Ausgabe 
27.5.1893 Erstes Blatt
 
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Mr. 122 Erstes Blatt.

Samstag den 27. Mai

1893

Der

-lehener Anzeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme des Montags.

Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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Amtliche»' Theil.

Polizei-Verordnung, betreffend die Benutzung der öffentlichen Brunnen und der städtischen Quellwafferleitung in der Stadt Gießen.

Aus Grund des Art. 56, 1. der Städteordnung wird hierdurch nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung unter Zustimmung des Kreisausschusses und mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 15. Mai zu Nr. M.-J. 13 879 für die Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet wie folgt:

§ 1.

Die Benutzung der auf den öffentlichen Straßen und Plätzen ausgestellten Ventilbrunncn der städtischen Quell­wafferleitung ist nur für den gewöhnlichen Hafftzbedarf ge­stattet; jede weitergehende Entnahme von Waffer aus diesen Brunnen, insbesondere zu gewerblichen oder landwirthschaft- lichen Zwecken, oder unter Verwendung von Schläuchen oder Fuhrwerken ist verboten.

Gleiches Verbot kann nöthigensalls auch für die öffent­lichen Pumpbrunnen auf Veranlaffung der Großh. Bürger­meisterei erlösten werden.

Das Wasser aus allen öffentlichen Brunnen darf nur mit reinen Zübern, Eimern und kleineren Gefäßen ent­nommen werden.

Ein unnützes Laufenlasten der Ventilbrunnen ist verboten.

Beim Wasserholen gebührt dem zuerst Kommenden für die Füllung höchstens zweier Gesäße der Vorzug.

§2.

Jede Verunreinigung der öffentlichen Brunnen, sowie der zugehörigen Ständer, Schächte und Vorschächte, Ab­laussschalen, Tröge und Rinnen, desgleichen das Ausspülen, Ab- und Auswaschen aller Art von Gegenständen, sowie das Waschen von Gemüse rc. und das Viehtränken an den öffent- lichen Brunnen ist untersagt, unbeschadet der Befugniß zur Entnahme von Master zu letzterem Zweck.

Desgleichen sind verboten alle Handlungen beim Gebrauch der öffentlichen Brunnen, welche im Winter zu gefährlicher Eisbildung Anlaß geben können, ferner das Entleeren von Wasser in die Schächte der Pumpbrunnen und in die Vor- (oder Einlauf-)Schächte der Ventilbrunnen.

§ 3.

Die unbefugte Entziehung von Waffer aus der Quellwafferleitung, sowie jede den Bestimmungen für den Bezug von Wasser aus dem Wasserwerk der Stadt Gießen widersprechende Benutzung der Wasserleitung ist verboten.

Bei Brandausbruch in der Stadt sind alle Zapfstellen der Privatleitungen bis nach Bewältigung des Feuers mög­lichst geschlossen zu halten.

Während der Dauer außergewöhnlichen Wassermangels kann durch Bekanntmachung Großh. Bürgermeisterei die Ab­gabe von Wasser aus der Wasserleitung im Allgemeinen auf gewisse Tagesstunden eingeschränkt und im Einzelnen auf Veranlassung Großh. Bürgermeisterei durch die unterzeichnete Behörde die Verwendung solchen Wassers seitens der Privaten zum Speisen von Springbrunnen, zum Besprengen von Gärten und Trottoirs, sowie zu gewerblichen Zwecken vorübergehend untersagt werden.

§ 4.

Zuwiderhandlungen gegen diese Polizei-Verordnung und die auf Grund derselben erlassenen Verbote werden, sofern nicht höhere gesetzliche Strafen einzutreten haben, mit Geld­strafen bis zu 30 Mark, an deren Stelle im Falle des Un­vermögens Haft tritt, bestraft.

§ 5.

Diese Polizei-Verordnung tritt alsbald in Kraft.

Gießen, den 25. Mai 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutscher Reich.

Berlin,25. Mai. König Wilhelm von Württem­berg hat in einem an den Ehrenpräsidenten des württem- bergischen Kriegerbundes, den Prinzen Hermann zu Sachsen- Weimar, gerichteten Schreiben die Darbringung erhöhter Opfer zur Sicherung und Erhaltung des Deutschen Reiches lüte des allgemeinen Friedens als unabweisbar erklärt.

Finanzminister Dr. Miquel hat sich in Frank- furt a. M. einem Zeitungsberichterstatter gegenüber betreffs der finanziellen und wirthschaftlichen Seiten der Militär­

vorlage geäußert. Miquel bezeichnete eS als unrichtig, daß eine Mehrausgabe von 50 bis 60 Millionen Mark jährlich die wirthschaftlichen Kräfte der Nation übersteige, es könne aber auch nicht von einer Vernachlässigung der Cultur- ausgaben zu Gunsten der Armee gesprochen werden. Weiter bezeichnete der Minister die Sicherung des Friedens als den zweifellos alleinigen Zweck der geplanten Heeresverstärkung. Eine nochmalige Ablehnung der Militärvorlage, äußerte er dann, würde für Deutschland große Schwierigkeiten und ernste innere Kämpfe nach sich ziehen, sein Ansehen im Auslande schwächen, den Respect vor der Macht des Deutschen Reiches verringern und damit die Gefahr eines Krieges für das fried­liebende deutsche Volk erhöhen. Schließlich erklärte der Minister, eine verstärkte Armee würde nur ein verstärktes Bollwerk des Friedens und eine neue Gewähr des Sieges im Vertheidigungskriege, niemals aber die Versuchung zu kriegerischen Abenteuern in der Hand des Kaisers bilden, daher könne die Wahl nicht schwer sollen. In diesen Aus­führungen eines so gewiegten Staatsmannes und Politikers, wie es Dr. Miquel ist, zu der schwebenden großen deutschen Tagesfrage liegt unstreitig manches Wahre.

Mit Genugthuung kann aus einer Auslassung des Reichsanzeigers" über die Frage der Kostendeckung bei der Militärvorlage festgestellt werden, daß die verbündeten Regierungen nicht daran denken, die Tabaksteuer zu erhöhen oder gar das Branntwein-Monopol einzuführen. Die Versuche, den verbündeten Regierungen derartige Ab­sichten vnterzuschieben, können demnach wohl auf Grund der betreffenden Erklärungen des amtlichen Organs der Reichs- regierung als abgethan etrachtet werden.

In Leipzig hat im Laufe der Pfingstwoche die allgemeine deutsche Lehrerversammlung statt­gefunden. In den drei abgehaltenen Plenarversammlungen sind eine ganze Reihe bedeutsamer Fragen, bedeutsam für die Schule und den Lehrerstand, behandelt worden. Hoffentlich erweisen sich die betreffenden Verhandlungen als segensreich für das fernere Wirken des deutschen Lehrerslandes und seinen ebenso schönen wie schwierigen Beruf.

Marburg, 24. Mai. Wir haben nun sieben Candi- daten: Gutspächter C. Lucke, conservativ, vom Bunde der Landwirthe aufgestellt- Profeffor Dr. Kaiser (in Hannover), früher Kreislhierarzt hier, nationalliberal; Bäckermeister G. Schott jun., Stadtverordneter, freisinnige Volkspartei- John in Kassel, Socialdemokrat- Dr. O. Böckel, Antisemit- Rechts­anwalt Martin, hessische Rechtspartei- Dechant Müller in Amöneburg, Centrum.

Ausland.

Brussel, 25. Mai. Der hier am Pfingstmontag und die nächstfolgenden Tage versammelt gewesene internationale Bergarbeiter-Congreß hat am Mittwoch nach lebhaften Debatten die Resolution, betreffend die gesetzliche Festsetzung des achtstündigen Arbeitstages einschließlich der Ein- und Aus- fahrtszeit, angenommen. Weiter genehmigte der Congreß die Resolution, welche den Beginn des im Falle der Verweigerung des Achtstundentages Seitens der einzelnen Staaten in Aus­sicht genommenen allgemeinen Strikes für Anfang nächsten Winters vorschlägt. Da kaum anzunehmeu ist, daß in irgend einem Staate der achtstündige Arbeitstag für die Bergarbeiter­schaft die Billigung der maßgebenden Factoren finden wird, so steht mit ziemlicher Sicherheit die Proclamirung eines internationalen Bergmannsstrikes für nächsten Winter zu er­warten. Die Regierungen und die Bergverwaltungen in den hiervon bedrohten Ländern werden daher gut thun, bei Zeiten entsprechende Maßnahmen zu treffen, wollen sie sich von dem Strike nicht überraschen lassen.

Neueste

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 25. Mai. DemBerl. Tagebl." zufolge haben soeben die Landwirthe Westfalens, an ihrer Spitze Frhr. v. Schorlemer-Alst, einen Wahlaufruf betreffs Auf­stellung besonderer Candidaten erlassen. Der Ausruf fordert die Sicherstellung des Friedens durch eine für die Verthei- digung der Grenzen und den Schutz des Vaterlandes hin­reichend starke Armee.

Wurzburg, 25. Mai. Die 18. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits­pflege wurde heute im weißen Saale der Residenz eröffnet und Namens der Regierung durch Medicinalrath Schmitt, Namens der Stadt durch Bürgermeister Steidle, Namens ; der Universität durch Rector Scholz und Namens der medi- cinischen Facultät durch Professor Michel begrüßt. Die Ver­

sammlung wählte Baurath-Stubben Cöln zum Vorsitzenden, Bürgermeister Steidle-Würzburg und Medicinalrath Merkel- Nürnberg zu Beisitzern. Anwesend sind 225 Mitglieder. Der Verein zählt zur Zeit 1324 Mitglieder. Geheimerath v. Pettenkoser wurde zum Ehrenmitglied erwählt.

Pforta, 25. Mai. An dem Gottesdienst zur Jubel- feier der Landesschule Pforta schloß sich ein Fest- actus an, in welchem Vertreter der Staatsbehörde, der Uni­versität Halle, der alten Pförtner, deS Naumburger Dom- capitels, der sächsischen Fürstenschulen Meißen und Grimma, sowie einer großen Anzahl preußischer Gymnasien ihre Glück­wünsche darbrachten und die von den alten Pförtnern gestif­teten Kirchenfenster übergeben wurden. Von besonderem Eindrücke war die Ueberreichung einer von sämmtlichen höheren Lehranstalten der Retchslande Elsaß-Lothringen gewidmeten Votivtafel durch den Geh. Schulrath Albrecht. Den Dank für alle diese Kundgebungen faßte der zeitige Rector Dr. Volk­mann in einer gemeinsamen Antwort zusammen.

Innsbruck, 25. Mai. Der Besuch der Vorlesungen an der Universität ist von den Studenten wieder ausgenommen worden.

Athen, 25. Mai. Nach den letzten Nachrichten äug' Theben sind daselbst bei den jüngsten Erdbeben etwa 100 Häuser eingestürzt, andere stark beschädigt worden. Eine Person ist getödtet, zwei sind verletzt.

Chicago, 25. Mai. Die Vertreter von 17 an der Welt­ausstellung theilnehmenden Staaten haben das Abkommen unterzeichnet, daß sie die Ausstellungsgegenstände ihrer Staaten von der Preisbewerbung ausschließen würden, falls das System der Preisvertheilung durch eine Jury nicht angenommen würde. Unter diesen 17 Staaten befinden sich Deutschland, England, Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Dänemark, Italien, Rußland, Japan, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, Belgien und Britisch-Gujana. Die Commission für die Preis­vertheilung, deren Vorsitzender Boyd^Thatcher ist, will da­gegen, daß ein Sachverständiger der Commission einen Bericht unterbreitet, auf Grund dessen die Zuerkennung der Preise erfolgen soll.

Depeschen de« Bureau »Herold'.

Frankfurt a. M., 25. Mai. Zu der in Frankfurt a. M. ftattfindenden diesjährigen Generalversammlung der Deutschen Co lontal-Gesellschaft", welche morgen ' ihren Anfang nimmt, haben u. A. folgende Führer der colonialen Bewegung ihre Theilnahme zugesagt: Fürst von Hohenlohe-Langenburg, Minister von Hoffmann, der frühere Gouverneur von Neu-Guinea Admiral Freiherr von Schleinitz, der von seinem Unfall kaum genesene Neichscommissar Dr. Peters - ferner von hervorragenden Forschern und Reisenden Dr. Oskar Baumann, Dr. Stuhlmann, Graf Schweinitz, Superintendent Merensky, Freiherr von Uechtritz. Der Em­pfang der Gäste findet am Donnerstag Abend statt.

'Bamberg, 25. Mai. Die noch nicht beendigte Inventur bei dem Bankhaus Heßlein macht ein Desicit von mehreren Millionen wahrscheinlich.

London, 25. Mai. DerDaily chronicle" meldet aus Petersburg, die Regierung treffe Maßregeln gegen den Massenverkauf von Alkohol und gegen die Ausbeutung der Arbeiter durch Bezahlung in Naturalien.

Petersburg, 25. Mai. Die Flottenrevue, welcher die Czarensamilie in Sebastopol beiwohnte, ist großartig verlaufen. Der Czar hat wiederholt seine Befriedigung aus­gesprochen.

Petersburg, 26. Mai. Es steht ein kaiserlicher Ukas bevor, wonach die körperliche Züchtigung auch bei männlichen nach Sibirien Verschickten aufgehoben wird.

Belgrad, 25. Mai. Der Empfang des gestern hier eingetroffenen Königs hat sich sehr herzlich gestaltet. Trotz des Regens war eine große Menschenmenge in den festlich geschmückten Straßen anwesend. Falls die Skupschtina re­gierungsfreundlich zusammengesetzt wird, nimmt das königliche Elternpaar dauernden Aufenthalt in Serbien.

Chicago, 25. Mai. Die Polizei entdeckte die Vorbereit­ungen einer Diebesbande, welche in die schweizerische Abtheilung eindringen und die ausgestellten Uhren stehlen wollte.

Locales ttn- prtohtiieöes,

Gießen, 26. Mai 1893.

** E rnennungen. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben allergnädigst geruht: am 24. Mai den Amt­mann bei dem Kreisamte Friedberg Dr. Eduard Wallau zum Amtmann bei dem Kreisamte Gießen und den Amtmann bei dem Kreisamte Büdingen Dr. Emil Göttelmann zum