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1893
Nr. 142 Zweites Blatt. Dienstag dm 20. Juni
Gießener Anzeiger
Kenerat-Ztnzeiger.
Amts» unb Anzeigeblatt für bett Kreis (Sieben.
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Ieisgeöotenes.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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Gießen, den 15. Juni 1893. ,
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soll auf dem hiesigen Ortsgericht die dem «ldolf Bogt in Gießen gehörige Hof- raithe:
Flur I Nr 783 — 381 qm in der Sonn öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, 5. Juni 1893.
Großh. Ortsgericht Gießen.
I. A-: Bogt. 5084
MMeitertmlagkN
bewährtester Construction liefert und
Bekanntmachung.
Nachdem die Stadtverordneten. Versammlung in ihrer Sitzung vom 30. März d. Js. beschloffen hat, die bisheran zur Frankfurterstraße gezählte Straße nach den neuen Kliniken als „Klinikstraße ' zu benennen, bringen wir dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß.
heiter und ungezwungen wie immer hinter seinem prinzlichen Gönner einherschritt.
Am Nachmittag ging eS hinaus zum Hünengrab. Hoheit hatten die Ausgrabung zu seinen Ehren huldreich angenommen. Eine Schaar von Honoratioren und viel Volk war an der klassischen Stätte versammelt, ehe der hohe Gast eintraf. Auch Heinrich war zugegen, es hatte ihm keine Ruhe gelaffen. Höhnisch grinste Herr Sandmeyer, der in Frack und weißer Binde das Ganze überwachte, ihm zu, als immer näherschallende Hurrahrufe die Ankunft der Wagen verkündeten.
Hoheit waren in vorzüglicher Stimmung. Beim Dejeuner en petit comite in Höchstihrem Qartier, im Hause des Bürgermeisters, hatten sie die Kochkunst und die persönliche Liebenswürdigkeit Gretchens unverhohlen bewundert und sich an der Unterhaltung zwanglos betheiligt. Lächelnd nahm der Prinz jetzt den versilberten Spaten, welchen Herr Sandmeyer ihm darbot, um den ersten Stich zu thun. Dabet gewahrte er Heinrich, der ziemlich mißmuthig beiseite stand.
„Ach," bemerkte der hohe Herr, „hier haben wir ja einen Sachverständigen — bitte, Herr Doctor, wollen Sie uns als Cicerone dienen, — ich weiß, Sie sind vertraut mit diesen. Dingen. Also das ist ein Hünengrab, was? Welche Periode?
„Verzeihung, Euere Hoheit," erwiderte Heinrich offen, „es kann ein sogenanntes Hünengrab sein, ob es aber ein- ist und ob eS nie eröffnet worden ist, kann erst die Untersuchung lehren."
„Aha," lachte der Prinz, „vorsichtiger Gelehrter! Na, denn man zu, — bitte, mein Herr Doctor, thun Sie tm Namen der Wissenschaft den zweiten Stich."
„Na, siehst Du wohl," flüsterte Carl seinem Freunde heimlich zu.
„Aber warte, das Beste steckt noch im Defile.*
„Aber ich begreife nicht, Carl —"
„Brauchst Du auch nicht, mein Bester!"
Jetzt traten die Arbeiter heran. Der erste unter ihnen war schon ein alter, grauhaariger Mann mit mehreren Denkmünzen auf der Brust.
„Gestatten Hoheit mir huldvollst, Ihre Gnade auf diesen Mann zu lenken," bemerkte Carl, „alter Landwehr Krieger von 1866, decorirt. Sein Sohn steht jetzt bei Hochdero Regiment, Gefreiter Jahnke — von der dritten Schwadron?
(Schluß folgt.)
Heinrich stutzte. „Ich wüßte nichts von einer Bekanntschaft der beiden."
„Na, so, dann kann ich aber nicht begreifen, was der Herr Lieutenant meinte, als ich ihm neulich spät NachtS draußen auf dem Wege nach dem Hünengrab begegnete, — Sie wissen, ich kann manchmal NachtS nicht recht schlafen, das ist noch so eine Erinnerung auS der Zeit, wo ich als Tele- graphen-Assistent Nachtdienst hatte, und dann geh ich im Mondschein spazieren."
„Ja, aber ich begreife nicht —"
„Sollen Sie gleich hören. Also da begegnete ich Ihrem Freunde, 's war am Tage, ehe er von hier abreiste, und ich sagte: Guten Abend, Herr Baron, noch so spät spazieren, wenn man fragen darf? Und da sagte er: Jawohl, Herr Postdirector, 'n bischen Hünenluft gekneipt. Und da dachte ich mir, daß er einen Besuch beim Herrn Sandmeyer gemacht hatte. Denn er kam ja doch von der Gegend her."
Heinrich hatte der Erzählung des Dicken mit wachsendem Befremden zugehört. Gerade an jenem Abend hatte sich Carl auffallend ftüh verabschiedet, weil er morgen einen langen Heimritt habe, — und am anderen Morgen beim Scheiden war er über die Maßen vergnügt und siegesgewiß gewesen. Was mochte da vorgefallen fein? Sollte Carl in der That bei Herrn Sandmeyer — ?
Bum, Bum, Bum! Die Böller krachten, eine Staub- wolke näherte sich rasch, jetzt erkannte man glitzerndes Pferdegeschirr und prunkvolle Uniformen. Die Stadtmusik stimmte die Nationalhymne an, der Schulchor fiel ein und im nächsten Augenblick hielt der prinzliche Wagen vor einem verbeugten Halbkreis von Menschen.
Ohne größeren Unfall brachte der Bürgermeister seine sorgfältig auswendig gelernte Rede zu Ende. Der Prinz, eine hübsche jugendliche Erscheinung, antwortete huldvoll. Lächelnd nahm er mit einigen schmeichelhaften Worten den Blumenstrauß Gretchens entgegen. Dann verließ er leichtfüßig den Wagen und schritt an der Spitze seines Gefolges, von dem Bürgermeister geführt, die Reihen ab. Als ihm Dr. Liebrecht vorgestellt wurde, bemerkte er: „Ah, ich habe schon viel Gutes von Ihnen gehört, — Dissertation über Ramses den Dritten, nicht wahr — vorzügliches Werk! Allgemeine Sensation. Auch Heinrich war erfreut. Seine Dissertation handelte zwar über Ramses den Vierten, aber das war ja nur äußerlich. Dankbar nickte er, mit huldvollem ! Händedruck entlassen, nach seinem Freunde hinüber, der schön,
Feuilleton.
Das Hünengrab.
Erzählung von Cethegus.
(2. Fortsetzung.)
Nach unzähligen Vorbereitungen und Mühen war denn nun endlich der große Tag herangenaht. Vor dem verschwenderisch mit Laubwerk ausgestatteten hölzernen Triumphbogen am Eingänge des Städtchens, im blendenden Glanze der Sommersonne, standen der Bürgermeister und Gemeinderath, eine in Ehrfurcht versteinerte Gruppe schwarzgekleideter Loyalität, neben ihnen im wirkungsvollen Gegensatz die schneeweißen Jungfrauen, geführt von Gretchen. Dahinter wimmelten die übrigen Spitzen der Gesellschaft, auch baß Lehrer- Collegium der Bürgerschule, welches Dr. Liebrecht führte, denn der Director hatte sich krank gemeldet und er fürchtete, durch fein Aussehen dem hohen Herrn den Gedanken an eine Pensionirung nahezulegen.
Es gab viel Rührendes und Komisches zu sehen in der ganzen Versammlung, aber Heinrich war jetzt wenig aufgelegt zu solchen Beobachtungen. Das Wiedersehen mit seinem Freunde, der im Hosgettiebe der alte muntere, treuherzige Bursch geblieben war, hatte ihm eine herzliche Freude be- reitet, aber einen sicheren Kriegsplan hatten sie trotz eifrigen ZechenS nicht gefunden. Er mußte sich damit begnügen, daß der Freund ihn nach Kräften bei dem Prinzen zu fördern versprach und ihn im Uebrtgen auf den „Tag der Attacke" verwies. Immerhin war es tm Städtchen nicht unbemerkt geblieben, daß der Hofherr mit dem Doctor so freundlich stand, und -baß Ansehen Heinrichß war bamit unverkennbar gestiegen, zumal er auch burch einen schwungvollen Festartikel im Wochen- blättchen bie literarische Ehre beß Orteß gerettet hatte.
Neben ihm ftanb ber biete Postmeister an, ber Spitze seiner Getreuen. Er nahm soeben verstohlen ble breizehnte Prise unb bot auch bem Doctor heimlich unter dem riesigen Schnupftuch die Dose. Heinrich dankte lächelnd. „Ja, ja, Herr Doctor, ich weiß, Sie liebens nicht," meinte der Dicke gutmütig, „'S macht aber frische Augen und klaren Kopf. Sehen Sie, da kommt auch einer, bem könnt eine Prise nichts schaben." Er beutete mit einer Armbewegung auf ben Gutsbesitzer Sandmeyer, ber sich eben breitspurig unter ben Honoratioren aufpflanzte. „Sagen Sie mal, Herr Doctor, woher kennt benn Ihr vornehmer Freunb vom Hofe ben Sandmeyer?"
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