Ar. 123 Erstes Blatt
Sonntag dm 28. Mai
1893
Der Oi-Ktner Knjtigrr erscheint täglich, mü Ausnahme des
Wfontag«.
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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Amtliche»» Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Schafräude zu Stangenrod.
Nachdem die unter den Schafen zu Stangenrod ausgebrochene Räude erloschen ist, wird hiermit die über die Gemarkung Stangenrod verhängte Sperre aufgehoben.
Gießen, den 26. Mai 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.___________________
Gießen, den 25. Mai 1893. Betr. - Das Verdingungswesen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
In der Buchhandlung des Gr. Staatsverlags zu Darm« siadt find die allgemeinen Vertragsbedingungen für die Ausführung von Ttaatsbauten, sowie die Bedingungen für die Bewerbung um Arbeiten und Lieferungen, die Sie künftighin als Unterlagen für die von Ihnen zu.vergebenden Bauarbeiten benützen wollen, erschienen und können von derselben zusammen zum Preise von 20 Pfg. bei der Abnahme von 1 bis 10 Stück und 15 Pfg. bei Abnahme von mehr als 10 Stück bezogen werden. Getrennt werden diese beiden Drucksachen nicht abgegeben.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Die Provinzial - Fohlenweide bei Merlau beginnt in diesem Jahr wegen seitheriger allzutrockener Witterung erst am 15. Juni. Die Fohlen müssen an diesem Tage zwischen 10 und 1 Uhr Mittags daselbst mit gezeichneter Halfter und Kette, sowie mit Gesundheitsschein von Grobherzoglicher Bürgermeisterei oder Veterinärarzt abgeliefert und den 15. October d. I. um dieselbe Tageszeit abgeholt werden, wobei der Besitzer beim Einfangen behilflich sein muß.
Die Fohlen erhalten, nebst Behandlung und Weidefutter auf circa 34 Hektaren, bei trockenem Wetter Kleegras oder bei nassem Wetter Heü und außerdem pro Tag und Stück IV2 Pfund Hafer aus der Vereinskasse. Jeder Besitzer kann jedoch Haferzusatz in Natur oder durch Selbstzahlung geben lassen.
Das Weidegeld für bezeichnete Zeit von vier Monat beträgt pro Fohlen 39 Mk. 04 Pf. oder pro Tag 32 Pf. und muß die Hälfte beim Eintrieb und die andere Hälfte vor dem 1. August l. I. an die Verwaltung resp. Groß- herzoglichen Baurath Dr. Dieffenbach in Grünberg bezahlt' werden. Allenfallsige Kurkosten der Fohlen muß der Eigen- thümer bezahlen. Letzterer kann wegen begründeter Verhältnisse sein Fohlen zu jeder Zeit zurücknehmen und bezahlt dann nur die benutzte Weidezeit. Kranke und bösartige Thiere, sowie über li/i Jahr alte Hengste, welche die anderen Thiere stören, können ausgeschlossen werden. Sonstige Auskunft er- \ theilt der genannte Grobherzogliche Baurath Dieffenbach. — i Bei weiter anhaltender trockener Witterung kann die Weide ; auch früher geschlossen werden.
Laubach, den 20. Mai 1893.
Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberheffen. ! _____________Friedrich Graf zu Solms-Laubach._____________
Gefunden: 1 Gummischnur, 2 Taschentücher, 1 Geld- beutel mit Inhalt, 1 Paar Handschuhe, 1 Drahtkörbchen, 1 Kinderkragen, 1 Gartenmesser und Putzgeschirr.
Gießen, den 27. Mai 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Mai. In der w e st f äl ischen Cent rums- partei hat die Milirärsrage zu einer zweifellosen Spaltung geführt. In Münster fand dieser Tage eine zahlreich besuchte Versammlung von Vertrauensmännern der westfälischen Centrumspartei statt, die einen sehr bewegten Verlauf nahm. Es zeigte sich, daß in der Versammlung die Anhänger der jetzigen Centrumsleitung in der Mehrheit waren, denn gegen etwa 50 Stimmen wurde, der sich an den officiellen Wahlaufruf des Centrums anlehnende besondere Wahlaufruf der westfälischen Centrumspartei angenommen. Zu lebhaften Auseinandersetzungen führte die Candidatenfrage. Freiherr v. Schorlemer-Alst forderte, daß vier Berufslandwirthe mit als Centrumscandidaten in Westfalen aufzustellen seien, mit welchem Verlangen indessen Herr v. Schorlemer nicht durchdrang, infolgedessen er nebst seinem engeren Anhänge den Saal verließ. Da Freiherr v. Schorlemer-Alst auf dem Boden der Militärvorlage, resp. des Antrages Huene steht, so schließen die Münster'schen Vorgänge zweifellos zugleich
eine Scheidung zwischen den Gegnern und den Anhängern der Militärvorlage innerhalb der westfällischen CentrumSpartei in sich, so daß letztere vermuthltch mit Sondercandidaturen vorgehen werden. Bereits hat sich denn auch Herr v. Schorlemer mit einem besonderen Aufrufe an die westfälische Gen« trumswählerschcfft gewendet, in welchem die Aufstellung von Sondercandidaten, die der Militärvorlage geneigt sind, angekündigt wird.
— Der deutsche Lehrertag in Leipzig ist am Donnerstag mit Gesang und einem sich anschließenden Hoch auf den Kaiser geschlossen worden.
Frankfurt a- M., 26. Mai. Wie die „Frankfurter Ztg." meldet, hat Leopold Sonnemann die ihm von der hiesigen Volkspartei angebotene ReichStagscandidatur angenommen und wird von der freisinnigen Volkspartei unterstützt werden.
Neueste Nacheichten.
WolffS telegraphische« Eorrefpondenz-Bureau.
Leipzig, 26. Mai. Die diesjährige Hauptversammlung des Deutschen Vereins für Knabenhandarbeit wurde heute Vormittag durch den Vorsitzenden v. Schencken- dorff mit einer warmen Erinnerung an die verstorbenen Mir- i glieder Lammers und Grünow und einem Hinweise auf die | seitherige kräftige Entwickelung der Bewegung in Deutschland : eröffnet. Professor Biedermann wurde in Anerkennung seiner j hervorragenden Verdienste um die Bestrebungen des Vereins i zum Ehrenvorsitzenden ernannt; derselbe dankte in warmen ! Worten. Professor Marshall-Leipzig sprach in überzeugender ! und anschaulicher Weise über die Entwickelung der Hand in \ ihrem Einfluß auf den menschlichen Geist; Hertel-Zwickau ; hielt einen Vortrag über die Bedeutung des HandfertigkeitS- : Unterrichts für die Geschmacksbildung der deutschen Jugend. Als nächstjähriger Congreßort wurde Danzig bestimmt. Mit einem Hoch auf die gastfreundliche, ächt deutsche Stadt Leipzig wurde die Versammlung geschlossen.
Bremen, 26. Mai. Der Senat erhielt vom Kaiser ein Schreiben, wonach er die Einladung, der am 18. October stattfindenden Enthüllungsfeier des Reiterstandbildes Wilhelm I. beizuwohnen, freudig annimmt. Es werde dem Kaiser zum Vergnügen gereichen, wieder in der Stadt zu weilen, an die sich aus der Zeit seiner Anwesenheit im April 1890 die angenehmsten Erinnerungen knüpfen.
Feuilleton.
Wochenbriefe aus der Refiben?.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".) Darmstadt, 26. Mai 1893.
Die Trockenheit. — Die Gemäldeausstellung. — Allerlei.
Pfingsten ist gekommen und gegangen — doch damit der so sehnsüchtig erwartete Regen ist nicht gekommen, und wie viele unserer braven Residenzler hätten gerne ihre Pfingst- tour geopfert, wenn nur der Himmel statt seiner ewig heiteren, lachenden Miene, ein trübes, umwölktes Antlitz gezeigt hätte. Da dies nun jedoch einmal nicht war, weshalb hätte man da nicht das gebotene herrliche Wetter benutzen sollen, um sich in Gottes freier Natur zu tummeln? Indessen wie traurig contrastierten die prächtig bunten Toiletten zu dem fahlen Gelb, in welchem überall, wo Sandboden ist, und daran hat Darmstadt bekanntermaßen keinen Mangel, die Felder erscheinen. Heu giebt es fast gar nicht, und der Futtermangel ist schon so weit vorgeschritten, daß man allenthalben das Korn abmäht, um es grün mit dem Vieh zu füttern. Die Kartoffeln bieten ebenfalls einen jämmerlichen Anblick. Selbst in den Gärten sieht es, obwohl da reichlich gegossen wird, ziemlich traurig auS. Am besten noch steht es mit den Trauben, diese sind an guten Stellen alle in schönster Blüthe rmd lassen, wenn der Himmel nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht, einen sehr guten Herbst erhoffen. Freilich in Ihrer Musenstadt wird auch nicht gerade eine arktische Kälte herrschen, und der Fluß, von dem im Studentenmunde Gießen den Namen „Lahn-Athen" führt, mag eben auch nicht gerade ob seiner „Größe", in der er sich zeigt, beneidens- werth sein, und doch will es mich nach den Berichten Ihrer Blätter bedünken, als ob es bei uns heißer wäre, und nun gar unser „Strom", von dem Darmstadt seinen Namen führt — er hat sein Fortbestehen vorläufig eingestellt und mir ein steiniger Pfad bezeichnet den Ort, an dem er in b efferen Tagen seine allerdings auch dann kümmerliche Existenz fnlftete. So steht Darmstadts „See", der „große Woog",
auf den jeder eingeborene Residenzler, besonders aber jeder echte „Heiner" — so nennt man den wirklich originellen Bewohner der Altstadt — nicht wenig stolz ist, völlig nahrungSlos da, und wenn ihm nicht künstlich dieselbe gewährt wird, so wird, wenn diese" tropische Hitze anhält, die Zeit nicht mehr allzu ferne liegen, an dem ihm ein gleiches Geschick, wie seinem Zuflusse droht. Doch genug von der Hitze, man leidet schon an sich sattsam unter ihr und das lange Reden über sie könnte die Qualen nur noch vergrößern.
Daß trotz der allgemeinen Dürre in der Natur bis jetzt gottlob noch keine geistige Dürre bei den Bewohnern unserer Stadt eingetreten ist, das zeigt nicht zum wenigsten der rege Besuch der Gemäldeausstellung, welche unser in mächtigem Gedeihen aufblühender Kunstverein am vorigen Sonntag in seiner Galerie im früheren „Rheinthor" eröffnet hat. Am meisten sind unter den Ausstellern die Münchener vertreten und ihre Arbeiten bieten, im Ganzen genommen, nur Vorzügliches. Von ganz besonderem Interesse für den Darm- städter sind dann fernerhin fünf Portraits unseres Landsmannes, des ja auch sonst überall rühmlichst bekannten Hofmalers H. R. Kröh. Es sind zwei Oelgemälde und drei Pastellbilder, alle gleich ausgezeichnet durch die hervorragende Auffassung und Wiedergabe des Gesichtsausdrucks, wie durch die prächtige Ausführung der Gewänder. Von Landfchafts- bildern ist besonders hübsch in der Art der Farbengebung ein „Gebirgsbach im Schwarzwald" von dem Karlsruher H. Dischler, nach der Natur ausgenommen. Gerade in diesem Genre ist von den Münchenern noch manches Sehens- werthe ausgestellt, so von P. Webern eine „Landschaft mit Schafe", von H. Bai sch ein Werk mit dem Titel „Kühe an der Tränke". Professor E. Pracht in Berlin bearbeitete mit vielem Geschick einen Stoff aus Italien „Das Quell- heiligthum" betitelt. Vielleicht würde jedoch der Gesammt- eindruck noch günstiger sein, wenn einzelne Parthien etwas weniger grell beleuchtet wären. A. Schmitt in Karlsruhe ist mit der Darstellung einer Scene aus em Landleben vertreten; „Beim Mosten" ist das Gemälde betitelt, dem in Bezug auf Naturwahrheit kein Vorwurf gemacht werden kann,
eher vielleicht wegen einer gewissen Eintönigkeit der Behandlung des Colorits. Eine große Anziehung übt dann ein mehr humoristischer Stoff aus, den A u g u st H ey m (München) mit vielem Fleiß und Talent bearbeitet hat. Zwei Knaben balgen sich gegenseitig unter den Anzeichen größter Erbitterung in Mienen und Geberden, wobei es ohne eine tüchtige Schramme natürlich nicht abgeht, während die umstehenden Geschwister ihre Helle Freude an dem Kampfe zeigen. Verschiedenartige Motive von der Küste sind von dem Münchener L. Dill („Italienische Fischerboote"), von dem Kasseler E. Neumann („Strand an der Westküste von Norwegen") rc. dargestellt. Ein überaus vollendetes Kunstwerk, womit ich meine kurze, selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit machende Uebersicht schließen will, ist ein „Seestück" deS Brüsseler Malers P. I. Clays. Dies dürfte vielleicht das Beste sein, was in diesem Fache geboten ist.
Im übrigen ist in den künstlerischen Genüssen, seitdem unser Hostheater geschlossen ist, jetzt eine gewisse Ruhe eingetreten. Desto heftiger tobt jedoch die Wahlagitation, besonders bei den Socialdemokraten, die am letzten Samstag eine große Versammlung abhielten, in der der neue Reichs« tags-Candidat den „Genossen" präsentirt wurde, ward auch während der Feiertage tüchtig „gearbeitet" durch Vertheilung von Flugblättern rc. Jedenfalls haben sie Aussichten, in die Stichwahl mit den Nationalliberalen zu kommen, da, wie man hört, von den Deutschsocialen Hofprediger a. D. Stöcker dahier aufgestellt werden soll, wodurch eine Zersplitterung der Stimmen für die Gegenpartei stattfinden würde. Doch „ein politisch Lied, ein garstig Lied!" Ich will lieber Ihren freundlichen Lesern schon jetzt berichten, daß am nächsten Sonntag in unseren Mauern ein anderer, erfreulicherer Kampf stattfinden wird, nämlich der Kampf um die „Meisterschaft auf dem Niederrad in Hessen für das Jahr 1893". Es wird dieser um so interessanter werden, als der Sieger des letzten Jahres, Herr H. Opel, wiederum auf dem Plane erscheinen wird, um seinen Platz als hessischer Meister« sahrer zu behaupten. Z.


