1893
Amts, «nd Anzeigeblatt für den TLreis Gieren.
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Sonntag den 22. Januar
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Wochenbricfe s«s der Residenz.
(Ortginalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 20. Januar 1893.
Die Neßdeuz im Schnee. — Bom tzsfe. — Aus dem Kunst- verein. — Theater und Coucerte.
Daß der Winter sich in der vergangenen Woche auch den Residenzlern von seiner grimmigsten Seile gezeigt hat, braucht unser Brief seinen Lesern wohl nicht erst besonders zu berichten, das werden sie schon ohnedies wissen, aber gegenwärtig, wo außer von der Militärvorlage so viel vom Wetter und seinen Unbilden die Rede ist, dürfen wir auch schon einige Worte über dies mehr oder minder beliebte und erfreuliche Thema verlauten lassen. Also in der Residenz hat man in -er vergangenen Woche genau so grausam gefroren, wie in der ehrsamen Stadt Gießen. Schon der letzte Freitag hatte uns einen tüchtigen Schneefturm bescheerr, und in der Nacht vom Samstag auf Sonntag schneite es nun gar, als ob Alles unter der weißen Decke begraben werden sollte. Unsere wackere Straßenkehrergenossenschaft, die der verstorbene Ober- bürgermekster Ohly noch ins Leben gerufen hat, kam durch diese „Wuth der Elemente" um ihre wohlverdiente „Sonntagsruhe, sie mußte „in voller Uniform" ausrücken und nun begann ein Schaufeln und Kehren auf Leben und Tod. In allen Stadttheilen fuhren die großen städtischen Schneepflüge mit vier Pferden bespannt durch die Straßen und richtig, schon vor 10 Uhr, also etwa um die Zett des Kirchganges, sah ei in den Hauptstraßen schon wieder ganz sauber und culturmäßig aus, der Verkehr konnte sich wieder regelmäßig abwickeln. Die Straßenbahnen hatten allerdings in dem dichten Schnee in den äußeren Stadttheilen und vor den Thoren ein schlechtes Fortkommen, die ersten Züge langten mit gang bedeutenden Verspätungen an. Die übrigen Wochentage haben uns seither noch keine Besserung gebracht, wir machen es gerade so wie die Gießener und harren geduldig
poUttkche wochenschan.
Gießen, 21. Januar 1893.
In der vergangenen Woche schien es eine kurze Zeit so, als habe sich die politische Gesammtsitualion von Grund aus geändert. Der uatinnalliberale Abgeordnete v. Bennigsen hatte nämlich in der Militärcommission den Vorschlag gemacht, zwei Drittel der Regierungsvorlage zu bewilligen, und es gewann für eine kleine Weile den Anschein, als ob auch das Centrum zu einem derartigen Compromiß geneigt sei. Indessen ist dieser Auffassung der politischen Lage durch eine Rede des Centrumsabgeordneten Lieber in der Militärcommission sogleich der Boden entzogen worden: „An der gleichförmigen Haltung unserer Partei", erklärte der genannte Abgeordnete, „hat sich in Folge der parlamentarischen Beratungen nichts verändert." Die Erörterungen der Commission über die auswärtigen Verhältnisse haben auch im Auslande großes Aussehen erregt. Der Reichskanzler Graf v. Caprivi hatte erklärt, daß es zweifelhaft sei, ob Italien nach Ablauf des Dreibundvertrages im Jahre 1897 eine Erneuerung des Vertrags gutheißen werde. In Folge dessen hat Brin, der italienische Minister des Auswärtigen, den deutschen Botschafter in Rom gebeten, dem deutschen Reichskanzler mitzutheilen, daß seine Zweifel an der Neigung Italiens zum Dreibund durchaus unbegründet seien. Auch die Aeußerung des Reichskanzlers, daß in einem künftigen Kriege möglicher Weise auch Dänemark sich den Feinden Deutschlands anschließen werde, ist nicht ohne Widerspruch
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Gießener
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des erlösenden Thauwetters, das hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten läßt. .
Im internen gesellschaftlichen Leben gehts bis letzt noch ziemlich still zu. Das Trauerjahr für den verewigten Groß- Herzog ist noch nicht verflossen, das macht sich ganz bedeutend bemerkbar. Seine Königliche Hoheit der regierende Großherzog bleibt noch allen Feierlichkeiten fern, nur dem Jagd- vergnügen huldigt er in ausgedehntem Matze- von Hoffestlichkeiten, wie sie sonst alljährlich erschienen, ist dagegen naturgemäß noch keine Rede. Selbst während der Festvorstellung zu Großherzogs Geburtstag, im Hoftheater, die Wagners „Lohengrin", zum ersten Male ohne Strich aufgeführt, brachte, blieb die Hofloge leer und auch die Hoffnung, der Großherzog werde zu der von den vereinigten Offiziercorps veranstalteten Extravorstellung im December im Hoftheater erscheinen, erwies sich als trügerisch. Die dem Hose nahestehenden Kreise halten sich gleichfalls von Veranstaltungen größerer Art fern, von bedeutenden Privatfestlichkeiten, wie sie im vergangenen Winter in großer Anzahl stattfanden, ist diesmal wenig zu hören, nur bet Seiner Excellenz Herrn Staatsminister Finger hat am Dienstag großer Rout statt- gefunden.
Die gesellschaftlichen Vereine „Casino", „Bürgerverein", „Mozartverein", „Eintracht" usw. bieten ihren Mitgliedern, besonders den jüngeren, freilich wie alle Jahre ein reichhaltiges Programm von Wintervergnügungen, unter denen natürlich die Faschingsbälle obenan stehen. Auch die beliebten Saalbauredouten werden sehr bald beginnen, also der edlen Tanzkunst kann in ausgiebigstem Maße gehuldigt werden.
Die kunstliebenden Residenzler pilgern gegenwärtig in großen Schaaren in die Ausstellung des „Kunstvereins", der seit wenig Jahren ein eigenes Haus zu Ausstellungszwecken besitzt. Auch das ist eine Errungenschaft der fortschreitenden Entwickelung unserer Stadt. Darmstadt, das als Theater- und Musikort überall einen guten Ruf genießt, hat nun auch der bildenden Kunst endlich eine zwar bescheidene, aber schmucke und für die hiesigen Verhälinisse genügende Heimstatt errichtet. Ein städtisches Gebäude am Rheinthor wurde angekauft und passend hergerichtet, so daß es sich jetzt von außen und innen
recht würdig repräsentirt. Ein vornehm-einfaches Treppenhaus, das mit einem großen Marmorstandbild geschmückt ist, führt zu den Ausstellungsräumen, die, Dank der regen Thätig- keit des Vorstandes, immer mit einer erlesenen Sammlung von Kunstwerken geziert sind. Gegenwärtig erregt ein Colossalgemälde des Münchener Meisters Karl Voß „Grat» bei Conti vor der Leiche ihres Sohnes" in hohem Grade das Interesse der Kunstverständigen. Daneben sind viele kleinere Werke mehr oder minder berühmter Künstler ausgestellt, das Ganze macht einen recht freundlichen Eindruck. Das große Publikum verhält sich leider den Bestrebungen des Kunftvereins gegenüber noch ziemlich kühl, das bui^f umsomehr zu bedauern, als gerade Darmstadt durch seine Lage und seine Vergangenheit dazu berufen erscheint, eine wirkliche Kunststadt zu werden.
Im Hostheater folgt eben ein berühmter Gast dem andern. Am Montag hatten wir das vierte große Shm- phonieconcert unserer trefflichen Hofmusik. Früher fanden diese Concerte im Saalbau statt, der sich zu dergleichen Veranstaltungen nicht recht eignet, der finanzielle Erfolg blieb denn auch immer bedeutend hinter dem künstlerischen zurück. Jetzt aber, wo die Concerte in das Großherzogliche Hoftheater verlegt sind, nehmen sie stets einen in jeder Beziehung glänzenden Verlauf. Im vorletzten Concert sang Herr Kammersänger Gießen von Weimar, ein Sohn Ihrer freundlichen Musenstadt, diesmal erfreuten Frau Marie Wilhelmy aus Wiesbaden und Herr Concertmeister Grützmacher aus Budapest durch ihre Mitwirkung. Am Dienstag wurde Voß' „Wehe den Besiegten", das am Freitag bei der ersten Aufführung recht gefiel, wiederholt und nach der lustigen „Großstadtluft" begann Herr Hofmüller von Dresden, der langjährige lyrische Tenor unserer Bühne, im ausgelassenen „Bettel- studenten" sein vom Publikum freudig bewillkommtes Gastspiel. Er wird am Sonntag noch als „David" in den „Meistersingern" zusammen mit Theodor Reichmann auftreten, über den Verlauf dieses interessanten Gastspiels, zu dem auch von außen starker Andrang zu erwarten ist, soll der nächste Plauderbrief berichten, hoffentlich braucht derselbe nicht wieder mit winterlichen Stimmungsbildern zu beginnen. Z.
Bekanntmachung,
betreffend Vorträge des Oberhessischen Obstbauvereins.
Sonntag den 22. Januar d. I., Nachmittags 2 Uhr: Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrers Reichelt von Friedberg zu Groften-Buseck in der Wirthschaft von H. Brück über „Pflege und Schnitt junger Obstbäume".
Alle Mitglieder des Obstbauvereins und Freunde des Obstbaues werden zu diesem Vortrag freundlichst eingeladen. Die Herren Bürgermeister von Großen-Buseck und der Nachbarorte ersuche ich um ortsübliche Bekanntmachung.
Gießen, den 19. Januar 1893.
Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberhessischen Obstbauvereins.
Nebel, Amtmann.
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Bekanntmachung.
Diejenigen Landwirthe Oberhessens, welche geneigt sind, die im Juni l. I. zu München stattfindende Ausstellung der deutschen Landwirthschaftsgesellschaft mit Rindvieh zu beschicken, werden hiermit ersucht, umgehend Antrag bei unterzeichnetem Präsidium zu stellen. Der Ausschuß des landwirthschaftltchen Vereins hat beschlossen, eventuell diejenigen den Ausstellern erwachsenden, nachweislich nothwendigen Kosten aus der Ver- einskaffe zu ersetzen, welche nicht bereits vom Staat übernommen sind und insofern dieselben im Ganzen den Betrag von 500 Mark nicht übersteigen.
Laubach, am 12. Januar 1893.
Der Präsident des landwirthschaftl. Vereins von Oberheffen. Friedrich Graf zu Solms-Laubach.
c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real- gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien »Real- schulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Director der Anstatt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;
d) das Schulzeugniß.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein
Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mtt Ausnahme der Reifezeugniffe für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmllich nach Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 — Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müffen. . _ QQ
Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.
Großh. PrüfungS * Commission für Einjährig-Freiwillige zu Darmstadt. Der Vorsitzende:
Dr. Zeller.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung, tzie Rachsuchuvg der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugniffen betreffend. Diejenigen jungen Seute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-sreiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschrtsten «tt dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll- ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Eommission nur dann einzuretchen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs- pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufent- haltsorthat. ,
2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird. , .
Der Nachweis der Berechtigung zum ein* Übrigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahress yt erbringen (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebensalter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus- geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April nachfolgen werde.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a) Geburtözeugniß;
^ Einwilligung» - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen actioen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen;
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