als der nächste Frühling die Wiesen mit frischem Grün überzog und Veilchen und Maßliebchen an das Tageslicht lockte, da schnürte Lore ihr Bündel, nahm Abschied vom Grabe der Mutter und zog in die Stadt, um sich dort nach ■ einem Verdienste umzusehen.
Sie hatte Glück gesucht und Elend gefunden, vielleicht
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beim und dem Fürsten Bismarck wird infolge der ; dillfach sich widersprechenden Mittheilungen über die Einzel- , heilen des Vorganges noch immer seitens eines TheileS der ;
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an Einrichtung und Umgebung zu finden glaube. Da mein Leiden nervöser Natur, so glaube ich mit meinem Arzte, datz i ein ruhiges Winterleben in den gewohnten Umgebungen und ' Beschäftigungen am förderlichsten für meine Genesung sein ! würde, daß dieselbe durch den Uebergang in neue, mir bisher ! fremde Umgebungen und Verkehrskreise, wie es eine Folge der Verwirklichung der huldreichen Absicht Euer Majestät sein würde, in meinem hohen Alter im Interesse der Beseitigung der vorhandenen Störungen meines Nervensystems zu vermeiden sein würde. Professor Schweninger behält sich
Gichener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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! vollkommenem Einverständniß mit dem Reichskanzler und mit deffen Vorwissen gehandelt hat.
Berlin, 26. September. DaS „Wolff'sche Bureau" ist I in der Lage, die zwischen dem Kaiser und Bismarck gewechselten De.p eschen zu veröffentlichen. Dieselben haben folgenden Wortlaut:
Güns, 19. September. An Fürst Bismarck, Kissingen. Ich habe zu meinem Bedauern jetzt erst erfahren, daß Euer Durchlaucht eine nicht unerhebliche Erkrankung durchgemacht j haben. Da mir zugleich, Gott sei Dank, Nachrichten über Ihre stetig fortschreitende Befferung zugegangen, spreche ich meine wärmste Freude hierüber aus. In dem Wunsch, Ihre Genesung zu einer recht vollständigen zu gestalten, bitte ich Euer Durchlaucht, bei der klimatisch wenig günstigen Lage von Varzin und Friedrichsruh für die Winterzeiten in einem i meiner in Mitteldeutschland gelegenen Schlösser Quartier aufzuschlagen. Ich werde nach Rücksprache mit meinem Hof- marschall das geeignetste Schloß Euer Durchlaucht namhaft machen. Wilhelm.
Er erblickte die Unglückliche.
„Oho!" rief er verwundert, „ein Mädchen um diese Zeit und bei solchem Wetter unter den Tobten? Das ist wahrhaftig etwas Ungewohntes!^
„Laßt mich hier," bat das Mädchen. „Ich bete auf dem Grabe meiner Mutter."
Jetzt erkannte sie der Todtengräber.
„Ah, die Huber-Lore ist's," sagte er streng. „Was heulst Du jetzt? Hättest Du Dich besser aufgeführt. Aber fort ! Das ist ein heiliger Ort, — der paßt für keine Diebin!^
Vergebens flehte Lore, der Alte möge sie hier lassen, er blieb unerbittlich und entfernte sie endlich mit Gewatt von dem Grabe.
Die Unglückliche warf noch einen Blick auf den Hügel, dann wankte sie von dannen.
„Geh, wohin Du willst," rief der Alte ihr nach, „und wenn Du wieder heimkehrst, — dann komme allein, nicht — mit dem GenSdarmen!"
Und die Thür flog hinter ihr zu.
Am nächsten Morgen fand man am Waldessäume die Leiche eines jungen Mädchens.
Man erkannte Lore Huber. Sie war — dem furchtbaren Sturme schutzlos preisgegeben — ein Opfer desselben geworden.
Nach mehreren Wochen kam vom Gerichte der nächsten Stadt an das Gemeindeamt des Dorfes eine Aufforderung, das Domicil der Lore Huber bekannt zu geben.
Ein berüchtigter WohnungSeinschleicher war verhaftet worden und hatte unter anderen Fällen auch eingestanden, jenen Diebstahl begangen zu haben, wegen dessen Lore verdächtigt, verurtheil: und nach Abbüßung der Strafe „zwangsweise abgeschobeu" wurde.
Lore war also unschuldig, aber diese Nachricht kam zu spät.
Neben ihrer Mutter lag sie draußen auf dem Friedhöfe und der Schullehrer schmückte das Grab mit Blumen uvd betete ein „Vater unser" für ihre arme Seele.


