1893
Nr 20
Amts- ttttb Anzeigeblatt fßr den Kreis Gissten
Kratisöeitage: Gießener Kamitienökätter. «"',-1","°^Z”“n°
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen
Deutsches Reich
•taurant.
Feuilleton
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.
vom Kaiser befohlene Ord- Vermählung der Prin-
der Budget-Commission des
Dienstag den 24. Januar
Die Gießener
Iiamikien k kälter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal tzeigrlegl.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme de» Montag».
18,000 Mk., welche zur Einstellung von zwölf Deckosfizieren und 49,764 Mk., welche für die infolge der Befestigung Cuxhafens nothwendig werdende Vermehrung der Marineartillerie gefordert waren, gestrichen.
Berlin, 21. Januar. Wie das Kaiserliche Gesundheitsamt mittheilt, sind im Laufe der letzten Tage im Regierungsbezirke Schleswig in einem Orte des Kreises Pinneberg drei Erkrankungen vorgekommen, von denen eine tödt- lich verlief.
Halle, 21. Januar. Professor Kochs Untersuchungen deS gesammten Saalewassers unterhalb Nietleben bestärkten den Verdacht, daß dasselbe Cholerabacillen enthalte und ist ein Verbot, betreffend die Benutzung zum Trinken und Kochen, zu erwarten. Die Gesammtzahl der Erkrankungen war bisher 63. Todesfälle kamen 19 vor. Neu erkrankt sind 17 Personen, darunter eine Beamtenfamilie der Anstalt.
Halle, 21. Januar. Die „Hallesche Zeitung" meldet: Amtlich sind in der Irrenanstalt zu Nietleben bis heute Mittag 66 Erkrankungen und 22 Todesfälle festgestellt. Die Stadt Halle und das Dorf Nietleben sind noch vollständig seuchensrei. Alle gegentheiligen Nachrichten sind durchaus unbegründet.
Hamburg, 21. Januar. Das Gewerkschafts-Cartell gibt die Zahl der hiesigen Arbeitslosen auf 4900 an.
Nürnberg, 21. Januar. Der Inhaber einer der größten Hopfenfirmen, Commerzienrath und Magistratsrath Stephan Hopf, ist gestorben.
Vierteljähriger Avonnementsprei»» 2 Mark 20 Pfg. mU Bringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redoctton, Expedition und Druckerei:
AchnlstratzeAr.».
Fernsprecher 51.
Gießener Anzeiger" entgegen.
Der Bankier war gegangen- in tiefes Sinnen verloren stand Arloff am Fenster- so hatte er denn die Geliebte verloren, sie mußte eines Anderen Weib werden, der nicht im Entferntesten an sie heranreichte. Arme Isa! Und sie opfert sich ja doch umsonst!
Wenn der Bankier wegen Wechselfälschung Volkert verhaften ließ, half es diesem ja doch nichts, ob ein oder zwei gefälschte Papiere vorgezeigt wurden.
O, aber er kannte das geliebte Mädchen zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nun erst recht, als Tochter eines Verbrechers, ihm ihr Wort versagen werde.
Immer wieder mußte er an ihre blauen, süßen Augen denken, an das blasse, liebliche Gesichtchen, welches er zum Abschiede geküßt.
,/Jsa, Isa! Wie soll ich leben ohne Dich! Ich kann nicht 1"
Seine bebende Hand riß den Revolver hervor, knackend spannte er den Hahn, doch noch drückte er nicht ab.
Ein Selbstmörder! In Gedanken sah er den schmucklosen Sarg vor sich, den man hinaustrug, ohne Gottes Segen, ohne Musik und Trauergeläut- weder Helm noch Schärpe hatte man ihm darauf gelegt, scheu weichen seine Kameraden bei Seite, denn Prmz Arloff war ein Selbstmörder! Er war zu feige gewesen, das Leben mit seinem schweren Leide zu tragen und hatte es selbst beendet.
Nein! Fest entschlossen legte der bleiche Offizier die Waffe bei Seite, nachdem er den Hahn abgespannt- das wollte er nicht. Wenn schon glücklos, ehrlos durfte er nie werden, um seines Namens, seiner selbst willen.
Und was würde Isa sagen? Das schwache Weib nahm klaglos ihr schweres Schicksal hin und er wollte es von sich schleudern?
Langsam nahm er die Brieftasche hervor, um die welke Rose, welche darinnen lag, glühend an die Lippen zu pressen - Donna Bella hatte ihm in dieser furchtbar ernsten Stunde Leben und Ehre gerettet.
(Fortsetzung folgt.)
öffentlicht die Hofansage aus Hoffestlichkeiten, sowie die nung der Feierlichkeiten bei der zessin Margarethe von Preußen.
Berlin, 21. Januar. In
Reichstags verhandelte man über den Marinetat. Dabei wurden 4050 Mk., welche behufs Anstellung eines Auditeurs,
Ausland.
Wien, 21. Januar. An dem diesjährigen im September bei Preßburg stattfindenden Kaisermanöver werden fünf Corps theilnehmen.
Wien, 21. Januar. Rumänien hat bei der österreichischen
elanfche und Commuval- edingMgen 1620 f, MW 7. igkn von Wem Wagenden Arbeiten empfiehlt m Witiwe, Glaserei.
MWM ließen und Umgegend empfehle trägen und bin zur Ertheuung itoM'NA IUM 80% bei tbk-M°rkck. M'
Auszahlung **
uis Bühl, Gieße«- MWortzchSL---
Irrwege.
Novelle von F. von Pückler.
(18. Fortsetzung.)
Sausend flog der Schnellzug dahin, der Residenz entgegen- an einem Coupöfenster der zweiten Klasse saß Herr v. Waldstein und blickte sinnend auf das immer deutlicher hervortretende Gewimmel von Häusern, Thürwen und Schornsteinen. Sein Arm war bis auf eine leichte Unbeholfenheit wieder völlig hergestellt, auch sonst sah er wohl aus, wenn schon sehr ernst, — so ernst wie niemals in all den Jahren, da er seinen blonden Liebling besessen. Nun ihm derselbe genommen, war auch der Lichtblick seiner Existenz erloschen.
„Meine Isa," dachte er bei sich selbst, „wie ich mich freue, sie zu sehen, mit ihr zu plaudern, wie einst im Walde. Aber sie ist verändert, nicht mehr wie damals ein fröhliches Kind! Sie fühlt sich nicht glücklich und ich verstehe, weßhalb. O, könnte ich das Kind retten — Alicens Kind — ich gäbe mein Leben dafür! Vielleicht ist jener Mann zu erkaufen! Vielleicht reise ich neben Isa heim! Aber keine Luftschlöffer, Alfred! Da hält der Zug und nun voran!"
Auf dem Bahnhofe herrschte ein buntes Gewühl und Waldstein mußte sich Mühe geben, durchzudringen- gerade, als er unten vor dem Portal in eine Drösche steigen wollte, ging klirrend ein Cürassieroffizier vorbei und der Angekommene sprang in die Höhe.
„Prinz Arloff! In der That, das nenne ich günstig! Freue mich, Sie wiederzusehen, fahren Sie mit mir ins Hotel? Aber wie sehen Sie aus?"
„Wie ein Mann, der soeben seinen Abschied eingereicht hat und mit einem Fuße in Afrika steht."
„Durchlaucht! Wie ist es möglich, Sie, der solideste , reichste aller Offiziere! Was in aller Welt steht dahinter?"
„Wenn Sie cs nicht wären, Herr von Waldstein, ich
Berlin, 21. Januar. Der heutige „Reichsanzeiger" Der- Anlaß der bevorstehenden
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acht Woche« der sich Snmelöenhen ul) r.
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ri der Lchremtzri. Decker.
Der Vorstand : Schlosser.
Gießener Anzeiger
Kmerat-Mnzeiger.
Stellungnahme des Centrums auf frühere Anträge desselben, die noch über diese Vorlage hinausgingen, und befürwortet demgemäß die Vorlage im Allgemeinen. .
Abg. Kasselmann (na«.): Die Nothwendtgkeit und Nützlichkeit der Abzahlungsgeschäfte werde allgemein anerkannt, ebenfo das Bedürsniß zur Beseitigung dabet hervorgetretener Mißstände. Er erachte es als einen Vorzug bet Regierungsvorlage, daß in derfelbm dem Drängen auf Beschränkung der Abzahlungsgeschäfte auf noth- wenbifle Bedarfsartikel nickt staltgegeben worden sei, ebensowenig wie dem Drängen auf ein Verbot des Auffuckens der Kunden durch Reisende der Abzahlungsgeschäfte. Im Großen und Ganzen könne er sich mit der Tendenz der Vorlage vollständig einverstanden erklären. Auch er sei ein Freund der Vertragsfreiheit, aber wenn dieselbe zu Mißständen führe, durch welche öffentliche Interessen geschädigt würden, so sei ein Eingreifen der Gesetzgebung angezeigt. In bestehende Gesetz- und Rechtsverhältnisse werde durch die Bestimmung der Vorlage betreffend den Eigenthumsvorbehalt nicht ewgegr fien. Daneben enthalte freilich die Vorlage eine Reihe nicht unbedenklicher Bestimmungen, sodaß eine gründliche commisstonelle Vorberathung nöthig^sti. £u^auer (Soc.) erkennt an, daß Schädm im Abzahlungsgeschäft vorhanden feien; irrthümlich aber fei die Annahme, oatz die Kundfchoft der Abzahlungsgeschäfte nach Unterdrückung der letzteren sich dem Handwerkerstände zuwenden würde. Die Regierungsvorlage schieße über das Ziel hinaus. Die Abzahlungsgeschäfte seien vornehmlich Denen ein Dorn im Auge, die es nickt gern sthen, daß stck die Arbeiter mehr Bedürfnisse aneigneten, als ihre Vorfahren hatten. Der Vertrieb der Nähmafchinen auf Abzahlung, der hier w sehr gepriesen wurde, habe dagegen allerdings zur Forderung der Hausindustrie, deren Umsichgreifen die ungünstigen Ar beiter Verhältnisse verschulde, beigetragen. Schäden entständen namentlich dadurch, daß in den Abzablungsgefchäften alle möglichen Gegenstände verhandelt würden, bezüglich deren die Verkäufer jeder Fachkenntniß ermangelten. Nicht so unsympathisch sei ihm die Forderung, daß das Herumreifen von Agenten für Abzahlungsgeschäfte verboten werden mochte. Auf Abzahlung arbeiteten übrigens die weitaus meisten Handwerker und nicht nur, wie man vielfach anzunehmen scheine, nur die eigentlichen Abzahlungsgeschäfte. Die Aufrechterhaltung des Eigenthumvorbehalts fei dringend nöthig. Aber auch die Vorlage enthalte eine Reihe von Bestimmungen, durch welche die Geschäftsinhaber schwer geschädigt würden. Es gebe doch auch unter den Kunden schwindelhafte Elemente. Man verbessere die Lage der arbeitenden Klassen, dann werde das Abzahlungewesen von sebst aufhören.
Slaatssecretär v. Bötticher: Vorredner habe der Vorlage eine ganz falsche Bedeutung beigelegt. Die Regierung sei weit davon entfernt, das Abzahlungsgeschäft unmöglich zu machen; es sollen nur Auswüchse beseitigt werden. Die Frage sei schwierig; die Lösung, welche sie durch die Vorlage gefunden, entspreche den Interessen beider Contrahenten. So ganz reinlich und zweifelsohne gehe es im Abzahlungsgeschäft nicht immer zu. „
Abg. Lucius (Rp.) weift darauf hin, daß bei dieser Debatte ein Mitglied der socialdemokratischen Fraction den Standpunkt des Unternehmers vertreten habe. Er (Redner) sei sonst nicht für ein gewaltsames Eingreifen der Gesetzgebung in den freien Verkehr, er müsse aber anerkennen, daß hier ein solches Eingreifen nöthig sei.
L'oiicert, n, Militär asd fremde» __65
Waffenfabrik 20,000 Carabiner und Repetirgewehre eigener Construction bestellt.
Belgrad, 21. Januar. Anläßlich der Aussöhnung der Eltern des Königs Alexander war die Stadt gestern Abend festlich beleuchtet und heute beflaggt.
Paris, 21. Januar. Die heute anläßlich der hundert- jährigen Wiederkehr des Todestages König Ludwigs XVI. in mehreren Kirchen der Stadt und den Provinzen veranstalteten feierlichen Messen verliefen ohne jeden Zwischenfall.
Deutscher Reichstag.
27. Sitzung. Samstag, 21. Januar 1893.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. vr. v. Fr ege fconL), daß ihm Anstand und Erziehung verbieten, auf den in seiner Abwesenheit bei Berathung der Bötsensteuernovelle von Singer gegen ihn erhobenen Angriff in dem Tone zu antworten, in dem der Angriff erfolgte. Er behalte sich eine sachliche Klarstellung, zu der er überreiches Material habe, für eine andere Gelegenheit vor. Abg. Singer (Soc.) will antworten, wird aber vom Vl«Präsidenten Grafen Ballestrem bedeutet, daß eine Debatte über eine vor Eintritt in die Tagesordnung gemachte Bemerkung nicht zulässig sei.
Auf der Tagesordnung steht zunächst erste Berathung des Gesetzentwurfs betr. die Abzahlungsgeschäfte.
Abg. Ackermann (cons.) erkennt es dankbar an, daß die Regierung an die Materie herangetreten sei, findet aber, daß die Vorlage nicht weit genug gehe. Die Abzahlungsgeschäfte sollten auf bestimmte Maaren beschränkt, insbesondere sollten Schmucksacken von dem Betriebe dieser Geschäfte ausgeschlossen werden. Auch sei dem Unwesen der Agenten, welche für Abzahlungsgefchafle das Land durchziehen, ein Ende zu machen und der Hausirbetneb von dem Umherz-ehen im Abzahlungsgeschäfte zu trennen; diese Agenten führten meist Wahren mit sich und würden damit Hausirer. Der Gegenstand könne übrigens nicht erschöpfend im Plenum behandelt werden, weshalb er Verweisung an eine 21er-Commission beantragt
Abg. 2B ollm er (dfr.) erklärt sich gegen eine Beschränkung des Abzahlungsgeschästs auf nothwendige Bedarfsartikel; das widerstrebe der ganzen modernen Entwickelung. Heber den Zwischenhandel habe drr Vorredner etwas antlqu rte Ansichten. Aus den Kreisen des großen Publikums, das durch die Vorlage geschützt werden solle, seien keine Klagen über die Abzahlungsgeschäfte laut geworden; die Anregung zu dieser Vorlage hätten ©eroerbtreibenbe gegeben, welche in den Abzadlungsgeschästen unangenehme Concurrenz sehen. Durch die Möbelabzahlungsgeschäfte werde den Leuten die. Eheschließung erleichtert. Beseitige man die'e E leichterung, so fördere man indttect das Concubmat. Gewiß befiänbtn auch beim Abzahlungsgeschäft Mißbräuche, aber diese seien derart, daß man deshalb Gesttze machen müsse? Diese wirkten immer als ein zweischneidiges Schwert. Seine Freunde könnten der Vorlage nicht zustimmen, mit der eine erste Bresche in die Freiheit d»s Handels gelegt werde.
Abg. Frhr. v. Buol (Clr.) verweist zur Kennzeichnung der
biffe mir die Zunge ab, ehe ich auch nur eine Silbe davon sagte, aber — Sie sind Donna Bellas väterlicher Freund — ich habe sie heute zum letztenmale gesprochen."
„Kommen Sie mit mir, Prinz, ich kann Sie verstehen, einstmals mußte ich Isas Mutter aufgeben, weil sie jenen — Schurken liebte, der nun die Tochter auf die heißen Bretter des Circus führt."
„Ja, er ist ein Schurke," knirschte Arloff, „ich habe ihm vorhin einen Fußtritt versetzt."
Lange saßen die beiden Männer zusammen, endlich trennten sie sich mit einem langen Händedruck.
„Ich will sogleich zu Isa," sagte Waldstein, „wir sehen uns Abends im Circus wieder, lieber Prinz, nicht wahr?/
Als Arloff in sein Zimmer trat, fand er Bankier Müller, einen der größten, solidesten Geldmänner der Residenz, seiner wartend.
„Durchlaucht werden gütigst meine Anfrage entschuldigen," begann er nach höflicher Begrüßung, „ich komme, um zu fragen, ob Sie diesen Wechsel gegengezeichnet haben?"
„Ich unterzeichne niemals einen solchen, mein Herr- aber bitte, zeigen Sie ihn mir."
Der Bankier zog ein Blatt hervor und reichte es dem Prinzen, der erstaunt den Kopf schüttelte.
„Es ist ein Falsum," rief er sogleich, „besonders sieht man es daran, daß mein Vorname Curt hier mit „d“ endet, während ich ihn stets mit „t“ schreibe."
„Ich ahnte es wohl, Durchlaucht, und werde unverzügliche Schritte thun, jenen Mann, der mir den Wechsel präsen- tirte, gefänglich einziehen zu lassen."
„Darf ich fragen, wer es ist?"
„Der Circusdirector Volkert. Eine sicher auch von Ihnen gekannte Persönlichkeit."
„Ich vermvthete. So stehen seine Angelegenheiten schlecht?" . , . r
„Sehr schlecht. Der Mensch spielt und trinkt, fönst könnte er mit den Einnahmen, die ihm seine Tochter verschafft, wohl auskommen. Doch vergeben Sie mir, Durchlaucht, daß ich Sie so lange aushielt- es war mir sehr angenehm —"
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