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Nr 2t Erstes Blatt.
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Die Girhener
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Der
Gteßener Anzeiger erscheint täglich, eil Aufnahme deS Montag-.
Gießener Anzeiger
Keneral-Wnzeiger.
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Alle Annoncen-Bureaux deS. In» und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Deutscher Reichstag.
28. Sitzung. Montag, 23. Januar 1893.
Eingegangen: Novelle zum Postdampfergefetz.
Vor Eintritt in die Tagesordnung spricht Abg. Singer sein Bedauern darüber aus, daß dem Abg. Dr. v. Fr ege es Gewohnheit unv Erziehung nicht möglich gemacht haben, se ne Ausführungen in dem Tone zu beantworten, in dem diese Ausführungen "folgt seien.
Auf der Tagesordnung steht zunächst zweite Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung.
Anstand.
Budapest, 22. Januar.. Hiesigen Blättern zufolge wäre der serbische Regent Belimark0witfch heute Nacht tobsüchtig geworden und konnte nur m't schwerer Mühe unschädlich gemacht werden. Belimarkowitsch wird in eine Irrenanstalt gebracht.
Belgrad, 22. Januar. Dem „Dnevni List"- zufolge hat die Regierung von der Aussöhnung der königlichen Eltern keine officielle Kenntniß. Die Versöhnung kam ganz unerwartet, selbst die Regenten harten keinerlei Kenntmß davon. — Der serbische Gesandte in Paris meldet, Milan sei seit Neujahr nicht in Paris. — Viele Anhänger und Ver- wandte Milans sandten Glückwunschdepeschen, für welche Milan telegraphisch dankte.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Januar. Die mit dem Krönungs- und Ordensfest eingeleiteten diesmaligen Winterfestlichkelten am Berliner Hofe erhallen mit dem herangenahten Vermählungsfeste der Prinzessin Margarethe von Preußen und der letzterem unmittelbar folgenden Feier des 34. Ge> burtstages Kaiser Wilhelms ihren Glanz- und Höhepunkt. Zahlreiche Fürstlichkeiten von nah und fern werden dieser erhebenden Doppelfestlichkeit im Schooße des Deutschen Kaiserhauses beiwohnen und die Reichshauptstadt wird darum in diesen Tagen am Hofe sich ein ganz besonders glänzendes und bewegtes Treiben entfalten sehen. Bei dem familiären Tharacter, der den Grundzug beider Feste bildet, ist es selbstverständlich, daß hierbei die Politik nicht in Betracht kommt, aber auch ohne eine politische Umrahmung präsentiren sich die Verwählungsfeier der Prinzessin Margarethe und das Geburtsfest des Kaisers bedeutungsvoll und imposant genug. Die Doppelfeier weist namentlich dadurch ein spezielles bemerkens- werthes Moment auf, daß sie mit den Königen von Sachsen und von Württemberg, sowie mit den Großherzögen von Baden, Hessen und von Weimar fast säwmtliche hervorragenderen Bundesfürsten als Gäste am kaiserlichen Hofe vereinigen wird und vielleicht dürste diese Gelegenheit zu traulicher Aussprache zwischen den erlauchten Fürstlichkeiten über dies und jenes führen.
— Die Reichstags - Commission zur Vorberathung der |
Die Commission (Berichterstatter Möller) empfiebtt unveränderte Annahme des Entwurfs, sowie Annahme^ einer Resolution um baldigste Vorlegung eines Gesetzentwurfs zur Abhulfe der wbel- tände die daraus entstehen, daß mit Einführung der Einheitszeit m Osten und Westen des Reiches vielfach erhebliche Verschiebungen gegenüber den auf Ortszeit berechneten Zeitbestimmungen des Arbeiter- ^"^Abg.E Brandenburg (Ctr.) bat aus Competenz- "udanderen Gründen tn der Commission gegen dte Vorlage gestimmt Er "blickt in derselben eine einseitige Unterordnung der Verhältnisse des bürgerlichen Lebens unter die Interessen des Eisenbahnbetriebs.
Abg. Frhr. v. Heer emann (Ctr.) ist gleichfalls gegen die Vorlage, deren Annahme leider zweifellos sei. Er wolle nicht, daß die gute alte Reit zu Grabe getragen werde, ohne daß Jemand zu ihren Gunsten spreche. Die neue Zeitbestimmung bringe große unnatur- lU6C mTsr»"9™.' Stumm (Rp.) bat rrnfte Sebenten für bte UebergangSzeit und betont die Nothrvendtgkeit der tn der Resolution 6ti°' bemat 8 i> 111 d> e r erkennt baä V°rhand-nl-in °°n
U-b-lft-nb-n ans b-r ElnheilSM für bte UeSeraangSwit an. werbe sich eine Erhebung über ben Umfang biefet Uebelftanbe nöfttg machen. Man werde sich übrigens rasch an die neue Zettdestimmung gewöhnen. In Baden, Württemberg und EUaß-Lothringen bestehe die neue Zeitbestimmung bereits seit dem 1. April v. I-, ohne daß Klagen laut geworden seien. Er schließe daraus, daß die befürchteten Uebelstände doch überschätzt würden. -
Der Gesetzentwurf wird im Einzelnen gegen bte Stimmen der Mehrheit des Centrums angenommen.
Die Resolution wird besonders discutirt.
Abg Hirsch (dfr.) spricht gegen dieselbe als gegen eine Durch- 15dier^5)0.^©t!ü)ffoagen (Soc.) verwirft gleichfalls die Resolution im ^b^Bra^ndenEburg (Ctr.) befürwortet die Resolution, durch welche bezüglich der Bestimmungen des Arbeiterschutzgesetzcs der Willensausdruck des Gesetzgebers gewahrt werde.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) vertheidigt die Resolution gegen Abga. Hirsch und Stadthagen.
Die Resolution wird abgelehnt.
Es folgt erste Berathung der Novelle zum Wuchergesetz.
Abg. Dr. Giese (cons.) begrüßt die Vorlage, da eine weitere Beschränkung des Wuchers eine alte Forderung seiner politischen Freunde bilde. Das bisherige Gesetz habe die daran geknüpften Befürchtungen nicht bestätigt und viel Gutes gewirkt; aber der Wucher habe vielfach andere Formen gewählt, um dem Gesetze zu^ entgehen, und dem müsse entgegengetreten werden. Der von dem Gesetzentwurf eingeschlagene Weg sei nach Ueberzeugung seiner Freunde der richtige, sie forderten aber eine gleichmäßige Behandlung des Credit- und des Sachwuchers: der ütztere müsse, auch wenn er nur im einzelnen Falle vor komme, ebenso strafbar sein, wie der Creditwucher. Auch wäre es angezeigt, dem Bewucherten in Gestatt einer im Erkenntnitz zuerkannten Buße eine «Entschädigung zuzusichern, anstatt denselben deshalb auf den Weg der Civilklage zu verwetten. Der schlimmste Wucher liege da vor, wo der Wucherer sein Opfer erst m eine künstliche Rothlage versetze, um dasselbe dann um so sicherer auszubeuten. Es würde sehr verdienstlich sein, wenn Mittel und Wege gefunden
Bekanntmachung, betreffend Gesuch der Ersten D utschen Cautionsversickerungs- anstalt „Fides" zu Mannheim um Ertheilung der Erlaubmß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht,^ daß die Erste Deutsche Cautionsversicherungsanstalt „Fides zu Mannheim gemäß Beschluß der Generalversammlung vom 20. v. M. unter Annahme der Firma: „Fides, Erste Deutsche Cautions- und Allgemeine Versicherungs-Anstalt" durch enfc sprechende Aenderung ihrer Statuten ihren Geschäftsbereich auch aus die Unfall- und Lebens-Versicherung erstreckt hat.
Gießen, den 21. Januar 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Jex Heinze", des Gesetzes zur Bekämpfung der Unsittlichkeit, lehnte nach lebhaften Debatten den Absatz, welcher die Casernirung der Prostituirten ermöglichen sollte, mit 14 gegen 6 Stimmen ab. Da zahlreiche anerkannte Autoritäten sich aus gewichtigen Gründen für die Casernirung der Prostitution ausgesprochen haben, so muß der entgegengesetzte Beschluß der genannten Reichstogs-Commission Befremden erregen. Ob er im Plenum wieder rückgängig gemacht werden wird, erscheint indessen sehr fraglich.
— Im Waldenburger Kohlenrevier ist em Strikeversuch gemacht worden. Achtzig Schlepper des Mehrauschachtes in Altlässig versuchten es, einen Strike zu insceniren, sie fanden aber keinen Anhang.
Halle a. S., 22. Januar. In der Irrenanstalt Ni et- leben sind bisher 72 Erkrankungen^und 2 6 Todesfälle vorgekommen, gestern 9 Erkrankungen und 7 Todes alle. Zwei Aerzte und eine Wärterin waren erkrankt. Der Gefunv- heitszustand der Stadt ist nach dem Bericht der Santtats- commission vorzüglich.
Feuilleton.
_______ )
Irrwege.
Novelle von F. von Pückler.
(19. Fortsetzung.)
Kaum daß Waldstein seine Sachen abgelegt und sich erfrischt hatte, machte er sich auf den Weg, Isa aufzusuchen. Tausende von Gedanken kreuzten sein Hirn, bleischwer lags ihm in den Gliedern, denn wenn er auch wußte, seinen Liebling nicht glücklich anzutreffen, so ahnte er doch nicht, daß das schwerste Leid für ein Menschenherz Isa betroffen, — daß sie hatte entsagen müssen der ersten jungen Liebe, dem Traume ihres Lebens, und abermals um des unwürdigen Vaters willen.
Er langte vor dem Hause an, worin Constantin Volkert wohnte/ dieser selbst stand mit einem schmutzigen Händler an der Thür und verhandelte eifrig mit diesem.
„Der Goldfuchs ist unter Brüdern seine zweitausend Mark werth, ich lasse Ihnen denselben für achtzehnhundert. Wollen Sie das Geschäft machen?"
„Ich waiß nicht, Herr Director! Mair saien die Hinter- beene nicht sicher."
„Aber ich bitte Sie, das Thier ist aus dem besten königlichen Gestüt und ich würde es nie veräußern, wenn — wenn ick nicht — einen anderen Kauf im Auge hätte."
„Se mainen? Wie wärs mit sechszehnhundert Mark?" „Wenn ich sie baar bekomme, nun gut. Ich verliere natürlich bedeutend dabei. Aber heute Abend wird meine Tochter das Thier noch reiten."
„Ah, die scheene Donna Bella! Was for 'ne Dame! Se springt so forsch über die höchsten Barrieren und sieht nicht rechts, noch links. Müssen gute Geschäfte mit ihr machen, Herr Director."
„Hm ja, aber sie will jetzt wie alle Mädchen heirathen und zwar einen meiner Künstler/ unter uns, sie hätte nach
einer Fürstenkrone langen können, freilich war sie klug genug, bei ihrem Beruf zu bleiben. Wenn mir nur das junge Paar nicht untreu wird und etwa nach England geht. Also, Herr Hirsch, wollen Sie mir die sechszehnhundert Mark gleich baar zahlen? Hier haben Sie ein Blllet für die Abend- Vorstellung und nach derselben nehmen Sie das edle Thier gleich mit."
„Schön, Herr Dircctor, ich will Sie das Geld aufzählen. Kommen Se man ins Haus —"
Voll Abscheu und Verachtung wandte sich Waldstein ab. Welch eine niedrige Natur war doch dieser Volkert, der aus Reclame seines einzigen Kindes schmerzlichstes Geheimniß vor einem Pferdehändler enthüllte.
„Melden Sie mich bei Fräulein Volkert," befahl er kurz dem ihm öffnenden Dienstmädchen und reichte ihr seine Karte/ gleich darauf vernahm er von drinnen einen halb- erstickten Freudenruf, eilige Schritte fliegen herbei und dann lag Isa in seinen Armen, schluchzend vor Freude und Weh.
„Onkel Alfred! Du kommst zur rechten Zeit. Hilf Deiner armen Isa/ o, wie ich mich freue, Dich zu haben."
„Mein geliebtes Kind, mein theurer Liebling," flüsterte der starke Mann erschüttert, „ich sehne mich ja gleichfalls nach meinem goldenen Sonnenstrahl, denn es ist so einsam und öde ohne Dich und Dein frisches Lachen."
„Ich lache nicht mehr, Onkel," murmelte sie in herzzerreißendem Tone, „ich habe es verlernt! Aber die Thränen sind mir geblieben, — sonst müßte ich ersticken. Ach, Onkel Alfred, wie schwer und wie lang ist doch ein Menschenleben !"
„Mein armes Kind, was haben sie mit Dir gemacht, daß Du schon so jung zu diesem trüben Lebensresultat kommst?"
„O, nicht viel, Onkel Alfred! Ich bin eben eine Kunstreiterin, die man — einem Berufsgenossen zur Frau giebt. Und dies Herz ist so thöricht, einen Mann zu lieben, den es nimmer besitzen darf."
„O, meine Isa. Wärst Du nie aus meinem väterlichen Hause geflohen."
„Onkel Waldstein, Du kennst ja auch das bittere Leid, entsagen zu müffen, aber doch war es bei Dir anders, denn meine Mutter liebte eben jenen Anderen und Dich nicht. Und ich — Onkel Alfred, fühle, wie es in meinen Schläfen klopft/ ich meine, man hat mir den Lebensnerv durchschnitten, als ich von ihm scheiden mußte."
„Armes Kind, es stirbt sich eben nicht am gebrochenen Herzen, sonst würde manch armes Erdenkind in das Grab sinken."
„Und hast Du keinen Trost für mich?/
„Doch! Droben lebt ein ewiger Gott, welcher das Leid abwägt, welches er seinen Menschen bestimmr. Und wenn es genug ist, dann winkt er, damit sie nicht unter ihrer Last zu Grunde gehen."
„Du hast recht, Onkel, und doch meine ich, das Elend nicht tragen zu können, das aus mich herabsinkt."
„Isa, reitest Du heute Abend?"
„Ja," nickte sie müde, „und zwar auf Vaters Befehl als Amazone im Goldcüraß. O, theurer Onkel, vielleicht giebt es tm großen, weiten Circus Menschen, welche mich beneiden um all den Glanz und den Beifall, der mich um- giebt. Wohl ihnen, wenn sie nicht wissen, wie traurig das Herz unter der schimmernden Hülle pocht und wie manche Thräne die starren, trockenen Augen geweint haben."
„Ich werde hingehen, — um Dich zu sehen, Kind!"
„Thue es, Onkel Alfred, dann weiß ich doch, für wen ich meine Kunst ausübe."
„Aber — Prinz Arloff begleitet mich."
Sie zuckle unmerklich zusammen, die feinen Lippen bebten qualvoll: „Weßhalb eine neue Tortur? Aber sei es drum — so sehe ich ihn doch noch ein letztesmal."
„Weßhalb, Isa, verkauft Dein Vater den Goldfuchs, welchen Du heute Abend reitest?"
Das junge Mädchen blickte erstaunt in die Höhe.
„O, davon ist keine Rede. Das Thier ist ein Prachtexemplar und für uns unersetzlich."
(Fortsetzung folgt.)


