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«r. 114. Anettes Blatt Mittwoch de» 17, Mai
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Di- .Kiestnrr »eeiliewtfiltcr •erben hem knzeiger •Hchenrilch dreimal taget egt.
1893
Vierteljihriger
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chratiskeü'age: chiebener Aami^snßkätter
Alle AnnonceN'Vureaur de« In- und Ausländer nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" -ntiKflm ■I I ■■■■■■ HT. ...........
Amtlichem Theil.
Bekanntmachung.
Die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz entweder ganz oder theilweise nicht selbst bewirthschaften, werden hierdurch aufgefordert, bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemeinde, in deren Gemarkung die Grundstücke liegen, bis zum 1. Juni l. I. schriftlich oder mündlich 311 Protokoll den Antrag zu stellen, daß der auf die Steuercapitalien ihrer Grundstücke oder einzelner derselben entfallende Beitrag zur Berufsgenoffenschaft von einem Anderen, als Betriebsunternehmer zur Zahlung Verpflichteten, erhoben werde. Die Anträge müssen auch die nöthigen Angaben über die Pachterträgnisse der einzelnen Loose enthalten.
Sodann wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 der Verordnung vom 11. Juli 1888 von nachverzeichneten Objecten ein Beitrag zur Berufsgenoffenschaft nicht erhoben wird:
1) von Grundstücken, welche zu einem land- oder forst- wirthschaftlichen Betrieb überhaupt nicht gehören;
2) von allen Gebäuden nebst zugehörigen Hofräumen, Haus- und Ziergärten;
3) von Grundstücken von Betrieben, deren Sitz außerhalb des Landes gelegen ist;
4) von steuerpflichtigen Grundstücken, deren land« und forst- wirthfchaftliche Benutzung dauernd eingestellt ist, fei es, daß jede Nutzung aufgehört hat, sei es, daß an Stelle der land- und forstwirthschaftlichen eine gewerbliche Benutzung getreten ist (z. B. Verwandlung eines Ackers in einen Steinbruch).
Diejenigen Grundbesitzer, welche derartige Befreiungsgründe, die sich der amtlichen Kenntniß entziehen, geltend machen können, werden aufgefordert, die Befreiung bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemarkung, in welcher das Grundstück gelegen ist, bis zum 1. Juni l. I zu beantragen.
Gießen, den 13. Mai 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, 13. Mai 1893.
Betreffend: Die land- und forstwirthschaftliche Berufsgenoffenschaft für das Großherzogthum Hessen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
a* die Grstzh. Düraermeiftere-e» des Keetses.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald auf ortsübliche Weife zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
Unter Bezugnahme auf $ 5 und 10 der Verordnung vom 11. Juli 1888, die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betr., und unser Ausschreiben vom 17. Juli 1889 (Anzeigeblatt Nr. 167) machen wir Sie noch darauf aufmerksam, daß die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz j nicht selbst bewirthschaften, bei der Anmeldung das Nechts- j verhältniß (z. B. Pacht rc.) und die Pachterträgnisse der | einzelnen Loose anzugeben haben.
Ueber die gestellten Anträge haben Sie ein Register nach der Zeitfolge der Anträge in vorschriftsmäßiger Form (cf. Formular A. zu der Verordnung vom 17. Juli 1889, S. 93 des Regierungsblattes) zu führen und dies Register spätestens bis zum 15. Juni l. I. unter Anschluß der gestellten Anträge und der dazu gehörigen Nachweise an uns einzusenden.
Innerhalb gleicher Frist sind die Anmeldungen ein- ■ getretener Befreiungsgründe von der Beitragspflicht (cf. § 10 der alleg. Verordnung) mit dem von Ihnen zu führenden i Antragsregister uns mitzutheilen. Die Anträge sind von . Ihnen zu prüfen und nach Befund als richtig zu bescheinigen.
Sodann weisen wir Sie unter Bezugnahme aus 14 ! und 15 der genannten Verordnung hierdurch an:
1) Verzeichnisse der in den Gemeinden etwa vorhandenen landwirthschaftlichen Nebenbetriebe (z. B. von Fuhrwerks-, Drescherei-, Brennerei-, Molkerei-, Stein- bruchs-, Sandgruben-, Lehmgruben-, Torfstich-, Ziegelei-, Kalköfen-, Kellerei-Betrieben rc.), soweit diese Betriebe nicht bereits nach dem gewerblichen Unfallversicherungsgesetz vom 6. Juli 1884 versichert sind,
; 2) Verzeichnisse der außerhalb des Groftherzog-
thums gelegenen Grundstücke, welche zu einem landwirthschaftlichen Betrieb im Großherzogthum ge
hören, mit Angabe dieser Grundstücke nach der Katasterbezeichnung, der Größe und des Eigenthümers,
an den Vorstand der land- und forstwirthschaftlichen Berufs- genossenschaft, Herrn RegierungSrath Nover in Darmstadt, bis Ende Juni l. I. einzusenden.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.
In der Zeit vom IO. bis einschließlich 23 Mai d. I. in den Stunden von Vormittags 9—12 Uhr und von Nachmittags 2—5 Uhr liegen auf dem Rathhaus zu Steinbach die Arbeiten des ersten Hauptabschnitts des I. und III. Bereinigungsbezirks (Felder zwischen der Staatsstraße nach Lich und der Kreisstraße nach Garbenteich, sowie zwischen dem alten Anneroder 2Beg, und der Staatsstraße nach Lich) nämlich: die allgemeinen Meliorationspläne mit Erläuterungsberichten nebst den dazu ergangenen Beschlüssen der Vollzugscommission und den Protocollen über die Prüfung dieser Arbeiten zu Jedermanns Einsicht offen.
Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten habe ich auf Mittwoch den 24. Mai l. I«, Nachmittags von 3—5 Uhr in das Rathhaus zu Steinbach anberaumt. Die in diesem Termin nicht Erscheinenden sind mit Einwendungen ausgeschlossen.
Gießen, den 6. Mai 1893.
Der Vollzugscommiffär: Nebel, Amtmann.
Dermtfc^tes.
* Weltausstellungsnotizen. Der 27. Juli ist vom Ceremonien-Ausschuß der Weltausstellungs-Behörde dem Turntag für die Vereine des Turnerbundes als besonderer Festtag reservirt und die große Musikhalle der Turnbehörde frei zur Verfügung gestellt worden. Das Chicagoer Comitc wurde beauftragt, für diesen Galatag ein passendes Programm zu entwerfen. Der Aufforderung zur Betheilung an den turnerischen Vorführungen während der Ausstellung sind eine Anzahl Anmeldungen aus verschiedenen Theilen des Landes ge-
Feuilleton.
Passte.
Novellette von John Paulsen.
Autortsirte Uebersetzung von Ernst Brausewetter.
(Nachdruck verboten.)
Sie erwachte und streckte sich gähnend, indem sie den Kops wie ein verzogenes Kind an dem Spitzenkissen rieb. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr, die auf dem kleinen Nachttisch nebenan lag. Erst elf! Die Vorstellung hatte gestern lange gewährt und sie hatte eine anstrengende Rolle gehabt. Nein, es war noch zu früh, aufzustehen! Sie hatte heute ja auch keine Probe. Noch ein kleines Schläfchen! Sie nahm eine bequemere Stellung ein und versuchte weiterzuschlafen — aber es gelang ihr nicht.
Die dumme Kritik, die sie nicht vergessen konnte! O, sie hätte dem unverschämten Narren von der „Theater-Revue" die Augen auskratzen mögen.
„Passse" war der Ausdruck, den er von ihr gebraucht hatte. Gewiß war die Kritik in letzter Zeit etwas zurückhaltend gewesen, aber es war das erste Mal, daß Jemand gewagt hatte, sie an ihr Alter zu erinnern, sie, die vergötterte erste Liebhaberin des Hoftheaters, zu tadeln!
Sie klingelte zornig — ihr Mädchen trat herein.
Eine halbe Stunde später saß sie in einem rothen Morgenschlafrock am Frühstückstische, aber weder der Anblick des reichgedeckten Tisches, noch der Lorbeerkränze an der Wand, Andenken an das letzte Benefiz, vermochten sie bester zu stimmen.
Sie durchblätterte die Morgenzeitungen. Es war keine lobende Notiz über sie darin, also waren sie alle langweilig.
Paffse!
Sie trat vor den Spiegel, der ihre ganze Figur zurück- tvarf, und versuchte ihre Taille mit den Händen zu umschließen — was ihr nicht glückte. Es war viele Jahre her, daß sie dieses Kunststück hatte ausführen können. Mit einer Sylphide konnte man sie nicht mehr vergleichen — und doch hatte „ein ijunger Dichter" einmal geschrieben:
„Gleich der Sylphide schwebt sie, Strähfend durch das Haus, Von den Grazien gefolgt —"
Nachdem sie ihre Figur gemustert, kam das Gesicht an die Reihe. Leider war auch das Gesicht sehr voll, aber diese Fülle schadete der Feinheit der Züge nicht, sie bildete nur ein Grübchen aus der Wange, dieses „Amoretten Grübchen", wie es der junge Dichter genannt hatte, trat nun stärker hervor. Sie lächelte mechanisch, aber das Lächeln kleidete sie jetzt nicht so gut, wie in alten Tagen. Bei den Augenwinkeln bildeten sich ein paar seltsame strahlenförmige Falten, welche sie alt machten — ja alt. Sie versuchte das Lächeln mehrmals, aber das Resultat blieb dasselbe. Die abscheulichen Falten kamen immer wieder zum Vorschein. Und ihre Haut — das entdeckte sie jetzt — war alles andere eher als hübsch. Das starke Mittagslicht hob gleich einem unbarmherzigen SMttfcr hervor, wie grau, rauh und faserig sie war. Diese abscheulichen starken Schminken, wie sie ihrer „Rosenfarbe" geschadet hatten!
Aber wie schön die dunklen Augen noch waren! Sie konnten mit einer jeden den Kampf aufnehmen. Sie hatten diesen schwärmerischen Madonnen-Ausdruck, welcher sie niemals verließ, ob ihre Eigenthümerin auf der Bühne eine Liebeserklärung erhielt oder ihren Lieblingskuchen beim Con- ditor aß. Ihr Glanz war vielleicht ein wenig erblaßt, aber daran war der treulose Baron S. schuld, der sich plötzlich, ohne sie davon zu benachrichtigen, mit der reichen Com- merzienrathstochter verheirathete. Aber daß der Blick weniger strahlte, bemerkte das Publikum ja nicht. Ein schwarzer Strich unter dem Auge hatte eine großartige Wirkung.
Und ihr Haar? — Sie trat einen Schritt vom Spiegel zurück, um es bester betrachten zu können, indem sie es auflöste und es wie zwei Kaskaden über Hals und Schultern herabgleiten ließ, — ja, gab es wohl ein weicheres und schwärzeres? Ein einziger Silberstreifen bei der Schläfe konnte doch wohl übersehen werden.
Das hübscheste waren jedoch die Lippen. Sie hatten jene seine jungfräuliche Linie, welche den Klagen ihrer Des- demona und ihres Gretchen rührende Glaubwürdigkeit verlieh. Nur wenn sie schlechter Laune war, zogen sie sich unmerklich in entstellender Weise herab.
Gott sei Lob, noch war sie keine Ruine! Sie konnte sich noch mit jeder messen. Sie wollte den Schmierer in der „Theater-Revue" ganz vergessen.
Das Mädchen kam mit einem Brief herein.
„Von der Intendanz," sagte es und ging.
Als die Tragödin den Brief gelesen hatte, blieb sie ganz füll sitzen, dann lachte sie kurz und unheimlich auf.
„Der Unverschämte!" — Sie steckte die Knebel der Hand in den Mund und biß darauf, eine alte Untugend auL den Kindertagen, wenn etwas gegen ihren Wunsch ging. Dann riß sie erbittert den Brief in viele Stücke.
Der Intendant hatte sie in höflich geschäftsmäßigem Tone benachrichtigt, daß „Gretchen" das nächste Mal von dem jungen blonden Fräulein Stella T. gespielt werden würde, welche neulich in einer kleineren Rolle so glücklich debutirt hatte, da ihre „Erscheinung" nach der Meinung der Kritik sich nicht mehr ganz für diese jugendliche Rolle eignete.
Hahaha! Man nahm ihr also ohne Weiteres ihre Lieblingsrolle fort. — Man sand sie also zu alt, um das „Gretchen" zu spielen. — Es fehlte nur, daß der Intendant ihr befahl, in das „Anstandsfach" überzugehen.
Leidenschaftlich ging sie im Zimmer auf und ab.
O, wie sie diese Stadt haßte, wo man nicht begriff, daß es eine andere Schönheit gibt als die des Körpers, daß Herz und Genie eine ewige Jugend besitzen. — Fünfzehn Jahre hatte sie wie ein gehorsamer und anbetender Sclave zu ihren Füßen gelegen. Das Publikum hatte ihr zugejubelt, wenn sie nur auf der Bühne erschien, bevor sie noch den Mund öffnete, die Kritik hatte ihren Ruhm ausposaunt, die Bildhauer hatten ihre Büste modellirt, die bei allen Kunsthändlern ausgestellt war, die Dichter hatten ihr ihre Gesänge gewidmet. Componisten hatten ihre Hefte mit ihrem Porträt geschmückt, ja, selbst die Industrie hatte sich ihres Namens bemächtigt und ihre Producte damit geschmückt — vom Modehändler bis zum Conditor.
Und nun — ganz plötzlich — ohne Warnung — reißt der Sclave sich los. — Und warum? — Lächerlich! — Ein bischen Corpulenz, ein einzelnes graues Haar — das ist alles.
(Fortsetzung folgt.)


