Ausgabe 
24.12.1893 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 303 Drittes Blatt. Sonntag deu 24. December

t393

Drr

>w|de<r «schwul täglich, »it Uusnahmr dr» Montags

Dir Sießrnec

wxbtn dem Anzeiger «tätlich dreimal d«ge1egt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Ztnzeiger.

Bierlelpchrigcr JWexenacxUprti» » 2 Marl 20 Pfg. wK Uringerlohn. Durch die Poft luj*|*T 2 Mark 60

Viedoction, flfrrtetit**» und ®rurffrn:

s«» Er tz Mr.7

FenU pr ech er 61.

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.

Unnahmr von Anzeigen zu der Nachmittag» für den tilgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamilienbkätter.

Alle Annoncen-Buceaux de« In. und AuSlande« nHfww« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Abonnements - Einladung!

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießeiier Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so füihzeitig wie möglich zur Kennttnß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- Wirth schäft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche $)ruderet (Fr. Chr. Pietsch).

Cocalts ttnb provinzielles.

Hießen, den 23. December 1893.

** Sitzung Großh. Handelskammer vom 22. December 1893. Anwesend waren die Herren Koch, Scheel, Gail, Heichel­heim, Homberger, Katz, Klingspor, Kraatz. Der Vorsitzende bringt zur Kenntniß der Mitglieder, daß das Großh. Mini­sterium des Innern und der Justiz die am 6. December vollzogene Ergänzungswahl bestätigt habe. Die hieran sich schließende Wahl des Vorstandes ergab Wiederwahl der seit­herigen Mitglieder und zwar der Herren F. C. B. Koch als Vorsitzenden und Richard Scheel als Stellvertreter. Der seitherige Secretar Herr Dr. Jung fand sich durch vermehrte anwaltliche Berufsarbeiten veranlaßt, seine Stelle nieder - zulegen, zum Nachfolger wurde Herr Gerichtsassessor Stein­berger ernannt. Der Vorstand desKaufmännischen Vereins" suchte die Unterstützung der Kammer bezüglich der neu errichteten kaufmännischen Fachschule, ver­bunden mit Lehrlingsheim, nach. Es wird beschlossen, mit jenem Vorstand in eine persönliche Erörterung der An­gelegenheit einzutreten und werden mit der Ausführung die beiden Vorsitzenden der Handelskammer betraut. Am 5. Januar findet eine Sitzung des Bezirks-Eisenbahnraths Hannover statt, in welcher der von den Handelskammern Cassel und Gießen gemeinsam gestellten Antrag:den

v.-Zügen Nr. 75 und 76 für den Localverkehr gewöhnliche Wagen beizugeben" zur Verhandlung steht. Es wird sodann die Beschickung der im Laufe des Januar oder Februar in Aussicht genommenen Plenarversamm­lung des deutschen HandelstagS in Berlin be­schlossen und zum Delegirten der Vorsitzende der Kammer bestimmt. Es liegt eine neue Liste über Schwindel­firmen in den Niederlanden vor, welche aus dem Bureau der Kammer eingesehen werden kann. Ein Consular- bericht aus Patras berichtet über die in diesem Jahre außer­gewöhnlich niedrigen Preise der Corinthen- der Bericht liegt zur Einsicht offen.

** Neues Theater.CHarleys Tante", Schwank in drei Acten von Brandon Thomas. Der durch Mitglieder des Frankfurter Stadttheaters hier zum ersten Male, und zwar am 13. d. Mts., vorgesührte Schwank hatte zunächst vermocht, dem Theater des Herrn Reiners gestern Abend ein ziemlich zahlreiches Publikum zuzusühren. lieber die Handlung selbst giebt unfern geehrten Lesern das Referat in Nr. 295 d. Bl. über die erstmalige Aufführung Aufschluß. Die dort erwähnten flotten Studenten der Universität Oxford fanden gestern in den Herren Reiff (Jack Chesney), Adolf Stückel (Charley Whykeham) und Director ReinerS (Lord Francort Babberley) würdige Vertreter- auf sie, die Verüber aller zu komischen Verwickelungen führenden Streiche, concentrirte sich denn auch der allgemeine Beifall. Die Damenrollen befanden sich ebenfalls in guten Händen, denn Fräulein Grohmann gab dieAnny", Fräulein Schumann dieKitty" in recht anmuthiger Weise. Auch die übrigen Rollen: Colonell Sir Francis Chesney (Herr Raschig), Stephen Spittigue (Herr Gohr), Donna Lucia d'Alvadorcz (Frau Wehn), Ella Delahay (Fräulein Geig ler) trugen zum Erfolg des gestrigen Abends bei. Das Publikum zeichnete das Spiel durch lebhaften Beifall aus, und ist somit zu hoffen, daß Herr Reiners sich zu einer Wiederholung deS Schwankes vielleicht zu einer passenderen Zeit, als es die Tage vor dem Feste sind, entschließt.

* Neujahrsbriefe. Wir haben schon häufig darauf auf­merksam gemacht, wie manche zweckmäßige Einrichtungen der Post wenig bekannt sind und infolge dessen auch selten benutzt werden. Die bevorstehende Neujahrszeit bringt uns eine füt

Feuilleton J

Gasparo.

Eine romantische Weihnachtsgeschichte. (Literarisches Eigenthum

von Hugo Andres u. Co., Frankfurt a d. Oder.)

(3. Fortsetzung.)

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Hier zu bleiben, war sichere Gefangennahme, alles zu wagen, würde die Sach­lage nicht verschlimmern. Ich horchte wieder, alles war wieder ruhig. Ich zog mich durch das kleine Fenster, ließ mich so sanft wie möglich auf die feuchte Erde fallen und an der Wand niederkauernd, fragte ich mich, was jetzt zu tbun fei. Auf den Felsen zu klettern, würde mich zum Ziel des ersten Soldaten, der mich sähe, machen, mich längs der Schlucht wagen, würde vielleicht so viel sein, als geradezu auf Gasparo und feine Fänger zu stoßen. Außerdem ward es dunkel und unter dem Schutze «£er Nacht konnte ich viel» leicht entschlüpfen, wenn ich mich bis dahin verborgen halten konnte. Aber wo sollte ich ein solches Versteck finden? Dem Himmel sei Dank für den Gedanken! Da war ja der Graben. ,

Nur zwei Fenster sahen von der Rückseite des Wacht- hauses auf den Garten. Aus einem dieser Fenster hatte ich mich soeben Heruntergelaffen und das andere war zum Theil durch einen Laden geschloffen. Ich wagte indeffen nicht, den Garten offen zu durchschreiten. Ich warf mich auf mein Gesicht und kroch in den Furchen zwischen den Reihen der Gewächse, bis ich in den Graben gelangte. Hier ging das Waffer beinahe bis an den Leib, aber die Ufer an beiden Seiten waren erheblich höher, und indem ich mich bückte, fand ich, daß ich gehen konnte, ohne meinen Kopf bis zur Höhe des Weges zu erheben. In dieser Weise folgte ich dem Laufe des Grabens einige zweihundert oder dreihundert Ellen in der Richtung nach Toulon, indem ich dachte, meine Ver- , folger würden es für weniger wahrscheinlich halten, daß ich auf dem Wege nach dem Gefängniß zurückkehrcn, als daß ich « in die Umgebung weiter vorwärts bringen würde. Halb * liegend, halb unter dem üppigen Grase, welches das Ufer . oben besetzte, gekauert, wartete ich auf das fortschreitende |

Dunkel. Bald hörte ich den Abend-Wachtschuß und einen Augenblick etwas wie einen entfernten Laut von Stimmen. Horch, war das ein Rus? Unfähig, die Qual der Ungewiß­heit länger zu ertragen, erhob ich den Kopf und guckte vor­sichtig auf. Es bewegten sich Lichter in den Fenstern des Wachthauses dunkle Gestalten waren im Garten schnelle Fußtritte ließen sich auf dem Wege hören. Jetzt flammte ein Licht über dem Wasser, nur wenige Ellen von meinem Versteckplatz. Ich glitt sanft in ganzer Länge nieder und ließ die ekelhafte Brühe sich geräuschlos über mir schließen. So liegend, hielt ich meinen Äthern an, bis das Klopsen meines HerzenL. mich zu ersticken schien und die Adern in meinen Schläfen nahe daran waren, zu zerspringen. Ich konnte es nicht länger aushalten, erhob mich bis zur Ober­fläche, athmete wieder auf, sah um mich und horchte. Alles war Dunkelheit und Schweigen, meine Verfolger waren fort» gegangen.

Ich ließ eine Stunde vorübergehen, ehe ich es wagte, mich wieder zu bewegen. Jetzt war es vollständig finster und es hatte heftig zu regnen angefangen. Das Waffer in dem Graben ward zu einem brausenden Strom, durch den ich, gerade jenseits der Fenster des Wachthauses, un- gehört watete.

Nachdem ich mich eine Meile weit ober etwas mehr durch das Wasser hindurchgearbeitet hatte, wagte ich mich wieder auf die Straße und während der Regen und Wind mir ins Gesicht schlugen 'und die zerstreut umherliegenden Steinblöcke mich fortwährend zu Fall brachten, machte ich meinen Weg durch die ganze Länge des gewundenen Engpaffes und kam um Mitternacht in eine offenere Gegend. Ohne einen anderen Führer als den Wind, welcher ans Nordost blieS, und ohne daß ein Stern mir geholfen hätte, wandte ich mich dann nach rechts hin, indem ich einer rauhen, scheinbaren Nebenstraße folgte, welche durch das Thal führte. Der Regen ließ bald nach und ich unterschied die dunklen Linien einer Hügelkette, welche sich links von der Straße hinzog. Ich vermuthete, daß diese die Mauer sei. Alles war soweit gut; ich hatte die rechte Richtung eingeschlagen und befand mich auf dem Wege nach Italien.

Ausgenommen, daß ich bann unb wann mich einige Minuten neben bem Wege niebersetzte, hielt ich währenb ber ganzen Nacht nicht inne mit meiner Flucht. Ermüdung und

Mangel an Nahrung hinderten mich freilich sehr, schnell zu gehen, aber die Liebe zur Freiheit war stark in mir, unb inbem ich stanbhast blieb, erreichte ich eS, achtzehn Meilen zwischen mich unb Toulon zu legen.

Um fünf Uhr Morgens, gerade als der Tag zu däm­mern begann, hörte ich ein Glockengeläute und fand, daß ich mich einer großen Stadt näherte. Um diese zu vermeiden, sah ich mich genötigt, eine Strecke zurückzugehen und mich nach den Höhen zu begeben. Die Sonne hatte sich jetzt er­hoben, ich durfte nicht weiter gehen, und da ich auf meinem Marsche einige Rüben aus bem Felbe gezogen hatte, nahm ich jetzt meine Zuflucht zu einem kleinen abgelegenen Gehölz in einer Höhlung zwischen den Hügeln, wo ich ben ganzen Tag über in Sicherheit lag. Beim Eintritt ber Nacht nahm ich meinen Weg wieber auf, hielt mich immer zwischen ben Bergen unb hatte bann und wann einen herrlichen Ausblick aus mondbeleuchtete Buchten und friedliche, außerhalb des Ufers liegende Inseln; zuweilen erblickte ich kleine, an Höhen voller Palmen sich anschmiegende Hirtendörfer oder mit KaktuS und Aloen bewachsene Vorgebirge. Den zweiten Tag ruhte ich in einem zerfallenen Schuppen in einer Sandgrube, und als ich am Abend fühlte, daß ich mein Leben ohne geeignete Nahrung nicht länger erhalten könne, begab ich mich nach einem kleinen Fischerdorfe an der Küste hinunter. Es war ganz dunkel, als ich den ebenen Grund erreichte. Ich ging kühn hinter die Hütten der Fischer herum, begegnete nur einer alten Frau und einem Kinde auf dem Wege und klopfte an die Thür des Ortspfarrers.

Er öffnete selbst, ich erzählte ihm meine Geschichte mit wenigen Worten; der gute Mann glaubte mir, bemitleidete mich und gab mir Nahrung und Wein, ein altes Tuch um meinen Kopf zu wickeln, einen alten Rock, um meine Sträf­lingsjacke zu ersetzen, unb zwei ober brei Francs zur Hilfe auf meinen Weg. Mit Thränen schied ich von ihm.

Ich ging wieder die ganze Nacht und die folgende hin­durch, hielt mich immer in der Nähe der Küste und verbarg mich des Tags über zwischen den Felsen. Als ich am fünften Morgen Antibes während meines Nachtmarsches hinter mir hatte, kam ich an die Ufer des Var, durchkreuzte den Strom etwa eine halbe Meile unterhalb der hölzernen Brücke, schlug mich in den Fichtenwald auf der Sardinischen Seite der