Ausgabe 
17.5.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 114 Erstes BUM

Mittwoch deu 17. Mai

1893

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 15. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog traf heute Vormittag gegen 9 Uhr in Wien ein und wurde von dem Kaiser, den hier anwesenden Erz­herzogen und zahlreichen hohen Würdenträgern auf dem Bahnhof empfangen. Bei der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof spielte die Musik die Nationalhymne. Nach der Begrüßung zwischen dem Kaiser und dem Großherzog, welche einen sehr herzlichen Character trug, begab sich der Groß- Herzog mit dem Kaiser zu Wagen nach der Hofburg, wo die obersten Hofwürdenträger und der Graf Kalnoky erschienen waren. Im Laufe des Vormittags stattete der Großherzog den hier anwesenden Erzherzogen Besuche ab.

Darmstadt, 14. Mai. Wegen des Ablebens Seiner Durchlaucht des Fürsten Georg Victor zu Waldeck und Pyrmont ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hof­trauer vom Heutigen bis zum 21. l. M. einschließlich an­geordnet worden.

Berlin, 15. Mai. Den hervorstechendsten Characterzug der Reichstagswahlbewegung in deren bisheriger Entwickelung bildet die Zerfahrenheit der Parteien und die sich hieraus ergebende Unzahl der Candidarnren um die 397 Reichstagsmandate. In einigen Wahlkreisen haben allerdings die politisch einander am nächsten stehenden Parteien bereits freundschaftliche Abkommen bezüglich eines gemeinsamen Candi- daten getroffen, aber m der Hauptsache geht jede Partei für sich in den Wahlkampf. Es kann daher schon jetzt behauptet werden, daß diese Zersplitterung unserer Parteiverhältniffe auch in der jetzigen Wahlbewegung eine ungewöhnlich große Anzahl von Stichwahlen nöthig machen wird, welches leidige Berlegenheitsmittel doch wahrlich nicht dazu beiträgt, unser politisches Leben gesunder zu gestalten. Schon aus diesem Grunde erscheint es als höchst wünschenswerth, daß sich die einander politisch mehr oder weniger eng befreundeten politischen Parteien bereits für die Hauptwahl verständigen, wo dies nur irgend angeht, obwohl auch noch andere Erwägungen auf eine solche Nothwendigkeit Hinweisen. Vorläufig macht der Gang der Wahlbewcgung noch nicht den Eindruck, als ob sie zu wirklichen Wahlbündnissen allgemeineren Characters nach dieser ober jener Richtung sichren sollte, vielmehr dürfte das bunte Durcheinander im Wahltreiben auch noch weiterhin andauern.

Die am Samstag in Berlin stattgehabte General­versammlung des deutschen Bauernbundes hat mit allen gegen sechs Stimmen die Auflösung des Bauern­bundes und dessen vollkommene Verschmelzung mit demBund der Landwirthe" beschlossen. Der schon jetzt nicht zu be­zweifelnde politische Einfluß des letzteren wird durch den Liebertritt des Bauernbundes sicherlich eine bemerkenswcrthe Stärkung erfahren.

Die Berliner Börse greift in sensationeller Weise in die Wahlbcwegung ein. Eine Anzahl ihrer hervor­ragendsten Mitglieder hat einen Aufruf veröffentlicht, welcher zunächst der Ucberzeugung Ausdruck gibt, daß die Verstärkung der Wehrkraft Deutschlands eine gebieterische und unabweis­bare Nothwendigkeit iei. Im Anschlüsse an diese Erklärung fordert dann der Ausruf zu Beiträgen behufs Unterstützung der Wahl derjenigen liberalen Candidaten aller Schaitirungen auf, welche u^ter rhunlichster Berücksichtigung der wirthschaft- lichen Bedürfnlsse nach Abkürzung der Dienstzeit für die durch die Militärvorlage beabsichtigte Stärkung unserer Wehrkraft eintreten wollen.

Dresden, 14. Mai. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog von Hessen nebst Gefolge sind heute Abend mit Zug 9 Uhr 11 Min. von hier nach Wien weilergereist.

Marburg, 15. Mai. Als Gegencandidat des Dr. Böckel ist der Gutspächter E. Lucke von Patershausen bei Offenbach a. M. ausgestellt worden. Er ist von dem Bund der Landwirthe in den Kreisen Marburg, Kirchhain und Frankenberg Vöhl in Vorschlag gebracht und es hat die conseroative Partei der drei Streife sich dahin schlüssig gemacht, für diesen Candidaten, welcher erklärt hat, sich den deutschen Conservativen im Reichstag anschließen zu wollen, einmüthig einzutreten. Es steht zu hoffen, daß auch die Nationalliberalen daffelbe thun.

Frankfurt, 16. Mai. Die vereinigte demokratisch- freisinnige Gruppe hat bis jetzt noch keinen Candidaten nominirt, die socialdemokratische Partei stellt wieder den seitherigen Reichstagsabgeordneten Schmitt auf, Herr Dr. Fester soll eine nationalliberale Candidatur an­nehmen.

Neueste Nachrichten.

DolffS telegraphisches Torrefpondenz-Bureau.

Berlin, 15. Mai. Der Bundesrath stimmte dem Gesetzentwurf über die Ersatzvertheilung in der durch den Reichstag abgeänderten Fassung zu.

Berlin, 15. Mai. Der Mathematiker Prof. Kummer ist gestern 'gestorben.

Berlin, 15. Mai. Nach einem Telegramm des deutschen Consulats in Capstadt meldete Hauptmann v. Francois dorthin, daß er Hör nkranz am 12. April erstürmt habe. Aus deutscher Seite ist der Gefreite Sokolowski tobt, die Soldaten der Schutztruppe Bartsch, Hermann und Dietrich sind verwundet. Der Verlust Witbois betrage achtig Tadle und hundert Verwundete.

Bückeburg, 15. Mai. Der Kaiser traf um 9 Uhr Vormittags ein. Er wurde vom Fürst Georg mit den Prinzen des fürstlichen Hauses empfangen und in das Schloß geleitet. Der Kaiser begab sich sofort zum Katafalk des verstorbenen Fürsten, legte einen Kranz nieder und verweilte in stillem Gebet. Hierauf sand die Trauerfeierlichkeit statt. Nach Ein­segnung der Leiche setzte sich der Trauerzug unter Kanonen­donner und Glockengeläute in Bewegung. Voraus marschirten zwei Compagnien des 7. westfälischen Jägerbataillons. Zunächst dem Sarge ging der Kaiser, Fürst Georg :c. Die Beisetzung erfolgte im Mausoleum in Stadthagen. Der Kaiser reift 7 Uhr Abends nach Berlin zurück.

Hamburg, 15. Mai. Falsche Gerüchte über neue Cholerafälle waren heute wieder an der hiesigen Vor­börse verbreitet. Nach Erkundigung an amtlicher Stelle ist kein Cholecafall vorgekommen und der Gesundheitszustand in Hamburg ganz ausgezeichnet.

Wien, 15. Mai. Der Großherzog von Hessen besuchte heute im Laufe des Tages die Kronprinzessin Stefanie und dann in Begleitung des Kaisers die Kaiserin.

Rom, 15. Mai. Der Papst empfing heute die polni­schen Pilger, ungefähr 180 an der Zahl. Der Erzbischof von Gnesen und Posen, Dr. v. Stablewski, verlas eine Adresse in lateinischer Sprache, welche der Papst lateinisch beant­wortete. Die Pilger überreichten einen Peterspfennig im Betrage von 50 000 Mark in Gold. Der Audienz wohnte der Cardinal Ledochowski bei. Unter den empfangenen Pilgern befanden sich zahlreiche Vertreter des polnischen Adels.

Depeschen deS Bure«uHerold".

Berlin, 15. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." erklärt, daß die Blättermeldnng, wonach in den letzten Tagen im Reichskanzlerpalais eine Versammlung hervorragender Berliner Bankdirectoren stattgefunden haben soll, sowie die daran geknüpsten Folgerungen jeder Begründung entbehren.

Berlin, 15. Mai. Fürst Bismarck erklärte definitiv, kein Reichstagsmandat mehr annehmen zu wollen. Graf Herbert Bismarck candidirt im Wahlkreise Jerichow.

Thorn, 16. Mai. Die Handelskammern Bromberg, Posen, Danzig, Thorn und Stettin richteten an den Cultus- minister eine Petition um Aufhebung ober Ermäßigung b er Sanitätsgebühren .für Flöße und Kähne auf der Weichsel. Der entsandten Deputation wurde nur eine Er­mäßigung, keine Aufhebung der Gebühr in Aussicht gestellt.

Köln, 15. Mai. Eine Versammlung des national- liberalen Centralwahlcomites für die Rheinlande beschloß, in jedem Kreise einen selbstständigen Candidaten auf­zustellen, nicht aber einen dem Centrum angehörenden Candi- daten, der für die Militäroorlage sei. Bei Stichwahlen soll es jedem Kreise überlassen bleiben, den örtlichen Verhältnissen entsprechend zu handeln. Demnächst wird ein besonderer Wahlaufruf erscheinen.

Stuttgart, 15. Mai. Die Vertrauensmännerversamm­lung der deutschen Partei Württembergs stimmte dem Wahlaufruf der nationalliberalen Partei zu, betonte aber, der Antrag Huene sei das weitgehendste Zugeständniß in der Militärvorlage.

Petersburg, 15. Mai. Es wird beabsichtigt, eine Eisen­bahn von Astrachan ans durch die Kirgisensteppe Hach dem Hauptorte der Uralindustrie Gurjewo, zu erbauen.

Odessa, 15. Mai Ein großer Theil der deutschen Colo nisten in Südrußland schloß mit der rumänischen Regierung einen Vertrag ab, durch welchen ihnen ihre Sprache und ihre Namenseigenth'ümlichkeiten gewährleistet werden. Die Uebersiedlungen nach Rumänien sind sehr zahlreich.

Wandsbeck, 16. Mai. Im holsteinischen Orte Schisf- beck ist ein Arbeiter unter choleraverdächtigen Um­ständen erkrankt und gestern gestorben. Zwölf Arbeitsgenoffen des Verstorbenen sind sofort in die Jsolirbaracke übergesührt

worden.' Die umfassendsten Sicherheitsmaßregeln sind an- geordnet.

Cocoles und provinzielles.

Sieben, 16. Mai 1893.

* Oefseutliche Sitzung des Provinzialausschufies der Pro­vinz Oberheffeu vom 13. Mai 1893. 1. Gesuch deS Adam Lorenz Dingel zu Grüningen um Concession zum Betriebe einer Gastwirthschast. Fragl. Gesuch ist vom Kreisausschusse Gießen zuerst in nichtöffentlicher und dann in der vom Gesuchsteller beantragten öffentlichen Ver­handlung abschlägig beschieden worden. Gegen diese Ent­scheidung hat Bingel Rccurs verfolgt mit der Begründung, daß die bestehenden Logirwirthschaften dem Bedürfnisse nicht genügten. Die Vernehmung zweier auswärtiger Zeugen ergab, daß es vor ungefähr zwei Jahren vorgekommen sei, daß in je einem Falle die Einstellung von Pferden und das Ueber- nachten eines Handelsmannes nicht möglich, bezw. mit Schwierigkeiten verknüpft gewesen sei. Zu Ende vorigen und resp. zu Anfang dieses. Jahres ist jedoch drei Schankwirthen die Berechtigung zum Logiren ertheilt worden. Der RecurS wird abgewtesen und dem :c. Bingel die Kosten des Ver­fahrens, sowie 10 Mk. Aversionalvergütung auferlcgt. 2. Beanstandung der Bürgermei st erwähl in Bingenheim- Die Bestätigung dieser Wahl war durch den Großh. Kreisrath deS Kreises Büdingen beanstandet worden,- der dortige Kreisausschuß erkannte jedoch, daß die Bestätigung des neugewählten Bürgermeisters erfolgen solle. Gegen dies Erkenntniß ist seitens des seitherigen Bürgermeisters RecurS verfolgt worden, zu dessen Unterstützung heute ein von fünf Gemeinderathsmitgliedern unterzeichnetes, deren Einverständniß ausdrückendes Schriftück von dem Anwalt des Recurrenten präsentirt wurde. Es handelte sich, da Reclamationen gegen die fragl. Wahl nicht erhoben worden sind, um die formelle Frage, ob dem Bürgermeister das Recht des Recurses zu- steht. Der Anwalt des seitherigen Bürgermeisters Lahm spricht für Bejahung, derjenige des neugewählten Bürger­meisters Müller dagegen für Verneinung dieser Frage. Der Recurs wurde als unzulässig abgewiesen und Bürgermeister Lahm in die Kosten verurtheilt, demselben auch ein Aversional- betrag von 25Mk. auferlegt. 3. Reclamation gegen die Bürgermeisterwahl zu Höchst a. d. N. Gegen diese Wahl ist Reclamation erhoben worden und zwar nament­lich wegen vorgekomckkener Wahlbeeinfluffungen. In erster Instanz ist dieser'Reclamation keine Folge gegeben worden, loeil die behaupteten Stimmbeeinflussungen nicht genügend erwiesen, bezw. als solche erkannt werden konnten. Eine größere Anzahl Zeugen wurde vernommen und drehte es sich in der Hauptsache um die Feststellung der von einem Kauf- manne, sowie einem Kreisstraßenwarten ausgegangenen Beein­flussung. Der Vertreter der Reclamanten erachtete die letztere für erwiesen und beantragte Aushebung der Wahl, während der Anwalt des wiedergewählten Bürgermeisters für die Be­stätigung des Kreisausschußurtheils spricht. Nach letzterem Anträge entschied der Prooinzialausschuß und verurtheilte die Reclamanten in die Kosten und zur Zahlung eines Aversums von 20 Mk. 4. Voranschlag b er Gemeinde Reichelsheim pro 1891/92, hier die Reclamation gegen Ermäßigung der Auflage auf die Allmendnutzung (Gras- loostheile). Von den an die Ortsbürger Reichelsheims zur Benutzung abgegebenen Gemeindegrundstücken wurde in den letzten Jahren eine Auflage von 6 Mk. erhoben. In früheren Jahren war die Höhe dieser Abgabe verschieden, zuweilen sand auch die Erhebung einer solchen überhaupt nicht statt. Bei Aufstellung des Voranschlags pro 1891/92 ist die in Rede stehende Auflage von dem Gemeindevorstand auf 4 Mk. er­mäßigt und daraufhin von NichtortSbürgern Reclamation hiergegen erhoben worden, welche indeß vom Kreisausschusse Friedberg verworfen wurde. Der Vertreter des Gemeinde- Vorstandes ist der Ansicht, daß der letztere zur Herabsetzung der Auflage berechtigt war, da bei Erlaß des Gesetzes vom 22. No­vember 1872, die Gemeinde Ausgaben betr., eine Abgabe über­haupt nicht bestanden habe. (Festgestellt ist, daß in den Jahren 1870 bis 1880 tatsächlich eine solche nicht erhoben wurde.) Der Zweck der Reclamation liege tiefer, indem die Reclamanten der Meinung seien, daß die Allmende zurückgezogen und für die Gemeindebedürfnisse verwandt werden könne. Der Anwalt der Reclamanten vertritt prinzipiell den Standpunkt, daß ein Rechtsanspruch auf den Allmendgenuß nicht bestehe, wenn solcher auch bisher ausgeübt worden sei. Der Schuldenstand sowie die Umlagen der Gemeinde seien in einem Maße gestiegen, welches ohnehin die Ermäßigung der Abgabe von 6 aus 4 Mark nicht rechtfertige. Der Provinzialausfchuß erkannte, daß die Gemeinde nur berechtigt zu erachten sei, bis zu dem