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18.6.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 141 Zweites Blatt. Sonntag den 18. Juni

1893

Der Oteß-ner A«,eig«r erscheint täglich, eit Ausnahme des Montag«.

Die Gießener M«»1tie»S kttler »erden dem Anzeiger »»chentlich dreimal deigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Unzeiger.

Bierteljährigrr ASaanementsprel«, 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bttogtn 2 Mark 50 Psg.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmitlag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Iamilienökätter.

Abonnements^ Einladung!

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben aus dem Lau­senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gießener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, mrd die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. auf geben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der

Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zu­gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

politische Wochenschau.

Gießen, 17. Juni 1893.

Wir müssen uns an dieser Stelle um so kürzer fassen, als die Ergebnisse der am letzten Donnerstag vollzogenen Reichstagswahlen zur Stunde noch nicht vollständig be­kannt sind. Vor Montag wird auch ein sicheres Urtheil darüber noch nicht möglich sein, ob der neue Reichstag die Physiog­nomie seines unmittelbaren Vorgängers oder des 1887er Reichstages tragen wird. Während in dem letzteren die sogenannten Cartellparteien (Nationalliberale, Freiconservative und Conservative) von 397 Reichstagssitzen 210, also nicht viel weniger als eine Zweidrittelmehrheit besaßen, verschob sich bei den Wahlen im Jahre 1890 das Berhältniß ganz erheblich zu Ungunsten des CartellS, indem namentlich die Nationalliberalen und Freiconservativen sehr bedeutende Ein­buße erlitten und besonders die Freisinnigen, die süddeutsche VokSpartei und die Socialisten eine außerordentliche Ver­stärkung erhielten Die Stimmenzahl der 1887 zum Cartell bereinigten Fractionen sank von 210 auf 127 herab. Damit war die nationalliberal-conservative Mehrheit gestört und eine Mehrheitsbildung nur unter Mitwirkung der Freisinnigen oder des Centrums möglich. Auf die große Anzahl der Candidature.n ist von demGießener Anzeiger" schon mehrfach hingewiesen worden. Die Socialisten haben in fast sämmtlichen Wahlkreisen Candidaten nominirt. Am letzten Sonntag waren nur sechs Wahlkreise noch nicht^besetzt, drei in Elsaß-Lothringen und drei in Preußen, davon zwei in Westfalen und einer in Hannover. Die Nationalliberalen haben rund 140 Candidaten aufgestellt, die Freisinnigen und die süddeutsche Volkspartei zusammen etwa 210, die Antise-

Allk Annoncen-Bureaur befl In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

miten und der Bund der Landwirthe ungefähr je 100. Die Vielzahl der Bewerber wird die Folge haben, daß mehr noch als früher die Stichwahlen erst die Entscheidung bringen werden. Dieselben sind bekanntlich im Gegensatz zu dem seither üblichen Brauch im ganzen Reiche auf den 24. Juni anberaumt.

Ueber die Frage, wann der deutsche Reichstag einberufen werden wird, herrschen sehr verschiedene An­schauungen. Zuerst war man ziemlich allgemein überzeugt, daß der Reichstag sofort mit der Militärvorlage besaßt werden würde. Neuerdings aber erklärt ein offiziöses Blatt, daß die Regierung erst den Ausfall der Wahlen abzuwarten gedenke, bevor sie sich schlüssig machen wolle. Der Termin für die Neueinbringung der Militärvorlage stehe noch nicht fest. Ebensowenig hätte bei der Ungewißheit über die innere politische Lage die Thronrede formulirt werden können. Noch weniger habe man in Bezug auf die neuen Vorlagen schon jetzt einen definitiven Beschluß gefaßt. Wir bemerken hierzu, daß verfassungsmäßig erst 90 Tage nach der Auflösung des Reichstages seine Einberufung vollzogen sein muß.

Vom Auslande ist nicht viel mehr zu berichten als vom Jnlande.

Langwierig und langweilig schleppt sich in England die Einzelberathung der Homerulebill hin. Die Debatte über den Umfang der Gesetzgebungs- und Verwaltungsrechte, die man Irland zugestehen will, wird von den ToryS durch die Stellung immer neuer Anträge auf Beschränkung in dieser oder jener Beziehung in die Länge gezogen. Man ist jetzt glücklich an dem vierten Paragraphen des Gesetzes ange- kommen, welches im Ganzen einige 30 Paragraphen zählt.

In Serbien ist die neugewählte Skupschtina kürzlich zusammengetreten. Der bekannte Führer der Radikalen Pasitsch wurde zum Präsidenten gewählt. Wie es heißt, soll die Mehrheit des Hauses beabsichtigen, an die Stelle des radikalen Ministeriums Dokitsch ein extremes national-radikales Cabinet zu bringen.______________________________________________________

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Feuilleton.

Wochcnbriefe ans der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 16. Juni 1893.

Die Baulhaligkeit. Ein Rückblick. Allerlei.

Mit einem in allen größeren Städten gegenwärtig eifrig discutirten Thema beginnt unser heutiger Brief. Ich will Ihre Leser nicht mit einer langathmigen Aufzählung all der in den letzten Jahren neu entstandenen Straßenzüge und öffentlichen oder privaten Zwecken dienenden Gebäude be­helligen, aber einige wenige Mitteilungen dürften doch manchen Gießener, der in den letzten Jahren die Residenz nicht besucht hat, interessiren. Darmstadt vergrößert sich wirklich ganz außerordentlich. Besonders im Südost- und im Nordwest- Viertel sind ganze neue Stadttheile entstanden. Die Hoch­straße, Hofmannstraße, der sog.Grüne Weg" lagen früher ziemlich am Ende der Stadl, jetzt sind sie alle mit einer großen Anzahl prächtiger Billen geschmückt und beinahe noch reger entfaltet sich der Darmstädter Expansionstrieb im nörd­lichen Stadttheil. Hier sind wirklich eine ganze Reihe von neuen Straßen aus der Erde gewachsen. Der Eisenbahn­damm der Odenwaldbahn verläuft jetzt nicht mehr fern von den bewohnten Stätten, an Feldern und Wiesen vorbei, er durchfchncidet beinahe schon ein völlig bebautes Terrain und wenn es so weiter geht, wird er bald mitten in der Stadt selbst liegen. Ja vielleicht kommen wir mit der Zeit noch einmal so weit, daß wir auch den Nachbarort Arheiligen gleich dkm ehemaligen Bessungen feierlich in die Residenz incorporiren müssen, vorläufig hat's damit allerdings noch gute Weile. Der im Innern der Stadt durch die Straßen­bahnen gesteigerte Verkehr, außerdem die geschickte Vertheilung der neuen öffentlichen Anstalten, wie Schulen, Pfründnerhaus, Schlachthaus, die wir der communalen Thätigkeit unseres unvergeßlichen Oberbürgermeisters Ohly verdanken, hat diesen Umschwung fertig gebracht. Freilich auch die baulichen Um­gestaltungen im Innern der Stadt haben viel dazu beigetragen.

Sind doch dort auch ganze Häusercomplexe, wir nennen nur die sogenannteInsel" mit ihren Winkeln und Gäßchen, vollständig vom Erdboden verschwunden. Wer es nur irgendwie bewerkstelligen kann, strebt jetzt danach, in die äußeren, freieren Stadttheile zu ziehen, wo sich's entschieden gemüth- licher und bequemer wohnen läßt, als in den meist durch keine Hausgärten und Anlagen geschmückten Häusern der Innenstadt. So können wir sogar schon ganz getrost von einer Darmstädter Villencolonie reden, wenn sie auch noch nicht so mächtig und stolz ist, wie die im Berliner Grüne­wald- oder Thiergartenviertel, sie repräsentirt sich doch schon ganz respectabel und vornehm. Von städttschen Bauplänen großen und kleinen Umfangs könnte ich Ihnen heute noch gar Manches berichten, doch spare ich mir dieses Thema lieber für eine spätere Gelegenheit auf, um meinen eigentlichen Wochenbericht darunter nicht Noch leiden zu lassen.

Den frühren Berichten über das Kunftleben in der ver­flossenenSaison" bleibt noch nachzutragen, daß das Groß­herzogliche Hoftheater am Schluffe seiner Spielzeit einen statistischen Rückblick veröffentlicht hat, der über feine Thätigkeit von September 1892 bis Mai 1893 Aufschluß gibt. Vielleicht interessirt es Ihre Leser, denen an dieser Stelle über die wichtigeren Aufführungen ja immer in Kürze berichtet wurde, daraus Einiges zu erfahren. Im Ganzen haben 156 Vorstellungen stattgefunden, außerdem 5 große' Symphonieconcerte der Hofcapelle, eine von den hiesigen OsficiercorpS zur Errichtung eines Denkmals für unseren verewigten Großherzog veranstaltete Festvorstellung, endlich das im letzten Briefe ausführlich besprochene Festconcert des MozartvereinS. Der Gattung nach waren wie wir dem genannten amtlichen Bericht entnehmen 84 Abende der Oper, 74 Abende dem Schau- und Lustspiele, 7 der Operette, 10 dem Ballet und 11 dem komischen Genre gewidmet. Novitäten erschienen zahlreich, es wurde an dieser Stelle ferner Zeit über jene berichtet. Hans SommersLorelei", OelsnersVardhamana" und BrüllsGringoire" fanden freundliche Aufnahme. Den Haupterfolg brachte Leoncavallos Bajazzo", ein Kaffenmagnet ersten Ranges. Von illustren Gästen, die in der Oper erschienen, seien Frau Sigried

Amoldson, Frl. Prevosti, Frau Ende-Andiießen, bann noch Herr Reichmann genannt. Auch das Schauspiel brachte viele Neuheiten von Interesse, vor allem muß hier der Einstudirung der Shakespeare'schen Königsdramen Erwähnung gethan werden, verschiedene Gastspiele fanden auch hier statt, zuletzt hat, wie schon früher gemeldet, Herr Georg Engels in zwei Lustspielen schönen Erfolg erzielt. Für die kommende Spielzeit sind zahlreiche Neuengagements erfolgt, da uns mehrere seither thättg gewesene Mitglieder unserer . Hofbühne verlassen haben. Viele große Kunstgenüsse sind uns in dem vergangenen Winter geboten worden, das Darmstädter Hoftheater hat feinen alten Ruhm in jeder Beziehung gewahrt, möge er ihm auch für die Zukunft gesichert bleiben.

Von den Wochenereigniffen wäre als wichtigstes die Reichstagswahl zu nennen, die sich in üblicher Weise vollzog, das Resultat ist Ihren Lesern ja schon bekannt.

Im Sommertheater hat Herr Reiners stets günstige Er­folge. Das Personal ist wirklich gut geschult und wenn auch die Bühne im Saalbau etwas primitiver Natur ist, so weiß Herr Reiners durch Aufführung intereffanter Novitäten doch das Publikum herbeizuziehen und zu feffeln. Wildenbruchs Haubenlerche konnte schon eine ganze Reihe von Aufführungen erleben und wenn auch die Meinungen über den literarischen Werth des Stückes, das sich zur Aufführung auf dem Hoftheater setnem Inhalt nach nicht eignet, im Publikum sehr auseinander­gehen, so spendet man der Direction doch allgemein für ihre Bemühung und die ganz hübsche Jnscenirung Dank. Suder­mannsHeimath" ist nun auch zur Aufführung gekommen und wie nicht anders zu erwarten, mit großem Erfolge. Das Stück ist sehr bühnenwirksam und kann bei guter Dar­stellung seine Wirkung nie verfehlen. Für die nächste Zeit ist uns nach einer Zeitungsnotiz das Gastspiel von Frl. Theffa Klinkhammer angekündigt, die, wenn wir nicht irren, in früherer Zeit auch einmal am Hoftheater gastirte. Man sieht also, Herr Reiners läßt sich keine Mühe verdrießen, um dem Unternehmen der Sommerbühne günstigen Fortgang zu sichern, wir wünschen ihm, daß ihm das Glück auch für die kommende Zeit günstig bleiben und er mit dem Erfolge seiner Thätigkeit in der Residenz zufrieden fein möge. Z.