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Nr. 271.
Der M<vn >»|rtgn trj^nxt ttglich, e*t lulnebmt bei Montags.
Die Gießener WeetniMifitfei »erben dem Inzeiger »4ch««tl'ch dreimal MtriegU
1893
Erstes Blatt. Freiia« den 17. November
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
Gterleljjlßriqer
2 Mark 20 Pjß. *N* Bringerlohn.
Durch btt Poft brjogt 2 Mark 50 Plg.
Reiachon, LxpeddiE und Druckerei:
Kerujprecher 5L
Amts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren.
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Amtlicher. Theil.
Gießen, den 15. November 1893.
Äetr.. Den Betrieb von beweglichen Dampfkeffeln (Loco- mobllen).
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
»n das Grofth. Polizeiamt Gießen und die Großh.
Bürgermeistereien der Landgemeinden.
Unter Bezugnahme auf § 16 der allgemeinen polizeilichen Bestimmungen des Reichskanzlers vom 5. August 1890 (Reichsgesetzblatt Nr. 25), sowie auf § 35 der Großherzog« lachen Verordnung vom 30. December 1891 (Regierungsblatt Nr. 1 von 1892), beauftragen wir Sie, in Folge Er- seichens Großh. Prüfungs-Commission für Dampfkessel, das Polizeipersonal anzuweisen, diejenigen Besitzer oder Benutzer von Locomobilen stets zur Anzeige zu bringen, welche bewegliche Dampfkessel betreiben, ohne dieselben in den letzten 12 Monaten einer Revision unterzogen zu haben. In denjenigen Fällen, in welchen seit der letzten Revision mehr als 18 Monate verstrichen sind oder wo die Genehmigungsurkunde rnd das Revisionsbuch nicht sofort vorgelegt werden können, empfehlen wir Ihnen stets die vorläufige Einstellung des Betriebs zu verfügen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 15. November. Se. Kgl. Hoheit der Groß- Herzog empfingen heute den Hauptmann Mootz vom 3. Großh. Znfanterie-Regiment (Leib-Regiment) Nr. 117, den Kammer- Lmn Frhrn. v. Biegeleben, den Director des Neuen Gymna- siums zu Darmstadt Nodnagel, den Stadtpfarrer Weidprecht cms Wimpfen, den Pfarrer Heim aus Trais-Horloff, den Bfarrer Römheld aus Groß-Bieberau, den Oberamtsrichter Engel aus Ulrichstein, den Hofschauspieler Sachs- zum Vor- trag den Staatsminister Finger, den Finanzminister Weber, ten Ordenskanzler Generalmajor z. D. v. Herff, den Ober- Eeremonienmeister Geheimerath v. Werner, den Ober-Stall« meister Frhrn. Riedesel zu Eisenbach, den Provinzialdireclor Geheimerath Rothe, den Cabinetsrath Römheld.
Berlin, 15. November. In den deutsch-russischen
Zollverhandlungen zu Berlin ist jetzt auch die zweite Lesung beendigt worden, es bleibt also nur noch die dritte Lesung übrig. Es verlautet, daß die russischen Delegirten bei der zweiten Lesung einige Zugeständniffe machten, doch soll trotzdem der Unterschied der beiderseitigen Standpunkte noch immer ein großer sein, so daß sich der erstrebte deutsch- russische Handelsvertrag auch jetzt noch völlig in der Schwebe befindet.
— Der sächsische Landtag ist am Mittwoch Mittag vom König Albert mittels Thronrede feierlich eröffnet worden. Die Thronrede drückt zunächst den Dank des Monarchen für die ihm anläßlich seines Militärdienst-Jubiläums entgegengebrachten Kundgebungen der Treue und Anhänglichkeit des Volkes aus. Dann gedenkt sie der wirthschaftlichen Lage und betont, deren Aussehen lasse erkennen, daß der bestandene Druck im Weichen begriffen sei und stehe zu hoffen, er werde bald ganz vorübergehen; hoffentlich werde insbesondere bei den der Erhaltung des Friedens dienenden wirthschaftlichen Factoren die Besserung eine nachhaltige sein. | Weiter hebt die Rede die ungünstige Finanzlage des Staates hervor und bezeichnet dieselbe als wesentlich durch das Ver- ' hältniß der Einzelstaaten zum Reiche verursacht. Die Rede ! erklärt dann, eine längere Beibehaltung dieses Verhältniffes ; sei jetzt als unhaltbar anerkannt, und da eine baldige Reform der Reichsfinanzen für nöthig erachtet werde, so lasse sich auch erhoffen, daß die hierauf gerichteten Bestrebungen in nicht zu langer Zeit von Erfolg begleitet sein werden.
’ Ausland.
— Der jüngste Feldzug der Franzosen in West« afri ka scheint thatsächlich die völlige Unterwerfung des Königs Bchanzin von Dahomcy unter die französische Herrschaft zur Folge gehabt zu haben. Alle Berichte über den Feldzug bestätigen, daß Behanzin durch denselben gänzlich gedemüthigt worden sei. Ob die Franzosen den dahomeyanischen Herrscher als Vasallen Frankreichs in seiner Stellung belasten oder sein Land einfach zu ihrem westafrikanischen Colonialreiche schlagen werden, ist noch nicht ganz bestimmt.
— Vor Melilla Liegen sich die Spanier und die Ka- I bylen nach kurzer Ruhepause erneut in den Haaren, wie der lebhafte und nachdrückliche Angriff der Kabylen auf die spanischen Stellungen in der Nacht vom Montag zum Dienstag
bekundete. Offenbar bezeugen die Herren keine große Lust^ der an sie ergangenen Anweisung des marokkanischen Premierministers Mohammed Tous, die Feindseligkeiten einstweilen einzustellen, nachzukommen, was freilich bei dem schwachen Einfluste des Sultans von Marokko auf die wilden Riff« flämme im Norden seines Reiches nicht verwunderlich ist. Die Spanier senden noch immer Verstärkungen nach Nord« afrika, eine ganze Brigade unter dem Obercommando des Generals Ribera wird in diesen Tagen wiederum nach Melilla abgehen. Andererseits wird auch den Riff-Kabylen fortgesetzt Unterstützung zu Theil- so sollen z. B. mehrere der westlich vom Mulia-Flusse ansässigen Stämme den heiligen Krieg gegen die Spanier beschlossen und sich mit den vor Melilla kämpfenden Kabylen vereinigt haben.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Korrespondenz- Bureau.
Dresden, 15. November. Das „Dresdener Journal" meldet: Der König ist unter mäßigen Fiebererscheinungen an Bronchialcatarrh erkrankt- er muß das Bett hüten.
Hamburg, 15. November. Die Cholerabaracke des Seemannskrankenhauses, woselbst bisher verdächtige Zugereiste behufs Beobachtung internirt gehalten wurden, ist heute amtlich geschlossen, weil sämmtliche Jnternirte entlasten worden sind.
Köln, 15. November. In dem bei dem Festesten im Gürzenich anläßlich der Einweihung des neuen Postgebäudes vom Staatssecretär Stephan auf den Kaiser ausgebrachten Toast sagte Herr Stephan u. A.: „Wer das Glück habe, in der Nähe des Monarchen zu weilen, wisse, mit wie scharfem Geist der Kaiser alle zum Wohlstände der Nation führenden Elemente durchdringe. Dazu gehöre auch das Verkehrswesen. Der Kaiser verfolge mit eingehendem Interesse alle Fortschritte. Das sicherste Gewähr für das Gedeihen und die Entwickelung des Handels und Verkehrs sei der Frieden- Alle wissen, mit welcher Weisheit der Kaiser auf die Erhaltung dieses kostbaren Gutes bedacht sei- die Verstärkung der Machtmittel habe nur diesen Zweck- Deutschlands Freunde wüßten, was sie an deutscher Treue und Macht für Helfer haben."
Budapest, 15. November. Der Director der Betriebsleitung der ungarischen Staatsbahnen, Ludwig Horvath,
Frankfurter Theaterdricf.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
KriemhUde, Drama in 5 Auszügen von Wilhelm Meyer.
Dr. M. Liegt in dem alten Kriemhildenstoff, wie ihm hx6 mittelhochdeutsche Nibelungengedicht eine für seine Zeit klassische Form gegeben hat, nicht ein Thema von unverwüstlicher poetischer Krast? Kann das Motiv von dem Weibe, daS ihren Gatten an den eigenen Brüdern rächt, nicht auch auf moderne Verhältnisse übertragen werden?
Solcher Art sind die Erwägungen, welche sich dem Autor dieses packenden realistischen Dramas, das den poetischen Titel ^Kriernhilde" führt, aufgedrängt haben müffen und die auch uon der Seele des Kritikers Besitz nehmen, der dem eigen« , artigen Stoff näherzutreten beabsichtigt. Obwohl die Aufschrift nun die Reminiscenz an die bekannte deutsche Sagengestalt und die zu ihr in Beziehung stehenden Begebenheiten absichtlich nahe legt, ist Meyers Drama doch ganz aus sich heraus verständlich, da es sich in unserem Verständniß geläufigen Situationen bewegt.
Gleich im ersten Acte, der in einem mit Gästen ungestillten Gesellschaftssalon spielt, athmen wir die Luft der haute finance. Ernsthafte Börsengespräche mischen sich mit len Klängen der Walzermelodie und dem lustigen Knallen der Sektpfropfen.
Die Menschen, die im Salon Erich Hartoggs (Herr Sarthel) und seiner liebenswürdigen, temperamentvollen (Mtiin Hannah, geb. Gerbrügge (Fräulein Frank) ver- !e8)ren, sind sämmtlich Großkaufleute. Zunächst kommen die 8»üder der Frau, Gustav und Herbert Gerbrügge, in Bedacht. Ersterer (Herr Wallner) ist kühler, sachlich ab- lvmgeuder Geschäftsmann vom Scheitel bis zur Sohle, letzterer (Herr A. Meyer) entschließt sich, nach einem kleinen Uni» vnksitätsbummel, die Schritte wieder zum heimathlichen Iv'mptoir zu lenken, zumal dann der alte Geschäftsführer des .hamses, Brünning (Herr Noll), nicht länger gegen eine Verbindung zwischen seiner Tochter Clärchen (Frl. Eichende rg) und dem jungen Springinsfeld, feinem Chef, Ein- -sprirche erheben will.
Der Russe Nicolai Saweljew (Herr Schneider), der für die Frau des Hauses die verbindlichen Artigkeiten des Cavaliers alter Schule bereit hat, ist in erster Linie auch mit den Jntereffen des Geldmarktes beschäftigt. Am wenigsten seiner ursprünglichen Neigung nach wäre es eigentlich Erich Hartogg, der Gastgeber, welcher eher alles andere als Kaufmann hätte werden sollen, der in diesen Beruf nur durch die Traditionen seines Hauses hineingedrängt worden ist. Eine Geschäftskrisis bereitet sich vor, allem Anscheine nach wird Erich empfindlich von dieser betroffen werden, schon in das Fest fallen einige unglückverkündende Telegramme. Hannahs liebreicher Zuspruch, die gerne mit bescheidenen Verhältnissen vorlieb nehmen will, ist nicht im Stande, Erichs tiefe Niedergeschlagenheit zu bannen.
Aus einem Gespräch zwischen Gustav Gerbrügge und dem Geschäftsführer Brünning im zweiten Act erfahren wir, daß der Schlag gefallen und Erich Hartogg ruintrt ist. Gleichzeitig wird uns klar, daß der alte Geschäftsführer, der in diesem düsteren Drama so etwas wie die Rolle des „Hagen" vertritt, den Tag, an welchem daS Haus Hartogg seine Zahlungen einstellt, als einen Festtag des Hauses Gerbrügge betrachtet. Die alte Rivalität der beiden mächtigen Handelshäuser hat mit dem Siege deS letzteren geendet. Der Umstand, daß jetzt eine Tochter dieses mit dem Sohne des elfteren vermählt ist, kann den Standpunkt des alten Prin- cipienmenschen Brünning in nichts verrücken. Wie er, denkt auch Gustav Gerbrügge. Als nun Hannah und bald darauf ihr Gatte in tiefer Trostlosigkeit auf dem Bureau der Gerbrügge erscheinen und von den nächsten Anverwandten Hilfe erheischen — da will der ältere, Gustav, den auch bei dem Jammer seiner Schwester, der gebrochenen Haltung Erichs der ruhige, kühle Geschäftssinn feinen Augenblick verläßt, selbstverständlich helfen, d. h. er will der Schwester und dem Schwager die Mittel geben, daß sie ihren Verhältniffen entsprechend leben können, aber es fällt ihm nicht ein, sich mit Summen zu engagiren, die Erich Hartogg in der Geschäftswelt wieder Herstellen können. Vergebens ist Hannahs angstvolles Flehen, vergebens Erichs Erinnerung, daß das, was er verloren, doch die Schwäger gewonnen hätten. Der junge Herbert, der in seinem frischen Enthusiasmus anfänglich un
bedingt auf die Seite der Schwester tritt, wird von Gustav und Brünning überstimmt. Erich, der die Rehabilitirung nicht für sich will, sondern für die Hunderte, die sein Sturz mit ins Verderben reißt, jagt sich, als er vergebens vor Gustav Gerbrügge auf die Kniee gesunken, eine Kugel durch den Kopf, Hannah aber spricht an der Leiche des Gatten in den gellenden Tönen der Verzweiflung Fluch und Verwünschung aus über die Söhne ihres Vaters.
Der zweite Act zeigt uns die Hauptperson von schwerer Krankheit genesen, die Schritte der Reconvalescentin geleitet und behütet von der liebreichen Schwester TeleSphora (Frau Keller). Der Erste, der Hannah in ihrer Verlassenheit und herben Wittwentrauer liebreich begegnet und ihr gegen ungestüm drängende Gläubiger zur Seite steht, ist der russische Nabob Saweljew. Als Hannah die achtungsvolle Neigung gewahrt, die in der Seele des schon älteren Mannes für sie lebt, bemächtigt sich ihrer blitzartig ein Gedanke, der alle ihre Lebensgeister zu neuer Kraft anspornt- sie braucht nur zu wollen und in Saweljew hält sie die Hand, mit der sie den Gatten rächen kann. Es liegt eine tiefe Wahrheit darin, daß auch jetzt, wie ehedem in grauer Vorzeit, das Weib sich Recht und Sühne nur dadurch verschaffen kann, daß sie die Kräfte eines Mannes in Bewegung zu setzen versteht.
Saweljew, obwohl er fühlt, daß Hannah in ihrem tiefsten Innern nie aufhören werde, das Weib Erich Hartoggs zu sein, geht auf den seltsamen Pakt, den sie ihm vorschlägt, ein — nicht leichten Herzens. „Nun, Erich, magst Du ruhig schlafen!" ruft Hannah triumphirend aus, als sie den Etzel gefunden hat.
Auf der Hochzeit, die mit Glanz gefeiert wird, entwickelt Hannah-Kriemhilde eine forcirte Lustigkeit, deren tiefer Grund nur dem verblendeten Bruder Gustav entgeht, der in dem Wahne lebt, in dem neuen Schwager den besten Rückhalt für alle seine geschäftlichen Unternehmungen gesunden zu haben. Herbert dagegen, der im Meyer'schen Drama die Rolle Giselhas vertritt, kann sich niederdrückender Melancholie nicht entschlagen.
Der Tag kommt, an welchem Saweljew das seiner Frau gegebene Versprechen bis auf den letzten Buchstaben einzulösen hat- sie sollen vor mir liegen, wie einst Erich vor ihnen im


