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1893
Sonntag den 19. Februar
Wr. 43 Drittes Blatt.
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
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Die reichsgesetzlichc Leuchenabwehr.
Mit dem im Bundesrathe kürzlich eingegangenen Entwürfe des sogenannten Reichsseuchengesetzes erfolgt in Deutschland ein erstmaliger Schritt, um die Abwehr ansteckender Krankheiten von retchswegen zu regeln. Die Nothwendigkeit eines solchen Vorgehens ist durch die furchtbare vorjährige Cholera-Epidemie in Hamburg in zu ernster Weise vor Augen geführt worden, als daß man an maßgebender Stelle in dieser Hinsicht noch länger hätte zögern können. Allerdings ist ja die Zuständigkeit des Reiches bei Bekämpfung von Menschenseuchen und der aus letzteren drohenden Gefahren schon durch die Reichsverfassung gesichert, welche in Art. 15 besagt, daß Maßregeln der Medicinal- und Veterinärpolizei der Beaufsichtigung und Gesetzgebung von Seiten des Reiches unterliegen. Aber gerade die Hamburger Choleraepidemie hat deutlich gezeigt, wie wenig die erwähnte Verfasiungsbestimmung ihren Endzweck zu erfüllen vermag, so lange nicht auch die auf Grund derselben dem Reiche zukommenden Befugnisse in klarer und bestimmter Weise festgelegt sind. Was aber das Reichsgesundheitsamt anbelangt, auf welches hierbei verwiesen werden könnte, so hat sich durch die Hamburger Seuche ebenfalls gezeigt, daß die Organisation der genannten Behörde eine völlig ungenügende ist und daß letztere infolgedessen gehindert wird, die ihr in derartigen außerordentlichen Fällen erwachsenden besonderen Aufgaben zu lösen.
Letztere Erkenntniß spricht denn auch aus der Begründung, welche dem Entwürfe des Seuchengesetzes beigefügt ist. Unumwunden wird da die Unzulänglichkeit des Reichsgesundheitsamts zur Erfüllung aller ihm in epidemischen Zeiten zukommenden Aufgaben zugegeben und deshalb die Schaffung eines ReichsgesundheitSrathes (§ 42 der Vorlage) in Aussicht gestellt, der mit ganz veränderten, zweckmäßigeren und bedeutend weitergehenden Befugniffen, als sie das Reichsgesundheitsamt in der Pxaris jetzt ausübt, ausgestattet sein soll. Sicherlich könnte die Einsetzung eines derartigen reichs- behördlichen Organs den reichsgesetzlichen Bestrebungen zur Bekämpfung .epidemischer Krankheiten energischen Vorschub leisten- nur müßte allerdings noch abzuwarten sein, welche innere Einrichtung die gedachte Institution erhält.
Im Uebr'gen characterisirt sich der Entwurf des Seuchengesetzes durchaus nicht als bloßes „Cholera-Gesetz", obwohl
die zu uns ans den Gefilden Indiens eingeschleppte unheimliche Krankheit allerdings den Anstoß zu dem jetzigen Vorgehen der Reichsregierung gegeben hat. Vielmehr zielt er auch noch auf andere Seuchen und Krankheiten, die von all- gemeingefährlicher Natur sind, nur, daß von ihnen die einen in gewissem Sinne als einheimisch in Deutschland gelten können, während die andern gewöhnlich erst von auswärts eingeschleppt werden.
Von den Epidemien letzterer Art erwähnt die Vorlage außer der Cholera noch das gelbe Fieber, das Fleckfieber, die Pest und die Pocken, von denjenigen ersterer Richtung zählt sie Typhus, Ruhr, Rückfallfieber, Diphtheritis und Scharlach aus. Für alle die genannten ansteckenden Krankheiten stellt der Entwurf gleiche Bestimmungen auf, welche sich auf die Anzeigepflicht, auf die Ermittelung der Krankheit, auf die zu ergreifenden Schutzmaßregeln und auf allgemeine Vorschriften beziehen, außerdem tritt der Entwurf der Entschädigungsfrage näher und enthält er schließlich ziemlich scharfe Strafbestimmungen.
Offenbar weist die Regierungsvorlage mancherleiSchwächen auf, aber dieselben treten gegenüber der erfreulichen That- sache zurück, daß nunmehr ein erster Versuch unternommen worden ist, Einheitlichkeit in die Bekämpfung von Menschenseuchen im gesammten Reichsgebiete zu bringen. Daß hierbei durchaus mcht schärfer in die bisherigen Competenzen der einzelnen Bundesregierungen auf diesem Gebiet eingegriffen werden soll, als es eben der einheitliche Character der geplanten Reform erfordert, dies läßt die Vorlage selber schon erkennen. Um so eher darf deshalb wohl erwartet werden, daß sie im BundeSrathe auf keine zu großen Schwierigkeiten trifft, damit sie baldigst auch dem Reichstage zugehen kann, wo das Gesetz hoffentlich noch in der laufenden Session zur Annahme gelangt, eine Erwartung, die namentlich in Hinblick auf die in unserem Vaterlande noch immer drohende Choleragefahr durchaus berechtigt erscheint.
Dertnifcfcte».
♦ Karlsruhe, 14. Februar. Heute früh brach bei Kaufmann Zöller, Schützenstraße, in der Mansarde ein Brand aus. Die Nichte des Kaufmanns Zöller ist auf dem Boden erstickt aufgefunden und sofort ins Leichenhaus verbracht
worden. Der Brand wurde nach der „N. B. Ldsztg." alsbald gelöscht.
* Grüneberg (Schlesien), 15. Februar. Im nahen Nittritz erschoß heute Nacht ein 26jähriger Müllermeister aus Eifer- sucht seine 19jährige Ehefrau und tödtete dann sich selbst.
* Tanzunterricht für höhere Töchter. Don der Leitung (?) der höheren Mädchenschule in Ei sieben wurde die Einführung des obligatorischen Tanzunterrich t s an dieser Schule beantragt, der Antrag von der Schuldeputation aber abgelehnt. Vielleicht empfiehlt es sich, daß noch ein besonderer Cursus für das Abfassen von Liebesbriefen eingerichtet wird. _
Literatur und Aunft.
— lieber die Ltntentaufe berichtet die seekundtge Schriftstellerin Helene Ptcbler in dem neuesten Heft von ,3«r Ontett Stunde (Berlin W. 57, Deutsches Verlagshaus Bong & Co.). Die humorvolle Schilderung der verschiedenen Späße, die beim Passiren des Aequators gebräuchlich sind, wird durch prächtige, tresflich in farbigem Aquarelldruck ausgeführte Illustrationen unter stützt, von denen das große Bild „Der Taufact" eine ganz vorzügliche Kunstletstung ist. Mit diesem Aufsatze wetteifert an Lustigkeit die Humoreske „Die Hosen des Herrn von Werdau" von Wolfgang Kirchvach, deren urkomische Situationen F. Jüttner in drolligen Bildern wtedergegeben hat. Klaußmanns crimtnaltstisLer Beitrag „Der Pfropfenzieher" entwickelt sich gleichfalls zu einem sensationellen Beitrage, der die Geschichte russischer Rubelfälschungen behandelt und nachwetst, wie der Zufall der beste Freund des Crtminalisten ist. — Reicher Bilderschmuck und eine große Anzahl von belehrenden und unterhaltenden Mttthetlungen geben dem Hefte einen besonderen Retz. Die beliebte Gratisbeilage von „Zur Guten Stunde", die Jllustrtrte Klasstker-Btbltothek enthält jetzt die unvergänglichen dichterischen Werke L. Uhlands. Der Preis für ein Heft von „Zur Guten Stunde" beträgt nur 40 Pfg.
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Feuilleton.
Wochenbriefe ans der Residen;.
(Ortginalbertcht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 17. Februar 1893.
Unsere jüngste Carnevalspofse — Faschings Ende. — Vorbereitungen zum Mittelrheinischen Turnfest. — Verschiedenes.
Von der letzten Faschings-Localpoffe der „Jwersterzten Valowung" unseres einheimischen Dialectdichters W. Kaminski wollte ich den Lesern der „Residenzbriefe" heute berichten, es sei hiermit also feierlich constatirt, daß diese neueste Erscheinung auf dem Gebiet der Darmstädter dramatischen Kunst am vergangenen Montag durch die berühmte Hoscomödianten- truppe Seiner närrischen Hoheit des Prinzen Carneval vor „ausverkaustem Hause" im städtischen Saalbau aufgeführt wurde und dabet einen wohlverdienten Erfolg errang. Der Dichter ist schon durch eine Sammlung von Dialeetdichtungen „Spuzze und Bosse" bekannt geworden, sein Talent ist recht ansprechend, wenn auch nicht'von außerordentlicher Bedeutung. Die „Jwersterzt Valowung" ist vor Allem reich an lustigen Einfällen und gelungenen localen Anspielungen. Die auf- tretenden Personen liefern greifbare Typen aus dem Darmstädter Philisterleben, die von den Darstellern, die natürlich durchweg aus Dilettantenkreisen stammten) überdies ganz prächtig verkörpert wurden. Herr Hofschauspieler Wagner hat für die Einstudirung der lustigen Novität verdienten Dank geerntet. Gleich nach der ersten Vorstellung konnte eine zweite anberaumt werden und die Freunde der carnevalistischen Muse hoffen sogar das lustige Stück noch recht oft auf die Bretter, die da die Darmstädter Welt bedeuten sollen, bringen zu können.
Jndeß ist die lustige Faschingszeit am vergangenen Dienstag zu Grabe getragen worden. Die Wogen der allgemeinen Freude gingen zum Schluffe noch einmal besonders hoch. Vor Fastnachtskneipen, Herren- und Damensitzungen, Tanzkränzchen und Maskenbällen konnte man am Ende gar nicht mehr zur Ruhe kommen und gar mancher Jünger der edlen Tanzkunst, sowie manche Ballmutter dürfte ein Loblied angestimmt haben, daß die tolle Zeit jetzt vorüber ist und Alles wieder seinen geregelten Gang geht. Fastnachtszug
und Kappenfahrt haben diesmal allerdings gefehlt, aber auf den Straßen herrschte trotzdem ein sehr lustiges und buntbewegtes Treiben. Unsere Studentenschaft ließ es an närrischen Veranstaltungen nicht fehlen und so nahm denn der Tag einen recht fröhlichen Verlauf. Den Höhepunkt bildeten freilich die große Maskenredoute am Abend im „Saalbau" und die Faschingsvorstellung im Großherzoglichen tzoftheater, das mit Nestroys ausgelassenem „Lumpacivagabundus" der allgemeinen Fröhlichkeit ihr Recht werden ließ, um sich jetzt wieder der Pflege der höheren und edleren Geschmacksrichtung zu widmen. Gar viele Residenzler hatten es diesmal allerdings vorgezogen, bei dem Mangel größerer carnevalisti scher Veranstaltungen in Darmstadt dem goldenen Mainz eine Visite abzustatten, um dort, wo ja Prinz Carneval sein Scepter ganz besonders eifrig und lustig zu schwingen pflegt, den Zug zu bestaunen und überhaupt mancherlei Eindrücke zu sammeln, die im nächsten Jahre, wo auch hier wieder größere Anstrengungen im Dienste des Faschings gemacht werden sollen, verwerthet werden könnten.
Große Ereigniffe werfen bekanntlich ihre Schatten voraus, da ist es denn auch nicht zu verwundern, wenn in der Residenz schon jetzt viel von den Vorbereitungen zum großen mittelrheinischen Turnfest die Rede ist, das im Sommer hier stattfinden soll. Unsere Stadt wird im Allgemeinen nicht gerade oft zum Schauplatz großer, allgemeiner Festlichkeiten gemacht, von früher her, wo sie noch als „Residenz gelangweilter Lieutenants" verrufen war, haftet ihr in dieser Beziehung manch üble Nachrede an, freilich sehr mit Unrecht, denn die Darmstädter haben in den letzten Jahren des öfteren glänzende Beweise ihrer Gastlichkeit abgelegt und bei Lehreroder Schriftstellertagen, Schützen- und Turnfesten damit die verdiente Anerkennung ihrer Festgäste gefunden. Für das Mittelrheinische Turnfest hat sich bereits ein Festausschuß gebildet, der schon jetzt seine regelmäßigen Sitzungen abhält. Es wird in jeder Beziehung mit regstem Eifer an den Vorbereitungen zu den festlichen Tagen gearbeitet, damit die mittelrheinischen Turner, zu denen ja auch die Gießener gehören, einen würdigen Empfang erhalten und die Festestage in der Residenz in recht gutem Angedenken behalten. Die Hauptsache ist nur, daß sich die Gäste auch'recht zahlreich einfinden mögen, des herzlichsten Willkomms dürfen sie gewiß
sein. Wenn die Vorverhandlungen weiter gediehen sind, werde ich Ihnen genaueren Bericht erstatten.
Im künstlerischen Leben der vergangenen Woche gabs am Montag eine besondere Ueberraschung für die große und kleine Kinderwelt; im Hoftheater feierte nämlich C. A. Görners Märchenspiel vom „Aschenbrödel" eine fröhliche Auferstehung. Das Stück ist wie geschaffen zu einer Vorstellung für das kleine Publikum- die geradezu wunderbaren Ueberraschungen auf decorativem und maschinellem Gebiete riefen natürlich den lauten Jubel der sehr empfänglichen Zuschauer hervor. Es gab aber allerdings auch gar zu viel zu sehen, einen alten Tisch, der sich in eine goldne Staatscarosse für die Märchenprinzessin verwandelt und am Ende gar noch einen großen Ball in der Küche, an dem sich nicht nur alle Gemüse, sondern auch Kochtöpfe, Besen, Löffel, kurz aller Hausrath betheiligte, das war zu viel des Unfaßbaren und Erstaunlichen für das Kinderpublikum, dem unser berühmter Maschinenmeister Kranich mit seinen bühnentechnischen Zauberkünsten eine rechte Faftnachtsfreude bereitet hat. Das künstlerische Hauptereigniß der nächsten Woche dürfte die Premiöre von Leoncavallas neuer Oper „Bajazzo" werden, bann sollen wir in nächster Zeit noch Berlioz „Benevenuto Cellini“ zu hören bekommen und das Schauspielpersonal wird, wie die Zeitungen gemeldet haben, demnächst mit einer Neueinstudirung von Sophocles „Antigone" in der herrlichen Donner'schen Ueber- setzung und mit einer Aufführung von Shakespeares Königsdramen hervortreten. Da auch noch mehrere große Concerte für den Rest der „Saison" bevorstehen, können wir uns also über Mangel an Unterhaltung und Anregung auf künstlerischem Gebiet nicht beklagen, Darmstadt nimmt jetzt gerade in dieser Beziehung eine hervorragende Stellung ein und es steht zu hoffen, daß diese Entwicklung auch für die künftigen Jahre anhalten wird.
Noch etwas hätten wir unserem letzten Berichte über die Ohlydenkmal-Frage nachzutragen- die Stadtverordnetenversammlung hat nämlich nunmehr endgültig beschlossen, Herrn Bildhauer Hausmann in Frankfurt mit der Ausführung seines preisgekrönten Entwurfes zu betrauen, wir werden also ein neues, schönes Denkmal für einen verdienten Bürger erhalten. Z.


