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Samstag tzLü 22. Juli
1893
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
Vierteljähriger
ij Avonnementsprei»r \V 2 Diarl 20 Psg. mit
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Gießen, den 18. Juli 1893. Betr.: Schreibmaterialienvergütung für die Vorsitzenden der Schulvorstände.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien und die Schulvorstände des Kreises.
Unter Bezugnahme auf unser Amtsblatt Nr. 11 vom 17. December 1891 benachrichtigen wir Sie, daß zur Vermeidung von Differenzen, welche sich bei Normirung der rubr. Vergütung in den einzelnen Gemeinden ergeben haben oder noch ergeben könnten, die Großh. Kreis-Schulcommission empfiehlt, diese Vergütung in Gemeinden mit 1 Schulklasse mit 2 Mk., bei 2 Klaffen mit 3 Mk., bei 3 Klaffen mit 4 Mk., bei 4 Klassen mit 5 Mk., bei 5 Klaffen mit 6 Mk. und bei 6 und mehr Klaffen mit 7 Mk. in den Gemeinde-Voranschlag einzustellen.
Das bei Ueberweisungsanträgen von Schülern resp. Fortbildungsschülern mittelst Postkarten entstehende Porto ist aus obigem Aversum zu bestreiten; dagegen sind die vorgeschriebenen Formularpapiere für Versäumnißlisten, Stundenpläne u. dergl. von der Bürgermeisterei nach wie vor zu liefern.
Sollte ein Vorsitzender des Schulvorstandes einen die obigen Aversionalbeträge übersteigenden Betrag an Auslagen für Schreibmaterialien nachweisen, so ist nach unserem obigen Amtsblatte natürlich dieser höhere Betrag zu vergüten. ___________________v. Gagern.___________________
Gießen, den 18. Juli 1893.
Betr.: Verminderung der Raben, rabenartigen Vögel und Eichhörnchen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
<m die Grotzh. Bürgermeistereien des «reifes.
Soweit Sie mit der Erledigung unserer Verfügung vom 6. März d. I., letzter Absatz — Kreisblatt Nr. 57 — noch im Rückstände sind, erinnern wir Sie an baldige Einsendung ter Berichte.
___________________I. V.: Dr. Melior.__________________
Gießen, den 20. Juli 1893.
Betr.: Polizeiliche Bestimmungen über Schlafstätten, Wohn- und Aufenthaltsräume in Ziegeleien.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir sehen Ihrem baldigen Bericht entgegen, ob in Ihren Gemarkungen Backsteinfabriken, Ruffensteinbrennereien oder Ziegeleien sich besinden. Zutreffendenfalls ist der Name des Besitzers, die Anzahl der Arbeiter und die Art und Weise, wie dieselben untergebracht sind, anzugeben.
I. V.: Dr. Melior.
Gießen, den 20. Juli 1893.
Betr.: Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 14. v. M. — Gießener Anzeiger Nr. 138 — noch nicht nachgekommen sind, werden an deren Erledigung mit Frist von drei Tagen erinnert.
I. V.: Dr. Melior.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli. Das große Fragezeichen, welches in Gestalt der Militärvorlage so lange Über der gesammten inneren deutschen Politik schwebte, ist mit der definitiven Annahme der Vorlage durch den neuen Reichstag endlich verschwunden. Trotzdem will sich die „tobte Jahreszeit" in unseren inneren politischen Angelegenheiten noch keineswegs mit Nachdruck geltend machen, vor Allem geben die bevorstehenden Personalveränderungen in der Leitung des Reichsschatzamtes und des preußischen Kriegsministeriums Anlaß zu den lebhaftesten Erörterungen in der TageSpreffe. Herr v. Maltzahn-Gültz, seit 1888 Staatssecretär des Reichs
schatzamtes, soll sein Entlassungsgesuch, von dem längst die Rede war, nunmehr eingereichl haben; mit einer gewissen Bestimmtheit wird bereits der Unterstaatssecretär für die Finanzen in der reichsländischen Regierung, v. Schraut, als künftiger Chef dieses hervorragenden Reichspostens genannt. Offenbar hängt die nicht mehr zu bezweifelnde Demission Herrn v. Maltzahns mit der Deckungsfrage in Sachen des nun zu Stande gekommenen Heeresgesetzes zusammen, in welcher er nicht die richtigen Wege zu finden vermochte, nachdem seine Vorschläge einer erhöhten Bier- und Branntweinsteuer an maßgebendster Stelle fallen gelaffen worden sind. Vermuthlich wird aber die Ernennung seines Nachfolgers erst binnen einiger Zeit erfolgen, da man allgemein glaubt, daß zunächst ein Einvernehmen zwischen dem preußischen Finanzminister und seinen Collegen aus den andern Bundesstaaten über die im Reiche zu ergreifenden Finanzmaßregeln hergestellt werden soll. Bekanntlich ist zu dem gedachten Zweck eine Conferenz der deutschen Finanzminister für August in Frankfurt a. M. geplant.
— Was nun die gleichfalls als feststehend zu betrachtende Demission des preußischen Kriegsministers v. Kaltenborn-Stachau anbelangt, so heißt es, dieselbe werde erst im Spätherbste zur Thatsache werden. Herr v. Kaltenborn hat als Vertreter seines Ressorts in den Parlamenten keineswegs eine Vortheilhafte Rolle gespielt, was namentlich auch bei seinem Eingreifen in die jüngsten Reichstagsdebatten über den eventuellen Ausfall der Manöver in Hinblick auf die Futternoth sehr deutlich hervorgetreten ist. Als ein sicheres Anzeichen des bevorstehenden Rücktritts Herrn v. Kaltenborns gilt allgemein der Umstand, daß er keinerlei Auszeichnung vom Kaiser anläßlich der Genehmigung der Militärvorlage empfangen hat, im Gegensatz zum Reichskanzler, dem ja für seine Vertretung der Militärvorlage ein so warmer Dank des Kaisers in Gestalt der bekannten Cabinets- ordre geworden ist.
— Die am Mittwoch im Wahlkreise Neustettin stattgefundene Nachwahl zum Reichstage für Ahlwardt hat die Wahl des antisemitischen Candidaten Förster ergeben.
— Ein neuer Triumph der deutschen Industrie im Auslande kann verzeichnet werden. Zwischen der Waffen fabrik Mauser und der türkischen Regierung ist ein abermaliger Vertrag, betr. die Lieferung von noch 154000 Stück Gewehren, Kaliber 7,65 mm, abgeschlossen worden. Demnach würde das Mausergewehr das Einheitsgewehr für die türkische Armee werden, da die türkische Regierung bislang schon 600000 Gewehre bet Mauser bestellt hat.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 20. Juli. Dem „Reichsanzeiger" zufolge ergab der Finalabschluß des Reichshaushaltsetats für 1892/93, daß insgesammt an ordentlichen Einnahmen, soweit sie dem Reiche verbleiben, im Vergleich zum Etat 8093 163 Mk. mehr zur Reichskasse geflossen sind. Die Mehrausgaben betrugen 6 953130 Mk., sodaß sich ein Ueberschuß von 1 140 033 Mk. ergibt.
Berlin, 20. Juli. Die „Norddeutsche Allgemeine" weist in einem längeren Artikel auf die unhaltbaren Zustände hin, welche entstehen, indem man vorhandene Bedürfniffe im Reiche anerkenne, ohne von vornherein sicher zu sein, ob und wie die Deckung für dieselben zu beschaffen sei. Die „Nordd. Allgemeine" frägt, wie bezüglich der Befriedigung der einzelstaatlichen Bedürfnissen jemals die Aufstellung eines Gesammt- planes möglich sei, wenn nicht vorauszusagen ist, wie hoch sich die Ueberweisungen vom Reiche und wie hoch sich die Matri- kularbeiträge belaufen. Um hier Abhilfe zu schaffen, würde nothwendig sein, daß die Finanzminister der Einzelstaaten sich mit dem Reichsschatzsecretär dahin verständigen, welche Mittel und Wege am geeignetsten sind, um an Stelle der bisherigen Unsicherheit in der Finanzgebahrung des Reiches, sowie der Einzelstaaten eine gewisse Stabilität treten zu lassen. Würden die Matrikularbeiträge auf eine Reihe von Jahren fixirt, so wüßten die Einzelstaaten besser als bisher, wie sie sich am besten einzurichten hätten. Finanzminister Miquel habe schon vor Jahr und Tag geäußert, daß ebenso wie ganz bestimmte Arten von Steuern dem Reiche, andere Arten am besten den Einzelstaaten und Communen zugewiesen würden.
Stockholm, 20. Juli. Heute Abend um 6 Uhr trifft der König Oscar in Tullgarn zur Begrüßung des Kais er - Paares ein.
Depeschen de» Bureau .Herold".
Berlin, 20. Juli. Die „Nordd. Allgem. Zeitung" sagt in einem Leitartikel, als Gegenstand der Frankfurter
Zusammenkunft der Finanzminister werde außer der Deckungsfrage für die Heeresresormkosten auch die Herstellung der Stabilität in der Finanzgebahrung des Reiches und der Einzelstaaten durch Fixirung der Matrikularbeiträge auf eine Reihe von Jahren und die Ueberweisung bestimmter i Arten von Steuern an das Reich berathen.
Berlin, 20. Juli. Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge betragen im ersten Viertel des gegenwärtigen Elatsjahres, April-Juni, die Einnahmen der Reichspost- und Telegraphen Verwaltung, 61,007,206 Mk. gegen 57,997,574 Mk. desselben Zeitraumes im Vorjahre.
Thorn, 20. Juli. Die „Ostdeutsche Zeitung" sagt, von der Regierung seien verschiedene Schulinspectoren gefragt worden, wie die Wiedereinführung des polnischen Unterrichts in den Schulen der polnischen Gegenden am geeignetsten bewerkstelligt werden könnte.
Wien, 20. Juli. Die amtliche „Wiener Zeitung" pub- licirt das Ausfuhrverbot für Heu, Futterkräuter aller Art, frisch und getrocknet, Stroh, Häcksel über das ganze österreichische Grenzgebiet. Alle bis zum 20. Juli gekauften, in das Ausland gehenden Sendungen dürfen die Grenze passiren.
Paris, 20. Juli. Das Ministerium beschloß, während der ganzen Wahlperiode auf dem Posten zu bleiben und nur den offiziellen Feierlichkeiten in den Provinzen bet zuwohnen. Verhaltungsmaßregeln an die Ministertalbeamten und Präfecten sind ergangen.
London, 20. Juli. Die Königin verlieh dem Czare- witsch den Hosenbandorden.
Birmingham, 20. Juli. Die Vertreter von 198,000 Arbeitern lehnten die Lohnverminderung, sowie den Antrag, die Sache einem Schiedsgericht zu unterbreiten, ab. Der Aus stand wird für den 26. Juli erwartet.
Chicago, 20. Juli. Geheimerath Wermuth, welcher an Bord der „Normannia" nach Deutschland zurückkehrt, soll gesagt haben, er hoffe bald in Begleitung des Kaisers Wilhelm zurückzukehren.
Coeatts unb provinzielles.
Meßen, 21. Juli 1893.
* * Ernennung. Mittelst Allerhöchster Entschließung Sr. Königlichen Hoheit des Großh er zog s ist der Vorsitzende der Abtheilung des Ministeriums der Finanzen für Bauwesen, Ministerialrath Dr. Schäffer mit Wirkung vom l.Jult d. I. an zum Vorsitzenden der Großh. Prüfungs-Commission für das Finanz- und technische Fach allergnädigst ernannt worden.
• * Bon der Universität. Am 1. October dss. Js. tritt der ordentliche Professor für classische Philologie, Herr Dr. Philippi, in den Ruhestand. Seine Stelle ist dem bisherigen ordentlichen Proseffor in Rostock, Herrn Dr. Eduard Schwartz, übertragen worden. — Mit dem 1. October 1893 verläßt der ordentl. Profeffor für classische Philologie, Herr Dr. Reitzenstein, die Landesuniversität, um einem Rufe nach Straßburg Folge zu leisten.
* * Von der Universität. Am 14. d. M. begannen die schriftlichen Clausurarbeiten der theologischen Facultät und wurden Donnerstag den 20. d. M. beendet. Folgende Themen harrten der Lösung seitens 15 Candidaten: 1) „Inwiefern ist der Montanismus eine revolutionäre Erscheinung?" — (Kirchengeschichte. Prof. Krüger.) 2) „Die evangelische Anschauung von der Ordination und ihre Begründung in der evangelischen Anschauung vom kirchlichen Amt und den kirchlichen Ordnungen." — (Praktische Theologie. Prof. Reisch le.) 3) „Uebersetzung und Erklärung von Joh. XII, Vers 1—8, und Vergleich mit den synoptischen Parallelen." — (Neues Testament. Exegese. Professor Baldensperger.) 4) „Die Bedeutung der Kunst im sittlichen Leben." — (Ethik. Prof. Kattenbusch.) 5) „Die Stellung der Juden- und Heidenchrislen zum Christenthum nach dem Römerbrief." — (Neues Testament. Realien. Prof. Baldensperger.) 6) „Der vorprophetische Gottesglaube in Israel soll in seinen Grundzügen dargestellt werden." — (Altes Testament. Realien. Prof. Stade.) 7) „Der Substanzbegrtff bet Leibnitz und bei Spinoza." — (Philosophie. Prof. Reisch le.) 8) „Die Rechtfertigungslehre des Anselm von Canterbury und diejenige Abälards." — (Dogmen- geschichte. Prof. Krüger.)
-1. Vom Geschichtsvereiu. Nachdem wegen Erkrankung des Herrn Kofler, der dem Verein einen Vortrag über die neuesten Limesausgrabungen zugesagt hatte, eine im Juni geplante Sitzung leider in Wegfall kommen mußte, wird der Verein mit dem für nächsten Sonntag angekündigten Ausflug nach Alsfeld die Veranstaltungen dieses Sommers beschließen.


