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Nr. 149 Mittwoch den 28. Juni
189S
Der Gießener Anzeiger «rscheml täglich, mit Ausnahme drS Montags
Die Gießener Aknmikien V kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal tzeigelegu
Giessener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
8<terteljäbviger ASonnementsprel»: 2 Mark 50 P'g. mir tiunacvlohn.
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Amts- und Anzeigeblntt füv den Kreis Gietzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Kamitienblatter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtlid?ee- Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Odenhausen.
Nachdem in mehreren Gehöften und unter 2 Schafherden gu Odenhausen die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist, haben wir die Sperre der ganzen Gemarkung Odenhausen verfügt. Es dürfen demnach Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine aus der Gemarkung Odenhausen nur zur sofortigen Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß auf Grund eines thierärztlichen Zeugniffes ausgeführt werden.
Auch ist das Ausfahren mit Rindviehgespannen aus der Gemarkung, das Durchfahren von Rindviehgespannen, das Durchtreiben von Rindviehstücken, Schafen, Ziegen und Schweinen durch die Gemarkung verboten.
Gießen, den 24. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juni. Von den in den Tagen des 22. bis mit 24. Juni vorgenommenen Stichwahlen waren bis Montag früh 138 bekannt, welche sich wie folgt Vertheilen: 21 Conservative, 7 Freiconservative, 28 Nationalliberale, 7 Freisinnige Vereinigung, 20 Freisinnige Volkspartei, 6 süddeutsche Demokraten, 9 Centrum, 5 Welsen, 5 Polen, 20 Socialdemokraten, 10 Antisemiten. Ehe sich aber ein vollständiger Ueberblick über die gesammten Ergebnisse der Stichwahlen ermöglichen läßt, müssen natürlich erst noch die am Montag im rechtsrheinischen Bayern und einigen kleineren Bundesstaaten vollzogenen engeren Wahlen bekannt sein. Bei den bis Samstag Abend vollzogenen Stichwahlen haben die
Nationalliberalen und die Socialdemokraten verhältniß- mäßig die meisten „Geschäfte" gemacht. Zwar verloren erstere einige ihrer bisherigen Reichstagssitze, unter welchen Ver- lüsten derjenige Straßburgs an die mit dem clericalen Pro- testlerthum verbündete Socialdemokratie wohl der schmerzlichste sein dürfte. Anderseits errangen die Gemäßigt-Liberalen namhafte Erfolge, wozu besonders auch die Eroberung von vier badischen Wahlkreisen — Mannheim, Heidelberg, Pforzheim, Lörrach — gehört; die nationalliberale Partei Badens, welche bei den Reichstagswahlen des JahreS 1890 völlig leer ausging, entsendet also jetzt wieder einige Vertreter in das deutsche Parlament. Die Socialdemokraten haben durch die Sttchwahlen von voriger Woche ihren im ersten Wahlgange errungenen 24 Mandaten 20 weitere Mandate hinzugefügt, von alten Sitzen gingen ihnen nur Lübeck, Halle a. d.S. und Mannheim verloren. Auch die freisinnige Volkspartei kann mit einer gewissen Genugthuung auf die Stichwahlen blicken, da es ihr hierbei durch die Unterstützung der heterogensten Parteien gelungen ist, doch gegen 20 Mandate einzuheimsen, was den Schiffbruch dieser Partei bei der Hauptwahl wenigstens einigermaßen abschwächt. Freilich hat sie selbst bei den Stichwahlen noch empfindliche Niederlagen erlitten, wie sie den Freisinnigen hauptsächlich in Berlin durch den Uebergang des 2., 3. und 5. Wahlkreises an die Socialdemokratie bereitet worden sind. Gut behauptet hat sich das Centrum bei den Stichwahlen, das muß schon zugegeben werden, auch die württembergischen Demokraten haben hierbei ihre alten, von den Nationalliberalen ernstlich bedrohten Wahlkreise durchgehends gehalten. Die Antisemiten können auf einen förmlichen Siegeszug zurückblicken, denn sie gewannen in den engeren Wahlen 6—7 neue Sitze und behaupteten sich in Hessen. Die Polen siegten, Dank der Uneinigkeit unter den Deutschen, in fünf Wahlkreisen und die Welfen endlich, welche bei den Hauptwahlen, gleich den freisinnigen Volksparteilern, kein einziges Mandat davon- | trugen, haben jetzt mit Hilfe der Socialdemokraten deren fünf
erlangt. Greift man nun auf die Ergebnisse der Hauptwahl zurück und zählt diejenigen der Stichwahlen von voriger Woche hinzu, so ergibt sich folgendes Bild: Gewählt 70 Conservative, 18 Freiconservative, 43 Nationalliberale, 90 Centrum, 10 freisinnige Vereinigung, 20 freisinnige Volkspartei, 10 süddeutsche Volkspartei, 5 Welfen, 17 Polen, 44 Socialdemokraten, 13 Antisemiten, 9 Elsässer, 1 Däne, 5 FractionSlose. Demnach hängt es von der Vertheilung der restirenden 42 Mandate an die einzelnen Parteien ab, ob sich im neuen Reichstage wirklich eine Mehrheit für die Militärvorlage ergeben wird- bis jetzt steht dies noch keineswegs so unbedingt fest.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 26. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine am 24. dss. Mts. zwischen den Bevollmächtigten deS Deutschen Reiches und Serbiens unterzeichnete Erklärung, wonach Serbien dem Deutschen Reiche bis zum 31. December 1893 jedenfalls die Meistbegünstigung gewährt und die deutsche Regierung sich verpflichtet, darauf Bedacht zu nehmen, daß noch vor dem 31. December 1893 entweder die Ratification des am 21. Mai 1892 in Wien abgeschlossenen Handels- und Zollvertrags herbeigeführt oder Serbien die Metttbegünstigung gewährt werde.
Hamburg, ^.Juni. Bebel hat das Reichstagsmandat für Hamburg angenommen.
Breslau, 26. Juni. Der Deutsche Aerztetag, an dem 150 Delegirte des Aerztevereins theilnehmen, wurde heute Vormittag durch Sanitätsrath Graf-Elberfeld eröffnet. Der Redner wies auf die Gefahren hin, die in dem übertriebenen Studiuüi der Spezialfächer liegen, das schließlich auf den falschen Weg führe, über dem kranken Organe den kranken Menschen zu vernachlässigen. Redner nahm entschiedenste Stellung gegen die modernen Wunderthäter, den Ge-
Feuilleton.
Frankfurter Thesterbrief. *) (Originalbericht für der „Gießener Anzeiger".) Vasantasena. — Gastspiel Friedrich Mitterwurzers. — Die Italiener Gemma Bellincioui und Roberto Stagno.
Dr. M. Daß die „mondbeglänzte Zaubernacht" für unsere Bühnendichter und das auf die moderne Richtung dressirte großstädtische Theaterpublikum noch keineswegs dahingeschwunden ist, beweist der Erfolg der „Vasantasena". Der altindische König Sudiaka, den Emil Pohl, der heitere Schwankdichter, durch eine geschickte Neubearbeitung von den Todten auserweckt hat, darf sich in Frankfurt getrost und mit Erfolg in die Gesellschaft von Hauptmann, Giacosa, Verga, Sudermann rc. wagen.
Von der Poesie, die an den Fluren des Ganges erblüht ist, hat die große Menge, es ist das ja auch nicht anders zu erwarten, etwas traumverschwommene Vorstellungen. In der Hauptsache betrachten wir die Welt Indiens unter dem Gesichtspunkt eines Heine'schen Lyrismus. Vollends das Bajaderenthema hat für unsere Begriffe, Dank der unsterblichen Dichtung Meister Goethes, alles Heikle und Abstoßende verloren. Eine Bajadere ist etwas ganz anderes als eine Cameliendame oder eine Manon Lescondt! Was doch Costüm und Decoration nicht alles zu Wege bringen. Eine Geschichte, die sich am Ganges zuträgt, bekommt durch die räumliche Entfernung einen romantischen Schimmer. In Paris oder Berlin könnte sich das Sujet, wenn man von der politischen Nebenhandlung absieht, auch recht wohl gestalten, dann hätten wir cs aber mit einem realistischen Sittenbilde zu thun.
Die Bajadere Vasantasena, eine Art indische Aspasia, der die Reichsten und Vornehmsten ihres Volkes zu Füßen liegen, liebt den hochherzigen, aber gänzlich verarmten Brah- manen Karudatta. Diese Liebe reinigt sie von ihrem bisherigen Wandel und erhebt sie schließlich nicht nur moralisch, sondern auch social über die verachtete Bajaderenkaste. In der Pohl'schen Bearbeitung ist Karudatta Wittwer, im indischen Original bereits verheirathet. Dies polygamische Moment, welches Sudraka ebensowenig wie den Dichter der „Sakun- tala" gestört hat, ist von dem deutschen Umbildner
*) Von heute ab bringen wir allwöchentlich einen „Frankfurter Theaterbrief", welcher die Bühnenereignisse unserer Nachdarstadt in kritischer Beleuchtung resumirend zusammenfaßt.
Die Redaction des „Gieß. Anz."
unseren abendländischen Sittenbegriffen zu Liebe, absichtlich beseitigt worden.
In das große Liebesduett, welches Vasantasena und Karudatta zusammen aufführen, und welches sich die Operncomponisten nicht entgehen lassen sollten, wird eine Jntrigue geschlungen, die das dramatische Leben des Stückes darstellt.
Samsthanaka, der Schwager des regierenden, aber sehr unpopulären Königs Palaka, stellt der schönen Vasantasena nach. Sein brutales Wesen erinnert uns an den Gianettino des Schiller'schen „Fiesko". Die Bajadere weist ihn verächtlich ab, wodurch sich seine Leidenschaft und Rachbegier natürlich erst recht entflammen. Ein Zufall bringt sie ihm in den Weg in einem einsamen Park, wohin Vasantasena sich ' begeben hat, um dort mit Karudatta zusammen zu treffen. • Inhaltlich unterscheidet sich dieser Auftritt für unser Gefühl ; in nichts von jener nächtlichen Zimmerscene in Wildenbruchs ? „Haubenlerche", die so großen Anstoß erregt hat. Zwischen ‘ dem Wagen Samsthanakas, in welchen Vasantasena aus Versehen gerathen, und dem Junggesellenzimmer Hermanns, in das sich die arglose Lene hat locken lassen, ist kein Unterschied in Wirklichkeit — nur das Costüm schafft eine Scheipdifferenz. Das möge man beachten! Da Vasantasena den unwillkommenen Freier mit Hohn und Schmähungen überhäuft, packt dieser sie an der Kehle, würgt sie und verläßt dann eiligst den Ort der Thal. Vasantasena aber wird von einem Bettel- mönch ins Leben zurückgerufen. Samsthanaka hat inzwischen den Verdacht des Mordes auf Karudatta lenken können- dieser kann sich in der Gerichtsverhandlung, die den 4. Act füllt, nur mangelhaft vertheidigen, da er nicht angeben will, wo er in der Stunde der Ermordung Vasantasenas geweilt habe. Karudatta hat den jungen Hirten Ariaka, den Kronprätendenten, während dieser Zeit den Verfolgern entzogen. Das Erscheinen Vasantasenas, die im Augenblicke kommt, da ihr Geliebter zum Tode geführt werden soll, offenbart dessen Unschuld. Samsthanaka, der tückische Prinz, möchte in seiner Wuth jetzt beide sterben lassen, aber ein siegreicher Volksausstand, an dessen Spitze Ariaka steht, kommt den Liebenden zu Hilfe, begründet ihr Glück und stürzt die verhaßte Dynastie.
Die Charakterzeichnung des Dramas hat die weichen, fließenden Linien der indischen Poesie. Von Mark und kräftiger Muskulatur spürt man wenig. Dafür ist die Dichtung reich an Bilderpracht und orientalischer Spruchweisheit. Hier einige Proben: „Man bindet Elephanten an den Pfahl, und an den Stecken bindet man die Rose, und eine Frau ans Herz — das merke wohl." — „Was ist die Erde, was sind die Menschenloofe? Sie sind wie Krüge an dem
Brunnenrand, bald voll, bald leer, und mancher auch zerbricht."
Frl. Gündel, welche in Frankfurt die Vasantasena giebt, hat trotz ihrer ausgedehnten Beschäftigung mit dem modernen Repertoire nicht die weichen, gefühlsseligen Töne verlernt, wie sie die Welt der Romantik fordert.
Herr Barthel findet für den Karudatta, der sich mehr als Liebhaber wie als Brahmane zu zeigen hat, innerlich und äußerlich eine glückliche Repräsentation.
Das Gastspiel Friedrich Mitterwurzers sand keinen günstigen Boden. Künstlerische wie pecuniäre Erfolge hat eigentlich nur der letzte Abend getragen, der den Gast in 4 Einactern sah, in zwei deutschen und zwei romanischen, in der Plauderei „Mein neuer Hut" von Bernstein, in dem Rosen'schen Lustspiel „Ein Knopf", in dem französischen Schwank „Nach dem Ball" und in dem italienischen Schwank „Ein Mustergatte". Vom ästhetischen Standpunkt mag man es ja beklagen, daß ein Schauspieler ersten Ranges seine Kraft an verhältnißmäßig so untergeordnete Aufgaben setzt, an literarische Fadaisen, die — ausgenommen die Bernstein'sche Plauderei, der wirklich Geist und Gemüth zu Grunde liegt —, aber man muß hinzusügen, daß man sich für den Theaterbesucher kaum ein größeres Amüsement denken kann, als zu sehen, wie Mitterwurzer mit diesen Nichtsen in genialer Virtuosität umspringt, wie er Auge und Ohr unwiderstehlich an jede seiner Bewegungen, jeden Zug seines Mienenspiels fesselt. Zwanglos, wahrhaft schöpferisch und dabei naiv zeigt sich das Talent des Gastes in diesen Kleinigkeiten. Im Unterschied zu seinen temperamentvollen Lustspielfiguren berühren seine tragischen Charactere, vor allem sein „Hamlet", trotz manches packenden Zuges, studirt und forcirt.
Die Frankfurter erfreuen sich jetzt des Glückes, italienische Musik von echten Italienern zu hören.
Gemma Bellincioni und Roberto Stagno vertreten darin die neue Schule, daß sie mit ihrer Gesangkunst großes schauspielerisches Talent verbinden. Für Mas- cagnis „Cavalleria" nehmen sie durchweg die rusticale Auffassung in Anspruch, d. h. sie halten die „Bauernehre" frei von jenem hohen, verstiegenen Ton, den die meisten deutschen Sänger in den beiden Hauptgestalten anschlagen. „Santuzza" und „Turrido" sind bei den Sellin cioni und Roberto Stagno derbe Gestalten aus dem Dorfleben.
Tascas „A Santa Lucia“ wird den Gästen Gelegenheit geben, in den Partieen der „Rosella" und des „Ciccillo" weitere Proben ihrer realistischen Schaffenskraft zu bieten.


