Ausgabe 
19.3.1893 Drittes Blatt
 
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Localer un- Provinzieller.

tejen, 18. März 1893.

♦♦Der Sinke der Arbeiter" ist ein Colossalgemälde betitelt, welche- in den Hinteren Räumen des Panorama-, Bahnhofstraße, au-gestellt ist. Nur muß man sich die Dimen­sionen der Bilde- nicht auffallend groß denken, auch keine figurenreiche, wildbewegte Massen Composinon zu finden wähnen, sondern ein gediegenes, einfache-, fleißig durchgeführtes Genre­bild, sehr interessant, doch ohne welterschütrernde Tendenz, dabei aber von meisterhaftester Technik und voll intimen Reize-. In einem luxuriös ausgeftattetcn Gemach, das nach hinten, durch eine Portiöre halb verschlossen, in ein nicht minder reiche- Zimmer mündet, sitzt der Fabrckherr, welcher, wie seine auf einem Tabouret vor ihm liegenden Handschuhe, sein Paletot, Hut und Stock sndeulen, soeben nach HauS kam und eine Arbeiterdeputation seiner harrend vorfindet. Der Sprecher der letzteren steht in energischer Haltung vor ihm, die ge­ballte Rechte hoch erhoben, die Linke nebst der Kopfbedeckung krampfhaft gegen die Brust pressend, während seine drei Collegen mehr im Hintergründe das allgemeine Gemurmel bilden und eine Frau, die vermuthlich den weiblichen Theil des Fabrik­personals vertritt, weinend an die Schulter des Gatten sich lehnt und, wie um Gewaltthaten zu verhindern, dessen Arm umklammert. Die Worte des Sprechers bleiben offenbar nicht ohne Eindruck auf den aufmerksam lauschenden Principal, sowie auf dessen die Scene gespannt beobachtenden Buchhalter, und so kann der Beschauer das beruhigende Bewußtsein mit nach Hause nehmen, daß der Ausgang der Affaire ein günstiger, beide Theile befriedigender sein wird. Die einzelnen Figuren sind treffend charakterisirt, am gelungensten erscheint diejenige des Fabrikherrn, während die Haltung des Sprechers durch die in ganz gleicher Richtung angeordneren Linien der beiden Arme etwas Gezwungenes hat. Der Autor des Gemäldes, Professor Woldemar Luskina, ein Schüler des be­rühmten polnischen Malers Jean Matejko, beherrscht alle Mittel seiner Kunst in souveränster Weise. Sein Bortrag ist breit, sogar etwas robust und von modernstem Geiste der Realistik erfüllt, ohne in Bizarrerien oder Unschönheiten zu gerathen. Die Vertheilung des Lichtes und die Vertiefung des Raumes, sowie die plastische Herausarbeitung der Gestalten und einzelnen Gegenstände sind bewunderungswürdig und verrathen sofort den Meister ersten Ranges. Alles in Allem haben wir es also mit einem äußerst besuchenSwerthen Object zu thun, das keiner reclamehasten Anpreisung bedarf, sondern sich selbst durch seinen künstlerischen Ernst und die Reife der technischen Durchbildung genügend empfiehlt. Das Bild ist mit Gas­glühlicht beleuchtet und somit trotz des dunklen Ausstellungs- Raumes und des trüben Wetters jederzeit zu besichtigen.

** Tuberkulöse Schlachtthiere. In der Sitzung des veterinärärztlichen Centralausschusses für das Großherzogthum Hessen am 16. Januar d. I. wurde der Procentsatz der tuberkulös befundenen Schlachtthiere nach dem Ergebniß der Fleischbeschau im Jahre 1892 wie folgt angegeben: Darm­stadt 2,7pC., Mainz 1,38pCt., Offenbach 2,3pCt., Gießen 3,25 pCt., Bensheim 2,8 pCt. Danach weist unter den hier benannten fünf Städten die Stadt Gießen den höchsten Procentsatz auf. Auf dem Lande weicht das Ergebniß von dem Procentsatz der Städte nicht erheblich ab. Nach Art. 318

de- Polizeistrafgesetzes darf das Fleisch kranker Thiere, wenn solches bei der Fleischbeschau al- für menschliche Gesundheit unschädlich noch genossen werden kann, nur unter Angabe der Eigenschaft, also mit Bezeichnung der Krankheit des Schlacht- thieres verkauft werden. Nach dieser gesetzlichen Bestimmung kann daher zur Zeit in Hessen daS Fleisch tuberkulöser Thiere nur in öffentlichen Freibänken oder sonst kenntlich gemacht, verkauft werden. Die annähernde Gleichmäßigkeit de- Er- gebnisseS der Fleischbeschau in Hessen in Bezug auf die Zahl der als tuberkulös behandelten Schlachtthiere wird auf die oben erwähnte Vorschrift zurückgeführt, waS ganz besonders auffalle, wenn man die Tuberkulosestatistik von 1888/89 damit vergleiche. Man finde da Städte, wo 15 bis 20 pQt. und wieder andere, wo nur */,pCr. tuberkulöser Schlachtthiere verzeichnet seien. Z. B. sei in Frankfurt a. M, wo fast alle tuberkulöse Schlachtthiere in den freien Verkehr kämen, über 10pCt., in Wiesbaden, wo vor dem vorjährigen preußischen Erlaß alle mir Tuberkulose behafteten Schlacht- thiere auf die Freibank verwiesen worden seien, nur 1,66 pöt. verzeichnet. _____________

nn. Darmstadt, 17. März. Gestern Mittag um 3 Uhr fand im Hauptgebäude der Großh. Landesbaugewerk­schule die Schlußfeier des 4x/a Monate dauernden Winter- CursuS dieser Anstalt statt. Zu dieser Feier hatten sich Ministerialrath Emmerling, der Präsident der Großh. Central- stelle für die Gewerbe, RegierungSrath Dr. Hesse, Bürger meister Morneweg, Direcror Albert, sowie Staatsminister a. D. Freiherr von Starck und sonstige Interessenten eingefunden. Der Director der Anstalt, Professor Müller, begrüßte die Erschienenen und gab ein Bild über das segensreiche Wirken der Anstalt im abgelausenen Schuljahre und forderte die Schüler am Schluß seines Berichtes auf, als Vorbild sich die früheren alten ehrbaren Handwerksmeister zu nehmen, bei welchen noch Sparsamkeit und Mäßigkeit hochgehalten wurden. Genußsucht sei der Ruin ganzer Familien und geeignet, ganze Gesellschaftsklassen deS Staates dem Untergang nahe zu bringen. Der Director sprach noch den Schülern, hauptsächlich aber den Herren Lehrern, welche an der Anstalt während des Wintercurses wirkten, besten Dank für ihre Leistungen und ersprießliche Thätigkeir aus und ersuchte die Ersteren, der Anstalt ein gutes Andenken zu bewahren. Besucht wurde die Schule während dieses Winters von 144 Schülern und zwar zum ersten Male von 76 Schülern, zum zweiten Male von 48 Schülern, zum dritten Male von 20 Schülern. Zum Schluß theilte der Director noch mit, daß für die nächste Zeit in Aussicht genommen sei, die volle Ausbildung der Kreisbauaufseher-Aspiranten an der Schule zu ermöglichen. ES folgte nunmehr die Besichtigung der Ausstellung der Schülerarbeiten, welche vier Lehrsäle füllen und Zeugniß davon ablegen, mit welchem Fleiß und Ausdauer sowohl Lehrer wie Schüler hier gewirkt haben. Am Abend fand eine gesellige Zusammenkunft in der Restauration Haust statt, wobei das schöne Verhältniß der Lehrer und Schüler in Lied und Rede zum Ausdruck kam.

Vermischtes

Gefährliche Körperfülle. Gefährlich ist's in Potsdam ein wohlbeleibter Mensch zu sein, wie folgender Vorfall, der

vor wenigen Tagen dort passirte, beweist: Ein Schlächter» meister auS NowaweS, welcher sich einer gewaltigen Körper­fülle zu erfteuen hat und meist einen grauen Saifermantel trägt, machte an einem der letzten Dochenmarkrrage, an welchem er zu Fuß nach PoiSdam ging, in einem Locale der Teltower Borftadt Station, um sich zu erfrischen -und erregt: dort die Aufmerksamkeit eine- Steuerbeamten, der den starken Mann mit kritischen Blicken betrachtete. Als bald daraus der dicke Schlächter die Langebrücke pasfine und etwa bi- zum ,Qaf6 Humboldt" gekommen war, wurde er plötzlich von zwei Steuerbeamten angehalten, mir der Aufforderung nach der Steuercomrolle, die wegen der noch in Pol-dam üblichen Schlachtsteuer an allen Stadteingängen besteht, zurückzukommen, da er anscheinend unter seinem Kaisermantel verschiedene Fleischwaaren verborgen habe. »Nun, wenn Sie btt jlooben, denn können Sie mir ja sofort untersuchen", meinte hierauf dec überraschte Meister. Sprach-, knapste in Gegenwart der sich schnell ansammelnden Menschen seinen Kaisermantel, Rock und Weste auf, um den Herren von der Steuer zu beweisen, daß er zwar Fletsch unter seinen Kleidern habe, daß dieft- aber an seinen Knochen festgewachsen sei.

DerMo" ist geftorben. So lautete eine Notiz, welche unlängst durch viele englische Zeitungen ging. Wer war dieserMo"? Was ist von ihm zu sagen? Mit kurzen Worten: er war ein Narr wenigsten- behaupteten da- die Leute, als sie ihn vor mehr als fÜnfz'g Jahren ins Jrrenhau- steckten. Freilich, die Irrenärzte waren anderer Meinung- wenn man diese sprechen hörte, so war derMo" ein sehr vernünftiger, ja geistreicher Mensch, der nur einmal im Leben eine Tollheit begangen hatte, allerdings eine riefen- große: er batte al- junger Mensch gewagt, eine schwärmerische Neigung für die Königin von England zu fassen und hatte auch was noch unverzeihlicher ist sich unterstanden, Ihrer Majestät daS zu sagen! Die Sache kam so: An einem prächtigen Frühlingstag war die Königin auf einem Spazier« ritt im Hyde-Park begriffen und dachte an nicht- Böse- - da sprang ihr ein junger Mensch in den Weg, griff dem Pferd dec anmuihigen Reiterin in die Zügel und sagte schlankweg: Madame, ich liebe Sie!" Daß man den sonderbaren Schwärmer sofort dingfest machte, bedarf wohl keiner eigenen Erwälmung. Merkwürdiger ist, daß man ihn ohne lange Verhandlungen ins Narrenhau- steckte, wo man ihm seinen SpitznamenMo" (abgekürzt au- Monomanie) gab. Der arme Kerl, er trug die Entrüstung ganz Englands, die er durch seine Verwegenheit über sich herausbeschworen, mit leichtem Herzen, ja er trug auch die 52 Jahre Haft im Jrrenhau-, ohne zu murren, denn bis an sein Lebensende begleitete ihn als Trost feine schwärmerische Verehrung für Englands Königin!

* Eine seltsame Geschichte, wie ein Sohn seinen Vater verrieth, um zu einer Belohnung zu kommen, erzählt der NürnbergerFränk. Kur.": Ein Jagdpächter hatte wegen häufigeren Jagdfrevel- eine Belohnung von 25 Mark Dem zugesichert, der den Thäter so zur Anzeige bringen könne, daß er gerichtlich abgestrast werden könne. Um diesen Judas­lohn zu erlangen, brachte der Sohn den eigenen Vater zur Anzeige und auf zwei Monate hinter Schloß und Riegel. Da die Belohnung au-blieb, stellte er Klage, wurde aber mit dieser vom Gerichte abgewiesen.

Bekanntmachung.

Das Fahren der zwei städtischen Gießfässer pro 1893/94 soll im Sub- misfion-weg vergeben werden. Hierauf Reflectirende wollen ihre Offerten bis zum 28. dieses Monats ver­schlossen mit entsprechender Aufschrift bei der unterzeichneten Behörde, wo­selbst auch die Bedingungen eingesehen werden können, einreichen.

Gießen, den 16. März 1893.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

____________Gnauth.______[2617

Holzversteigerung.

Mittwoch den 22. März soll in dem Gemeindewald zu',Watzen born-Steinberg nachoerzeichnetes Holz versteigert werden:

232 Nadelstämme von 8 bis 22 m Länge und bis 57 cm Durch­messer mit 148,19 fm Inhalt, wovon die Hälfte sich zu Schnitt­holz eignet,

9 Eichenstämme mit[2,61 trnJnhall 20 im Nadelknüppel, 70 Nadelstöcke,

2500 Nadelwellen.

Zusammenkunft Morgens 9 Uhr im Triesch.

Steinberg, am 17. März 1893.

Grobherzogliche Bürgermeisterei WatzenbornSteinberg. __ Heß.________[2574 Ate Holsversteigerung vom 14. d. M. in der Oberförsterei Schiffenberg ist genehmigt. Die Ab fuhrscheine können von Mittwoch den 22. d. M. an bei Großh. . Rentamt bezogen werden. Die Neber- i Weisung de» Holzes erfolgt Donners­tag, 23. d. M Morgens 7 Uhr.

Gießen, 16. März 1893.

^Großh. Oberförsterei Schiffenberg.

Heyer. [2573!

Holzversteigerung

in den zur Freiherrlich von Nordeck zur Nabenau'ichen Nachlaßverwaltung gehörigen Waldungen des Reviers Friedelhausen sollen Donnerstag den 23. März l. I. im District Burgwald und Stangenwald ver­steigert werden:

19 Eichenstämme von 3756 cm Durchmesser mit 18,96 cbm,

3 Fichtenstämme mit 0,85

72 Fichlen-Derbstangen zu Leiter­bäumen und

500 Fichten-Reisstangen zu Bohnen stangen geeignet,

20 rm Eichen-Scheit,

7800 Buchen- und Eichen - Durch- forstungü-Wellen,

14 rm EichettXSlöcke.

DieZusammenkunft findet imDistrict Burgwald am Ausgang Der Kreisstraße Friedelhausen auf die Marburger- straße, Vormittags 9 Uhr statt.

Friedelhausen, am 17. März 1893.

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