Ausgabe 
22.8.1893 Zweites Blatt
 
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Literatur und lUnft

WaS dkS JSgerS Auge sieht, wenn er pürfchend durch den Wald schleicht, das entgeht dem Laten wohl zumeist. Wer hätte wohl je, ohne Weidmann zu fein, daS Wild so recht belauschen können? Nicht einmal die Lebensgewohnheiten unseres guten Lampe sind all­gemein bekannt, wie sollte man da wtffen, womit das scheuere Hoch­wild oder das Rehwild seine Tage resp. Nächte verbringt. Man hält das Reh für scheu, ängstlich, feige. Weit gefehlt! Wie tapfer oer- theidtgt die Ricke ihr Junges gegen den listigen FuchS! Und erst der Bock! In der Mtnnezeit, in der er sich jetzt gerade befindet, ist er ein rauflustiger Geselle, der jeden vermeintlichen oder wirklichen Nebenbuhler auf die Mensur fordert. Und wehe dem Schwächeren das Rehgehörn ist eine fürchterliche Waffe er wird ohne Gnade geforkelt". Eine solche der Natur abgelauschte Scene gibt uns der bekannte Jagdmaler Otto Vollrath-München in einer Nummer der in Cöthen (Anhalt) erscheinenden Jagdzeitschrift ,« Hubert«-", dem Brevier aller derer, welche zum edlen Weidwerk schwören. Aber außer noch vielen anderen Illustrationen find auch weidgerecht und doch populär geschriebene Abhandlungen in der nicht weniger als 24 Seiten starken Nummer enthalten, deren Lectüre wir Jedem, der sich für Jagd, Hundezucht, Naturkunde, Fischerei interesstrt, aufS Wärmste empfehlen können. Das Blatt erscheint wöchentlich und kostet bei einer Bestellung durch die Post unter Nr. 5681 der Post­zeitungsliste frei ins HauS nur 1.40 Mk. für ein Vierteljahr.

Bei der Redaetion eingegangene Bücher re.:

,Ha«dkarte von Hi«teri«dieir «nd de« Ostindische« Juseln". Siam, Birma, Süd-China, Annam, Tongking, sowie die Spanten gehörige Philippinen-Kruppe und ganz Ntederländisch- Jndien alle diese weiten, südostasiatischen Gebiete, welche in der Politik nicht nur z. Z. actuell, sondern dauernd eine wichtige Rolle spielen und auch für Deutschland eine commerctelle Bedeutung haben, sind auf der vorliegenden Karte in klarer und übersichtlicher Weise veranschaulicht. Im handlichen Format von 42 : 49*/a Ctm. ist die im Verlage von Carl Flemming in Glogau erschienene Karte für den billigen Preis von 50 Pfg. in allen Buchhandlungen zu haben. ______

Durch alle Buchhandlungen zu beziehen:

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IM REICHE DES GEISTES

lllustrirte Geschichte der Wissenschaften

gemeinversiindlicb dargeeteilt von

Karl Faulmann.

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Mit iz Tafeln, 30 Beilagen und über 200 Text- Abbildungen. Erscheint in 30 zehntägigen Lie­ferungen ä 50 Pf. 30 Kr. 70 Cts. 30 Kop.

A. Hartlebens Verlag in Wien.

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Nr. 196. Zweites Blatt. Dienstag den 22. August

1893

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Trockenlaub als Futtermittel.*)

Bereits vor einer Reihe von Jahren hat Profeffor Dr. Naumeister in Tharandt auf den hohen Nährwerth hin- gewiesen, welchen Trockenlaub verschiedener Art, namentlich aber trockenes Eichenlaub für Roth-, Dam- und Rehwild besitzt. Seither ist diese Futtermethode in mehreren großen Hochwildrevieren, z. B. in den herzoglich Coburg'schen Wild­bahnen, im Greizer Thiergarten und auf der fürstlich Clary- Aldringen'schen Herrschaft Teplitz tn Böhmen mit den besten Erfolgen erprobt worden und gegenwärtig bei der fast all­gemeinen Futternoth tritt die Frage, ob und inwieweit daS Trockenlaub als Ersatz für Körnerfutter und Heu dienen kann, dringend in den Vordergrund. Trotzdem chemische Analysen ergeben chaben, daß speciell dem Eichenlaub eine früher nie geahnte Summe werthvoller Nährstoffe innewohnt und trotzdem eS sich, wie gesagt, auch in der Praxis bereits erwiesen hat, daß bei dieser Fütterung ein sehr nennenswerther Procentsatz von anderen, ungleich theueren Futtermitteln ohne Schaden für das Wild abgebrochen werden kann, ist diese Methode doch noch nicht einmal in weiteren Kreisen bekannt, geschweige denn in bedeutenderem Umfange eingeführt worden. Und doch ist es in den meisten Gegenden nicht schwer, Trockenlaub von Eichen zu erhalten. Deutschland besitzt gegenwärtig rund 450000 ha Eichenschälwald- das an sich sonst fast werthlose Eichenreisig braucht bloß zu Ende der Schälzeit in den Schäl­schlägen gesammelt und getrocknet, dann in mäßig große Bündel zusammengeschnürt zu werden, und man erhält ein Wildfutter, welches viel werthvoller als das beste Heu, an Ort und Stelle aber kaum halb so theuer und auch in ent­fernteren Gegenden einschließlich der Transportauslagen mindestens nicht kostspieliger ist. In einem so schlechten Futterjahre wie das lausende, erscheint es daher von weit­gehendster nationalöconomischer Bedeutung, daß das Eichen- reisig in Eichenschälwaldungen nicht anderweitig verwendet oder gar vergeudet, sondern als Wildfutter verwerthet wird- auf diese Weise können im kommenden Winter, für welchen ja eine schlimmere Futternoth droht, tausende Gentner von Heu für daS Vieh gespart und dem Wilde Ersatzmittel geboten werden, die ihm zuträglicher sind. Wenn sich die betreffenden Revierverwaltungen entschließen, das Eichenlaub sammeln zu lassen und es im Jnsertionswege als Wildfutter anzubieten, so bin ich überzeugt, daß die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigen, der Erfolg also auf beiden Seiten direct und indirect ein durchschlagender sein wird. Namentlich die glücklichen Besitzer guter Rehstände sollten sich zeitig nach Eichenlaub umsehen- Wiesenheu, auch das beste, ist ja dem Rehwilde direct schädlich, Rothkleeheu und Hafergarben aber dürften zum Winter einen Preis erreichen, der ihre Verwendung als Wildfutter nur für sehr vermögende Jagdherren durch­führbar erscheinen lasten wird.

Wo im weiten Umkreise kein Eichenschälwald vorhanden, Eichenreisig daher zu kostspielig wäre, können zur Noth auch andere Laubhölzer zur Verwendung gelangen- allerdings er­reicht keine andere Holzart in ihren Blättern den Nährwerth der Eiche, immerhin aber ist derselbe stets noch höher als jener gewöhnlichen Wiesenheues.

Nächst der Eiche eignen sich wilder Jasmin (Philadelphus coronarius), Brombeeren, Himbeeren, Haselnuß, Ahorn, Hainbuche, Erle und alle Pappelarten am besten zur Laub­fütterung. Die jungen Triebe dieser Holz- und Streusorten, namentlich Stockausschlag, werden im Sommer geschnitten, getrocknet und dann in Bündeln für den Winter aufbewahrt. Im Anwenden mit billigeren Lohnverhältnisten sind die Aus­lagen, welche diese Ernte an sich werthloser Pflanzentheile erfordert, überaus geringe- sie sichern aber das Wild vor Noth und verhüten es, daß dem zahmen Vieh Futter entzogen werde. Für Normaljahre kommt dieser Punkt ja weniger in Betracht, da Deutschland mehr Wild- und Viehfutter producirt, als es braucht, in so futterarmen Jahren aber, wie das jetzige, begeht jeder Revierbesitzer, der nicht für Laubfütterung vorsorgt, nicht bloß eine Unklugheit für seine Person, sondern auch einen argen Fehler in nationalöconomischer Hinsicht.

Ernst von'Dombrowski.

*) Vorstehenden Artikel entnehmen wir dem in Cöthen (Anh.) erscheinendenSt. Hubertus", illustrtrte Zeitschrift für Jagd und Hundezucht, Fischerei und Naturkunde, dessen Abonnement wir bestens empfehlen können. Preis pro Quartal durch die Post bezogen 1.40 Mark frei ins Hautz. Probenummern durch den Verlag, Paul Schettlers Erben, Cöthen (Anh.), gratis zu beziehen.

* Frankfurt a. M., 18. August. Heute, am 18. August, sind es fünf Jahre, daß der Frankfurter Hauptbahnhof dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde.

* Frankfurt a. M., 18. August. Der erste Frankfurter Schwimmclub läßt jetzt einen Theil seiner Mitglieder be­sonders für die Hilfeleistung bei Ertrinkenden aus­bilden. An dem Unterricht ist auch ein Arzt betheiligt.

* Vom Main, 17. August. In Miltenberg ertrank, wie dieKl. fßr* mittheilt, ein zehnjähriger Knabe, Franz Mittermaier, als er einen andern Knaben vom Ertrinken rettete.

* Karlsruhe. 18. August. Die Staatsanwaltschaft erläßt ein Ausschreiben wegen Fahndung auf zwei Männer, die im benachbarten lutherischen Wäldchen eine Frau zu erschießen suchten. Die Frau hatte angeblich ein auf ein anarchisti­sches Unternehmen abzielendes Gespräch belauscht.

* Dortmund. 18. August. Auf der ZecheKönig Ludwig" fand infolge Schlagwetter eine Explosion statt. Sieben Personen wurden getödtet, sechs verletzt.

* Dresden, 18. August. Sämmtliche Elbschif ffahrts- Gesellschaften haben wegen Wassermangels den Güter­verkehr eingestellt.

* Bei Beginn des Schützenfestes in Greiz hat sich ein UnglücfSfall zugetragen. Nach dem Zapfenstreich sollten die drei Böller gelöst werden. Der diese bedienende Kanonier H. schoß, nachdem der erste versagte, den zweiten ab, der aber dabei zersprang und H. sofort töbtete. Eine andere Person wurde leicht verletzt.

* Berlin, 17. August. Auf einem Holzplatz am Tempel­hofer Ufer Hierselbst brach heute Vormittag eine Feuers - brunft auS, bei welcher durch den Einsturz einer Mauer drei Feuerwehrleute und ein Civilist schwer verletzt wurden. Die Löscharbeiten dauerten bis zum Mittag fort.

* Schon wieder hat sich ein Fall ereignet, der mit ernster Stimme mahnt, kleine Kinder nie ohne Auf­sicht zu lassen. In einem Fleischergefchäst in Eisenach sollte der Fleischkessel einer gründlichen Reinigung unterzogen werden. Zu diesem Zweck hatte man Schwefelsäure holen lassen. In einem unbewachten Augenblick nahm der zwei- biS dreijährige Sohn des Meisters das Glas mit der Schwefel­säure in die Hand und trank daraus. Trotzdem sofort mehrere Aerzte zu Hilfe gerufen wurden, starb das Kind noch in der Nacht.

* Ein tragischer Vorfall hat sich auf der Netze bei Usch ereignet. Zwei Flößer, Vater und Sohn, waren bei der Ausübung ihres Berufes in Streit gerathen. In der Er­regung versetzte der Vater seinem Sohne einen Stoß, wodurch der Sohn das Gleichgewicht verlor und von dem Floß ins Wasser stürzte. In seiner Angst griff er im Fallen nach einem Halt und erfaßte dabei die Beine seines Vaters, den er dadurch mit in das Wasser hineinzog. Beide mußten, da Hilfe nicht schnell genug zur Hand war, er­trinken.

* Eine deutsche Kirche in Jerusalem soll auf jenem Theil des Muristan, des ehemaligen Besitzes der Johanniter, welcher 1869 bei dem Besuche des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm in Constantinopel vom Sultan der Krone Preußens als Geschenk überlassen wurde, erbaut werden. Geh. Oberbaurath Adler hat den Gesammtplan entworfen. Die feierliche Grundsteinlegung soll am 1. October stattfinden.

Antwerpen, 12. August. Die Passagiere, welche in der Nacht vom 9. auf den 10. ds. auf dem Dampfer Norwich die Reise von Harwich nach Antwerpen zurück- legten, werden diese Fahrt schwerlich jemals wieder vergessen. Auf dem Schiffe befanden sich nämlich in zwei abgesonderten Käfigen zwei ausgewachsene Tiger, und dem größten der­selben gelang es in der Nacht, seinen Käfig zu zerbrechen, worauf das Thier, der wiedererlangten Freiheit sich freuend, alsbald einen Spaziergang durch den Zwischendecksraum unternahm. Die Mannschaft wurde gegen 1 Uhr Nachts auf dieses Ereigniß zuerst durch die ungeheure Aufregung auf­merksam gemacht, welche sich der 20, gleichfalls in jenem Raume untergebrachten Pferde bemächtigt hatte, und nunmehr traf man sofort alle Vorsichtsmaßregeln, welche die zumal mit Rücksicht auf das gänzliche Fehlen von Schußwaffen höchst gefährliche Situation erforderte. Man warf vor Allem dem Tiger reichlich Fleisch hin, dem die Bestie auch mit so viel Eifer zusprach, daß sie darüber ganz vergaß, sich an einem der Pferde zu vergreifen und sich schließlich in einer Ecke des Zwischendecks gesättigt zur Ruhe legte. Sowie der Norwich Vlissingen erreicht hatte, wurde die Direction des Zoologischen Gartens in Antwerpen, für welchen die beiden Tiger bestimmt waren, sowie die hiesige Hafenbehörde telegraphisch von dem Entweichen des Tigers benachrichtigt, und so kam es, daß, als der Dampfer in Antwerpen anlangte, eine Anzahl mit Flinten bewaffneter Hafenbeamter, sowie ein Dutzend Männer vom Personal des Zoologischen Gartens, die gleichfalls gut

, bewaffnet waren und die außerdem eine große Falle mit sich führten, zu seinem Empfange bereit standen. Die Falle, ein großer Käfig mit einem Fallgitter, wurde in den Zwischen- deckSraum gebracht und bann suchte man den jedenfalls sehr durstigen Tiger mit Wasser in dieselbe zu locken. Aber trotz seines Durstes war das Thier so vorsichtig, daß die Tiger­fänger erst nach einer mehr als vierstündigen Anstrengung endlich ihre Absicht erreichten. Dann wurde das eingefangene Thier ohne weitere Schwierigkeiten nach dem Zoologischen Garten gebracht. Daß dasselbe während seiner 14ftünbigen Freiheit auf bem bicht besetzten Schiffe auch nicht daS geringste Unheil angerichtet hat, darf mit Recht als ein halbes Wunber angesehen werden.