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Leipzig 1879.
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Nr. 171. Drittes Blatt. Sonntag den 23. Juli
1893
Amts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gieren
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Die Deckungsfrage bei der Heeresreform.
Nachdem die Militärvorlage von dem neuen Reichstage endlich angenommen worden ist, tritt um so schärfer die Frage hervor, auf welche geeignetste Weise die Kosten der beschlossenen Heeresverstärkung zu decken sein würden. Soweit es sich um die Beschaffung der Mittel zur Durchführung für daS Halbjahr vom 1. October 1893 bis zum 31. März 1894 bandelt, kann die Sache allerdings als geregelt be- ttachtet werden, da auf die gedachte Zeit die auf etwas über 23 Millionen Mark veranschlagten dauernden militärischen Mehrausgaben im Wege der Erhöhung der Matrikular- beiträge gedeckt werden sollen, während zur Bestreitung der auf 48 Millionen berechneten einmaligen Mehrausgaben eine Anleihe zu dienen hätte. Dieser in dem jüngsten Nachtragsetat enthaltene Ausweg bedeutet aber selbstverständlich nur eine provisorische Lösung des Problems, welche die eigentliche Deckungsfrage unberührt läßt- deren Erledigung wird eine der hauptsächlichsten Aufgaben des Reichstags in der nächsten Wmtersefsion bilden.
Bis zur Stunde fehlt eS nun noch immer an einem klaren, auf die Militärvorlage zugeschntttenen Steuerprogramm der verbündeten Regierungen. Aus den im jetzigen Reichstage abgegebenen Erklärungen deS Reichskanzlers weiß man tn dieser Beziehung lediglich, daß nach .wie vor die Börse zur Kostendeckung bei der Militärvorlage mit herangezogen werden wird und daß im Uebrigen die wirthschaftlich schwächeren BolkSkreise gegenüber den besser silmrten Bevölkerungs- rlementeu möglichst geschont- werden sollen. Allerdings wird ohne Weiteres zuzugeben sein, daß eine ausgiebige Börsensteuer einen guten Theil der bevorstehenden militärischen Mehrausgaben decken würde, immerhin müßten dann zur Bestreitung deS Restes derselben noch andere Gebiete herangezogen werden. ES fehlt in dieser Beziehung, nachdem die Projekte einer erhöhten Bier- und Branntweinsteuer als end- gilt'g ausgegeben zu betrachten sind, nicht an den manntg- jachsten Boi schlügen, die meisten derselben müssen jedoch von vornherein von einer ernsthaften Erörterung ausgeschlossen werden, wie z. B. die Jnseratensteuer, die Quittungs- und Rechnungssteuer, die Wehrsteuer u. s. w. Andere mit der Mililärvorlage zusammenhängende Steuerprojecte sind dagegen nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen, was besonders von der angeregten Reichseinkommensteuer gesagt werden muß.
die ja auch zahlreiche Befürworter besitzt. Dennoch stehen gewichtige Gründe dem Plane einer Reichseinkommensteuer entgegen und würde er schon in Anbetracht der voneinander ungemein abweichenden Finanzverhältnisse der Einzelstaaten auf außerordentliche Schwierigkeiten stoßen. Unverkennbare Sympathien in weiteren Volkskreisen erfreut sich der Vorschlag einer Luxussteuer, und in der That läßt sich nicht leugnen, daß eine Besteuerung des Luxus, rationell angelegt und durchgeführt, Manches für sich hat. Schließlich erheben sich aber auch hier verschiedene nicht ungewichtige Bedenken, die aus dem äußerst dehnbaren Begriff des Wortes Luxus und der Unwahrscheinlichkeit eines wesentlichen Ertrages von Luxussteuern tn Deutschland resultiren/ außerdem ließe sich darüber streiten, ob eine Besteuerung des Luxus überhaupt mit den Grundsätzen der modernen Steuer- und Finanzpolitik in Einklang stünde. Zu erwähnen wäre dann vielleicht noch die immer wieder auftauchende Anregung einer Erhöhung der Tabaksteuer, die jedoch als ebenso unpopulär erscheint als der jetzt endgiltig beseitigte Vorschlag einer erhöhten Bier- und Branntweinbesteuerung.
Die so mannigfachen Schwierigkeiten, welche die Frage einer ausreichenden und finanzpolitisch wie volkswirthschaftlich zu billigenden Deckung der neuen Militärlasten darbietet, machen es begreiflich, wenn die verbündeten Regierungen bis jetzt nur mit Zurückhaltung und Vorsicht an dieses verwickelte Problem herangetreten sind. Aber es muß wohl oder übel doch gelöst werden, schon in der nächsten Sitzungsperiode des Reichstages gilt es, die betreffenden Vorlagen den Vertretern der Nation zu unterbreiten und man kann nur aufrichtig wünschen, daß es der Reichsregierung bis dahin wirklich gelingt, die richtigen Mittel und Wege zur Erreichung des erstrebten Zieles aufzufinden. Vielleicht, daß die Conferenz der Finanzminister der größeren Bundesstaaten, welche nach einer Meldung der „Voss. Ztg." in den Tagen vom 6. bis 13. August in Frankfurt a. M. behufs Verständigung über eine systematische Finanzresorm zusammentreten soll, mit berufen ist, einen geeigneten Weg zur Lösung dieses schwierigen Problems zu entdecken.
DermiMtef.
P.A. internationale Jubiläums • Gartenbau • Ausstellung Leipzig 1893. Der Endtermin für die" Anmeldung ist der
25. Juli, wir halten für unsere Pflicht nochmals aufmerksam zu machen, da spätere Anmeldungen nur in soweit Berücksichtigung finden können, als es der Raum gestattet und die Anordnung der Ausstellung nicht hindert, auch haben später eingehende Anmeldungen keinen Anspruch auf unentgeltliche Aufnahme ihrer Ausstellungsgegenstände in den officiellen Katalog. Der Programm-Nachtrag, welcher die bis jetzt eingegangenen Ehrenpreise und einige Ergänzungen der allgemeinen Bestimmungen enthält, ist vor einiger Zeit an Interessenten verschickt und durch das Comite unentgeltlich zu erhalten. Nicht im Programm vorgesehene und den gestellten Ausgaben sachlich nicht entsprechende, hervorragende Leistungen können mit dem Vermerk „außer Programm" zur Preisbeurtheilung angemeldet werden; auch sind die Programm- Aufgaben derart ausgearbeitet, daß sich die kleinste sowohl als die größte Handelsgärtnerei mit Erfolg betheiligen und auch Privatgartenbesitzer und Planzenfreunde an vielen Concur- renzen theilnehmen können. Die Ausst llungssendungen gehen frachtfrei unter den üblichen im Programm Nachtrag bekannt gegebenen Bedingungen zurück. — Die 3000 Quadr.-Meter bedeckende Haupthalle (Sandstein- und Kupferdach-Jmitation) macht durch ihre vorzüglich gelungenen Größenverhältnisse und gediegene Architectur einen geradezu großartigen Eindruck. In gleicher Weise wirken die zahlreichen übrigen Bauten in dem mit überaus feinem Geschmack geschaffenen landschaftlichen Bildern auf dem von mächtigen Baumgruppen umgrenzten und einem kleineren Wäldchen vortheilhast durchzogenen herrlichen Ausstellungsplatze, woselbst durch das Comite zur günstigen Belebung noch eine 6000 Quadr.-Meter umfassende Seeanlage und größerer Grottenbau geschaffen wurde.
Citeratar unt Armst.
— »Wiener Mode". DaS neueste (20.) Heft der „Wiener Mode" enthält eine Reihe bemerkenswerther belletristischer Beiträge, wie u. v. 21.: eine reizende Plauderet über die innere und äußere Form der Damenbriefe, eine Studie über „Die Hand", einen ebenso getst- als lehrreichen Aufsatz über „Die Hygiene im Hause", „Die Landpartie", eine formschöne Dichtung von Paul Heyse, den kürzlich im Wiener wissenschaftlichen Club gehaltenen Vortrag über „Die Walzerdynastie Strauß" von A. Szczepantzki und einen reich illustrirlen Aufsatz über „Gartenspiele". Dieser kurze Auszug gestaltet einen Schluß auf den gesammten Inhalt des Heftes, tn dem von der „tobten Saison" nichts zu spüren ist.
Wochenbriefe aus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 21. Juli 1893.
Ein Sommerfest. — Straßenbahn. — Vom Turnfest. — Verschiedenes.
Heute sei endlich der versprochene Bericht über das Sommersest des acadcmischen Vereins, das schon in der vorigen Woche stattgefunden hat, auch hier nachgetragen. Die Veranstaltung war wiederum im Jntereffe eines schönen Zweckes, der Erhaltung und Verschönerung deS sogenannten „MartinSpfadeS", arrangiert. Der Verlauf war, wie das bei unseren studentischen Festen fast stets der Fall ist, ein außerordentlich gelungener. Der Saal der Restauration Haust war mit allerlei studentischem Zierrath prächtig geschmückt, im Garten leuchteten nach Eintritt der Dunkelheit viele Hunderte bunter Lampions, auch für gärtnerischen Schmuck war in reichem Maße- Sorge getragen. Eine wohlgelungene musikalische Abendunterhaltung eröffnete die Feier, dabei sang Herr Hosopernsänger Stury, der rasch bekannt gewordene jugendliche Bariton unserer Hofbühne, ein paar hübsch ausgewählte Lieder, dann folgte ein abwechselungsreiches Gartenconcert, wobei die Capelle des Feld-Arrillerie- Regiments mit gediegenen Darbietungen erfreute. Auch der Männerchor „HumanitaS" hatte sich in liebenswürdigster Weise zur Mitwirkung bereit erklärt und verschönerte die Feier durch seine vortrefflichen Vorträge. Ein flotter Tanz bildete den Abschluß der hübschen Veranstaltung, die auch für den genannten guten Zweck eine ganz stattliche Summe abge- warfen haben dürfte.
Don einem eigenartigen Plane, dessen Verwirklichung für unsere Stadt einen außerordentlichen Fortschritt bedeuten würde, wird hier schon seit einiger Zeit lebhaft gesprochen. Es handelt sich nämlich um die endlich vorzunehmende Einführung einer Straßenbahn, die ausschließlich den Verkehr im Innern unserer bekanntlich sehr ausgedehnten Stadt erleichtern soll. Mit den Vorstädten Eberstadt, Griesheim und Arheiligen verbinden uns ja schon seit einer Reihe von Jahren die Dampfstraßenbahnen, aber deren Verkehr innerhalb der Stadtgrenzen ist schon verschiedentlich als sehr wenig
angebracht mit Recht getadelt worden. DaS Verlangen nach einer Darmstädter Pferdebahn wurde immer öfter und öfter laut und da hat sich denn die Firma Bachstein u. Co, die Unternehmerin der Dampfstraßenbahn, beeilt, diesem Verlangen Rechnung zu tragen, allerdings in einer anderen Form, als in der zumeist gewünschten. Sie will uns nämlich zwar nicht mit einer Pferdebahn beglücken, aber dafür eine electrische Straßenbahn erbauen, die ja den gleichen Dienst thun würde. Nach angestellten Ermittelungen soll unser städtisches Electricitätswerk in der Lage fein, ohne daß weitere größere Neuanlagen von Nöthen wären, die nöthige Electricität zu liefern. Es wäre wahrhaftig im Interesse der Entwickelung unserer Residenz sehr zu wünschen, daß die angeknüpften Verhandlungen zu einem befriedigenden Abschlüsse gelangten und zwar schon in allernächster Zeit. Darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Einführung einer Straßenbahn in der Innenstadt dringendes Bedürfniß ist, ähnlich wie das erst in unserem letzten Briefe erwähnte vielerörterte Winter- Schwimmbad, nur wird noch zu erwägen bleiben, welches Unternehmen das practisch bedeutsamere und vor Allem für das Publikum vortheilhaftere ist, eine Pferdebahn oder eine Bahn mit elektrischem Betrieb. Hoffentlich kann ich Ihren Lesern recht bald etwas Neues tn dieser Angelegenheit mittheilen.
Inzwischen rückt die Zeit des mittelhreinischen Turnfestes immer näher heran und die Aufregung in der Stadt wächst immer mehr. Die Neugierde der Residenzler ist wirklich sehr groß, aber auch mindestens so groß ist ihre Bereitwilligkeit, die fremden Turnergäste herzlich zu bewillkommnen und ihnen ein paar fröhliche Festtage zu bereiten. Die Anmeldungen zum Feste laufen in riesiger Anzahl ein, bereits über 2100 Turner sind angesagt, 102 Musterriegen aus 61 Vereinen angemeldet, außerdem steht noch eine sehr rege Betheiligung am Einzel-Wettturnen sicher zu erwarten. Die ausführliche Festordnung ist bereits aufgestellt und wohl auch schon den Gießener Turnern mitgetheilt, die wir ja auch bei uns werden begrüßen dürfen. Schon am morgigen Sonntag den 23. Juli soll eine Art Vorfeier auf dem I mächtig großen Festplatze stattfinden, dabei wird die Darm- I städter Turnerschaft verschiedene Probeaufführungen und Vor
führungen von Musterriegen u. s. w. veranstalten. Da§ eigentliche Fest beginnt bekanntlich erst am künftigen Samstag, mit dem festlichen Empfang der auswärtigen Turner am Bahnhof und der Begrüßungsfeier in der Festhalle am Abend. Im Ganzen können 3000 Personen in dieser Riesenfesthalle untergebracht werden, also gewiß eine stattliche Schaar von Jüngern der edlen Turnkunst und ihrer Freunde. Kürzlich hat auch die Versteigerung der öffentlichen Verkaufsstände 2c. auf dem Festplatz stattgefunden, dabei wurde eine weit höhere Summe erzielt, als Anfangs veranschlagt war, es scheint also auch, daß sich die Händler einen reichen Gewinn von dem Feste erhoffen.
An Unterhaltungen und Vergnügen wurde uns in der vergangenen Woche wieder manch Amüsantes und Interessantes geboten. An musikalischen Genüssen ist gegenwärtig in der Residenz gewiß kein Mangel. Unsere vier einheimischen Militärcapellen veranstalten allwöchentlich mehrere Concerte und dazu besuchen uns gegenwärtig auch noch auswärtige Nationalcapellen und Virtuosen aller Art. Freilich, lange wird die Freude nicht mehr dauern, im September, wenn die Herbstmanöoer beginnen, pflegen unsere Concert- gärten gar sehr zu veröden und wenn dann auch die sonst nur sehr selten auf dem Plane erscheinende Darmstädter „Civilcapelle" auftaucht, so wird der Mangel an flotter Militärmusik doch immer sehr schmerzlich empfunden. Im Sommertheater wird Herr Reiners infolge seines guten Erfolges nunmehr bis Ende August spielen, und deßhalb noch ein neues Abonnement veranstalten. Neuerdings hat er uns einen recht interessanten Gast, einen ehemaligen Darmstädter, der auch hier seine künstlerische Ausbildung genossen hat, gebracht, Herrn Carl Peppler vom Prager Landestheater. Nur mit Richard Voß' Zuchthausdrama „Schuldig", das seinerzeit schon in Frankfurt von der Kritik so schlecht censiert wurde, wegen seines Inhaltes, der stark an den Hintertreppenroman erinnert, hatte uns die sonst so rührige Direktion verschonen sollen. Im Uebrigen stehen wir jetzt ganz in der Zeit der Theaterbenefize, einer Einrichtung, die unser Publikum vom Großh. Hoftheater her allerdings nur als außergewöhnliche Erscheinung kennt. Z.


