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26.2.1893 Zweites Blatt
 
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Die Gießener yewlfUelfitttt »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal hrrgelegt.

Gießener Anzeiger

Henerat-Mnzeiger.

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Durch die Post bczoA« 2 Mark 50 Psg.

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Aints- nnd Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.

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Runahmr von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

chratisßeikage: Gießener Aamikienbkütter.

Alle Annoncen.Bureaux deS In- und Au-lande- nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Amtlichem Tbeil.

Bekanntmachung.

Betr.: Maßnahmen gegen die Einschleppung der Lungen­seuche aus Oesterreich - Ungarn (Art. 5 des Vieh- seuchen-Uebereinkommens bezw. Ziff. 4 Abs. 2 des Schlußprotokolls).

Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 21. December v. I., Kreisblatt 301, bringen wir die im Ab­druck nachstehende Verfügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, den 22. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Darmstadt, den 6. Februar 1893. Betr.: Wie oben.

Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz

an die Großherzoglichen Kreisämter.

Im Anschluß an unser lithographirtes Ausschreiben vom 14. December v. I., zu Nr. M. I. 33038, theilen wir Ihnen mit, daß die Einfuhr von Rindvieh aus Oesterreich-Ungarn, soweit dieselbe aus einzelnen Gebietstheilen deffelben wegen des Herrschens der Lungenseuche daselbst nicht gänzlich unter­sagt ist, bis auf weiteres darauf beschränkt worden ist, daß die Thiere von der Grenze aus in öffentliche, veterinär­polizeilich überwachte Schlachthäuser zur alsbaldigen Ab­schlachtung überzuführen sind. Sie wollen hiernach das Er­forderliche 'veranlaffen.

________________________Finger.___________Schliephake.

Gießen, am 22. Februar 1893.

Betr.: Ausführung der Landesfeuerlöschordnung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Nach § 11 der Ausführungsordnung vom 11. October 1890 haben Sie im Monat Februar jedes Jahres eine Grundliste der nach Art. 11 des Gesetzes vom 29. März 1890 pflichtigen Mannschaften, sowie ein Verzeichniß der aus dieser Grundliste für das nächstfolgende, vom 1. April bis 31. März

laufende Jahr als feuerwehrpflichtig in Anspruch zu nehmenden Personen aufzustellen und beide Listen acht Tage lang zur allgemeinen Einsicht offenzulegen, auch diese Offenlegung vorher ortsüblich bekannt machen zu lassen. Auf stattgehabte Entscheidung über die etwa erhoben werdenden Einwendungen ist sodann bis 1. April die Eintheilung der neu herange­zogenen Pflichtigen von Ihnen vorzunehmen. Indem wir Sie auf diese Vorschrift und den hierbei zu beachtenden Inhalt von Abtheilung I. der Kreisfeuerlöschordnung Hin­weisen, erwarten wir spätestens bis 1. April Ihren Bericht über das hiernach von Ihnen Veranlaßte.

Zugleich ist alsdann zu berichten, ob Seitens der Befehlshaber der Feuerwehren die Ab- und Zugangslisten geführt werden und ob auf Grund derselben gemäß § 11, Abs. 1 der Verordnung vom 11. October 1890 Ihrerseits die Verzeichnisse über den Mannschaftsstand der Feuerwehr und ihrer einzelnen Abtheilungen angelegt, sowie ob die Befehlshaber der Feuerwehren mit Dienstbüchern ausge­rüstet sind.

v. Gagern.

Gießen, am 23. Februar 1893. Betr.: Anschaffung von Vogelnistkästen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die «rotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.

Der Umstand, daß in Wald, Feld und Garten die alten Bäume rascher als früher beseitigt und daß auch nicht mehr so viele dichte Hecken erhalten werden, hat es mit sich ge­bracht, daß eine Menge nützlicher Vögel die ihnen in hohlen Bäumen und Hückenfturnpsen früher gebotenen Niststätterr verloren haben und daß in Folge dessen schon jetzt eine be­dauerliche Abnahme der auf solche Nistplätze angewiesenen Vögel, der Höhlen- und Heckenbrüter, zu verzeichnen ist. Von der Ueberzeugung ausgehend, daß es gerade im Interesse der Landwirthschaft dringend geboten ist, diese Vögel, welche ausschließlich Jnsectenvertilger sind, bei uns nicht nur zu erhalten, sondern auch wieder zu vermehren, hat der land- wirthschaftliche Bezirksverein Gießen im vorigen Jahr eine größere Anzahl von Nistkästen für diese Vogelarten ange­schafft und an verschiedene Gemeinden des Kreises vertheilt. Es mar hierbei die Absicht, zu erproben, ob die betreffenden Vögel die Nistkästen annehmen, und für den Fall des Ge­lingens des Versuchs, darauf hinzuwirken, daß Seitens unserer Gemeinden die Anfertigung von Nistkästen nach den bezogenen Mustern in großer Zahl erfolgt, um den Vögeln

ihre verloren gegangenen natürlichen Niststätten reichlich wieder zu ersetzen.

Mit Befriedigung kann nun festgestellt werden, daß der angestellte Versuch im Allgemeinen wohl gelungen ist. Die Herren, welche das Aufhängen und die Beobachtung der Nistkästen übernommen hatten, konnten berichten, daß der größte Theil derselben bezogen war. Wir können Ihnen deshalb dringend empfehlen, durch Handwerker Ihrer Ge­meinden Nistkästen nach den zur Verfügung stehenden Mustern anfertigen und aufhängen zu lassen. Im Einzelnen bemerken wir hierzu noch Folgendes:

Nistkästen wurden angeschafft für 1) Buschrothschmanz, 2) Spechtmeisen, Wendehals, 8) Meisen, Nothkehlchen, 4) Fliegenschnäpper. Die Kästen sind zur Hälfte Natur-, zur Hälfte Kunst-Nistkästen, d. h. aus Baumstücken unter Erhaltung der Rinde oder aus Brettern gefertigt. Nach der gemachten Erfahrung haben die Vögel zwischen beiden Arten im Wesentlichen keinen Unterschied gemacht, vielmehr die Kunstnistkästen fast ebenso gern angenommen, wie die Natur­kästen.

Bei Anfertigung von Nistkästen ist zu beachten, daß Größe, Form, Weite und Höhe des Fluglochs u. s. w. ganz genau den vorhandenen Mustern entsprechen muß, die Vögel würden sie andernfalls nicht beziehen. Die Kästen bedürfen indeß insofern einer Verbesserung, als die Kunstkästen wie die Deckender Naturkästen, sowohl um sie gegen die Witterung widerstandsfähiger zu machen, als auch um denselben ein naturgemäßeres Aussehen zu geben, mit dunkeler Oelfarbe anzustreichen und vor dem Trocknen mit fein zerschnittenen Moosen oder zerriebener Baumrinde zu überstreuen sind. Auch -mvsieblt es sich, das Innere beider Arten von Küsten mit dunkler Oelfarbe anzustreichen, hier indeß nicht zu über­streuen.

Die Kästen wurden im vorigen Jahre überlassen an die Herren Lehrer Curschmann-Gießen, Reuß-Grünberg, Sauer- Lich, Gunschmann-Hungen, Schneider-Heuchelheim, Rückert- Großen-Buseck. Dieselben werden gern bereit sein, Ihnen auf Anstehen Muster von Kästen abzugeben und zugleich die nöthige Anleitung zum Aufhängen zu ertheilen. Wir wünschen indeß, daß die jetzt schon vorhandenen Kästen, nachdem Muster von denselben entnommen sind, alsbald wieder zurück­gegeben werden, da die Benutzung derselben im laufenden Jahr nochmals beobachtet werden soll.

Indem wir noch anfügen, daß mit Rücksicht auf die bevorstehende Brutzeit die Anfertigung der Nistkästen baldigst, möglichst innerhalb der nächsten Tage, erfolgen muß, und

Fenilleton.

Felix.

Aus dem Leben eines Knaben von Zoü v. Reuß.

(Nachdruck verboten.)

Er hieß Felix und war bis jetzt auch ein Glückskind gewesen. Wohnte er doch in einem schönen, alten Hause am Marktplatze, dem man es ansah, daß seine Vorbesitzer schon angesehene Leute gewesen waren. Auch pflegte ihm der Vater- eigentlich niemals etwas abzuschlagen. Freilich hatte dieser wenig Zeit und seine liebe Mutter war gestorben. Das stattliche Haus besaß auch nicht viel Raum zum Austummeln, alle Räume fast standen voll hundertjährigen, verstaubten Hausraths, bis auf die Treppenwinkel herab. Aber diese ehr­würdigen Dinge wurden von dem einzigen Erben rücksichtslos zur Seite geschoben, um für sich und seine Kameraden Raum zu schaffen. Und unten in dem riesigen Speicher, wo die große Waage hing, ließ sich trotz der aufgeschichteten Fässer und Kisten noch immer mit den Schulkameraden Soldaten spielen.

Eines Tages war der Vater bei Tisch sehr aufgeräumt, trank ein Glas Wein mehr als sonst und wollte Felix einen Kuß geben.

Jungen küssen nicht, Papa," wies ihn dieser zurück. Ich bin kein Mädchen," wischte sich der Knabe den Mund ab.

Ich habe Dir etwas Schönes zu erzählen," sagte der Vater zögernd.

Hat die Lotte ein Füllen gekriegt?"

Wo denkst Du hiw?"

Schade! Du hast gewiß einen weißen Karnickelbock gefunden, aber rothe Augen muß er haben."

O, nein!--Du bekommst bald eine neue Mama,

Felix

Eine Mama? Ich will keine Mama, nein, nein, lieber einen Leonberger. Ich werde sie prügeln!" schrie Felix, mit dem Fuße stampfend.

Wart, Du Schlingel!" schüttelte der Vater den Sohn zum erstenmale.

Felix gehorchte der Uebermacht und hörte auf, um sich zu schlagen. Es ward ihm klar, daß er diesmal den Kürzeren ziehen werde. Das erhöhte die Erbitterung.

Keine Mama, nein!" klang es in trotzigem Weinen.

Gehe in Deine Stube und repetire die lateinischen Vocabeln, ich werde sie Abends abhören."

Dazu kam es freilich nicht. Als Herr Stalling gegen Abend nach der Annenstraße ging, um seiner Braut den Verlobungsring anzustecken, hatte er die Declination vergessen. Felix schlug sich etwas mit mensa herum, weidete die Butter von der Stulle und dann ging der Hauskobold todtmüde zu Bette.

Am anderen Morgen kam die Braut, um sich ihr künf­tiges Heim anzusehen. Sie war aus adeliger Familie und während des letzten Winters der star der Saison gewesen, vorzüglich auf den Bällen des Offiziercasinos. Es ließ sich aber auch schwer ein lieblicheres Geschöpf denken als Hilde­gard von Bern. Ein holdes Kindergesicht, mit Grübchen und braunen Rehaugen, in denen zwei Goldpünktchen glänzten, und die frauenhaft entwickelten, schönen Formen bildeten einen entzückenden Contrast. Als Herr Stalling sie mit ihrer Mutter aus dem Wagen hob und die teppichbelegte Treppe hinaufführte, strahlten seine Augen in stolzem Glanze. In dem gediegen, aber einfach eingerichteten Wohnzimmer droben erschien Hildegard wie eine farbenprächtige, exotische Blüthe.

Der Vater ging, seinen Sohn herbeizuholen. Der ver­zogene Bursche kam auch aber ganz ersichtlich mehr aus Freude, den Vater endlich wiederzusehen, als aus Neugier auf die neue Mama. Erst von der Thür an ließ er sich ziehen.

Frau von Bern nahm ihre Lorgnette und beäugelte den zukünftigen Stiefsohn ihrer Tochter. Was sie wahrnahm, .schien ihr wenig zu gefallen. Auch Hildegard dachte wohl nicht anders. Der Vater hatte auch bereits berichtet, daß Felixein Rüpel" sei.Er hat ein sommerfleckiges Gesicht

wie seine liebe Mama," hatte er im Wagen gesagt.Nur kleideten sie die Sommerflecken besser. Die Augen sind wasser­blau, von Statur ist er grobknochig und unschön, wie ich, überhaupt soll er mir sehr ähnlich sein."

Hildegard fand das alles bestätigt, dennoch trieb sie plötzlich ein starkes Gefühl, dem mutterlosen Knaben entgegen­zugehen. Und dabei wurden die schönen Augen naß und ließen die Goldpünktchen wie zwei freundliche, durch feuchten Nebel schimmernde Sterne erglänzen. Herr Stalling sah es freudig und schob ihr den Knaben entgegen. Nun brauchte er sich auch um den der neuen Mama trotzig verweigerten Handkuß nicht zu sorgen. Jetzt küßte Hildegard sogar den Knaben . . . Entsetzlich, der tölpelhafte Bursche wischte, sich wieder den Kuß mit dem Aermel ab.

Wollen wir gute Freunde werden, Felix?"

Nein!"

Hildegard fuhr hocherschrocken zurück, die Grübchen in ihrem weichen, rosenschönen Gesichte verschwanden.

Frau v. Bern wünschte plötzlich die Räume des Hauses zu sehen, um die Einrichtung danach treffen zu können. Sie schien Eile zu haben, um die Scene zu beenden.

Zwei Monate später war die junge Frau in der neuen Heimath eingezogen. Da das Rococo Plötzlich wieder modern geworden, war auch die Einrichtung darnach getroffen worden. Daß der Character desselben, halb Idylle, halb Koketterie, für das altersgraue Giebelhaus keineswegs paßte, empfand nur Herr Stalling selbst, und sah deßhalb die alten, spiegelblanken, wohlconservirten Sachen nicht ohne Bedauern zu derUrväter Hausrath" auf den Boden stellen, um den Holzwurm auch an ihnen sein Zerstörungswerk bi* ginnen zu lassen. Desto besser paßte das Rococo für Hilde­gard. Trotz ihres altdeutschen Namens schien sie so recht bestimmt, zwischen Rosen, schnäbelnden Tauben und Amoretten zu leben. ES ward auch bald recht lebendig um sie her.

. (Fortsetzung folgt.)