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Nr. 147 Zweites Blatt. Sonntag de« 25. Juni
1893
Der Olehener Anzeiger erscheint täglich, ■Ü Ausnahme deS Montags.
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Zum Bezug des ,,Gietzerrer Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis feiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Fnmilienbläiter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
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Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
politische Wochenschau.
Gieße«, 24. Juni 1893.
Von dem neuen Reichstag läßt sich auch jetzt noch kein völlig neues Bild zeichnen, wenn auch einzelne seiner Züge bereits sest- stehen. Hätte es sich bei den Hauptwahlen um ein P lebiszit über die Militärvorlage gehandelt, so wäre — darüber herrscht jetzt aus keiner Seite mehr ein Zweifel — der Regierungsantrag mit einer sehr erheblichen D ajorität verworfen. Rechnet man nämlich in den einzelnen Wahlkreisen die Stimmen zusammen, welche für die Gegner der Vorlage abgegeben worden sind, und vergleicht sie mit der Siimmenzahl der Freunde der Mtlitärvorlage, so ergiebt sich, daß in rund 260 Wahlkreisen die Gegner und nur in etwa 150 die Freunde der Regierungspläne die Mehrheit der Stimmen erhalten haben. Gleichwohl kann es schon jetzt als zweifellos angesehen werden, daß die Opposition nicht entfernt eine im Verhältniß der großen Stimmenzahl stehende Zahl von Reichstagsmandaten besitzen wird. Es rührt dies zum Theil daher, daß die Gegner der Vorlage nicht, wie deren Freunde, in eine enge Verbindung mit einander getreten sind, gemeinsame Candidaten ausgestellt und so eine Zersplitterung der opposttionellen Stimmen auf mehrere Candidaten verhindert haben. Außerdem erleiden bei Stichwahlen die Socialisten, welche diesmal in 15 Wahlkreisen die Freisinnigen aus der Stichwahl verdrängt haben, erfahrungs
gemäß die größten Verlustprocente, weil die meisten nicht- socialistischen Parteien sich nur schwer und theilweise entschließen, : für einen Socialisten einzutreten. Die Siege der Socialisten über die Freisinnigen werden demgemäß nicht der Opposition, ; sondern der Regierung zu Gute kommen. Unter diesen ; Umständen kann man schon jetzt die ziemlich unveränderte Annahme des Antrages Huene im neuen Reichstag als sicher prognostiziren. Einzelne Parteiorgane rechnen sogar bereits mit der Möglichkeit einer Cartellmehrheit. Nach Angabe des Wolff'schen Telegraphenbureaus, welches über die amtlichen Quellen verfügt, sind bereits 80 Mitglieder der I früheren Cartcllparteien gewählt und stehen 166 in Such- 1 wählen. Nimmt man den günstigsten Fall an, so würde | demnach das alte Cartell im neuen Reichstag 246 Mandate umfassen, während zur absoluten Mehrheit nur der Besitz von 199 Sitzen erforderlich ist. Wenn also die vereinigten Conservativen und Nationalliberalen nicht in mindestens 48 Stichwahlen unterliegen, so wird der neue Reichstag das Gepräge desjenigen von 1887—1890 tragen. Indessen ist es doch wohl wahrscheinlich, daß den alten Cartellparteien noch mehr als 48 Stichwahlkreise abgenommen 'werden. Immerhin berücksichtigen die einzelnen Parteien die Möglichkeit einer Cartellmehrheit in der Gestaltung ihrer Stich wahl- politik. Die Socialisten und das Centrum fordern ihre Anhänger mit großer Entschiedenheit auf, unter allen Umständen darauf Bedacht zu nehmen, daß die Parteien des alten Cartells keine Mehrheit gewinnen. Ebenso unterstützt die freisinnige Volkspartei in vielen Kreisen das Centrum und die Socialisten, wenn auch manigsach nur unter der Hand und nicht mir officiellen Proclamationen. Andererseits haben die „conservative Correspondenz", das conservative „Volk", die „Berliner Politischen Nachrichten", die freiconserva- tive „Post" in einem Eingesandt, das nationalliberale Comits in Hagen, und die nationalliberale „Elberfelder Zeitung" der freisinnigen Volkspartei in Berücksichtigung der Thatsache, daß von dieser Fraction der wirkungsvollste Widerstand gegen die Mtlitärvorlage ausgegangen und das reichste Material zu ihrer Bekämpfung beschafft worden ist, ihre Unterstützung im Kampfe gegen die Socialdemokratie versagt. ,Jn Hagen, wo Richter einen gewaltigen Vorsprung hat, 'wird diese Stellungnahme keine große Wirkung äußern, in anderen, namentlich in den Berliner Wahlkreisen, aber ist damit der Sieg der Socialisten über die freisinnige Volkspartei so gut wie besiegelt. Angesichts der schweren Niederlage, welche die letztgenanntePartei erlitten hat, hat ihre Centralleitung dieParole ausgegeben sogleich nach Beendigung des Wahlkampfes mit der Reorganisation der Partei zu beginnen. In einem bemerkenswerthen Expose weist Richter darauf hin, daß nur der langjährige innere Zwiespalt in der früheren deutschftei- sinnigen Partei eine energischere Agitation und straffe Organisation verhindert habe. Nicht ein Mal sei es deshalb zu allgemeinen oder provinziellen Parteitagen gekommen. — Neben der Wahlbewegung und ihren Ergebnissen beginnt jetzt die außerordentliche Futt'ernoth die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich zu lenken. Die zuständigen Instanzen sind gegenwärtig mit der Erwägung geeigneter Abhilfemaßregeln ernstlich beschäftigt.
In Frankreich, wo ebensolche Zustände wie bei unk herrschen, wird in der Deputiertenkammer bereits der Antrag Deroulöde erörtert, den Zoll auf Viehsutter (auch Hafer) für drei Monate aufzuheben. In Deutschland beträgt der Zoll auf Hafer an der Grenze Rußlands, des Hauptexportlandes, für Hafer 40 Mark.
Im Uebrigen ist vom Auslande nicht viel zu berichten. In England hat Gladstone gelegentlich der Berathung einer Resolution zu Gunsten der Einführung internationaler Schiedsgerichte die Aeußerung gethan, der Militarismus sei eine entsetzliche Last und eine abscheuliche Plage für die Civilisation. Auch sei das Problem noch nicht gelöst, ob die immer weitergehenden Rüstungen der Mächte den Ausbruch eines Krieges nicht beschleunigten, statt ihn zu verhindern. Man erinnere sich an die kürzlich in dem gleichen Sinne gemachten Aeußerungen Kalnokhs.
Cocalt» und provinzielle».
Gießen, 24. Juni 1893.
** Militardienstnachrichlen. Perthes, Oberst und Commandeur des Jnf.-RgtS. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116, unter Beförderung zum Gen.-Major, zum Corn- mandeur der 44. Jnf.-Brig., — v. Rosenberg, Oberst und etatsmäß. Stabsoffizier des Gren.-Rgts. König Friedrich III. (1. Ostpreuß.) Nr. 1, zum Commandeur des Jnf.- Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, ernannt, v. Oppen, Oberst und Commandeur des 2. Bad. Gren.-
Regts. Kaiser Wilhelm I. Nr. 110, unter Beförderung zum Gen.-Major, vorläufig ohne Patent, zum Commandeur der 49. Jnf.-Brig. (1. Großh. Hess.), — Frhr. v. Dalwtg, Pr.-Lt. vom Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116, commandirt zur Dienstleistung bei der Gewehr- Prüfungscommission, in daS Commando als Assistent bei der Gewehr-Prüf ungscomrnission übergetreten, — v. Obernitz, Gen.-Major und Commandeur der 49. Jnf.-Brig. (1. Großh. Heff.) in Genehmigung seines Abschiedsgesuches als Gen.- Lieut. mit Pension zur Disposition gestellt.
-0- Avendorf a. d. Lda., 21. Juni. Wie in den zwei letzten Jahren feierten wir auch in diesem Jahre ein localeS Missionsfest, daS dieses Mal auch in Anbetracht der schweren Sorge, die jetzt auf dem Bauernstand lastet, ein ernster Bettag war. Schon in der Frühe strömten die Schaaren der auswärtigen MifsionSsreunde, besonders aus dem Ebsdorfer Grund, hierher- es predigten Pfarrer Dr. Nauman n und Pfarrer Bogel, die beide den meisten Versammelten von anderen Missionsversammlungen her bekannt sind. Das Schlußwort sprach der Ortsgeistliche, die Bedeutung deS Tages als Bettages in gegenwärtiger Noth hervorhebend. Der Chor, blrigirt von Herrn Lehrer Adam, trug an diesem Tage vor: „Siehe das ist Gottes Lamm", „Fahre fort, fahre fort", „Jerusalem, du hochgebaute Stadt", „Dort oben, dort oben". Die Collecte betrug 181 Mark.
H. Aus dem Horloffthale, 21. Juni. Mit großer Spannung erwarten die Landwirthe den Ausfall der Heugrasversteigerungen. Gestern Nachmittag fand eine solche bei uns statt, deren Resultate kurz angedeutet werden sollen. Die Stücke, welche versteigert wurden, sind in Parzellen von etwa einem halben Morgen, etwas größer ober kleiner, je nach Lage und Configuration des Bodens, eingetheilt. Die Stücke sind taxirt und das Taxatum beträgt seit einer Reihe von Jahren zwischen 14 bis 24 Mk. Die gestrige Versteigerung lieferte 40 bis 68 Mk., obgleich an Quantum kaum die Hälfte an Futter gegen frühere Jahre vorhanden ist. Die Graspreise sind also fünf bis sieben- mal so hoch wie in normalen Jahren, was mit den gegenwärtigen Heu- und Strohpreisen übereinstimmt. Von den gestrigen Gewittern, die über uns hinzogen und von denen Ihre Zeitung berichtet, daß sie ihre Schleusen in der dortigen Gegend geöffnet hätten, ist uns kein Tropfen Feuchtigkeit gespendet worden. Dafür ist es heute, auf Sommeranfang, bei steifem Nordost, recht empfindlich kühl geworden. — Einsender erlaubt sich darauf hinzuweisen, daß die Ziegen das Laub von Hollunder und Roßkastanie gerne ausnehmen, wie ihm seit 14 Tagen angestellte Versuche beweisen. Beide Baumarten sind reich belaubt und vertragen die Entnahme von Blättern sehr wohl. Das Durchbringen der Ziege, der Kuh des armen Mannes, ist durch Laub- sütterung wesentlich erleichtert. Auch Schilfrohr, wenn es noch nicht zu hart geworden, wird von Kühen und Ziegen gerne gefressen, worüber ebenfalls schon seit längerer Zeit Fütterungsversuche gemacht wurden. Erfreulich ist es, daß die Dickrübensetzlinge bedeutend im Preise gesunken sind, man kauft sie um den halben Preis gegen früher. Der erste Schrecken pflegt die Preise in der Regel empor zu schnellen. Weiter ist erfreulich, daß sich die Kartoffeln, wenn vielfach auch lückenhaft aufgegangen, doch sehr schön herausmachen. Selbst viele Aecker, die ganz verloren gegeben waren, bestocken sich jetzt zusehends. Die Fehlstellen laffen sich zweckmäßig mit Dickwurzeln und Erdkohlraben ausfüllen.
PA. Darmstadt, 22. Juni. Die Vorbereitungen zum Mittelrheinischen Turnfest, das bekanntlich in den Tagen vom 29. Juli bis 2. August in Darmstadt abgehalten werden wird, schreiten rüstig vorwärts. Die Festhalle auf dem Exerzierplatz giebt schon jetzt in ihren äußeren Umriffen ein Bild von ihrer demnächstigen imposanten Gestaltung. Die Festwirthschast ist an den als sehr leistungsfähig bekannten Herrn Theodor Feilbach aus Stettin übertragen worbender einzige Darmstädter Bewerber hat zu Gunsten des Genannten auf den Mitbewerb verzichtet. Der Wohnungsausschuß konnte über den flotten Eingang von Beiträgen zu Maffenquartieren und die lebhafte Anmeldung von Privatquartieren für die Festgäste berichten. — Der Preß-Ausschuß ist bemüht, für die Festgäste einen kurzgefaßten, übersichtlichen „Fremdenführer" zu beschaffen, welcher s. Z. mit den Quartierkarten ausgegeben werden soll. Ferner ist dieser Ausschuß dermalen mit der Einrichtung eines stenographischen Bureaus beschäftigt. — Der Turn-Ausschuß konnte berichten, baß bas Schüler-Turnen bezüglich ber Volks- und Mittelschule gesichert sei, bie Mitwirkung ber höheren Schulen wegen der durch die Schulferien sich ergebenden Schwierigkeiten noch


