Ausgabe 
24.12.1893 Drittes Blatt
 
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die Einlieferung der NeujahrSbriese bestehende Einrichtung in Erinnerung, die gleichfalls im Publikum nicht allgemein bekannt ist. Diese Einrichtung besteht darin, daß an größeren Orten (z. B. in Darmstadt, Mainz, Offenbach, Gießen, WormS) frankirte Stadtbriefe, Postkarten und Druck­sachen, deren Bestellung am 1. Januar früh gewünscht wird, bereits vom 26. December ab zur Einlieferung gelangen können. Der Absender hat derartige Briefe in einen Brief­umschlag zu legen und diesen mit der Aufschrift zu versehen: Hierin frankirte NeujahrSbriese für den Ort." Diese offenen oder geschloffenen Briefumschläge, die nicht frankirt zu werden brauchen, können entweder am Postschalter abgegeben oder soweit es der Umfang gestattet, in die Brief­kasten gelegt werden. Die Absender solcher frühzeitig ein­gelieferten Briefe können einer pünktlichen Bestellung derselben zum Neujahrstage gewiß sein. Voraussetzung ist allerdings hierbei, daß die Wohnung der Adressaten möglichst genau, d. h. nach Straße, Hausnummer und Lage ob eine oder zwei Treppen rc. und zwar unterhalb der Angabe des Bestimmungsorts, auf die Briefe uiedergeschrieben wird. Ueberhaupt ist eS zur Sicherung einer schnellen Beförderung und Bestellung der Postsendungen, nicht nur zur NeujahrSzeit, von größter Wichtigkeit, wenn außer den vorbezeichneten An­gaben auch der Bestimmungsort auf den Postsendungen mög­lichst deutlich unten rechts in der Ecke mit großen lateinischen Buchstaben vermerkt wird. AuS diesen Angaben muß auch die Lage des Bestimmungsortes, namentlich bei weniger be- kannten Orten, unzweifelhaft hervorgehen. Zu derartigen Bezeichnungen eignet sich die Angabe des Staates und bei größeren Staaten deS politischen Bezirks (Provinz, Regie­rungsbezirke) oder auch die Angabe von größeren Flüssen (an der Oder",an der Elbe",am Rhein", am Main" rc.) oder von Gebirgen (am Harz",im Odenwald" rc.) Nicht minder sind zusätzliche Bezeichnungen, wiein Thüringen", in der Altmark",im Rheingau" rc. für den Zweck geeignet. Bei Postsendungen nach Ortschaften ohne Po st an st alt ist auf der Adresse außer dem eigentlichen Bestimmungsorte noch die Bestell-Postanstalt anzugeben. Gibt es mit dem Bestimmungsorte gleich oder ähnlich lautende Poft­orte, so ist dem Ortsnamen eine zusätzliche Bezeichnung beizufügen. Ein Verzeichniß der gleichnamigen oder ähnlich lautenden Postorte kann zum Preise von 15 Pfg. bei jeder ReichS-Postanftalt bezogen werden. Liegt der Bestimmungsort einer Postsendung in einem fremden Postgebiete, so ist bei den weniger bekannten Orten auch das Land oder der LandeStheil auf der Adresse anzugeben. Bei Briefen nach Berlin ist, außer der Wohnung des Adressaten, der Post­bezirk (N., NO. rc.), in dem die Wohnung sich befindet, auf der Adresse hinter der OrtSbezeichnungBerlin" zu vermerken. Die genaue Beachtung dieser Punkte trägt zu einer beschleu­nigten Beförderung der Postsendungen wesentlich bei und liegt daher in erster Linie im eigenen Interesse der Absender. Schließlich wollen wir, um nochmals auf den Neujahrsverkehr zurückzukommen, nicht unterlassen, den Absendern von Neu­jahrsbriefen den möglichst frühzeitigen Ankauf der erforder­lichen Freimarken und die Absendung der NeujahrSbriese nach auswärts einige Tage vor Neujahr dringend ans Herz zu legen. Denn erfahrungsgemäß ist der Andrang an den Poftschaltern am 31. December ein so ungeheuerer, daß trotz der umfassendsten Vorkehrungen der Postbehörde oft nicht zu vermeiden ist, wenn an diesen Tagen Stockungen am Schalter eintreten. Wer also zur Erlangung seiner Frei-

Grenze und legte mich endlich zur Ruhe auf italienischem Boden.

Wie ich, obgleich verhältnißmäßig in Sicherheit, meinen Weg immer noch auf den unbesuchtesten Straßen fortgesetzt, wie ich mir in dem ersten Dorfe eine Feile kaufte und mich von den eisernen Ringen um meine Knöchel befreite wie ich um Nizza herum lauerte, bis Haar und Bart mir wieder gewachsen waren wie ich mir meinen Weg nach Genua durchbettelte wie ich in Genua am Hafen mich herumtrieb, meinen Unterhalt durch zufällig sich darbietende Arbeit erwerbend und mich so durch den rauhen Winter hin- durcharbeitend wie ich beim Eintritt deö Frühlings meine Ueberfahrt von Genua nach Fiumtcino durch Arbeit auf einem kleinen Handelsschiff, welches alle Häfen an der Küste be- suchtI, abverdtente und wie ich in einer mit Oel und Wein beladenen Barke den Tiber langsam htnauskam und eines Abends am Ripetta Quai in Rom landete wie dies alles geschah und welche körperliche Beschwerden ich inzwischen ertrug das im Einzelnen hier zu erzählen, gebricht es mir an Zett. Mein Zweck war gewesen, nach Rom zu gelangen und der war endlich erreicht. In einer so großen Stadt und die so wett von den Vorgängen meiner Gefangenschaft entfernt lag, war ich persönlich sicher. Ich konnte hoffen, meine Fähigkeiten und Kenntnisse zur Geltung zu bringen und konnte vielleicht sogar Freunde finden unter den Fremden, welche zu den Festen der heiligen Woche dorthin strömten. Boller Hoffnung suchte ich deßwegen eine bescheidene Wohnung in der Nähe deS Quais, überließ ckich einen oder zwei Tage dem Genuß meiner Freiheit und der Besichtigung Roms und ging dann darauf aus, eine regelmäßige Beschäftigung zu suchen.

Eine regelmäßige Beschäftigung oder aüch nur eine Be­schäftigung überhaupt war aber nicht so leicht zu finden. ES war eine unglückliche Zett. Die vorige Ernte war fehl- geschlagen und der Winter war ungewöhnlich strenge. ES waren auch politische Unruhen in Neapel auSgebrochen und eS waren in diesem Frühjahre Tausende von Reisenden weniger gekommen als durchschnittlich sonst. Einen so langweiligen Earneval hatte man seit Jahren nicht gekannt. Die Maler hatten keine Bilder verkauft und die BUdhauer keine Statuen. Alle Kaufleute, Holelwirthe, die Fremdenführer von Profession, alle beklagten sich bitterlich.

(Fortsetzung folgt.)

marke« nicht längere Zeit am Schalter stehen will, was gerade nicht zu den Annehmlichkeiten gehört, der matte seine Einkäufe bei der Post schon einige Tage vor JahreSschluß.

ck. Zur Geschichte deS WeihaachtSbaumeS brachte Ihre Zeitung in der letzten SamStagSnurnmer eine Mittheilung, die wir um Folgendes erweitern möchten. Die ältesten Formen des VolksliedesO Tannenbaum" weisen auf den Anfang deS 17. Jahrhunderts in Deutschland bin und ge- schichtlich bestätigt finden wir die Mittheilung vom Chriftbaum in eben demselben Jahrhundert durch den Theologen Dann- Hauer in Straßburg, der in seinem BucheKatechismuS-Milch" Folgendes sagt:Unter andern Lapalien, bannt man die frohe Weihnachtszeit oft mehr als mit GotteS Worte begehrt, ist auch der Weihnachtsbaum oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Puppen und Zucker behängt und ihn hernach schütteln und abblumen läffet. Wo die Ge­wohnheit hergekommen, weiß ich nicht- ist ein Kinderspiel doch besser, als andere Fantasie und Abgötterei, so man mit dem Christkinde pfleget zu treiben und also deS Satans Capelle neben die Kirche bauet und den Kindern eine solche Opinion beibringt, daß sie ihre innigen Kindergebetlein vor dem ver­mummten und vermeinten Chriftkindlein fast abgöttischer Weis' ablegen." Daß zu früherer Zeit die Christen schon die Kirchen am Weihnachtsabende mit Pflanzengrün schmückten, scheint uns der Kirchenvater Hieronymus anzudeuten, wenn er mit Bezug auf das jüdischeFest der Hütten", welches am 24. Tage ihres 9. Monats, unseres Decembers, gefeiert wurde, sagt:Darum dürfen sich die Christen dem Feste der Hütten nicht entziehen; vielmehr sollen siejdasselbe feiern zum Gedenken an jenes Holz des Lebens, daß ihnen gegeben ist." Es gibt auch eine Lesart, nach welcher der Christbaum nicht anfänglich deutschen, sondern italienisch - christlichen Ur­sprungs ist. Assisi in Umbrien wird als die Stadt seiner Entstehung genannt. In der dortigen Kathedrale befindet sich daß Grab des heiligen Franz von Assisi, des Stifters des Franziskaner-Ordens. Franziskus hatte es sich zur heiligen Pflicht gemacht, Armuth und Entbehrung zu tragen. Um nun auch seiner Gemeinde die Armuth des Herrn, gegen welche er die eigene Entbehrung für nichts achtete, recht augen­scheinlich vorzufahren und besonders den Armen einen Trost daraus zu gewähren, zeigte er zur heiligen Nacht in figür­licher Darstellung den Stall zu Bethlehem mit den heiligen Personen. Das Kirchlein, in welchem er der andächtigen [ Gemeinde predigte, lag außerhalb beß Städtchenß in einem | stillen Pinienwäldchen. Wenn er dann m der milden italieni­schen Sternennacht am heiligen Abend die Krippe aufgebaut hatte, pflegte er die Umgebung dadurch zu erleuchten, daß er an den grünen Bäumen umher Lichter befestigte und anzündete. Deß Franzißkuß Jünger aber zogen nach des Meisters Tode durch die ganze Welt und überall, wohin sie tarnen, erbauten sie den Stall mit der Krippe auf und beleuchteten ihn durch Lichter, die auf darum gestellten grünen Bäumen angezündet wurden. Das Volk aber nahm die Sitte der Franziskaner auf und so entstand der Weihnacht-baurn, der besonders dem deutschen Wesen zusagte und auch hier zu besonderen Ehren kam. Trotz dieser geschichtlichen Sagen bleibt es dabei, daß unser einzig schöner deutscher Chri st bäum auch deutschen Ursprungs ist.

Der Getreibemarkt. Der Verkehr im Getreide­geschäft war auch in der Weihnachtsvorwoche nur ein sehr engbegrenzter, wobei die Nähe der Festtage offenbar mit elntoirfte. Dagegen zogen die Preise in Roggen wie in Weizen und Hafer fast überall etwas an, hauptsächlich in Folge mangelnden Angebotes, wie auch besserer Notirungen von auswärts- die definitive Annahme des rumänischen Handelsvertrages im Reichstage hat auf die Preistendenz augenscheinlich nicht im Mindesten drückend eingewirkt. ES notirten an der Berliner Productenbörse: Weizen von 136149 Mk. pro 1000 Kilogramm, Roggen von 123 bis 128 Mk., Hafer von 143 biß 183 Mk., Gerste von 118 bis 183 Mark.

Verunifchtes.

* Gerechte Strafe. Ans Berlin wird derK. VolkSztg." geschrieben: Die Weihnachtszeit naht wieder heran und zur Warnung für alle Schenklustigen theilen wir folgende Ge­schichte mit, die vorige Weihnachten hier passirt ist. Ein Herr beabsichtigte, seiner Frau ein neues Kleid zu schenken und wandte sich, um ihren Geschmack zu erfahren, an ihre Freundin, die daS Kleid unter dem Vorwande kaufen sollte, sie wolle selber haben. Mit einem Hundertmarkschein außgerüftet, gehen die beiden Damen in ein bekanntes Ge­schäft, und dieFreundin" erklärt:Ich wünsche ein Gesellschaftskleid." Geschwinde Verkäufer legen Stoffe vor, und baß Parlamentiren beginnt. Nun sagt man wohl, daß die Damen sich gegenseitig Alles gönnen, bloß nicht (wenn sie unverheirathet ftnb) einen Mann und außerdem kein neueß Kleid. Die betreffende Frau wurde also um ihren Rath gefragt und boshafter Weise suchte sie gerade daß Kleid auß, welches ihr am wenigsten gefiel, denn war doch zu schwer, derFreundin" einen so großen Triumph zu gönnen! Wie kam nun herauß, daß die geschätzte Dame bet ihrem Rathschlag eine JudaSrolle spielte? Nun, am Weihnachtstage lag daß neue Kleid auf ihrem Tische und da sagte sie zunächst: Daß ist ja nicht mein Kleid, daß ist ja daß der Frau L." Ach waß, mein Schätzchen," erwiderte der Mann,Du sollst haben - ich hatte Deine Freundin deßwegen ja mit- geschickt." Und da war die Erregung größer als die Klug­heit- die kleine Frau rief auß:Ach, das Kleid mochte ich am wenigsten leiden, baß ist ja ganz unausstehlich." Moral:Wer Anbern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein."

Deutsche Nebenkarten. In zweiter Auflage find Alben RichtersDeutsche RebenSanen" (Leipzig, Rich. Richter) erschienen- empfohlen wirb baS Merkchen am besten burch eine Probe seines Inhalts. ES sei dazu die Erläuterung zu dem WorteAufs Dach steigen" gewählt.Wenn

einer aufs Dach steigt, der hat wegen eineß vergehen- harten Tadel ober Strafe zu erwarten. Daß in bestimmten Fällen zum Zwecke beß Xabelnß unb Strafenß wirklich aufß Dach gestiegen wurde, lehren zahlreiche Beispiele. In einem Mainzischen Amtsberichte Dom Jahre 1666 heißt eS:Es ist ein alter Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft. Falls etwa ein Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckchens ober Dorfs, worin daS geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen. Doch wirb btt Sache uff ben letzten Fastnachttag ober Aschermittwoch als ein recht Fastnachtspiel verspüret, ba dann alle Gemärker, nachdem sie sich acht oder vierzehn Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu haben, sich versammeln, mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen zu Pferd und zu Fuß dem Ott zu- ziehen, wo daS Factum geschehen, vor dem Fleckchen sich an­melden, und etliche auß ihrer Milte zu dem Schultheißen schicken, welche ihre Anklage wider den geschlagenen Mann thun, auch zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen Haan, Dor« stellen. Nachdem nun selbige angehöret und ausfindig gemacht worden, daß die Frau den Mann geschlagen, wird ihnen der Einzug in den Flecken gegönnct, da sie bann alsobalb sich allesambt üor des geschlagenen ManneS HauS versammeln, daS HauS umringen, und falls der Mann sich mit ihnen nicht vergleicht und abfindet, schlagen sie Leitern an, steige« auf baß Dach, hauen ihm ben First ein unb reißen Dach biß uff bte vierte Latt von oben an ab- vergleicht er sich aber, so ziehen sie wieder ohne Verletzung beß Hauses ab." In ben Blankenburger Statuten von 1594 heißt eS:Ist ein man so weiblich, baß er sich von seinem eigenen Weibe raufen, schlagen unb schelten läßt, der soll beß ratß beibe Stabtknechte mit 'wüllen Gewanb fletben, ober ba erß nicht vermag, mit Gefängniß gestraft unb ihm hierüber baß Dach auf seinem Hause abgehoben werben."Einen Bock schießen" hat ursprünglich nichts mit Rehböcken unb Jager­flinten zu thun - bic RebenSart ist auf Einem Strauch mit Purzelbaum schießen" gewachsen."Fechten gehen" ist nach Richter wörtlich aufzufassen-früher gab auch für ben Hanbwerksgesellen Fechlschulen, in benen er bic Waffe führen lernte. Auf seinen Wanderungen pflegte er bann sich durch daß Dorführen von Fechtkunststücken seinen Zehrpfennig zu verdienen, biß schließlich Fechten und Gabenheischen als ein Begriff erschien." InBeim Kragen nehmen" istKragen" kein Kleidungsstück, sondern der Hals selbst, der im MittelhochdeutschenKrage" heißt- noch beute sagen wir ebenso wohl Geizkragen wie Geizhals. Ein beredtes Zeugniß für den Muth und die Kampflust deS deutschen Volkes bildet der AusdruckJnS Hintertreffen kommen", indem unser Volk in der Zurückstellung in jene Reihen, die zunächst am Kampfe nicht theilnehmen, keinen Vortheil, sondern eine kränkende Zurücksetzung sieht. So spricht sich auch in den Redensarten der innerste Geist und Character des Volkes deutlich auß.

* Sin sonderbares Gewerbe. Ein weißhaariger Herr wurde kürzlich von einem Pariser Gerichtshof als Zeuge an» gerufen.Stand? Gewerbe?" frug der Richter.Ich ich verhindere Duelle." Alles lachte, der Richter mit. Wie machen Sie denn das?" fragte er.Ich bin 60 Jahre alt und habe 600 Francs Renten. Davon kann ich nicht leben, also suche ich mir eine Nebenbeschäftigung. Ich bin ein alter Soldat und sehne mich nach irgend einer THLtigkeit. Ich gehe nun alle Tage deß Morgens ftüh von sechs bis neun Uhr im Boulogner Hölzchen spazieren und stifte Frieden. Dabei habe ich mir manches hübsche Stück Geld verdient, denn manch' Einer ist froh, daß eine Störung eintritt, die daß Duell vereitelt. Auch zu sehr vielen Dersöhnungßsrüh- stücken bin ich eingelaben worden. Manche schimpfen zwar auf mich, doch habe ich mir auch viele gute Freunde erworben, die mich hier und ba unterstützen. Durchschnittlich verbiene ich alß Duel Iverhinberer so an 1200 Francs das Jahr."

Citeratur uwb Knnft

Die Kunst, sich heiter zu stimmen, behandelt der be­rühmte, vor Kurzem verstorbene Mimiker Ernst Schulz in seinem imvuch für eint* soeben erschienenen Ausssatz unter obigem Titel und wir empfehlen dessen Lectüre einem Jeden, der die ja nie auß bleibenden trüben Stimmungen zu bannen wünscht, lieber die pracltschen Versuche, die der Versasser angestellt hat, sagte er Fol­gendem: Schon alß ich mich in meiner Jugend eitrig mit phvftog- nomischen Characterstudien beschäftigte und saft allabendlich vor dem Zubettgehen zu diesem Behuse noch vor dem Spiegel zwischen zwei brennendcn Kerzen Gesichter schnitt, schon damals fand ich, daß namentlich die von mir nachgeahmten heiteren Gesichter auch eine heitere Stimmung in mir erzeugten Und als ich dann später in die Oeffenllichkeit getreten war, alß ich meinemimisch phi-siog- nomischen Soirßen", benen der Leser gar vielleicht selbst einmal irgendwo beigewohnt hat, gab, da habe ich diese scheinbar merkwürdige Thatsache erst recht bestätigt gesunden. Ich kann versichern, daß mir der Kunstgriff regelmäßig gelungen ist, unb daß ich nicht nur meiner Pflicht nachkam, sondern auch hinterher ftdß die fröhliche Genug- thuung halte, mit meinem gewaltsam gemachten heiteren Aeußeren zugleich auch eine heilere innere Stimmung für ein paar Stunden angeregt zu haben. Uebrigenß habe ich dieses mimisch-physiognomische Anregungsmitttl schon in meinen jungen Jahren zufällig von einem Mitschüler erlernt, der davon allerdings in möglichst verstärkter Dosis Gebrauch machte. Wenn sich derselbe nämlich an seinen Schularbeiten bis zum Trübsinn ebgemai tert hatte er war nicht eben begabt sprang er plötzlich vom Stuhle auf, verzog sein Gesicht zu einem heiteren Grinsen, sang unb krähte, dabei im Zimmer umhettanzend, In affectitter Lustigkeit derart, daß ihn im Moment Jedermann für vollständig verrückt gehalten haben würde. Ader er erreichte regelmäßig feinen Zweck. Nach ungefähr fünf Minuten dieses wahnsinnigen Umher- tobenß setzte er sich wieder aus seinen Stuhl und arbeitete vergnügt weiter. Ich will nochmals zugeben, daß in diesen musikalisch« und mimischen Aufheiterungsmitteln in der Thal etwas Komisches liegen mag; die Hauptsache aber ist ihre Wirkung unb der 3®«f heiligt die Mittel.'

«nerdachs Deutscher «Inder - «<HenXt ans Ui Jahr 1894. Eine Festgabe für Knaben unb Mädchen jeben Alters. Zwölfter Jahrgang 1894. 160 S. 4° mit 140, theilS bunten Illustra­tionen, buntem Ttteldtlb unb Spteldeilage. Dauerhaft gebunben. 1 Mk (Leipzig, L. Fernau.)