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1893
Wr. 23
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Freitag bcn 27. Januar
Reboction, Lxpeditio, und Druckerei:
Mr.I.
Fernsprecher 51.
vierteljähriger Aöonnementrprei», 2 Marl 20 Psg. uni Bringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Die Gießener
H»««trte»StL11er »erden dem Anzeiger »tchentlich dreimal deigelegt.
Der
Gietzener Anzeiger erscheint täglich, ■ttt Ausnahme deS Montags.
Anits- und für den Ureis iKiefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sorin. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Au-landeS nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Zum Geburtstage des Kaisers.
Seit der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches ist es in allen patriotischen Kreisen eine liebe Gewohnheit geworden, den Geburtstag des Kaisers zu feiern, denn in der herrlichen Thatsache, daß seit nun zweiundzwanzig Jahren an der Spitze des geeinigten deutschen Vaterlandes wieder ein Kaiser steht, ist ja der sehnliche Wunsch erfüllt worden, der vielen Generationen vor uns als ein schöner Traum erschien. Schöner und bedeutsamer als in der erlauchten Person des Kaisers kann auch des Reiches Einigkeit, Macht und Würde niemals vertreten sein, denn auf uraltem historischen Boden und dem Drange der deutschen Stämme nach Einheit ist vor einem Jahrtausend die deutsche Kaiserwürde und Kaisermacht entstanden, welche unter ihren glanzvollsten Vertretern der ganzen damaligen Welt imponirte und sich lies in die Herzen des deutschen Volkes als etwas Großes und Herrliches eingrub. Der Kaiser an der Spitze des Reiches bedeutete schon in den ältesten Zeiten die Großherrlichkeit und Einheit und Unab*
...... — . . — ...— -------~.g--
Hratisbeikage: Gießener Kamilienölatter.
Betreffend: Die Ergänzungswahl des Vorstandes der israelischen Religionsgemeinde Gießen-
Einladung
zur Ergänzungswahl des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde zu Gießen.
Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß in Gemäßheit der Bestimmungen der Wahlordnung für bie Wahl des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde zu Gießen vom 4. August 1871 in diesem Jahre das Mitglied Nathan Rosenthal aus dem Vorstande ausscheidet und daß die hiernach erforderlich gewordene Ergänzungswahl
Mittwoch den 1. Februar 1893 in dem Saale des alten Rathhaufes dahier stattsinden soll.
Sämmtliche nach § 2 der Wahlordnung Stimmberechtigten werden zu dieser Wahl mit dem Bemerken eingeladen, daß die Abstimmung Bormittags von 9 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 4 Uhr stattsindet.
Gießen, den 24. Januar 1893.
Der von Großh. Kreisamt Gießen ernannte Wahl-Commisiär: Hach.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 25. Januar 1893. Betr.: Die Jahresübersichten und Rechnungsabschlüsse der Krankenkasien.
Das Großherzogliche Kreisaml Gießen gut die Großh. Bürgermeistereien, die Verwaltungen der Gemeinde ■ Krankenversicherungen, die Vorstände der Ortskrankenkasse zu Gießen, die Betriebs-(Fabrik)-Krankenkasien, der In- nungskrankenkaffen und der eingeschriebenen hülfskasien.
Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 15. November 1887 — Amtsblatt Nr. 11 — sowie auf unsere Verfügung vom 6. Mai 1891 — Anzeiger Nr. 108 — machen wir Sie auf die Einsendung der nach § 9 und 41 des Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883 und nach § 27 des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfskaffen vom 1. Juni 1884 für das abgelaufene Jahr zu liefernden Nachweisungen (Jahresübersichten und Rechnungsabschlüsie) aufmerksam. ,, r ,
Als spätester Termin für die Ablieferung dieser Nachweisungen ist der 31. März bestimmt, es ist jedoch sehr wünschenswerth, daß dieser äußerste Termin nicht abgewartet wirb, sondern die Einsendung thunlichst bald erfolgt.
Wir empfehlen Ihnen sorgfältigste Aufstellung der Uebersichten, damit Rücksendungen behufs Ergänzung und Berichtigung derselben möglichst vermieden werden.
Ganz besonders machen wir die Großh. Bürgermeistereien daraus aufmerksam, daß die Rechnung der Krankenversicherung insolange nicht mit einem Rest abschließen darf, als noch Vorschüsse an die Gemeindekasse zurückzuerstatten sind; ein etwa verbleibender Ueberschuß also an die Gemeindekaffe zur Tilgung des Vorschuffes abzuführen ist.
Die Nachweisungen sind in zwei Exemplaren — beide mit der Unterschrift des Vorstandes resp. Bürgermeisters ver- sehen — vorzulegen, die Formularien hierzu sind durch Bun deS- rathsbeschluß vom 23. Juni 1887 vorgeschrieben und bet Wilhelm Klee zu Gießen erhältlich.
v. Gagern.
Gießen, den 23. Januar 1893. I Betr.: Notirung des Handels mit Schlachtvieh nach Lebendgewicht.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Groffh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Mit Rücksicht auf die großen, allgemein anerkannten Vortheile, welche der Besitz von Viehwaagen bietet, ist es uns von Jntereffe, zu erfahren, ob in Ihren Gemeinden schon Viehwaagen vorhanden sind. Wir sehen deshalb hierüber Ihrem Bericht entgegen und veranlassen Sie, wenn die gestellte Frage verneint wird, den Gemeinderath zu hören, ob in den nächsten Jahren eine Viehwaage auf Kosten der Gemeinde zur Anschaffung kommen soll. Von den zu fassenden Gemeinde- rathsbeschlüffen wollen Sie uns Kenntniß geben.
v. Gagern.___________________
Gießen, am 23. Januar 1893.
Betr.: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
tm die Grstzh. Bürgermeistereien des «reifes.
Sie erhalten in den nächsten Tagen mit besonderer Verfügung eine neue Anleitung zur Ermittelung der landwirth- fchaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags nebst zwei neuen Formularien. Das mit Angabe der Flächengehalte bereits versehene Exemplar von Formular 1, sowie das eine Exemplar von Formular 2 ist ausgefüllt längstens bts 1. November d. I. an uns zu senden, die beiden anderen Exemplare haben als Concepte bei Ihren Acten zu bleiben.
Wenn im vorletzten Absatz der Ihnen noch zukommenden gedruckten Verfügung gesagt ist, daß Ihnen wegen der vorzunehmenden Ermittelungen noch nähere Weisung zugehen wird, so bemerken wir, daß diese Weisung im Allgemeinen nur darin besteht, zu geeigneter Zeit Commissionen zu bilden und zu diesen möglichst diejenigen Personen heranzuziehen, welche bereits bei früheren Aufnahmen mitgewirkt haben. Soweit einzelnen von Ihnen specielle Aufträge nicht zugehen, wollen Sie hiernach eine weitere Weisung nicht erwarten.
v. Gagern.
Ferrilleton.
Irrwege.
Novelle von F. von Pückler.
(Schluß.)
Nun brachten die Stallmeister die Hindernisse- hochauf bäumte das edle Thier, zwei-, dreimal versagte es und erst auf einige scharfe Peitschenhiebe sprang es. Isa hatte die Lippen fest zusammengepreßt, mit donnerndem Tusch setzte die Musik ein, über eine hohe Barriere hinweg flog der Goldfuchs hinaus aus dem Circus und sogleich wieder hinein, von jubelnden Bravorufen empfangen.
Da blickte die schöne, blasse Reiterin auf, ihr Auge traf den geliebten Mann und strahlte in all der unsäglichen Liebe, die ihr Herz für ihn empfand- sie winkte mit der Gerte einen Abschiedsgruß, heißes Weh zuckte um den rothen Mund, bann galoppirte sie wieder hinaus über die hoch- gehaltene Barriöre.
Aber was war das? Mitten hinein in den Jubel der Zuschauer und die Trompetenfanfare des Orchesters erscholl ein durchdringendes Geschrei. Man sah den Goldfuchs int Hintergründe verschwinden — ohne Reiterin, Donna Bella lag am Boden.
Nur ein Herzschlag lang währte die grausige Stille des ersten lähmenden Entsetzens, dann entstand eine furchtbare Panik, die Damen drängten angstvoll dem Ausgange zu, die Herren schaarten sich um die Verunglückte, welche totenblaß dalag, während aus der linken Schläfe ein Blutstrom quoll.
Da drängte sich, alle Rücksicht bei Seite lassend, ein hochgewachscner schöner Mann, Prinz Arloff, vor, da stürzte er zu den Füßen der sterbenden Geliebten und schlang den Arm um ihre in Todesschauer erbebende Gestalt.
„Isa, meine Isa!" rief er verzweifelnd, „Du darfst mcht sterben — Du sollst leben — für mich!"
„Mein armes Kind," sagte auch Waldstein verzweifelnd, „hast Du Schmerzen? Der Arzt wird gleich da sein."
„Tragt mich hinein," bat Isa wehmüthig, „ich will mit Euch allein sein — bis es — zu Ende ist."
Da hob der Prinz die geliebte, schlanke Mädchengestalt in seine Arme, das blonde Köpfchen sank an seine
Schultern, daß die reichen, geöffneten Haarwellen wie ein Schleier um ihn wogten, und trug sie durch all die ehrerbietig zurückweichenden Herren hinein in ihr Garderobenzimmer.
„Wie schön," flüsterte die Sterbende, „nun kommt doch noch ein Sonnenstrahl über mtch, ehe ich heimgehe. Nicht wahr, Onkel Alfred, ich brauche nicht mehr zu leben?" |
Die blauen Augen schauten so angstvoll flehend zu Waldstein auf, daß dieser tief erschüttert den Kopf schüttelte.
„Nein, mein geliebtes Kind! Du wirst Deiner Mutter folgen."
„O, so meinte es der treue Gott doch gut mit mm Curt, ich danke Dir — für Deine Liebe. Willst Du — mich nicht vergessen?"
„Niemals, Isa! Ich werde einsam weiterleben, nur Dein Bild soll in meiner Seele von nun an wohnen."
„Onkel Alfred, — wo ist mein armer Goldfuchs? Nicht wahr, er darf nicht verkauft werden?"
„Nein, Isa, er gehört mir von Stunde an. Du hast —"
„Ihn zuletzt geritten," vollendete das junge Mädchen mühsam, „es war mein Triumph- und Todesritt."
Der Arzt kam, verband die Wunde und ging schweigend hinaus.
„Sie ist rettungslos verloren," meinte er achselzuckend, als man ihn draußen nach Donna Bella frug, „das durchgehende Pferd schleuderte sie an eine Planke und sie muß dort an einen Nagel geprallt fein. Sie muß verbluten, da die Verletzung zugleich eine innerliche ist, wo die ärztliche Kunst nicht helfen kann."
„Wo ist ihr Vater?" frug Mr. Priuce flüster, „es sind nur Prinz Arloff und jener fremde Herr, den sie Onkel nennt, bei dem Fräulein."
„Den Director habe ich vorhin nach der Bahn gehen sehen mit nur einem kleinen Koffer in der Hand," berichtete einer der Stallbediensteten, und der Jongleur fuhr wild empor: „So ist der Schuft geflohen! Aber halt, ick will ihn finden und wärs am Ende der Welt!"
Und immer mehr schwanden Isas Kräfte- selig lächelnd ruhte sie in Arloffs Armen, leise tauschten beide innige Liebesworte, während Waldstein, ihre andere Hand haltend, mit blutendem Herzen den Todesengel immer näher heranschweben sah. So wurde auch dieser Kelch ihm nicht erspart, der Ge
liebten hatte er im Tode Lebewohl gesagt — und nun stand er auch am Sterbebette ihres Kindes.
„Nun bin ich selig," hauchte Isa strahlend, „ich dachte vorhin, als ich hinein in die Manege ritt, Dich, Curt, zum letzten Male von ferne zu sehen, — und jetzt liege ich in Deinen Armen! Nein, nein, der Tod ist nicht bitter, sondern süß, unendlich wonnig. Lebe wohl, Onkel Alfred, bleibe mir gut, — Curt, er ist nun auch Dein Onkel, nicht wahr? Ich werde auf Euch beide herabsehen — neben meinem Mütterlein!"
Trübe flackernd brannte das Talglicht meder und als es ziemlich zu Ende war, da schloß auch Donna Bella die strahlenden blauen Angen- der Liebling des Publikums, die gefeierte Reiterin hatte ihr Leben ausgehaucht.
Tief erschüttert neigte Prinz Arloff sich über die Tote, deren Hand das Medaillon seiner Mutter hielt, um ihre erkalteten Lippen zu küssen.
„Schlafe wohl, meine Isa, nun bist Du mein! Dein Andenken mag mich hinüber in den fremden Welttheil geleiten- Dein Bild aber wird niemals in meiner Brust der- blaffen, bis wir einstmals wieder vereint werden vor Gottes ewigem Throne!" .
„Mein Kind, mcht theurer Liebling!" und Waldstein drückte mit zitternder Hand die Augen Donna Bellas zu, „schlafe wohl in kühler Erde, wir gedenken Deiner in treuer Siebe!" .
Wenige Tage später langte auf Herrn v. Waldsteins Gute der reichgeschmückte Sarg mit Isas sterblicher Hülle an - tiefernst folgten der Gutsherr und ein totenbleicher stattlicher Offizier in blitzender Cürassicruniform demselben, als man ihn in die Familiengruft bettete.
„Friede mit Dir, mein Liebling," murmelte Alfred v. Waldstein, und der Goldfuchs, den man feiner Herrin nach geführt, wieherte laut in den warmen Sommerabend hinein.
Prinz Arloff kniete nieder, erschüttert wie noch nie zuvor- lange, lange neigte er sein Haupt zum Gebete und es war ihm, als rauscht-n weiche Engelsfittiche um ihn her:
„Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Daß man vom Liebsten, das man hat, Muß scheiden —"
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