1893
Freitag den 27, October
Erstes Blatt
«Ar. 253
Gratisbeilage: Gießener Kamilienblätter.
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v. Gagern.
Iniahme von Lnzrigen zu bcr Nachmittag» für bcn Micnbcn Lag erschrinenbrn Nummer bi» vorm. 10 Uhr.
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Neueste
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin. 25. October. Der Bundesrath beschloß, die in der Session des Reichstages 1892/93 unerledigt gebliebene Vorlage, betreffend die Abänderung des Gesetzes über Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen, unverändert wieder vorzulegen.
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Ausland.
__ Seit Montag ist im österreichischen Abgeordnetenhause die große Redeschlacht um die Wahlreform im Gange. Sie wurde durch die bündige Erklärung des Grasen Taaffe, die Regierung gedenke unter allen Umständen an den Grundzügen ihrer Wahlreform - Vorlage festzuhalten, eingeleitet- dann begannen die einzelnen Redner aus dem Hause, die Stellung ihrer Partei zur Wahlresorm darzulegen. Hierbei erklärten sich die Generalsprecher der Conservativen, der Polen und der Deutschliberalen, entsprechend den Beschlüssen der drei großen Clubs in der Wahlreformfrage gegen die Regierungsvorlage, womit man deren Schicksal als besiegelt betrachten kann. Indessen kommt es bei der augenblicklichen parlamentarischen Lage zunächst nicht auf diese vorauszusehende Niederlage der Regierung an, den kritischen Punkt bilden vielmehr die Prager Ausnahmeverordnungen- doch wird die entscheidende Abstimmung über dieselben wohl erst in nächster Woche stattfinden.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 25. October. Gutem Vernehmen nach hat sich der Finanzminister Miquel in einem Privatgespräch dahin geäußert, die Regierung könne auf die Liebesgabe an die Branntweinbrenner nicht verzichten. Der Reichsschatzsecretär müsse mit neuen directen Einnahmequellen füv» das Reich rechnen, nachdem ihm die Gelegenheit, den Reichssäckel mir Matricularbeiträgen zu füllen, nicht mehr gegeben sei.
Berlin, 25. October. Der „Reichsanzeiger" meldet: Nach einer vom Reichseisenbahnamt ausgestellten Ueber- sicht betrugen die September-Einnahmen aus dem Personenverkehr 32 516 893 Mark oder 5 618 666 Mark mehr als in dem gleichen Monat des Vorjahres. Aus dem Güterverkehr resultirten 75455371 Mark oder 5206382 Mark mehr als im Vorjahre.
Berlin, 25. October. Die hier anwesenden Finanz- minister setzten heute die Beratungen fort und es wird angenommen, daß die Conferenz heute beendet ist.
Berlin, 25. October. Der „Reichsanzeiger" meldet aus Tilsit zwei Neuerkrankungen an Cholera, aus Stettin eine Erkrankung und zwei Todesfälle früher Erkrankter.
Berlin. 25. October. Infolge der bekannten Verhaftungen von Fahrbeamten der Stettiner Bahn ist auf letzterer ein empfindlicher Mangel an Fahrpersonal eingetreten. Sämmtliche Hilfsbeamte und Hilfsbremser sind zur Führung der Züge herangezogen.
Berlin. 25. Ocrober. Der gestern als choleraverdachttg eingelieferte Schiffer ist an der asiatischen Cholera gestorben.
Köln. 25. October. Socialdemokratischer Parteitag. In der Nachmittagssitzung wurde die Anwesenheit von sechs Solinger Genossen beanstandet, weil nur drei von den übrigen Kreisen zugelassen worden waren. Aus der hierauf folgenden Discussion ergab sich, daß die alten Streitigkeiten in Solingen fortdauern, weshalb auch die Entsendung von je drei der sich befehdenden Parteien erfolgte. Eine siebengliedrige Commission soll entschließen, welche drei von den sechs Genoffen ausgeschieden werden sollen. Abgeordneter Auer sagt in einem Resums über die gestern und heute fit1
Alle Lnnoncrn.vurraux be» In- und AuSlanbe» nehm« Anzeigen für ben „Gießener Anzeiger" entgegen.
Berlin, 25. October. Nach einem bei dem Antisklaverei- Comitö eingelaufenen Bericht bestand der Dampfer „Hermann v o n W i ß m a n n" am 12. August auf dem N y a s s a - See mit gutem Erfolge seine Probefahrt. Trotz der Ungeübtheit des Personals machte der Dampfer bereits acht Seemeilen in der Stunde.
Berlin. 25. October. Das kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerafälle bekannt: In Ragnit (Ostpreußen) starb ein Arbeiter an Cholera- in Tilsit kamen zwei Neuerkrankungen vor. In Stettin wurde bei einer am 18. d. M. erkrankten Person Cholera festgestellt- von den früher Erkrankten starben zwei. In Stepenitz (Kreis Kammrn) kam eine Neuerkrankung vor. Bei einem Schiffer, der auf einem die Havel abwärts kommenden Flußfahrzeug bei Plötzensee im Schleusenwege des Berlin-Spandauer Schifffahrts-Canals erkrankte, wurde im Krankenhause Moabit Cholera nach- gewiesen. .
Berlin, 25. October Die heutige Sitzung der medi- cinischen Gesellschaft gestaltete sich zu einer nachträglichen glänzenden Huldigung für den Ehrenpräsidenten Virchow anläßlich seines jüngst gefeierten 50jährigen Doctor-Jubiläums. Virchow wurde, als er auf den bekränzten Präsidentensitz zuschritt, von der Versammlung, die fast alle Aerzte Berlins und sämmtliche Professoren und Do- centen umfaßte, stürmisch begrüßt. Professor Bergmann überreichte ihm mit einer huldigenden Ansprache eine Adresse der medicinischen Gesellschaft - Professor Rindfleisch-Würzburg überreichte eine Adresse der Würzburger Facultär und Professor Ponfik- Breslau überbrachte die Glückwünsche der dortigen Facultät. Diese beiden Schüler Virchows hielten dem Meister zu Euren SSotu’dge über Wissenschaft-^ Themata, die aus die grundlegenoen Entdeckungen Virchows zurückgreisen. Virchow antwortete auf sämmrliche Ansprachen persönlicher und wissen- schaftlicher Natur. Gegen 9 Uhr aber verabschiedete er sich, denn der Gelehrte verwandelte sich in den Volksmann, den eine Wähleroersammlung rief.
Berlin. 25. October. Die „National-Zeitung" bezeichnet auf Grund sicherer Erkundigungen die Blättermeldungen über die Stempelsteuer-Vorlage als bloße Combinationen. Unzweifelhaft werde eine Erhöhung der Börsensteuer in erster Reihe beschlossen werden, eine Vorlage, betreffend die Abänderung der Besteuerung der Börsengeschäfte, sei aber bisher wederbeschlossen, noch ausgearbeitet. Für die Emissionssteuer bestehe keine Neigung. Eine allgemeine Reichsquittungssteuer werde erwogen.
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 25. October. Seine Königliche Hoheit der SroßHerzog empfingen heute den Generallieutenant z. D. ».Lhappuis, den Major Cramolini, Bataillons-Com- Mdeur im Infanterieregiment Graf Werder (4. Rheinisches)
30, den Premierlieutenant v. Stülpnagel vom : 3. Großh. Infanterieregiment (Leibregimenr) Nr. 117, com- ganbirt als Adjutant zum Bezirkscommando II Darmstadt, W Premierlieutenant Frhrn. v. Ricou vom Naffauischen U>arüllerie-Regiment Nr. 27, den Pfarrer Drescher aus -Lc-ipertheim, den Fabrikanten Wecker aus Offenbach, den viioersitätsdiener i. P. Hofmann aus Gießen.
Berlin. 25. October. Ein hoher fürstlicher Gast weilte Mr Tage am deutschen Kaiserhofe, Erzherzog Albrecht h.,ii Oesterreich. Der erlauchte Herr hatte sich von Lnsden aus, wo er als Vertreter des Kaisers Franz Josef dn Militär-Jubelfeier des Königs Albert beiwohnte, direct „ncdi Berlin, resp. Potsdam begeben- die dem berühmten Feldherrn am kaiserlichen Hofe bereitere Aufnahme war von 'drimders auszeichnender und glänzender Art. Wie erinner- Ity ist Erzherzog Albrecht vom Kaiser Wilhelm kürzlich zum preußischen Generalfeldmarschall ernannt worden und aus Wtnt äußerlichen Anlaß dürfte wohl der jüngste Besuch des sicgers von Custozza in Berlin erfolgt sein. Jedenfalls Wiiribet aber der Vorgang erneut die Intimität der Bedungen zwischen den Höfen von Berlin und Wien und
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Amtliche* Theil.
Sieben, 23. Dctober 1893.
;3ttr.. Die Anlegung von Kirchen-, PsarrbefoldungS- und Stifiungs-Capitalien.
Das Grvtzherzogliche Kreisamt Gietzeu
au die evang. Kirchenvorstände des Kreises.
Indem wir Sie auf das nachstehende Ausschreiben Oder-Consistoriums Nr. 13 (Verordnungsblatt Nr. 11) .-juimerfmm machen, empfehlen wir Ihnen dessen genaue Be-
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beleuchtet hiermit zugleich aufs Neue das innige Freundschasts- verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn in erfreulicher Weise.
— Die Berliner Conferenz der deutschen Finanzminister scheint bestimmt zu sein, die letzte Feile an die neuen Steuerreform-Vorlagen zu legen, bevor dieselben ihren parlamentarischen Jnstanzengang beginnen. Wenigstens verlautet, nicht nur der Weinsteuer-Entwurf werde von den Herren berathen, sondern es sei ihnen überhaupt der ge- sammle Plan der Reichsfinanzreform zur endgiltigen Formu- lirung unterbreitet worden. Im Ganzen sollen dem Reichstage vier Vorlagen dieser Art zugehen- eine derselben bezwecke, wie weiter versichert wird, die Regelung des finanziellen ! Verhältnisses des Reiches zu den Einzelstaaten und sei daher allgemeiner Natur. Die drei anderen Vorlagen beziehen sich dem, Vernehmen nach auf die bekannten Steuerobjecte und ind'vom preußischen Finanzminister im Einverständnisse mit rem Reichsschatzamte ausgearbeitet worden.
— Die Noth stand sdeb a'tt en -in der bayerischen Abgeordnetenkammer führten am Dienstag insofern zu einem vorläufigen Ergebnisse, als das Haus die Regierungsvorlage über die Maßregeln zur Beseitigung des Futtermangels genehmigte. Alsdann trat das Haus in die Be- rathung der Centrumsanträge, betreffend die Agrarreform, ein, worüber die Verhandlungen am Mittwoch '.fortgesetzt wurden.
— Aus Friedrichsruh kommt der „Augsburger Abendzeitung" von sehr gut informirter Seite die Nachricht, daß das Befinden des Fürsten Bismarck ein ganz vorzügliches ist, insofern, als die Besserung immer noch im Fort- schreiren ist. Das Aussehen is. int Allgemeinen wieder ein frischeres geworden, nur sind die Furchen in dem Antlitz noch tiefer gegraben und lassen die Augen noch mehr herv^rtreten- die Haltung ist nur wenig gebückter geworden, dagegen ist noch immer eine gewisse Behinderung des rechten Armes bemerkbar. Von den Familienmitgliedern befindet sich nur die Gräflich Rantzau'sche Familie m Friedrichsruh. Täglich unternimmt der Fürst eine längere Spazierfahrt oder auch einen Spaziergang in den Wald.
Dresden, 24. October. Das „Dresdener Journal" meldet: Der König erwiderte am Sonntag auf die vom Prinzen Georg verlesene Adresse der sächsischen Armeedepu- tation Folgendes: „Wir feiern heute gewissermaßen meine goldene Hochzeit mit der Armee und ich bin dieser meiner Jugendliebe rreu geblieben - die Armee war in guten und schweren Tagen stets dieselbe, immer gehorsam, pflichtbewußt, treu und hingebend. Daß ich diesen Tag heute unter mannigfachen Ehrenbezeugungen verleben kann, verdanke ich nur der Armee- besonders habe ich die Zugehörigkeit der Armee zu mir empfunden in schweren Tagen. Ewig unvergeßlich werden mir sein die Zurufe aus Ihren Reihen, nicht von Offizieren, sondern von gemeinen Soldaten auf dem Rückzüge von Königgrätz. In glücklichen Tagen habe ich sie ja auch oft gehört, aber von einer siegreichen Armee erklingen sic von selbst. So bin ich verwachsen mit der Armee, die mir stets nur Freude gemacht — so soll es bleiben für alle Zeiten!"
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Amts- und Anzeigeblutt ffir den Kräf <6ie^en.
O. C. 5244. Darmstadt, 23. September 1893.
4rtr. Die Anlegung von Kirchen-, Pfarrbesoldungs- und StiftungS. Capitalien.
Das Grotzh. Ober-Consistorium
an die Grosth. Kreisämter.
In dem Ausschreiben Großh. Ministerinms des Innern .jtib der Justiz vom 16. Juni d. I. zu Nr. M. I. 16200, vfc unter Absatz III, Nr. 4, am Ende bestimmt:
„Die entsprechenden Anträge zu a und b bei der Hauptstaatskasse und dem Ober-Consistorium sind auf Anregung der Kirchenvorstände von den Kreisämtern zu stellen."
. Diese Bestimmung wird vielfach dahin ausgelegt, als »Mßieir auch die betreffenden Werthpapiere selbst durch Vermittelung de.' Kreisämter an uns gesandt werden, - »«durch überflüssige Schreiberei, Verantwortung und ßorto veranlaßt würden. Diese Auslegung ist irrig. Dte i5etiDu.nQ kann direct an uns erfolgen und es genügt dann n*iibtg, wenn der Kirchenvorstand in seinem an das - LreiSLMt gerichteten Bericht (vergl. auch V Nr. 1 des Aus- Höhens) auch mittheilt, daß er das betreffende Papier be- Ihp Setzung außer Verkehr, beziehungsweise Zurückgabe in iitn Verkehr, direct an uns gesendet habe.
Dr. Gold mann.________________
Steckbrief.
Der unten näher bezeichnete Rekrut Ludwig Weller, ' Akob VI. Sohn, des Landwehrbezirks Gießen hat sich der t Stellung entzogen. Sämmtliche Civil- und Militärbehörden werben dienftergebenst ersucht, gefälligst auf denselben ein iDoiiaine8 Auge zu haben, ihn im Ergreifungssalle zu arre- ittn und an die nächste Militärbehörde abliefern zu laffen.
Signalement: 1) Name: Ludwig Weller, Jakob VI. -5o6ii, 2) Geburtsort: Heuchelheim, 3) Kreis: Gießen, -n Geboren: 16. Mai 1871, 5) Größe: 1 m 68 cm, -H) Religion. Evangelisch, 7) Stand oder Gewerbe: Dach-
8) Besondere Kennzeichen: Keine. Gießen, den 23. October 1893.
Caspary,
-Akrstlieut. z. D. und Commandeur des Landwehrbezirks Gießen.


