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1893
Nr. 147 Erstes Blatt. Sonntag den 25. Juni
Der
Gietzener Anzeiger erscheint täglich, «it Ausnahme de» Montags.
Die Gießener
AarniltenVtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal de,gelegt.
Gießener Anzeiger
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Gefunden: 1 Damenuhr mit Kette, 1 Uhrgehäuse, 1 Taschenmesser, 1 Brosche, 1 Stiefelknöpfer, 1 Schirm, 1 Haarpfeil, 1 Firmenschild, 3 Musterkarten (von Kleiderstoffen, 1 Hundehalsband, 1 Beißzange, 1 Rodhacke, 1 Kinderstrohhut, 1 Paar und 1 einzelner Handschuh, 1 Weste, 2 Schürzen, 1 Radfahrermünze (Festmünze) und verschiedene Schlüffe!.
Gießen, den 24. Juni 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutscher Reich.
Berlin, 22. Juni. Der „Retchs-Anzeiger" publicirt eine kaiserliche Verordnung, wonach der Reichstag auf den 4. Juli -einberufen wird. Die Verordnung lautet:
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc.,
verordnen auf Grund des Artikels 12 der Verfassung im Namen des Reiches, was folgt:
Der Reichstag wird berufen, am 4. Juli dss. Js. in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen Wir den Reichskanzler mit den zu diesem Zweck nöthigen Vorbereitungen.
Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Jnsiegel.
Gegeben Kiel, den 21. Juni 1893.
Wilhelm.
von Bötticher.
Berit«, 22. Juni. Die Angelegenheit der dem Herzog von Cumberland zugeschriebenen Erklärung in Sachen der Milttärvorlage kann noch immer nicht zur Ruhe kommen. Es wird jetzt gegenüber den Versicherungen welfischer Blätter, daß von einer der Militärvorlage günstigen Erklärung des Herzogs von Cumberland nichts bekannt sei, von zuständiger Seite mitgetheilt, daß eine derartige Aeußerung des Herzogs allerdings gefallen sei. Dies wird in einem Briefe, den Landschaftsrath v. Hake aus Oehr bei Hameln, ein entschiedener Vorkämpfer des Welsenthums, an den Landesdirector v. Hammerstein in Hannover geschrieben, mitgetheilt, welches Schreiben dann dem Civilcabtnet des Kaisers zugegangen sein soll. -Der Rückgang der am 15. Juni abgegebenen welfischen Stimmen wird mit dieser Erklärung des Herzogs in Verbindung gebracht.
— Die Klagen über die herrschende Futternoth haben in einer Anzahl von Bundesstaaten bereits Regierungs- Maßregeln zur Beseitigung dieser landwirthschaftlichen Noth- lage zur Folge gehabt. Hie und da ist auch die Einberufung der Landtage zu einer außerordentlichen Session geplant, um besondere gesetzgeberische Maßnahmen zur Beseitigung der Futternoth zu veranlassen. Dem preußischen Landtage soll
Feuilleton.
Wochendriefe aus der Residenz.
(Ortginalbericht für dm „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 23. Juni 1893.
Das Turnfest — Von der Wahl — Wochenbericht.
Dem im vorletzten Briefe aus der Residenz gebrachten ausführlichen Berichte über die Jubelfeier des Mozart- vereins sei heute noch etwas nachgetragen, um ihn zu vervollständigen. Der Mozartverein hat nämlich nach dem glänzenden Verlauf seines Jubiläums seinem Festpräsidenten, Herrn Gymnasialdirector Nodnagel, die Ehrenmitgliedschaft zuerkannt, um den großen Verdiensten des genannten Herrn um das Gelingen der ganzen Feier den gebührenden Dank abzustatten. Außer Herrn Director Nodnagel besitzen gegenwärtig nur noch zwei um den Verein hochverdiente Männer die Auszeichnung der Ehrenmitgliedschaft, Herr Hofcapellmeister de Haan und Herr Musikdirector Niederhof. Auch der Vereinsdirigent, Herr R. Senff, erhielt von dem Vereine noch nachträglich ein stattliches Ehrengeschenk zum Danke für seine unermüdliche Thätigkeit. Indessen rüstet sich Darmstadt schon wieder zu einem neuen Feste. Wie an dieser Stelle schon mehrfach erwähnt wurde, wird vom 29. Juli bis 2. August das 21. große Mittelrheinische Turnfest in den Mauern unserer Residenzstadt abgehalten werden. Schon früher konnte ich Ihnen über die Wahl des Festplatzes, die Thätigkeit des ComiteS u. s. w. mehrfach berichten, jetzt aber, wo die Zeit des Festes immer näher heranrückt, erwacht auch das Interesse der Bevölkerung für die turnerische Veranstaltung immer mehr,
noch im Verlaufe seiner gegenwärtigen Session eine bezügliche Vorlage unterbreitet werden. Im „Berl. Tagebl." wird die Herabsetzung des Zolles auf Futterstoffe behufs Bekämpfung des Futtermangels angeregt, es ist indessen fraglich, ob die Reichsregierung zu einem derartigen Schritt geneigt sein würde. Da inzwischen aus vielen Gegenden der Eintritt regnerischer Witterung gemeldet worden ist, so dürfte es wohl überflüssig sein, ganz außerordentliche Maßnahmen zur Beseitigung des herrschenden landwirthschaftlichen NothstandeS zu ergreifen.
Berlin, 22. Juni. Der Saaten st and in Preußen für Mitte Juni stellt als Durchschnittswerthe fest, wobei Nr. 1 als sehr gut, 2 als gut, 3 als mittel, 4 als gering, 5 als sehr gering gilt: Für Winterweizen 2,6 (Mai 2,6), Sommerweizen 2,9 (Mai 2,8), Wioter-Spelz 3,3 (Mai 2,9), Sommer- Spelz 4,3 (Mai 4), Winter-Roggen 2,8 (Mat 3,2), Sommer- Roggen 3,2 (Mai 3,1), Sommer - Gerste 3 (Mai 2,8), Hafer 3,1 (Mai 3,1), Erbsen 2,9 (Mai 2,9), Kartoffeln 2,4 (Mai 2,5), Klee 3,9 (Mai 3,7), Kriesen 4 (Mai 4). Eine Besserung der Ernteaussichten hat danach nur bei Winter- Roggen und Kartoffeln stattgefunden. In den Einzelberichten streift Klee und Gras vielfach an die schlechteste Note, so z. B. für Erfurt, Kassel, Wiesbaden, Coblenz, Cöln, Trier, Aachen. Nur für Kartoffeln lassen die jetzigen Aussichten eine Ernte über mittel (2,4) erwarten.
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Madrid, 22. Juni. Gestern wurde hier eine weitere Anzahl von Anarchisten verhaftet.
Neueste
WolffS telegraphische« Correspondenz-Bureau.
Berlin, 23. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Bundesrathsbeschluß, demzufolge auf die Erzeugnisse der deutschen Colonien und Schutzgebiete die vertragsmäßigen Zollsätze anzuwenden sind.
London, 23. Juni. Das britische Panzerschiff „Victoria", zum Mittelmeergeschwader gehörig, ist in Folge Collision mit dem Panzerschiffe „Camperdown" bei Tripolis untergegangen. Der commandirende Admiral Tryon mit 400 Mann e r - tranken.
London, 23. Juni. Beim Untergang des Panzerschiffs „Victoria" sind ertrunken: Der Commandeur Admiral Tryon, Capitän Clerk-Allen, Lieutenant Munro, Marinepfarrer Morris, 5 Ingenieure, 8 Seecadetten. 255 Mann Besatzung, die gerettet wurden, sind nach Malta gesandt worden. Der „Camperdown" ist auch stark beschädigt. Nach einer Depesche des „W. B." befanden sich 650 Menschen an Bord der „Victoria". Der Zusammenstoß sand Nachmittags während des Manövrirens statt. Die „Victoria" wurde vom „Camperdown" in der rechten Seite ange-
ronnt; sie sank nach 15 Minuten 150 Meter tief mit dem Kiel nach oben.
_ Depeschen bei öuretu .Herold".
Berlin, 23. Juni. Die Spaltung der Anarchisten und unabhängigen Socialdemokraten hat sich gestern vollzogen. Der „Socialist" wird künftighin in rein anarchistischem Sinne redigirt.
Berlin, 23. Juni. Dem hiesigen amerikanischen General- consulat wurde von der Unionsregierung aus Washington depeschirt, daß die Einwanderungsacte vom 3. März 1893 nur auf ausländische Einwanderer angewendet werde, aber nicht auf Personen, welche die Union besuchen, diese würden weder der durch die Acte vorgeschriebenen Re- gistrirung, noch der Befragung unterzogen.
Berlin, 24. Juni. Die „Kreuzzeitung" meldet aus Wien: Die Polizeileitung theilte den Arbeiterführern mit, daß sie die für den 9. Juli geplante socialdemokratische Versammlung auf dem Rathhausplatze untersage, solche jedoch in der Volkshalle gestatte, falls der Bürgermeister seine Einwilligung gebe. Letzteres scheint aber sehr fraglich.
München, 23. Juni. Dem Saaten st andSbericht für Mitte Juni entnehmen wir Nachstehendes: Alle Klagen gehen dahin, daß Regen in den drei letzten Monaten nur in Gestalt von Gewitterregen in einzelnen Strichen auftrat und daher nicht genügend war. Sämmtliche Kreise klagen über Futtermangel, besonders die Pfalz und die drei fränkischen. Das Heu ist überall sehr schwach. Alle Bezirke klagen über Ungeziefer an den Sommersaaten und am Hopfen, ebenso über Frost an den Kartoffeln. Kernobst steht gut. Untersranken klagt über großen Mäuse-, Schwaben über Hagelschaden. Tabak steht gut, ebenso der Wein in der Pfalz. Untersranken verspricht dreiviertel Herbst. Im Allgemeinen sind die Aussichten recht trübe.
Mailand, 24. Juni. Gestern zogen wiederum 2000 Arbeiter an das deutsche Consulat, indem sie socialistische Lieder sangen und Verwünschungen gegen Deutschland hineinriefen.
London, 23. Juni. Laut Nachrichten auS Mekka starben gestern an der Cholera 185 Personen, vom 16. bis 19. d. M. 860 Menschen.
Newyork, 23. Juni. Ein großer Theil der Stadt Tilloniack wurde durch eine Feuersbrunst zerstört- da das Feuer an verschiedenen Orten zugleich ausbrach, wird allgemeine Brandstiftung vermuthet.
Stichwahl-Ergebnisse.
Frankfurt a. M., 23. Juni. Das Ergebniß der heute vollzogenen Stichwahl zwischen Schmidt (Soc.) und Dr. Oswalt (Natl.) ist folgendes: Schmidt 17,180 Stimmen, Oswalt 11,266 Stimmen.
immer häufiger wird das „Turnfest" zum Gegenstand der Stammtischunterhaltungen gemacht — kein Wunder, gilt es doch für unsere Bürgerschaft wieder einmal von neuem zu beweisen, daß sie den Ruhm der Gastfreundschaft in jeder Beziehung verdient und daß sie sich darauf versteht, Feste zu veranstalten und deren Besucher freundlichst zu bewillkommnen. Unsere Tagesblätter öffnen den Mittheilungen und Wünschen des Comitös in liebenswürdigster Weise ihre Spalten und so ist denn von dieser Seite aus auch schon mancher Apell an die Residenzler ergangen, um ihre Anteilnahme an dem Feste zu sichern. Vor allem wird es sich um die Beschaffung einer größeren Anzahl von Freiquartieren handeln, denn auf hohe Hotelpreise pflegen unsere Turner meist nicht „eingerichtet" zu sein. Ein besonderer Wohnungsausschuß hat die Erledigung dieses wichtigen Punktes übernommen und wird sie auch sicher zur Zufriedenheit unserer Festgäste ausführen. Auf recht zahlreichen Besuch hoffen wir nämlich bestimmt, auch die Gießener Turnerschast wird hoffentlich im Juli auf dem Fest- platze und bei den Wettkämpfen vollzählig vertreten sein. Zum Schluffe möchte noch erwähnt sein, daß außer dem Wohnungsausschuß noch ein „Finanz-", ein „Preß-", ein „Turn-", ein „Musik- und Vergnügungsausschuß", ferner ein „Empfangs"- und ein „Zug- und Ordnungsausschuß" thätig sein werden.
Nun zum eigentlichen Wochenberichte. Da wäre zunächst wiederum etwas vom vielgenannten Mozartverein zu berichten. Am vergangenen Samstag hatte dessen activer Männerchor nämlich die Ehre, Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog und Ihrer Großherzogl. Hoheit Prinzessin Alix in Kranich- stein, wo sich die allerhöchsten Herrschaften gegenwärtig zur Sommerfrische aufhalten, eine Serenade bringen zu dürfen, nach der der Vereinspräsident von Seiner Königl. Hoheit
empfangen und zu den Leistungen des Vereins huldvollst beglückwünscht wurde. — Große Aufregung und eine außerordentlich lebhafte Agitation veranlaffen natürlich die Stichwahlen, doch darf man wohl mit Bestimmtheit hoffen, daß unser bewährter seitheriger Vertreter, Dr. Osann, auch diesmal siegreich aus dem Wahlkampfe hervorgehen wird, daß also somit die Socialdemokraten eine Niederlage erleiden. Daß übrigens die Politik nicht den Humor verdirbt, bewies in der vergangenen Woche unser bekannter einheimischer Dialectdichter Karl Schafnit, der ein komisches Wahlstückchen aus dem Odenwalde in prächtigen Versen verherrlicht hat: Ein biederes Bäuerlein ist von einer liberalen Partei zum Agitator auserkoren, vor Allem soll er g e g e n den antisemitischen Can- didaten Propaganda machen und diesem möglichst viele Stimmen entziehen. Aber als das Wahlresultat bekannt wird, da hat der von unserem Agitator „protegiertes Can- didat überhaupt keine Stimme bekommen, das Comite fragt nun seinen Vertrauensmann aus und da gesteht dieser traurig, er habe selber dem Antisemiten seine Stimme gegeben. Die kleine Geschichte ist hier infolge der trefflichen poetischen Verarbeitung, die ihr zu Theil geworden, viel belacht worden.
Nächst der Wahl bildet die entsetzliche Trockenheit und deren Folgen für unsere Landwirthschaft den Hauptgegenstand des allgemeinen Interesses. Wie Ihre Leser wissen, hat sich unsere hohe Regierung der Angelegenheit sofort angenommen und sie sucht allenthalben dem Futtermangel zu steuern, so weit das eben nur möglich ist. In der Presse sind mehrere aufklärende und belehrende Aufsätze von Fachleuten über dies leidige Thema erschienen, auch wird von Seiten der landwirthschaftlichen Anstalten Alles gethan, um der weiteren


