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23.4.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 95. Zweites Blatt. Sonntag den 23. April

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Der OKßeaer *wj<leet erscheint ttglich, a« Rusnahmk des Montag«.

Die Gietzener IMMUUxlUUtt werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal -«»elegt.

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

die Erhebung von Umlagen der Stabt Gießen für 1893/94 betreffend.

Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz sollen für 1893/94 von der Stadt Gießen folgende Umlagen erhoben werden:

a. auf das gesummte Steuercapital der

Oriseinwohner und Forenfen . . . JL 375 572.36 b. auf das Steuercapital der evangelischen

Gemeindeangehörigen ..... 24 OOO.

c. auf das Steuercapital der katholischen

Gemeindeangehörigen ...... 2 400.

d. auf das Grundsteuercapital der Par­

zellenbesitzer ........ 5 OOO.

wozu sich der Beitrag auf 1 Mark Normalsteuercapital be­rechnet :

für den Ausschlag a. auf 28,2 H rr // II d. 2,325

ff u n 0. 2,657

ii n // d. ii ,327

Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Erhebung der Umlagen in sechs Zielen, und zwar in den Monaten April, Juni, August, October, December 1893 und Februar 1894 erfolgen soll. An allge­meiner evangelischer Kirchensteuer werden von den Angehörigen der evangelischen Kirche pro 1 Mark Steuercapital 1,6 Pfg. erhoben.

Gleichzeitig wird bemerkt, daß diese Bekanntmachung im Großh. Regierungsblatt vom 8. April d. I. erfolgt ist und daß von diesem Tage an die Frist zum Vorbringen von Reclamationen läuft, welche gegen die Erhebung der Um­lagen überhaupt gerichtet sind.

Gießen, den 20. April 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. (Sagern.

Bekanntmachung, betreffend Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche; hier den Besuch der Märkte.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in mehreren Orten des Kreises und der angrenzenden Bezirke ausgebrochen ist, bestimmen wir, daß alle Diejenigen, welche die im Kreis Gießen stattfindenden Märkte mit Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen befahren wollen einerlei ob Händler oder Landwirthe in Besitz thierärztlicher Gesundheitsscheine sein müssen. Diese Maßregel gilt bereits für den am 25. und 26. April zu Gießen stattfindenden Viehmarkt.

Gießen, den 21. April 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. ___________________v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Heuchelheim.

Nachdem die in einem Gehöfte zu Heuchelheim ausge­brochene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die Aufhebung der Sperre verfügt. Das Ausführen von Rind­vieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus der genannten Ge­markung darf bis auf Weiteres nur auf Grund thierärztlicher Gesundheitsscheine stattfinden.

Gießen, den 21. April 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

politische Wochenschau.

Gieße«, 22. April 1893.

Der Entwurf des Berichtes über die Verhandlungen der Militärcommission ist von dem Centrumsabgeordneten Gröber nunmehr fertig gestellt. Die endgültige Feststellung des Berichtes soll erst am nächsten Montag in der Militär­commission stattfinden. Diese neue Hinausschiebung ist durck den Wunsch der Regierung veranlaßt, in dem Theil, welcher die Erklärungen der Regierungsvertreter umfaßt, präzisere Formulirungen vorzunehmen, bevor der Bericht in der Com­mission seine definitive Fassung erhält. Die Herstellung des

Entwurfs hat eine außerordentliche Arbeitsleistung erfordert- Derselbe umfaßt nämlich nicht weniger als 140 Quartseiten. Er giebt auf 36 Seiten die Berathungen über die Grund­sätze der Vorlage wieder, 16 Seiten behandeln die Erörter­ungen über die. einzelnen Bestimmungen und 4 Seiten die zweite Lesung. Die Behandlung über die allgemeinen Grund­lagen der Vorlage zerfallen in zwei Abschnitte, von denen der eine denGrund der Vorlage", der andere dieLösung der Ausgabe" betrifft. In dem ersteren sind auch die Discussionen über die auswärtige Lage wiedergegeben. Die Untersuchungen der Commission über die finanzielle Tragweite der Militär­vorlage im Anschluß an den Finanzantrag Richters füllt 10 Seiten aus. Wie es heißt, soll die Arbeit Gröbers sehr gründlich und objectiv fein. Das Schicksal der Militär­vorlage schien in der vergangenen Woche eine Zeitlang sich wiederum günstiger gestalten zu wollen. ES verlautete, daß der Führer des rechten Centrumsflügels, Freiherr von Huene, neuerdings in Compromißverhandlungen mit dem Reichskanzler eingetreten sei. Schon bald stellte sich indessen heraus, daß v. Huene ohne Auftrag seiner Fraction seine Vermittlungsversuche angestellt hatte. Ueberdies erklärte der Reichskanzler auch die Zugeständnisie von Huenes für unzureichend, indem er eine Präsenzerhöhung um mindestens 69 OOO Mann als unbedingt erforderlich hinstellte. Unter diesen Umständen kann nunmehr das Schicksal der Militärvorlage in dem gegenwärtigen Reichs* tag als besiegelt angesehen werden. Die Verhandlungen des Plenums haben mittlerweile zur Erledigung einer ganzen Reihe von Aufgaben geführt. In zweiter Lesung hat der Reichstag die Gesetzentwürfe über den Verrath militärischer Geheimnisse und die Ausdehnung des Wuchergesetzes berathen. Die Markenschutzvorlage ist an eine Com­mission verwiesen worden und das Retchsseuchengesetz am Freitag zur ersten Lesung gelangt. Außerdem sind einige Initiativanträge der Freisinnigen und der Centrums­partei in kurzer Verhandlung erledigt worden. Es sind dies die bekannten Anträge auf Wiedereinführung der Be­rufung gegen Urtheile der Strafkammer und auf gesetzliche Festlegung der Entschädigungspflicht des Staates gegenüber unschuldig Verurtheilten. Neuerdings sind dem Reichstag einige Nachtragsetats zugegangen. V-/2 Mil-

Feuilleton.

Wochenbriese aus der Residenz.

(Ortgtnalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 21. April 1893.

Da8 Frühjahrsrennen des Hessischen Reitervereivs. Das Jagdschloß Kranichstein. Merlei.

Die Saison ist eröffnet! Diese gewaltige Thatsache hat sich am letzten Sonntag vollzogen. Ganz Darmstadt war auf den Beinen, um dem wichtigen Vorgänge beizuwohnen. Seit Jahren bildet das Frühjahrsrennen des Reitervereins recht eigentlich das erste nennenswerthe Ereigniß in der an- brechenden Frühjahrs- und Sommersaison. Ist dies glücklich vorüber, bann folgen sehr bald andere Vergnügungen in Gottes freier Natur nach. Fast hätte man meinen können, die Darmstädter hätten sich mit der Absicht getragen, den Anfang möglichst imposant zu gestalten, wenn man die nach vielen Tausenden zählende Menge des schaulustigen Publikums ansah, welche sich in stetem Gewimmel aus der Stadt nach der Fasanerie hin bewegte. Dort hinter dem Wildschwein- Park hat Seine Königliche Hoheit der Großherzog dem Reiter- Vereine, dessen Mitglieder nur Offiziere sind, ein weites Areal zur Verfügung gestellt, besten natürliche Beschaffenheit es zu einer Pferbe Rennbahn sehr geeignet macht. Es fehlt nicht an Hinbemisten, benn biese werben burch einen ziemlich breiten Bach, den sogenannten Ruthsbach, und einen großen Sand- Hügel repräsentirt, auch ist der Boden nicht hart, da die gänze Gegend auß Sandgrund besteht, und außerdem wird der Ueberblick über die Bahn nicht durch Bäume unmöglich gemacht. Dorthin also, nach der Gichtmauer, wie der Bolksmund die Fasaneriemauer getauft hat, weil die in der Gegend.derselben im Sommer herrschende Hitze zur Austreibung der Gicht nicht ungeeignet sein scll, wälzte sich der ungeheuere Strom, dem die Maste der herbeieilenden Fußgänger glich. Die hohe Aristokratie kam unterbeffen in einer fast unenblich langen Reihe von Wagen auf ber Kranichsteinerstraße angefahren. Hier war wirklich Luxus entfaltet worben. Unter ben Ge­fährten bemerkte man besonbers häufig bie moderneGig", mit einem Pferde gewöhnlich Traber bespannt und von einer Dame geleitet, gewährten diese leichten Fuhrwerke einen wirklich höchst eleganten Anblick. Was die Damen-

toiletten betrifft, so ist zu conftatiren, daß unter diesen natür­lich die Hellen Farben, besonders mattgrau, heliotrop und mattgelb am häufigsten vertreten waren. Wirklich komisch wirkten die mächtigen Puffärmel der Damenkleider- besonders bann, wenn ber Winb sich erhob unb bieselben aufblähte, konnte man in bem entftanbenen Gebilde eher einen blessirten Luftballon als ein menschliches Wesen vermuthen. So hatte sich allmälig Alles versammelt, als um bie dritte Nach- mittagSstunde die Glocke das Signal zur Eröffnung des Festes gab. In kurzem Galopp sprengten die Kämpfer vom Wiege­platz heran, machten vor der Tribüne Reverenz und begaben sich zum Start. Die Rennen selbst boten des Interessanten recht viel, vor Allem deshalb, weil keine eigentlichen Renn-, sondern nur Chargepserde liefen, die fast sämmtlich von ihren Besitzern geritten wurden. Ohne ernsteren Unfall wickelte sich daS Programm ab, während eine Militärcapelle die Pausen durch musikalische Vorträge ausfüllte. Darauf sand die Preisvertheilung vor der Tribüne statt, dann bildete das Volk eine Gaste, um die Abfahrt der Wagen aus der Nähe zu beobachten. Seine Königliche Hoheit der Grobherzog war durch die Reise nach Italien an. der Theilnahme verhindert, jedoch waren die Hofstaaten sämmtlich vertreten, u. A. be­merkten wir auch den Prinzen von Schleswig-Holstein, die Prinzen und Prinzeß von SolmS, den Grafen von Erbach, den preußischen Gesandten Frhrn. v. Plesten und eine ganze Anzahl von Generälen. Als die Abfahrt vorbei war, zog sich die große Menge über das Kramchsteiner Jagdschloß hin, nach ber Stabt zu.

Das Jagdschloß Kranichstein ist entstauben zur Zeit bes Landgrafen Ernst Ludwig, der im Jahre 1688 bas Ganze wohnlich einrichtete unb babei ein Jagbzeughaus, bas auch heute noch existirt, erbauen ließ. Die Hauptglanzzeit Kranich­steins war inbesten bie Zeit Lubwig VIH., ber als leiben* schasilicher Jäger bort braufeen in dem weiten Walbe mit seinen uralten Baumriesen lieber residirte als in ber engen Stabt. Noch heute ist in bem Placke eine Menge von Bäumen zu sehen, an welchen angeschrieben ist, wann ein glücklicher Schüfe beß Fürsten dort einen Eber ober einen Hirsch nteber- gestreckt hatte. Der Grofeherzog Lubwig III., der ja für die Verschönerung der Umgebung seiner Residenz so unendlich viel gethan hat, renobirte dann das ziemlich baufällig gewordene Haus, sodaß es sich heute als ein zwar einfaches, jedoch sehr schmuckes Rococcoschlößchen präsentirt. Auch unser verstorbener

Großherzog Ludwig IV. verweilte gern in Kranichstein unb oft konnte man den hochseligen Fürsten .bort beobachten, wie er im Kreise seiner Familie in bem nahen Weiher fischte ober im Parke die massenhaft vorhandenen Wildschweine jagte. Heute befinden sich in dem Schlosse jene prächtigen Jagd- trophäen, die vor einigen Jahren auf der Kasseler Sport- Ausstellung so ungeheures Aufsehen durch ihre Schönheit erregten. Außerdem birgt es eine Sammlung alter Jagd­gewehre, die nicht weniger als die vorhergenannten Dinge das Interesse ber Fachleute in Anspruch nahmen.

In bem künstlerischen Leben unserer Residenz machte sich das herrliche Frühlingswetter recht unangenehm bemerkbar. Die wenigen öffentlichen Veranstaltungen, bie noch stattfinden, sind so schwach besucht, daß den meisten Unternehmern die Luft vergeht. Dagegen regt es sich innerhalb ber einzelnen Vergnügungsvereine umsomehr, Alpen- unb Odenwalbclub stellen in besonberen Sitzungen ihr Tourenprogramm für ben Sommer zusammen, anbere Vereinigungen haben mit benselben schon begonnen. Die umliegenden Ausflugsorte sind von ihnen Sonntags überfüllt unb die Stabt ist verödet.

Das einzige Institut, was mit seinen Darbietungen noch einigermaßen Glück hat, ist bas Hoftheater. Allerbings sind bie Anstrengungen ber Direction besselben auch ganz gewaltig, so hat man jetzt noch kurz vor Schluß ber Spielzeit, bie Mitte Mai zu Enbe geht, Shakespeares Lancastertetralogie in glänzender Ausstattung unb künstlerisch vollenbeter Weise zur Aufführung gebracht. Die einzelnenKönigsbramen", nämlichRicharb II.",Heinrich IV." (I. und II. Theil) unbHeinrich V" werden auf deutschen Bühnen nur sehr selten gegeben, da ihre Wiedergabe eine Menge von Schwierig­keiten bietet; um so größeres Interesse muß ihre Vorführung bei ben Freunben Shakespeare'scher Kunst finden. Mit den hiesigen mustergültigen Vorstellungen konnte man wohl zufrieden sein. Wir nennen aus der großen Fülle der mitwirkenden Darsteller nur die Vertreter der Hauptrollen, Herrn Dalmoniko (König Heinrich IV.), Edward (Richard II.), Henn Werner (Sire John Falstaff) und Hacker (Prinz Heinrich). Die nächste Woche soll in erster Linie ber Muse Richard Wagners gewidmet sein. Frau Ende-Andrießen aus Köln wird in Tristan unb Jsolbe" unbGötterdämmerung" gaftiren. Ich werde Ihren freundlichen Lesern von diesem künstlerischen Ereigniß in einem der nächsten Briefe berichten. Z.