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18.11.1893 Erstes Blatt
 
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Die Gießener

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Gießener Anzeiger

Kmeral-Mnzeiger.

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Rirrteljihriger JkSexwtxc^UrrtUi 2 Mark 20 Pf,. *# vrmgerlohn. Durch die Post bc|ef* 2 Mark 50 Piz.

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Aintr- und Anzeigeblatt für den Nveis <Kiefzen.

Hratisbeikage: Hießen« Kamikienbkätter

eon Anzeigen zu der Nachmittags für den f^tzendn» Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

treffend die anderweite Ordnung des Finanzwesens des Reichs, vorgelegt werden.

Zur Beschaffung der hiernach erforderlichen Mittel werden dem Reichstag Gesetzentwürfe, betreffend die Besteuerung des Tabaks und Weins, sowie die Erhebung von Reichsstempel­abgaben, zugehen.

Ich zweifle nicht, daß die Lösung dieser bedeutsamen Aufgabe Ihrer hingebenden Mitwirkung gelingen wird. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Finanzlage des Reichs ist der Reichshaushalt mit äußerster Sparsamkeit aufgestellt.

Die beim Abschlüsse der Handelsverträge des Reichs mit Oesterreich-Ungarn, Italien, Belgien und der Schweiz gehegte Erwartung, daß dieselben zugleich den Anknüpfungspunkt für die vertragsmäßige Regelung unserer Handelsbeziehungen zu anderen Staaten bilden würden, hat sich inzwischen insoweit erfüllt, als eS gelungen ist, auf der durch jene Verträge ge­schaffenen Grundlage auch mit Spanien, Rumänien und Serbien neue Handelsverträge zu vereinbaren. Die Verträge, durch welche unserem Güteraustausch mit diesen Ländern die wünschenswerthe Stetigkeit und die Möglichkeit gedeihlicher Entwickelung geboten wird, werden Ihnen zur verfassungs­mäßigen Beschlußnahme zugehen.

Im Einverständniß mit Meinen hohen Verbündeten habe Ich Mich veranlaßt gesehen, Rußland gegenüber von der Be- fugniß einer außerordentlichen Erhöhung der Einfuhrzölle Gebrauch zu machen. Die von Mir erlassenen Verordnungen werden Ihnen sofort mitgethellt werden. Ich gebe Mich der Hoffnung hin, daß der Verlauf der schwebenden Handels­vertrags-Verhandlungen mit Rußland zur Beseitigung dieser Maßnahmen führen wird.

Dank den energischen Bemühungen, welche die verbündeten Regierungen aufgewendet haben, ist es gelungen, die ver­heerende Epidemie, welche im vergangenen Jahre schwere und schmerzliche Opfer gefordert hatte, seitdem fernzuhalten, und wo sich vereinzelte Krankheitsfälle zeigten, ihrer Verbreitung erfolgreich entgegenzutreten.

Die gewonnenen Erfahrungen noch wirksamer zu ver- wrrthen und die Abwehrmaßregeln zu dauernden und einheit­lichen zu gestalten, ist der Zweck eines Gesetzentwurfs, welcher Ihnen vorgelegt werden wird.

Um die mit der pflichtmäßigen Strenge jener Abwehr­maßregeln vereinbarte Schonung des internationalen Verkehrs thunlichst sicherzustellen, hat unter Betheiligung des Reichs im Frühjahr in Dresden eine von der Mehrzahl der europäischen Staaten beschickte Conferenz stattgesunden, deren Beschlüsse Ihnen zur Genehmigung zugehen werden.

Die Erledigung der Ihnen auf finanziellem und handels­politischem Gebiet gestellten Aufgaben wird Ihre Arbeitskraft in so hohem Maße in Anspruch nehmen, daß die verbündeten

Negierungen es für rathsam erachtet haben, den Kreis der Vorlagen im übrigen thunlichst einzuschränken.

In dem Verhältniß Deutschlands zum Auslande ist eine Aenderung nicht eingelreten. Bei Fortdauer der engen Freund­schaft mit den zur Verfolgung gemeinsamer sriedlicher Zwecke uns verbündeten Reichen, stehen wir zu allen Mächten in guten und freundschaftlichen Beziehungen. Ich gebe Mich daher der Zuversicht hin, daß uns mit Gottes Hilfe die Segnungen deö Friedens auch fernerhin werden erhalten bleiben.

An den Eröffnungsact schloß sich alsbald die erste Plenarsitzung des Reichstages an, die indeffen nur den hierbei üblichen rein geschäftsmäßigen Character trug. Ein­gegangen sind von den großen Vorlagen der Etat und die Handelsverträge mit Spanien, Rumänien und Serbien- die Steuervorlagen dürften dem Hause wohl erst in einer der nächsten Sitzungen zugehen. Für die Sitzung vom Freitag ist lediglich die Präsidentenwahl, sowie die Wahl der übrigen Bureaumitglieder angesetzt; die Wiederwahl des bisherigen Präsidiums: v. Levetzow (cons.), v. Buol (Centr.), v. Hürklin (nat.-lib.) ist zweifellos erfolgt. Am Montag beginnt die Generaldebatte über den Etat.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. November. Zur Tabakfabrikat steuer schreibt dieNordd. Allg. Zig." entgegen der durch ver­schiedene andere Blätter verbreiteten Meldung, daß die an­geblich eingereichte Demission des General-Steuerdirectors Schomer nicht stattgefunden habe und die betreffende Nachricht somit unbegründet sei. Herr Generaldirector Schomer habe allerdings in den Jahren 1878/79 nicht für die Einführung der Tabaksabrikatsteuer nach den damaligen in Amerika geltenden Usancen für Deutschland gestimmt, für die jetzigen Verhältnisse könne jedoch die frühere Beurtheilung der Vorlage keinesfalls mehr maßgebend sein, weshalb er auch die jetzt wieder vorgeschlagene Tabaksteuer durchaus nicht in gleicher Weise beurtheilen könne. Einer Einreichung seiner Demission läge also irgendwelche Ursache nicht zu Grunde.

Reichs stempel steu e r. In einer Sitzung, welche die Syndicats Commission der Frankfurter Handelskammer gestern Vormittag abhielt, ist, wie dieFrkf. Ztg." erfährt, beschlossen worden, über den Inhalt der Novelle zum Reichs­stempelgesetze zunächst einen Fragebogen an die Bankiers und sonstigen Interessenten zu verschicken, mit dem Ersuchen um schleunige Beantwortung, damit die Handelskammer sodann über die weiter vorzunehmenden Schritte sich schlüssig mache.

DieZ Thronrede zur Neichstagseröffnung.

Der Reichstag wurde am Donnerstag Mittag 12 Uhr in Weißen Saale des Königlichen Schlaffes zu Berlin vom Kaiser durch Verlesung folgender (im Depeschentheil der vorigen Nummer bereits auszugsweise mitgetheilter) Thron­rede eröffnet.

Geehrte Herren!

Als Ich Sie im Juli d. I. um Mich versammelt hatte, Ich dem Vertrauen Ausdruck, daß Sie Mir und Meinen Hohen Verbündeten Ihre Mitwirkung zu der im Interesse der Sicherheit des Reichs gebotenen Fortbildung unserer Heeres- emrichtmigen nicht versagen würden. Ich freue Mich, daß Steine Zuversicht nicht getäuscht worden ist, und indem Ich Sie heute bei Ihrem Zusammentritt begrüße, ist es Mir Be- dUrfniß, dem Reichstag für seine patriotische Bereitwilligkeit Meinen Kaiserlichen Dank auszusprechen. Die mannigfachen beweise warmer Sympathie, deren Ich Mich während der 'letzten Monate in den verschiedenen Theilen des Reichs zu eusreuen gehabt habe, sind Mir eine Bürgschaft dafür, mit welcher Genugthuung die Nation es empfindet, daß dem Lsutschen Heere eine Organisation gesichert worden ist, in welcher die Gewähr für den Schutz des Vaterlandes und für die Erhaltung des Friedens beruht.

Es wird nunmehr Ihre vornehmste Ausgabe sein, in ge­meinsamer Arbeit mit den verbündeten Regierungen für die Beschaffung der Mittel Sorge zu tragen, welche zur Deckung ik-8 durch die erhöhte Friedenspräsenzstärke des Heeres ent­standenen Mehrbedarfs erforderlich sind. Die Vorschläge, welche Ihnen in dieser Beziehung zugehen werden, bewegen sich auf einer breiten, zugleich die finanziellen Beziehungen dies Reichs zu seinen Gliedern neu regelnden Grundlage.

Die Finanzverwaltung des Reichs hat eine endgültige Ordnmig im Sinne der Reichsversassung noch nicht gefunden. Oie bisherigen Erfahrungen haben bewiesen, daß ohne Schä­tzung des Reichs und der Einzelstaaten eine Auseinander­setzung zwischen denselben nicht länger hinausgeschoben werden , kann. Das Finanzwesen des Reichs wird dergestalt aufzubauen fein, daß unter Beseitigung der bisherigen Schwankungen die Anforderungen desselben an die Einzelstaaten in ein festes Verhältniß zu den Ueberweisungen gestellt werden, und ein gesetzlich festgelegter Antheil an den eigenen Einnahmen des Reichs für einen vorher bestimmten längeren Zeitraum den Einzelstaaten zugesichert wird. Eine solche Ordnung wird, im Einklang mit der föderativen Gestaltung unseres Staatswesens, ein ungestörtes Zusammenwirken des Reichs und der Einzel­staaten gewährleisten und ohne Schmälerung der Rechte des Reichstags die Finanzverwaltung in hohem Grade fördern. Lu diesem Behuf wird dem Reichstag ein Gesetzentwurf, be-

Ullk Ännoncen-itiureaur be« In» und Muilanbe« nehm« | Anzeigen für denigie&encr Anzeiger" entgegen.

Feuilleton.

Eine Eisenbshnsrsge.

Von D. Passarge.

(Nachdruck verboten.)

Lolo saß am Rande eines von Weiden überschatteten Baches und zeichnete. Der Hauptgegenstand, den auf das Papier zu bannen sie sich mit Bleistift, Kohle und Nadir- gnimmi abmühte, war vielleicht ein entfernter Kirchthurm, wenigstens berechtigte zu dieser Annahme der Umstand, daß bie schönen Augen, so oft sie sich vom Zeichenbrett erhoben, immer wieder in derselben Richtung blickten. Zwischen diesen Augen aber und dem Kirchthurm fand sich nichts, was eine Künstlerin hätte befriedigen können, man hätte denn dazu eine Hammelheerde zählen müssen, die von einem ungekämmten unb ungewaschenen Hirtenjungen auf einem Stoppelfelde ge­hütet wurde. Nun zeichnete Lola allerdings, seitdem sie aus brr Pension wieder ins Elternhaus zurückgekehrt war, 'in Wirklichkeit alles, was ihr in den Wurf kam und in das Gebiet des landwirthschaftlichen Genres fiel, vom malerisch gelegenen Herrenhaus mit seinen blumenprächtigen Terrassen bis zum Düngerwagen- warum also auch nicht eine Hammel- Heerde ?

Die Möglichkeit zugegeben, wird man sich mit der That- sache begnügen müssen, daß Lola zeichnete. Und wollte dennoch Jemand sich etwa leise heranschleichen und dem Mädchen über die Schultern blicken, um Gewißheit zu haben, was eigentlich die zierliche Hand dort zeichnete, er gäbe den L ersuch auf, wenn er wüßte, mit welchen Blicken Lola un- ziumliche Neugier zu strafen versteht und wie sie jeden mit lauterndem Haß verfolgt, der es wagte, sie in der Ausübung ih rer Kunst zu belauschen. Darin glich Lola dem Vogel, der unruhig wird, wenn man ihn beim Brüten beobachtet. Wer

wollte sich zudem unnöthig den Haß eines schönen jungen Mädchens zuziehen?

Genug also, Lola zeichnete einen Kirchthurm ober eine Hammelheerde. Eben blickte sie wieder auf, um zu prüfen, wie eine Verbesserung, die sie vorgenommen, mit dem Bor­bilde der Wirklichkeit sich vertrage, als ein Schatten über bas Zeichenblatt huschte, der unmöglich von einem vorüber­fliegenden Vogel herrühren konnte. Einen Augenblick später wies ein Finger über ihre Schulter weg auf eine Stelle des Blattes und eine Stimme hinter ihr sprach:Das linke Bein des Jungen ist zu kurz geraden, sonst aber ist alles recht hübsch. Der Baum"

Weiter kam die Stimme nicht, denn Lola war hasttg aufgesprungen und hatte dabei den Feldstuhl umgeworfen, der dem Sprecher auf den Fuß fiel. Das Brett hatte sie er­griffen, mit der Zeichnung nach unten auf den Boden ge­worfen und ihr Füßchen darauf gesetzt, wie der Sieger im Tournier auf seinen überwundenen Gegner tritt. Dabei blickte sie mit zornig geröthetem Gesicht den Fremden an, der es gewagt hatte, an ihrer Malerei so frisch, frei unb unaufgefordert Kritik zu üben. Ihre Rechte hielt den Bleistift umspannt, als wolle sie ihn dem unberufenen Kritiker ins Leben bohren:

Mein Herr, welche unerhörte Dreistigkeit, um nicht zu sagen Unverschämtheit!"

Ueberrascht von diesem elementaren Zornesausbruch eines so schönen Mundes war der Fremde einige Schritte zurück- getreten.

Bitte tausendmal um Vergebung, mein Fräulein, ich hatte nicht bie Absicht, Sie zu kränken. Mein Name ist"

Wie ein aufdringlicher Mensch heißt, ist mir sehr gleich- giltig," unterbrach ihn Lola zornig, nahm das Brett auf, riß die Zeichnung herunter, zerriß das Blatt in hundert kleine Fetzen und warf sie in den Bach:Da schwimmt Ihre Kritik,

Herr!" Damit raffte sie ihre anderen Sachen eilig zusammen, ohne die Entschuldigungen des jungen Fremden nur mit einem Blick zu beachten, und entfernte sich auf dem schmalen Pfade, der längs des Baches hinlief.

Der Fremde schaute eine Weile verdutzt der Davon­eilenden nach, die ihn wie einen Schulbuben abgekanzelt hatte, dann nahm er seinen Strohhut ab und wischte sich die Stirn. Ordentlich heiß ist mir dabei geworden," sagte er für sich, wer mag diese zungenfertige, niedliche Amazone nur sein? Da schwimmt Ihre Kritik, Herr!" Und er lachte laut auf.

Als er inS Dorf zurückging, kreuzte der Gastwirth, bei dem er Wohnung genommen hatte und der vom Heumachen auf der Wiese mit einem Rechen über der Schulter kam, seinen Weg.

Ich habe hingcschickt," rief der Mann noch von Weitem.

Nun?"

Der Herr Oberamtmann läßt sagen, der Herr Bau­meister wäre zu jeder Zeit willkommen. Kriegen wir sie denn?"

Wen?"

Nun die Eisenbahn."

Das kommt auf den Herrn Oberamtmann an- wenn er zu viel fordert, wird nichts daraus. Sagen Sie, lieber Krüger, hat der Herr Oberamtmann eine Tochter?"

Eine Tochter und zwei Söhne. Das gnädige Fräulein malt hier jetzt überall umher. Wenn man sie dabei stört, wird sie höllisch wüthend. Sind Sie ihr etwa schon be­gegnet ?"

Nur von ferne," sagte der Gefragte, vor sich hin lächelnd. ,

Um die Mittagsstunde warf sich der junge Baumeister in einen tadellosen Gesellschaftsanzug und machte sich auf den Weg zum Herrn Oberamtmann Trebsen, angestaunt von der