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26.3.1893 Drittes Blatt
 
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51.

Amts« unb Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.

Deutschlands Handelsbilanz pro 1893.

Nach den Veröffentlichungen deS Kaiserlichen Statistischen Amtes im Decemberheft der monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebietes betrug der Gesammtwerth der Einfuhr im Jahre 1892: 4463,1 Mill. Mark und der Gesammtwerth der Ausfuhr: 3328,0 Mill. Mark, also Total-Werth: 7791,1 Mill. Mark. Auf die Einfuhr trifft pro Kopf der mittleren Bevölkerung deS deutschen Zollgebietes incl. Luxemburg 89,26 Mark und auf die Aus« fuhr 66,56 Mark.

Diese Werthe dürfen zwar, da der jetzigen Berechnung noch die Einheits-Werthe pro 1891 zu Grunde gelegt sind und erst im Lause des Februar die neu zusammentretende Schätzungs-Commission die EinheitS Werthe pro 1892 sest- stellen wird, angesichts der weichenden Getreidepreise, der noch mehr zurückgegangenen Baumwollpreise und der reducirten Preisbildung für Fabrikate, sich etwas verringern, aber immerhin wird wie im Vorjahre eine Unterbilanz von ca. 1 Milliarde Mark sich Herausstellen. Man- legt zwar den HandelS-Unterbilanzen z. Z. nicht mehr diejenige schlimme Bedeutung bei, wie früher unter der Herrschaft der mercan« tilistischen Volkswirthschaftspolitik, da alle Culturstaaten Unter« bilanzen haben, und diese letzteren vielmehr beweisen, daß die fremden Länder unsere Schuldner sind und ihre Zinsen mit Waaren bezahlen, während dies z. B. bei Rußland umgekehrt der Fall ist. Aber immerhin ist es richtig, daß der Waaren- Einfuhr eine entsprechende Ausfuhr gegenüberstehen muß, weil -in dauerndes Mißverhältniß zu (Unzukömmlichkeiten führte. Ein Industriestaat muß Rohstoffe und Nahrungsmittel ein- imb Fabrikate ausführen.

Die erste Stelle in der Waaren-Einfuhr nimmt in An­

betracht der schlechten Ernte im Jahre 1891 die Einfuhr von Getreide und landwirthschasrlichen Erzeugnissen ein. Es wurden im Jahre 1892 fast 44 M'll. Doppelcentner ä 100 kg Getreide und andere landwirthschaftliche Erzeugnisse im Werthe von 732,4 Mill. Mark ein« und nur 2,8 Mill. Doppelcentner im Werthe von 51,3 Mill. Mark ausgesührt, sodaß die deutsche Bevölkerung im Jahre 1892 41,3 Mill. Doppel« centner sremdeS Getreide und andere Landbauartikel im Werthe von 680 Mill. Mark nöthig hatte. ES treffen hiervon auf den Kopf der Bevölkerung 13,60 Mark. Außer der Brodfrucht hat Deutschland an Specerei-, Colonial- und Materialwaaren eine Einsuhr von 611 Mill. Mark und davon eine Wiederausfuhr von 300 Mill. Mark, sodaß zum heimischen Consum ein Einsuhr-Ueberschuß von 311 Mlll. Mark ver­bleibt. An Vieh und thierischen Producten wurde für 330 Mill. Mark ein- und für 30 Mill. Mark ausgeführt, sodaß auch hier ein Verbrauchs-Ueberschuß von 300 Mill. Mark besteht, oder wenn man die Pferde-Emfuhr im Werthe von 57 Mill. Mark abzieht, zu Consumzwecken noch über 240 Mill. Mark an das Ausland abgegeben werden, darunter für 60 Mill. Mark Eier. Rechnet man noch für Speiseöle und Fette eine Ausgabe von 20 Mill. Mark, so hat Deutschland für seine Ernährung im Ganzen pro 1892 den Betrag von 1250 Mill. Mark für Nahrungsmittel an das Ausland abgegeben, wonach auf den Kopf der Bevölkerung ein Antheil von 25 Mark trifft.

v erfrischtes.

* Berechtigte Besorguiß. Zugführer des Secundärbahn« zuges (beim Einlaufen):Keine Seele auf dem Bahnsteig? Sollte die Strecke inzwischen eingegangen sein?"

Telegraphiren ohne Draht. Man erinnert sich, öfters von den Berichten nach vorzüglich gelungenen Versuchen deS Telegraphirens ohne Draht gelesen zu haben, natürlich meistens in Verbindung mit dem Namen des Allerweltserfinders Edison. Die meisten dieser Berichte lassen jedoch so viel im Unklaren, daß sich der Laie kaum eine Vorstellung von dem Telegra- phirenohne Draht" machen kann. Es soll deshalb in nachstehenden Zeilen versucht werden, zu erklären, auf welche Weise ein Telegraphiren ohne Draht möglich ist, was für Vortheile damit verbunden sind und bis zu welcher Entfernung ein Telegraphiren ohne Draht nach unseren heutigen Er« fahrungen möglich erscheint. Versuche, ohne Draht zu tele­graphiren, sind ernstlich neuerdings in England ausgenommen worden, und zwar um mit den an Untiefen rc. verankerten Leuchtschiffen eine stete Nachrichtenverbindung zu haben. Die bis jetzt angewandten Kabel haben nämlich bei der unruhigen Lage des Schiffes stets Anlaß zu Unzukömmlichkeiten durch Durchscheuern des Kabels usw. gegeben. Die Lösung der Frage ist an sich einfach genug und wird bei gewöhnlichen Telegraphenanlagen stets als Störung empfunden, ich meine die Jnduction von einem Draht auf den andern, durch welche es unter Umständen möglich ist, die durch den einen Draht gegebenen Zeichen durch den anderen im Telegraphen zu hören. Es handelt sich deshalb darum, zwei parallele Leitungen so herzustellen und so mit dem Strom zu speisen, daß die in dem einen Draht erzeugten Ströme auf den parallelen Draht deutlich genug induciren. Zu diesem Zwecke wurde am Strande eine Telegraphenlinie von l'/z Kilometer Länge errichtet und auf dem Schiffe eine solche von der Länge des Schiffes. Die Entfernung beider Drähte betrug fünf SHtometer und soll die Verständigung gut gelungen sein. Bedingung bleibt dabei, daß das Schiff wenigstens nahezu parallel der Landlinie vor

Feuilleton.

Wochenbriefe ans der Residenz.

(Qriginalbericht für denGießener Anzeiger".) Darmstadt, 24. März 1893.

Das Glockenspiel. Die Antisemiten. Allerlei.

Immer näher geht es dem herrlichen Osterfeste zu und immer stiller wird es in unserer an sich schon nicht allzu lebhaften Residenz. Leben wir doch gerade jetzt in einer Zeit, die nach althergebrachter Sitte rauschende Vergnügungen verpönt und Sammlung und Eingezogenheit des Geistes erheischt. Aber abgesehen davon, haben nicht gerade wir Hessen umsomehr Grund, jede ausgelassene Freude aus unserem Gemüthe zu bannen, da uns doch in diesen Tagen gerade mehr als zu irgend einer anderen Zeit die Bilder unseres großen Kaisers Wilhelm I. und unseres geliebten Großherzogs Ludwig IV., des Vaters seines Volkes, vor Augen stehen müssen? Fast möchte man meinen, die Natur trauert mit uns um die geliebten Tobten, denn den noch vor wenigen Wochen so wundervoll blauen Himmel hat ein für die Strahlen der Sonne undurchdringliches Gewölk überzogen und jenes die melancholische Stimmung so leicht erzeugende und fördernde trübe Licht bedeckt die Erde. Ja selbst die köstliche Frühlings­wärme, die uns in den vergangenen Wochen erquickte und schon, besonders die jüngere Generation, die dichten Winter­kleider missen ließ, ist gewichen und statt threr durchfegt ein rauher Nordostwind die Straßen und bringt heftigen Regen und Schneegestöber. Wer deshalb nicht gezwungen ist, aus­zugehen, der bleibt hübsch zu Hause im gemüthlicheu Zimmer beim warmen Ofen. So sitzt auch Ihr Correspondent ruhig am Fenster und betrachtet "das lustige Treiben der Schnee­flocken, die in reicher Fülle von dem winterlichen Himmel herniederkommen, da dringt durch die stille Nacht die herrliche Melodie des alten KirchenliedesO Haupt voll .Blut und Wunden", die das Glockenspiel ertönen läßt, und mahnt ihn daran, Ihren freundlichen Lesern heute etwas über dies Darmstadt eigenthümliche Werk zu berichten.

Die Glockenspiele wurden im fünfzehnten Jahrhundert vorzugsweise in den damals auf der Höhe ihres Glanzes stehenden Niederlanden mit besonderer Vorliebe gepflegt. Sie sind aus dem Cymbal, dem alten Hackebrett, dessen höchste Vervollkommnung wir in dem heutigen Pianoforte vor uns haben, entstanden, welches man um jene Zett mit gestimmten Glocken versah, die anfänglich von einem Instrumentalisten mittelst eines Schlägels zum Tönen gebracht, bald daraus aber mit einem Mechanismus versehen wurden, der die Thätig- keit des Spielers ausführte. Früher nahm man als Material zu den Glocken, die die höchsten Töne erzeugen sollten, reines Silber, doch seitdem Ihr großer Mitbürger Zamminer, eine Zierde der Gießener Hochschule, seine in diesem Gebiete bahnbrechenden Studien um die Mitte dieses Jahrhunderts

beendigte, weiß man mit geringwerthigeren Stoffen den gleichen Zweck zu erreichen.

Der Landgraf Ludwig VL, derselbe, der den Grundstein zu dem heute sogenannten Glockenbau legte, befand sich längere Zeit in Holland und wurde dort zur Anlage des hiesigen Glockenspiels angeregt. Er übertrug die Verfertigung des Mechanismus dem Uhrmacher van Call in Nymwegen und den Guß der Glocken dem Gießer Hemong. Das ganze Werk kostete 11 218 Gulden. Das Instrument hatte einen Umfang von 2V3 Octav, vom g der großen bis zum c der zweigestrichenen Octav - erst im Jahre 1834 wurde es durch Hinzufügung von 7 kleineren Glocken auf 3 Octaven er­weitert. Leider ist es auch Sitte geworden, an diesem alter- thümlichen Kunstwerk, dem der Natur der Sache nach zwei Eigenschaften anderer musikalischer Instrumente, das piano und das legato versagt sind, mit souveräner Verachtung, weil das Herabsehen darauf nicht gut möglich ist, hinaufzuschauen und seine frommen Weisen zu bespötteln. Und doch gehören diese für den Darmstädter zu den liebsten heimathlicheu Er­innerungen, die nur geweckt zu werden brauchen, um ihn mit einer gewissen Wehmuth zu ergreifen.

Wie im letzten Briefe schon mitgetheilt wurde, hielt in der vorigen Woche die hiesige antisemitische Partei im städtischen Saalbau eine ziemlich stürmische Versammlung ab, in der der Reichstagsabgeordnete Llebermaun von Sonnenberg vor einer sehr großen Anzahl Besucher, theils Gesinnungsgenossen, theils Neugieriger, in 2 ^stündiger Rede über die Schädig­ungen sprach, die dem nationalen Deutschthum durch das Judenthum. zugefügt würden. Leider ist in Folge dieses Vortrags ein äußerst unerquicklicher Streit zwischen einem Theil der hiesigen Presse und obgenannter Partei entstanden, der eine derartige Ausdehnung genommen hat, daß er momentan Gegenstand des Stadtgesprächs ist. Allenthalben an den Straßenecken sieht man Flugschriften angeheftet mit der UeberschristErklärung" oberZur Abwehr". Selbstver« stündlich ist der Ton, in dem die Debatte geführt wird, kein besonders ruhiger und Kraftausdrücke ziemlich derber Natur fliegen hinüber und herüber. Sogar zur hohen Poesie hat man sich verstiegen und gar rührselige VerSlein zieren die öffentlichen Anschlagebretter. Soweit führen die Leidenschaften, wenn sie erst einmal entfesselt sind. Im Uebrigen scheinen die Antisemiten sich unser ruhiges Darmstadt mit seiner Um­gebung als Operationsbasis ausersehen zu haben, denn schon am verflossenen Sonntag wieder fanden in dem nahegelegenen Eberstadt und in dem benachbarten Roßdorf antisemttische Versammlungen statt, in denen Reichstagsabgeordneter Dr. Bockel in längerer Rede die nächsten Aufgaben der Partei erörterte. Der Verlauf dieser Versammlungen soll ebenfalls ziemlich tumultuarisch gewesen fein.

An Goncerten brachte die vergangene Woche wenig. Erwähnenswerth ist nur ein Liederabend, den ein uns bis jetzt unbekannter Compouift Adalbert von Goldschmidt

arrangirte. Es scheint, als ob es neuerdings wieder Mode werden solle, daß die Componiften die Welt durchreisen, um ihre Werke dem Publikum in eigener Person vorzuführen, damit sie möglichst populär werden möchten. Vor einigen Wochen erst hatten wir Gelegenheit, einen Dänen, Professor Hartmann aus Kopenhagen, als Dirigent einer ziemlichen Anzahl seiner Werke zu sehen, and jetzt werden wir wieder in ähnlicher Weise beglückt. Daß bei der Fülle deS momentan Gebotenen das Publikum in nicht allzu großer Menge erscheint, wenn nur Werke eineß einzigen Meisters und zudem eines nicht sehr bekannten, zur Wiedergabe gelangen, ist dabei klar. Zudem ist Goldschmidt keine Capacität ersten Ranges. Seine Lieder sind beinahe alle gesanglich recht dankbar, es fehlt ihnen jedoch die Originalität, besonders Wagners Einfluß ist überall deutlich erkennbar. Bewunderungswürdig war die Interpretin der Werke des genannten Meisters, Frl. Olga Polna vom Stadttheater in Hamburg, besonders wegen der Ausdauer ihres an sich recht hübschen Organes, sang sie doch innerhalb einer Stunde nicht weniger als 20! Lieder der Componiften, ohne daß man auch nur die geringste Er­müdung bemerkt hätte. Nach dieser Seite hin ließ daher der Erfolg des Abends nichts zu wünschen übrig.

Im Großh. Hoftheater übt LeoncavallosBajazzo" immer noch eine gewaltige Zugkraft aus, so war das Haus bei der Aufführung am letzten Sonntag wiederum ausverkauft. Mit dieser Woche tritt eine Unterbrechung der Vorstellungen ein, denn am Palmsonntag und während der Charwoche bleiben auf Befehl Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs die Pforten unseres Musentempels geschlossen. Es ist dies eine für die Mitglieder sowohl, wie für das Publikum recht an­genehme Einrichtung, denn bei der Masse der Aufführungen während des ganzen Winters tritt begreiflicher Weise auf beiden Seiten eine gewisse Ermüdung ein.

Im Evangelischen Bunde dahier hielt am verflossenen Mittwoch der frühere Ober-Confistorialrath, jetzige Professor Dr. Sell aus Bonn einen Vortrag, wozu er das für die weitesten Kreise der Gebildeten höchst interessante Thema: Goethe als Theolog" gewählt hatte. Der geistvolle Redner, ein um das religiöse Leben Darmstadts und des ganzen Hessenlandes sehr verdienter Mann, schilderte insbesondere den Einfluß, den unser großer Dichter und Denker auf die Erneuerung der Theologie im vorigen Jahrhundert ausgeübr hat. Bei der eminenten Beliebtheit, die der Redner in unserer Stadt genießt, war ein äußerst zahlreicher Besuch sicher, weshalb man sich genöthigt sah, für oben angedeuteten Zweck den großen Saal des Saalbaues zu miethen- aber selbst dieser war fast noch zu klein, um die coloffale Menschen­masse zu fassen. Ich werde nicht versäumen, im nächsten Briefe Ihren freundlichen Lesern eingehenden Bericht über diese recht gelungene Veranstaltung zu erstatten. Z-