Freitag dm 28. Juli
Nr. 175
Erstes Blatt
1893
Amts- und Anzeigeblutt für den Äreis Gieren
I Hratisöeikage: Hießener Kamitienötätter.
Banalmt von Anzeigen zu der Nachmittag» für dm falgentzm Tag erfcheinmdrn Nummer btt Borm. 10 Uhr.
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Die Gießener 7l«xt(lenl(itt<f »erden dem Anzeiger »Kchmtlich dreimal dachelegt.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 26. Juli. Seine Königliche Hoheit der Grobherzog empfingen heute u. A. den Professor Dr. Lellrna nn und den Bankier Wasserschleben aus Gießen.
Wolfsgarten, 26. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen gestern Mittag den Besuch des Prinzen Franz Joseph von Battenberg. Seine Durchlaucht blieben zur Mittagstafel und zum Thee und begaben sich mit Zug 6 Uhr 16 Minuten von Egelsbach nach Schloß Heiligenberg zurück. Am Spätnachmittag nahmen Seine Königliche Hoheit einen längeren Vortrag des Ministerial- raths Muhl entgegen, der die Ehre hatte, zur Abendtafel zugezogen zu werden.
Berlin, 26. Juli. Infolge Annahme der Militär- oorlage sollen, wie es heißt, bei den Garde-Infanterie- Regimentern vierte Bataillone schon am 1. October d. I. neu ausgebildet werden. Die Stämme werden dazu, wie bet allen Neuformationen, aus den bestehenden Truppentheilen entnommen. Um die Zahl der Unteroffiziere gleich annähernd voll zu machen, sollen die abcommandirten Unteroffiziere durch Gefreite ersetzt und in die Front wieder eingereiht werden.
— Ein Artikel der Berliner „Bank- und Handelsztg." zeigt, wie sauer an der Börse die Makler ihr Brod verdienen müssen. Das Blatt schreibt: „Die Makler, die deutsche und preußische Fonds, sowie Eisenbahnprioritäten handeln, haben selbst in den schlechtesten Zeiten Reineinnahmen von 3 00000 bis 500000 Mark dafür erzielt, daß sie während zweier Börsenstunden in ihrem Buche auf der linken Seite die anzukaufenden Summen, auf der rechten die zu verkaufenden Summen eines Anlagepapiers notiren und die Addition dieser eingetragenen Posten um 2 Uhr vornehmen. Daß diese Arbeit, die ebenso gut ein Börsenbeamter machen könnte, dem man vielleicht ein Gehalt von 1800 Mk. zahlte, und die vollständig ohne eigenes Risiko gethan wird, einen derartigen mühelosen, enormen Gewinn abwirft, ist gewiß unstatthaft, noch schlimmer aber steht es mit den Courtage-Einnahmen vieler Makler, denen große Speculationseffecten zugetheilt sind. Zum „ersten Curs" werden an manchen Tagen Millionen umgesetzt und der betreffende Makler hat die nach Tausenden von Mark zählenden Tageseinnahmen dafür, daß er die zum ersten Curs umzusetzenden Posten in seinem Buche notirt und bei Feststellung des ersten Curses die beiden Summenreihen einmal addirt. Auch diese mechanische Arbeit könnte mit Leichtigkeit ein Secretär aus der Börsenregistratur verrichten, zumal ein irgendwie geartetes Risiko hiermit gleichfalls nicht verbunden ist. Rechnet man alle diese Sinekuren zusammen, so kommt schon ein erklecklicher Theil des auf die Berliner Börse fallenden Contingentes heraus. Wir sehen absolut keinen Grund ein, der dagegen spräche, diese unverhältnißmäßig hohen Sinekuren nicht zu Gunsten der Allgemeinheit einzuziehen. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth und wir gönnen gewiß Jedem seinen durch reelle Arbeit erworbenen Gewinn. Aber das Monopol dieser Makler muß fallen! Zur Berechtigung, derartige mühelose Privilegien auszuüben, genügt es nicht, daß verwandtschaftliche Beziehungen dieser Herren zu maßgebenden Börsengrößen bestehen. Wo das Interesse der Allgemeinheit in Frage kommt, müssen persönliche Rücksichten hintangesetzt werden."
Berlin, 26. Juli. Kaum von seiner Ostseefahrt nach Kiel zurückgekehrt, wird Kaiser Wilhelm an Bord der Aachl „Hohenzollern" bereits wieder einem anderen Reiseziele entgegengetragen, dem von ihm so gern besuchten England zu. Soweit bekannt, trifft der hohe Herr am bevorstehenden Samstag in Cowes auf der Insel Wight zu einem sechs- tägigen Besuche seiner erlauchten Großmutter, der Königin Victoria, ein. Der Besuch des Kaisers in England wird dem Vernehmen nach keinerlei officiellen Character aufweisen.
— Das politische Tagesinteresse in Deutschland wird plötzlich wieder einmal durch die Frage der deut sch- russischen zollpolitischen Beziehungen in Anspruch genommen. Die Petersburger Ankündigung, wonach der neue russische Maximalzolltarif am kommenden 1. August gegenüber denjenigen Staaten, die Rußland bislang nicht das Meistbegünstigungsrecht gewährt haben, in Kraft tritt, eröffnet mir einem Male die drohende Aussicht auf einen nahen russisch-deutschen Zollkrieg. Denn zu jenen Ländern, welche Rußland noch nicht als meistbegünstigte Nation behandeln, gehört auch Deutschland und ihm vor Allem gilt zweifellos die angekündigte scharfe zollpolitische Maßnahme Rußlands. An der Newa glaubt man, durch die hohen Sätze des Maximalzolltarifs die deutsche Regierung den russischen Forderungen gefügiger zu machen, die sie in den bisherigen Handelß-
vertragsverhandlungen nicht zugestehen wollte, augenscheinlich rechnet das Petersburger Cabinet mit einem ungünstigen Ausfall der deutschen Ernte, welcher Deutschland wohl oder übel zwingen werde, auf die Getreidezufuhr von russischer Seite zurückzugreifen. Schade nur, daß diese schöne Rechnung ein Loch aufweist, denn gerade während der letzten Wochen haben sich in Deutschland die Ernte-Aussichten bedeutend ge- beffert, speciell was Roggen anbelangt- die hauptsächlichste Voraussetzung, unter welcher die Russen den Zollkrieg gegen Deutschland beginnen wollen, wäre also falsch. Anderseits könnte man deutscherseits mit einem 50procentigen Zuschlag auf alle russischen Producte dienen, die Russen würden demnach die Wirkungen eines Zollkrieges mit dem deutschen Reiche sehr bald recht unangenehm verspüren. Was die deutschrussischen Handelsvertragsverhandlungen anbelangt, so nimmt man hier und da an, sie würden trotz alledem im Rahmen commissarischer Berathungen fortgesetzt werden, was dann freilich unter den ungünstigsten Umständen geschehen müßte. Jedenfalls läßt man sich in Berlin von den Ereigniffen nicht überraschen und ist auf der Hut gegen Rußland, wovon es u. A. zeugt, daß auf Veranlassung des preußischen Handelsministers v. Berlepsch sämmtliche Handelskammern im Deutschen Reiche amtlich und auf telegraphischem Wege davon in Kenntniß gesetzt worden sind, daß der russische Maximalzolltarif gegen Deutschland am 1. August in Kraft treten wird.
— Auch in Bayern werden die diesjährigen Manöver in Hinblick auf die Futternoth beschränkt. Prinz- Regent Luitpold hat den Wegfall der Corpsmanöver und der Cavalleriedivisionsmanöoer beim 2. Armeecorps angeordnet, die 3., 4. und 5. bayerische Division werden daher nur kleinere Manöver abhalten.
Berlin, 25. Juli. Die Besserung in dem Befinden des Reichskanzlers Grafen von Caprivi har so wesentliche Fortschritte gemacht, daß Seine Excellenz sich schon wieder stundenlang im Park ergehen kann und die definitive Wiederherstellung in kürzester Zeit zu erwarten ist.
Nerreste Nachrichten.
Wolffs telegrnphischetz Correspondenz-Bureau.
London, 26. Juli. In der schottischen Kohlen- industrte trat heute thatsächlich eine Stockung ein. Viele Bergleute weigern sich zu arbeiten, andere wollen nur drei Tage in der Woche arbeiten. Der Kohlenpreis stieg pro Tonne um einen Schilling.
London, 26. Juli. Das englische Kanonenboot „Plover", welches zum englischen Geschwader in den chinesischen Gewässern gehört, erhielt den Befehl, zur Verstärkung der englischen Streitkräfte nach den siamesischen Gewässern abzugehen.
Rom, 26. Juli. Eme Berliner Depesche meldet: Prinz Heinrich wird auf Einladung des Königs Humbert den großen italienischen Seemanövern mit dem Admiral Herzog von Genua an Bord des „Lepanto" beiwohnen. Der Kronprinz von Italien wird im September den deutschen Manövern beiwohnen und theils Gast des Kaisers, theils des Großherzogs von Baden und des Königs von Württemberg sein.
Toulon, 26. Juli. Der englische Dampfer „Fernando" ist, als er das im Manövrtren begriffene Mittelmeergeschwader durchkreuzen wollte, durch das Panzerschiff „Cecille" in den Grund gebohrt worden- die Mannschaft wurde gerettet.
Depeschen deS Surceu .Herold".
Berlin, 26. Juli. Der Bundesrath hält morgen eine Sitzung ab, worin über die Ergreifung von Repressalien gegen die Inkraftsetzung des russischen Maximaltarifs beschlossen wird. — Der Staatssekretär des auswärtigen Amts, Frhr. v. Marschall, wird sich zum Vortrage beim Kaiser nach Kiel begeben. Es verlautet, der Gegenstand des Vortrages sei der russische Maximaltarif.
Berlin, 27. Juli. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus London, Salisbury und Roseberry seien eingeladen worden, mit dem Kaiser in Cowes zusammenzutreffen.
Münster, 26. Juli. Freiherr v. Schorlemer-Alst erhielt das Bildniß des Kaisers von diesem zum Geschenk.
Paris, 27. Juli. Ein Telegramm meldet aus Bangkok, der französische Gesandte Pavin habe in Begleitung fremder Gesandten die Stadt verlassen.
Paris, 27. Juli. Es verlautet, der chinesische Gesandte habe dem Minister Develle mttgetheilt, Siam habe keine Besitzungen über dem 23. Grad nördlicher Breite. — Es scheint möglich, daß die Schwarzflaggen in Tonkin wieder die
Offensive ergreifen, wenn Frankreich mit Siam in Krieg geräth.
Loudon, 26. Juli. Der „Daily Telegraph" stellt fest, daß die Lage in Siam immer verwickelter werde. Deutschland betont ebenfalls seine Interessen, die 22pCt. des ge- sammten Handels ausmachen. Soll England ruhig zusehen oder Frankreich den Krieg erklären? Wenn Lord Rosebery letzteres thut, wird er genügend unterstützt. Frankreich drängt England zu dem Dreibund durch das Verkennen der Jntereffen der befreundeten Nation und der Bereitschaft zu Wahlzwecken Blut zu vergießen.
Amsterdam, 26. Juli. Gestern begannen im Parlament die Debatten über die Erweiterung des Stimmrechts. Die Regierung ist geneigt, allen Holländern mit Ausschluß der Unwürdigen, der Analphabeten und der öffentlich Unterstützten das Stimmrecht zu gewähren. Die Regierungsvorlage wird nach Annahme eines Besserungsantrages wahrscheinlich angenommen.
totales rrrrd ^provinzielles,
Gießen, 27. Juli 1898.
* * Das gestrige Concert des Berliner Dom-Chors in Steins Saalbau vereinigte eine große Anzahl Hörer, welchen das Gebotene einen wahrhaft erhebenden Genuß bereitete. Die Leistungen der Sänger, namentlich was den ersten Theil, die geistlichen Gesänge, betraf, waren einfach großartig zu nennen. Nur schade war, daß das Podium, worauf die Sänger standen, etwas gar zu nüchtern aussah. Ein klein wenig Ausstattung wäre hier ganz gewiß am Platze gewesen.
* * Concerthaus Lahnsteiu. Wie man hört, sollen auch (nachdem der neue Saal fertig ist) außer den Dienstagsund Freitags - Abonnements - Concerten populäre Frei- Concerte bei größerem Besuche stattfinden. Wir machen an dieser Stelle ganz besonders darauf aufmerksam, daß das neu renovirte schöne Local dem verehrlichen Publikum zur Abhaltung von Bällen, Kränzchen, Hochzeiten mit freier Musik zur gefl. Benutzung steht.
* • Die drei Lehrer Präparandenanstalten in Hessen zählten im abgelaufenen Schuljahre 1892—93 182 Schüler. Davon entfallen auf Lindenfels (Starkenburg) 52, auf Lich (Oberheffen) 65 und Wöllstein (Rheinhessen) 65 Präparanden. Der Confession nach waren 131 evangelisch, 47 katholisch und 4 israelitisch. Aus Starkenburg entstammen 45, aus Äberhessen 68, aus Rheinhessen 65, Nichthessen 4. Nach dem Stand oder Beruf der Eltern sind Söhne von Lehrern 20, von Landwirthen 84, von Handwerkern und Geschäftsleuten 53, von Beamten 3, von Eltern anderen Standes 22. Nach dem Alter stehen 49 im 15. Lebensjahre, 84 im 16. Lebensjahre, 42 im 17. Lebensjahre und 7. im 18. Lebensjahre. Zu Ostern 1898 sind in die Lehrerseminarien übergetreten 81.
* * Hessens Einfuhr im Jahre 1892. Aus dem Groß- herzogthum Hessen wurden im Jahre 1892 in Bremen eingeführt Waaren im Gesammtwerth von 1,014,119 Mark - die größten Posten nehmen darunter ein Tabak, Wein, Champagner, Farbwaaren, Leder, Papier rc.- die Ausfuhr aus Bremen in das Großherzogthum Hessen erstreckte sich auf Waaren im Gesammtwerth von 2,492,328 Mk.- darunter als Hauptposten Kaffee, Reis, namentlich Tabak, Baumwolle rc. — Im Jahre 1887 betrug die Einfuhr in Bremen aus Hessen 772,521 Mark, 1888: 1,086,745 Mark, 1889: 1,021,796 Mk., 1890: 1,507,978 Mk., 1891:1,105,986 Mk.- es betrug die Ausfuhr aus Bremen nach Hessen 1887: 1,738,241 M., 1888: 1,919,128 M., 1889: 2,307,940 M., 1890: 2,312,151 M., 1891: 2,317,564 Mark.
* * Der Bericht der Verwaltung der Unterstützungskasie der hessischen Landes-Irren-Anstalten für das Rechnungsjahr 1892/93 ist im Druck erschienen. Das Berichtsjahr erscheint als das günstigste von allen seit der Gründung der Kasse verflossenen Jahren, indem im Vergleich zu dem Vorjahre 1154 Mk. an Unterstützungen mehr verausgabt worden sind, 15 145 Mk. gegen 13 991 Mk., und daß trotzdem in demselben Jahr das Capitalvermögen der Kasse von 41 378 Mk. auf 45 665 Mk. gestiegen ist. Die Zahl der Geber betrug in Starkenburg 5706 mit 4007 Mk., in Oberhessen 9316 mit 3086 Mk., in Rheinhessen 5523 mit 3315 Mk., insge- samrnt 20 545 Geber mit 10 391 Mk. Gaben. Gegen das Vorjahr hat die Zahl der Geber in Oberheffen um 333, in Rheinhessen nur um 33 zugenommen, während sie in Starkenburg um 408 zurückgegangen ist. Im Ganzen ist somit die Zahl der Geber um 42, die Summe der Gaben um 248 Mk. gefallen, während seit fast 20 Jahren die Geber und die Gaben von Jahr zu Jahr gestiegen sind. Diese ab-


