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Nr. 67 Drittes Blatt. Sonntag den 19. März 1893
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Gießener Anzeiger
Kmerat-Mnzeiger.
8icrt«ljährig« Jtfwmernbyrd» i 2 Mark 20 Psg. mM vringcrlohn.
Durch die Post dez»ß« 8 Mark 50 Pf«.
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Amts« und Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen.
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zwei Drittel zu bewilligen sich bereit erklärt, nämlich erstens die Vermehrung, welche aus der Veränderung des Begriffes Präsenzstärke sich ergiebt, und außerdem noch 49 OOO Mann, zusammen also etwa 69 000 Mann. Dieses Angebot geht über dasjenige, welches Herr von Bennigsen in der ersten Lesung gemacht hatte, noch um 17 000 Mann hinaus. Die jährlichen Kosten, welche die neue Militärvorlage erheischt, würden bei Annahme der Bcnnigsen'schen Fassung statt
Abonnements - Einladung!
Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 2. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Untersttitzt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" fermer in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Keuntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der iu der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der
Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zu- I gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements- betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'fche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
politische Wochenschau.
Gießen, den 18. März 1893.
Die Verhandlungen über die Militärvorlage werden demnächst endlich zu einer Entscheidung führen. Am Ende der ersten Berathung in der Militärcommission hatte der Reichskanzler mit der Erklärung, daß der Antrag der Freisinnigen Partei und des Centrums, die gegenwärtige Präsenzstärke einzuhalten, für ihn überhaupt nicht discutirbar sei, jeder andere Vorschlag aber genau geprüft und nach Möglichkeit berücksichtigt werden solle, noch einmal den Standpunkt der Regierung angedeutet, ohne indessen genau zu bezeichnen, in welchen Punkten die Regierung geneigt sei, ihre Forderungen zu mildern. Vielmehr bat der Reichskanzler die Parteien, ihm ihrerseits formulirte Vorschläge zu machen, bis zu welchem Grade sie sich zu Bewilligungen verstehen zu können glaubten. Diesem Ersuchen gegenüber sind die Freisinnigen und formell auch das Centrum in ihrer Haltung in der ersten Lesung verharrt- nur will die Centrumspartei zugeben, daß künftighin die im Etat angegebene Ziffer für die Heeresstärke nicht mehr, wie seither, eine Grenzziffer nach oben bedeuten soll, unter welcher die Ziffer der thatsächlich militärisch Dienenden bisher regelmäßig ganz erheblich zurückgeblieben ist, sondern eine Durch« schnittSziffer, welche zumeist mindestens erreicht werden würde, unter Umständen auch überschritten werden könnte. Die Nationalliberalen sind dagegen der Regierung sehr beträchtlich entgegengekommen. Die letztere verlangt bekanntlich eine Heeresvcrstäikung um 84 OOO Mann, zu denen infolge der Ersetzung des Begriffes Maximalstärke durch den Begriff Durchschnittsstärke noch weitere 20000 Mann kommen würden, im Ganzen also um 104 000 Mann. Von dieser Zahl hat Herr von Bennigsen, der Führer der Nationalliberalen, etwa
64 Millionen immer noch etwas mehr als 43 Millionen betragen. Gleichwohl hat der Reichskanzler erklärt, daß der „Antrag Bennigsen von der militärischen Seite nicht annehmbar" sei. Mit dieser Aeußerung ist eine dankenSwerthe Klärung der politischen Situation gegeben worden. Es steht nunmehr fest, daß der Reichskanzler die Militärvorlage gerade in den Theilen festzuhalten entschloßen ist, welche der Mehrheit des Reichstages unannehmbar erscheinen. Gleichgültig ist dabei, ob die nationalliberale Partei ihren Stand- punkt auch weiterhin behauptet oder schließlich die Forderungen der Regierung völlig annimmt, da sie keine ausschlaggebende Bedeutung im Reichstage besitzt. Die nächsten Wochen werden Klarheit darüber verschaffen, ob die Regierung die Militärvorlage ähnlich, wie das Volksschulgesetz, zurückziehen oder an einen neuen Reichstag mit den gleichen Forderungen sich wenden wird, und ob im ersteren Falle der Reichskanzler zurücktritt, was beispielsweise Fürst Bismarck nach seinen Aeußerungen in den „Hamburger Nachrichten" keineswegs für nöthig hält. — Wie neuerdings verlautet, haben sich die Aussichten auf das Zustandekommen eines Handelsvertrags mit Rußland sehr erheblich verschlechtert. Der preußische Finanzminister Miquel hat für die Gewährung einer Ermäßigung einiger deutscher Zöfle Gegenleistungen in 33 Punkten von Rußland verlangt. Es ist nicht zu erwarten, daß die russische Regierung auf dieser Grundlage einen Vertrag zu schließen sich geneigt zeigen wird.
In Frankreich war der Bestand des Cabinets Ribot eine Weile in Frage gestellt. Die Gemahlin des Angeklagten Cottu hatte ausgesagt, daß Cottu von dem Director der öffentlichen Sicherheit, Soinoury, gefragt worden sei, ob er kein auf die Panama-Affaire bezügliches Schriftstück besitze, welches ein Mitglied der Rechten belaste und mit dem man die Rechte zwingen könne, weitere Enthüllungen zu unterlaßen. Der Justizminister Bourgeois, welcher sogleich nach dieser Aussage sein Portefeuille niedergelegt hatte, übernahm sein Amt wieder, nachdem die Mehrheit der Kammer voürt hatte, daß Bourgeois Soinoury zu seinem Vorgehen nicht veranlaßt hätte.
Feuilleton.
Wochenbriese aus der Residenz.
(Ortginalbertcht für den „Gießener Anzeiger".) Darmstadt, 17. März 1893.
tzin akademisches Ballfest. — Der 13. März, ein Gedächtnißtag. Verschiedenes.
Die festlichen Veranstaltungen unserer Studentenschaft erfreuen sich von jeher einer ganz besonders großen Beliebtheit bei den Darmstädtern. Und wer ein derartiges Fest, wo an die Stelle eines förmlich-steisen, langweiligen Etikette- Wesens ein alles beherrschender, frischer, jugendlicher Frohsinn getreten ist, einmal miterlebt hat, der weiß auch den Grund dafür, warum unsere tanzlustige Jugend in der Residenz den „Polytechnikerball" allen anderen Tanzvergnügungen, die „Casinobälle" mit eingeschloßen, vorzieht. So hat denn auch das am letzten Samstag vom Akademischen Verein gegebene Fest seinen Veranstaltern wieder einmal einen vollen, großen Erfolg und den geladenen Gästen ein wirkliches großes Vergnügen gebracht. Der städtische Saalbau, der Ort unserer geselligen Freuden und Lustbarkeiten, hat wohl selten eine glänzendere und frohere Ballgesellschaft in seinen gastlichen Raumen beherbergt, als gerade am vergangenen Samstag, und bis zu frühester Morgenstunde dauerte die ungezwungene, heitere Feststimmung, die Alt und Jung in ihrem Banne hielt. Allerdings hatten sich's unsere Herren Studiosen auch Mühe genug kosten lassen, dem Abend einen möglichst glänzenden Verlauf zu sichern. Ein wohlgelungenes Concert machte den Anfang. Unser ehemaliger lyrischer Tenor, der Königl. Sächsische Hofsänger Herr Hofmüller, hatte die weite Reise von Dresden nicht gescheut, um seine Kunst in den Dienst der Wohlthätigk-it zu stellen, ein jubelnder Empfang und stets erneute Beifallsstürme lohnten ihn dafür. Daneben fand Herr Vollrath, ein Solist der rühmlichst bekannten Mainzer Stadtcapelle, verdiente Anerkennung für seine gediegenen Darbietungen, und zu guterletzt erfreuten die Mitglieder des veranstaltenden Vereins durch die prächtige
Aufführung eines tollen kleinen Schwankes, wofür ihnen gebührendermaßen reicher Beifall gezollt wurde. Dann begann die eigentliche „Feier", der Ball. Wie lange derselbe gedauert, können wir unseren Lesern leider nicht verrathen, aber es war schon helllichter Morgen, als die „Ersten" — nicht die Letzten — zur heimathlichen Hütte aufbrachen. Ein fideler Katerbummel nach Traisa, dem beliebtesten Ausflugsorte der Residenzler, schloß am folgenden Sonntag das schöne Fest ab. Daß auch dabei wieder eifrigst das Tanzbein geschwungen wurde, braucht wohl nicht erst versichert zu werden.
An diesen heiteren reihte sich ein ernster Tag weh- müthiger Erinnerung und traurigen Gedächtnisses. Am Montag den 13. März war ein Jahr seit dem Hinscheiden unseres unvergeßlichen Großherzogs verflossen. Noch sind die schweren, bangen Stunden der zweiten Märzwoche des vergangenen Jahres im Gedächtniß aller Darmstädter, wie überhaupt aller treuen Hessen. Ein ganzes Stück hessischer und deutscher Geschichte ist mit Ludwia IV. in das Grab gesunken. Es ist wahrlich keine falsche, unächte Trauer gewesen, die bei seinem Hinscheiden das ganze Land ergriffen. Noch Tag für Tag kann man sich davon überzeugen, daß die Liebe zu dem unvergeßlichen Fürsten fest in Aller Herzen wurzelt, und es bedürfte nicht des äußeren Zeichens der Dankbarkeit und Verehrung, wie es das demnächst zu errichtende Landesdenkmal varstellen wird, um uns jene hehre Fürstengestalt für alle Zeiten als leuchtendes Vorbild vor Augen zu stellen. Seine herzliche Biederkeit, seine unverfälschte Volksliebe und Leutseligkeit haben ihm ein dauerndes Denkmal im Herzen aller Hessen gebaut. Die Großherzogliche Familie hatte sich an dem Todestage nahezu vollzählig hier zusammengefunden, die hohe Frau Prinzessin Heinrich von Preußen war von Kiel, Prinz Heinrich von Hessen, Großh. Hoheit, von München, wo er mit seiner jungen Gemahlin jetzt wohnt, hierher gereist. Außer den Fürstlichkeiten ließen zahlreiche Vereine, die Stadt Darmstadt u. s. w. große Lorbcerkränze und andere Blumenspenden an der Gruft tm Mausoleum niederlegen. Wie die dor: bkfindlsche letzte Ruhestätte unseres Fürstenhauses be
schaffen ist, erzähle ich Ihren Lesern vielleicht einmal später. Sonst ist der Tag ruhig und würdig verlaufen, jede Festlich- feit und öffentliche Lustbarkeit war vermieden. Der Kriegerverein hielt eine würdige Gedenkfeier für den entschlafenen Landesvater im weißen Saale der „Stadt Pfungstadt", dabei entwarf Herr Gymnasiallehrer T r ü m p e r t ein wahres Lebensbild von der Person des verewigten Fürsten. Nur eine größere Veranstaltung war sonst auf den 13. März anberaumt, eine große antisemitische Volksversammlung im Saalbau, wo Herr Liebermann von Sonnenberg eine antisemitische Agitationsrede hielt. Man hätte dazu wohl auch einen passenderen Termin aussuchen können, als den ersten Todestag unseres Großherzogs, unter dem der confessionelle Friede stets in schönster Weise gewahrt geblieben ist, wie das glücklicherweise ja auch jetzt noch in unserer Stadt der Fall ist.
Von sonstigen Veranstaltungen hat uns die vergangene Woche mancherlei bescheert. Am Mittwoch sprach Herr Pastor Evers aus Berlin auf Veranlassung des hiesigen Dolks- vereins für öffentliche Sittlichkeit über ein sehr zeitgemäßes Thema, „den Schauerroman und seine entsittlichende Wirkung". Die trefflichen Ausführungen des Redners sanden allgemeine Anerkennung und reichen Beifall. Auch der rühmlichst bekannte Recitator Professor Alexander Strakosch stattete unserer Stadt einen Besuch ab und erfreute mit seiner großen Declamationsgabe den großen Kreis seiner Verehrer, die ihn von früher her in guter Erinnerung hatten. Er soll den Preßberichten zufolge — aus eigener Anschauung kann ich nicht berichten — wieder eine mächtige Wirkung erzielt haben.
Indessen ist der Frühling scheinbar auch schon tn der Residenz eingekehrt, die schöne Bergstraße beginnt sich schon mit Touristen und Kurgästen zu bevölkern, die von dem dortigen relativ sehr warmen Klima profitiren möchten- am vergangenen Sonntag waren schon ganze Schaaren von Residenz- lern aus den engen Stadtmauern hinaus in die Berge unseres herrlichen Odenwaldes gepilgert. Z.


