Ausgabe 
23.12.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 302 Erstes Blatt. Samstag den 23. December

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' Jen dem Anzeiger «rrchenttich dreimal deigelegr.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

1893

vierten Ihriger AlnMarai^rttoi 2 Mart 20 Pfg. o* Bringerlohn. Durch Vie Post brzoß« 2 Mark 50 PI»

Refcaction, Exped4ßi«m und Druckerei:

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Jireis Giefzen.

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Annahme von Anzeigen zu dn Rachmillag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Vorm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Jamikienblätter.

Alle Annoncen-Bureaux de« In. und Ausland,« nehm«, Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegn».

Theil.

Gießen, den 21. December 1893.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1878 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 16 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung unserer Verfügung vom 14. v. Mts. (Amtsblatt Nr. 10) noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.

v. Gagern.

Gießen, den 21. December 1893.

Betr.: Den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießeu au die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Die mit Erledigung unserer Auflage vom 13. d. M. (Anzeiger Nr. 296) rückständigen Großh. Bürgermeistereien erinnern wir an Berichterstattung mit Frist von 3 Tagen.

'______________v. Gagern.__________________

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Kranken- und Sterbekaffe zu Heuchelheim (eingeschriebene Hülfskasse) sich nach Beschluß der Generalversammlung mit Ende dieses Jahres auflöst.

Gießen, den 20. December 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Nr. 38 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 18. l. M., enthält:

(Nr. 2136.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung und Abänderung der Anlage B zur Verkehrsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands. Vom 15. December 1893.

Gießen, den 21. December 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. December. In den jüngsten Tagen war wieder einmal von einer Kanz lercrisis die Rede, welche anläßlich der neuen Handelsverträge bestanden haben sollte. Es hieß, mächtige Unterströmungen hätten in den handels­politischen Fragen sogar an allerhöchster Stelle gegen den Reichskanzler angekämpft, und diese Anfeindungen seien erst durch die Audienz des Grafen Caprivi beim Kaiser vom 14. December beseitigt worden. ES handelt sich indessen bei dem ganzen angeblichen Zwischenfalle nur um müßige Combinalionen, wie von informirter Seite bestimmt versichert wird, von einer Kanzlercrisis konnte im Ernste gar nicht | gesprochen werden.

Zu den mancherlei Nachklängen, welche der jüngste ! Reichsgerichtsproceß gegen die französischen Spione gezeitigt hat, gehörte auch das Gerücht von einer ! geplanten Begnadigung der französischen Offiziere seitens des Kaisers. In unterrichteten Kreisen weiß man indessen nicht das Mindeste von einer derartigen Absicht, das betreffende Gerücht scheint lediglich durch den Umstand veranlaßt worden zu sein, daß sich der Kaiser über den Verlauf und Ausgang des Leipziger Spionageprocesses hat eingehenden Bericht er­statten lassen. Auch an sich ist es höchst unwahrscheinlich, daß eine Begnadigung der beiden Verurtheilten eintreten sollte^; der Prozeß gegen sie zeigte klar, wie gefährlich ihr Treiben für die Interessen der deutschen Landesvertheidigung war, viele Leute huldigen sogar der Ansicht, daß Degouy und Delguey - Malavas mit ihrer Vcrurtheilung zu Festungshaft noch verhältnißmäßig sehr glimpflich davongekommen seien. UebrigcnS ist ihnen nicht, wie mehrfach gemeldet wurde, die Festung Magdeburg als Platz zur Verbüßung ihrer Strafe bestimmt worden, sondern die Festung Glatz.

Neueste Nachrichten»

Wolffs telegraphisches Correspondenz- Bureau.

Berlin, 20. December. DerReichsanzeiger" schreibt: Der Minister des Innern bringt aus Anlaß der poli­tischen Gegensätze der Kämpfe der Gegenwart, namentlich auf wirthschaftlichem Gebiete, den Allerhöchsten Erlaß vom 4. Januar 1892 in Erinnerung und macht dessen Beobachtung wiederholt zur Pflicht. Der Erlaß enthält die Grundsätze, welche den Königlichen Beamten für ihr politisches Verhalten nicht nur bei Wahlen, sondern unter allen Verhältnissen zur Richtschnur zu dienen haben.

Berlin, 21. December. DerReichsanzeiger" meldet . Der Landwirthschaftsminister übersandte den Oberpräsidenten

auf Grund der Klagen über die großen Verluste der Land­wirtschaft durch die unter den Schweinebeständen herrschenden Seuchen den Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Entschädigung fürVerluste,zur Begutachtung nach Anhörung der Provinzialverwaltungen und der landwirth» schaftlichen Centralvereine.

Kopenhagen, 21. December. Der Minister des Innern erließ heute ein Verbot gegen die Einfuhr von Kleie in gebrauchten Säcken aus Rußland, Deutschland, Oester­reich-Ungarn, Belgien und Frankreich. Das Verbot tritt am 1. Januar in Kraft. Ausgenommen sind Kleiesendungen, die bis zu dem genannten Tage unterwegs sind.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 21. December. Die Handelsverträge mit Spanien, Rumänien und Serbien sind zur Aller­höchsten Ratification vorgelegt worden.

Berlin, 21. December. DiePost" hört, daß innerhalb deö preußischen Staatsministeriums die gegen die Ein­führung der Oberlandesgerichte als Berufungsinstanz eine Zeit lang bestandenen Bedenken nun größtentheils fallen ge­lassen sind.

Berlin, 21. December. Nach derPost" haben die Delegirten zu den deutsch-russischen Vertragsver­handlungen heute die letzte Sitzung vor Weihnachten ab­gehalten. Die russischen Delegirten, mit Ausnahme des Herrn Timirjaseff, reisen nach Petersburg am 21. Januar zurück.

Berlin, 21. December. DiePost" spricht in einem längeren Artikel über den rumänischen Handelsvertrag und die Lage der Landwirthschafr. Der Artikel schließt mit dem Gedanken, angesichts der entscheidenden Bedeutung, welche der Währungsfrage gerade in landwirthschaftlichen Kreisen beigelegt werde, sei es rathsam, sorgfältig zu prüfen, ob mit dem Ausspruche, daß gegenwärtig nur Zeit zum Abwarten angezeigt sei, das letzte Wort gesprochen sei. Gute Gründe bestehen dafür, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen, zu efnei mehr activen Währungspolitik überzugehen.

Berlin, 21. December. Unter Vorsitz des Prinzen Franz v. Arenberg hat sich heute Hierselbst das Deutsche Cen- tral-Comitö für die Antwerpener Weltaus­stellung von 189 4 constituirt. Zum Vorsitzenden wurde Prinz v. Arenberg, zu stellvertretenden Vorsitzenden Reichs- ralh und Commerzienrath Häßler-Augsburg, Generalconsul Goldberger Berlin, Commerzienrath Lanz-Mannheim, General­consul Benger Stuttgart gewählt. Zu Delegirten in das Central>Comit6' wurden Geh. Commerzienrath Michels Cöln,

Feuilleton.

Gsspsro.

Eine romantische Weihnachtsgeschichte.

(Literarisches Eigenthum

von Hugo Andres u. Co., Frankfurt a d. Oder.)

(2. Fortsetzung.)

Am nächsten Morgen, kurz nachdem unsere Arbeit be­gonnen hatte, kam er so nahe zu mir, daß er im Flüstertöne zu mir sprechen konnte:

Franyois, habt Ihr Lust, zu entfliehen?"

Ich fühlte, wie das Blut mir ins Gesicht drang. Ich hielt meine Hände fest, ich konnte nicht sprechen.

Könnt Ihr ein Geheimniß bewahren?"

Bis zum Tode."

Hört dann. Morgen kommt ein hoher Staatsminister, um den Hafen zu besuchen- er wird die Docks, die Gefäng­nisse, die Steinbrüche besichtigen. Es wird viel Kanoniren von den Forts und den Schiffen geben und wenn zwei Sträf­linge entspringen, wird eine Salve mehr oder weniger die Aufmerksamkeit rund um Toulon nicht auf sich ziehen. Ver­steht Ihr?"

Ihr glaubt, daß Niemand die Signale verstehen wird?"

Nicht einmal die Schildwachen bei den Stadtthoren nicht einmal die Wächter im nächsten Steinbrüch. Zum Teufel! Was kann leichter sein, als gegenseitig unsere Fesseln mit dem Sp tzhammer zu durchschlagen, wenn der Oberaufseher nicht hersieht und Salutschüsse abgefeuert werden? Wollt Ihr es wagen?"

Mit meinem Leben!"

Abgemacht, Hand darauf!"

Ich hatte seine Hand im Umgänge mit ihm bisher nie berührt und es kam mir vor, als ob meine Hand durch diese Berührung mit Blut befleckt wurde.

finsteren Glanze seiner Augen, daß er meine zögernde Be­rührung richtig deutete.

Am folgenden Morgen wurden wir eine Stunde früher als gewöhnlich geweckt und einer generellen Jnspection im Hofe des Gefängnisses unterzogen. Ehe wir an unsere Ar­beit gingen, erhielten wir eine doppelte Ration Wein. Um ein Uhr hörten wir die ersten entfernten Salutschüsse von den Kriegsschiffen im Hafen. Der Schall traf mich wie ein electrischer Schlag. Eins nach dem andern nahmen die Forts das Signal auf; näher im Hafen wiederholten die Kanonen­boote dasselbe. Salve folgte auf Salve längs den Batterien auf beiden Seiten des Hafens und die Luft ward dick durch den Rauch.

Wenn dorr der erste Schuß abgeseuert ist," flüsterte Gasparo, indem er auf die Kaserne hinter dem Gefängniß zeigte,dann schlage auf das erste Glied meiner Kette dicht am Knöchel."

Ein Verdacht kam blitzschnell in meinen Sinn.

Wenn ich es thue, wie kann ich sicher sein, daß Ihr mich nachher frei macht? Nein, Gasparo, Ihr müßt den ersten Schlag thun."

Wie Ihr wollt," antwortete er mit einem Lachen und einem Fluche.

In demselben Augenblicke kam ein Blitz von den Zinnen der Kaserne in der Nähe und dann ein donnernder Wieder- Hall, der durch die ringsherum liegenden Felsen immer und immer verstärkt wurde. All dieser Lärm erschallte über unseren Köpfen; ich sah ihn schlagen und fühlte, daß die Fesseln von mir fielen. Kaum war das Echo der ersten Kanone verstorben, als die zweite abgefeuert ward. Jetzt kam Gasparo an die Reihe, frei gemacht zu werden. Ich schlug, aber weniger geschickt, und mußte den Schlag zweimal wiederholen, ehe das widerspenstige Glied brach. Wir fuhren darauf anscheinend mit unserer Arbeit fort, ziemlich nahe aneinander stehend, nachdem wir die Kelten zwischen uns auf Niemand hatte uns bemerkt und

[ Niemand hätte auf den ersten Blick entdecken können, was wir gethan hatten. Bei dem dritten Schuß erschien eine

Gesellschaft von Offizieren und Herren an der Biegung der Straße, welche zum Steinbruch führt. In einem Augenblick kehrte sich jeder Kopf nach dieser Richtung; jeder Verbrecher hielt in seiner Arbeit inne, jeder Wächter präsentirte seine Waffe. In diesem Moment warfen wir Kappen und Spitz- Hammer fort, erkletterten das schroffe Stück der Klippe, wo wir gearbeitet hatten, stürzten uns in eine Schlucht unter uns und eilten in die Bergpässe, welche nach dem Thale führen. Noch mit den Fußeisen, an welche unsere Ketten befestigt gewesen waren, beschwert, konnten wir nicht sehr schnell rennen. Um unsere Schwierigkeiten noch zu ver­mehren, war die Straße uneben, mit Kieseln und herab- gesallenen Granitblöcken bestreut und gekrümmt wie die Win­dungen einer Schlange. Plötzlich, bei der Biegung einer scharf hervortretenden Felsenkante, trafen wir auf ein kleines Wachthaus und auf ein Paar Schildwachen. Umzukehren war unmöglich, dte Soldaten waren nur einige Ellen von uns entfernt. Sie legten an und forderten uns auf, uns zu ergeben, da drehte sich Gasparo nach mir um wie ein in die Enge getriebener Wolf.

Verflucht feist Du!" nachdem er mir einen furchtbaren Schlag ertheilte,bleibe und mögen sie Dich ergreifen, ich habe Dich immer gehaßt!"

Ich fiel nieder, wie mit einem Schmiedehammer ge­troffen, und während ich fiel, sah ich, daß er einen der Soldaten zu Boden schlug; ich hörte einen Schuß, dann ward alles dunkel um mich her und ich wußte von nichts mehr.

Als ich dann meine Augen öffnete, fand ich mich auf dem Boden eines kleinen unmöblirten Zimmers liegend, das schwach erleuchtet war durch kleine, nahe an der Decke befind­liche Fenster. Es kam mir vor, als seien Wochen vergangen, seit ich mein Bewußtsein verloren hatte. Ich besaß kaum so viel Kraft, daß ich mich erheben konnte und vermochte nur

Ich erkannte aus dem | einen Haufen gelegt hatten.