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Freitag den 17. März

1893

Der Gieheuer «Mietgtt erscheint täglich, mit Lu»nahmr de» Montag».

Die Bießener Warntkie» d kälter Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigekegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Lierteltähriger A5»N»eme»t»PretO» 2 Mark 20 Psg. mV Brmgerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Wg.

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Amts- unb 2lnzeigeblcrtt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden tag erscheinenden Nummer bi» Corrn. 10 Uhr.

Hratisbeilage: chietzener KamilienKtätter.

Alle Annoncen-Bureaux de» In- und AuSlande» nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Dienstag den 28. März d. I., Vormittags IO Uhr, findet im Regierungsgebäude dahier eine öffent­liche Sitzung des Provinzialtages der Provinz Oberheffen mit folgender Tagesordnung statt:

1. Prüfung der Ergänzungswahlen für den Pro­vinzialtag.

2. Wahl eines Mitgliedes des ProvinzialausfchuffeS an Stelle des ausgeschiedenen Mitgliedes Steuerrath Pfann müll er-Nidda.

3. Wahl eines Mitgliedes und eines Stellvertreters der Ober-Ersatz-Commission für die Jahre 1893/95.

4. Prüfung der Rechnung der Provinzialkaffe und Er- stattung des Rechenschaftsberichts für 1891/92.

5. Feststellung des Voranschlags der Provinzialkaffe für 1893/94.

Gießen, den 11. März 1893.

Der Vorsitzende des Provinzialtages:

v. Gagern._____________

Bekanntmachung.

Der schon eine Reihe von Jahren bestehende Verein für Vogel- und Geflügelzucht zu Darmstadt hat sich zur Aufgabe gestellt, in erster Linie die Geflügelzucht, vorzüglich die Nutz­geflügelzucht zu heben und hat durch Vorträge rc. auf die Interessenten belehrend einzuwirken versucht und hat auch schon Erfolge erzielt.

Durch Veranstaltung von Geflügel-Ausstellungen glaubt der Verein der Sache am Besten zu dienen, da derartige Ausstellungen anregend und belehrend wirken.

Der Verein beabsichtigt nun Mitte April d. I. zu Darmstadt eine allgemeine Ausstellung von Ge­flügel aller Art zu veranstalten und damit eine Prämiirung der besten Ausstellungs-Objecte zu verbinden. Er hofft, daß auch Geflügelzüchter aus dem Kreise Gießen die Ausstellung beschicken.

Die Geflügelzüchter, welche Geflügel auszustellen beab­sichtigen, werden ersucht, ihre Anmeldungen an den Vorstand des Vereins für Vogel- und Geflügelzucht zu Darmstadt direct zu richten.

Gießen, den 13. März 1893.

Der Director des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.

Deutscher Reich.

Berlin. 15. März. Die endgiltigen Dispositionen für die bevorstehende Romreise des Deutschen Kaiser­paares sind amtlich zwar noch nicht bekannt gegeben worden, doch wird allgemein der 18. April als Tag des Antritts der jüngsten Jtalienfahrt der kaiserlichen Majestäten genannt. Im Gefolge des Kaisers werden sich hierbei u. A. befinden Staatssecretär Freiherr v. Marschall-Bieberstein als Vertreter des Auswärtigen Amtes, jedoch nicht Reichskanzler Graf Caprivi selbst, wie es zuerst hieß, ferner Oberhofmarschall Graf Eulenburg und die Chefs der kaiserlichen Cabinets. Außerdem folgt dem Kaiser eine glänzende militärische Suite, auch die Kaiserin wird von einem größeren Gefolge begleitet sein. Nock ehe die Majestäten die Reise antreten, erfolgt die Uebersiedelung des kaiserlichen Haushalts aus dem Berliner Residenzschlosse nach dem Neuen Palais bei Potsdam, woselbst daß erlauchte Paar am 1. Mai auS Italien wieder etnzu- treffen gedenkt.

lieber das angebliche Scheitern der deutsch-russi­schen Handelsvertrags-Unterhandlungen wurden stt den letzten Tagen alarmirende Nachrichten verbreitet. Es wurde behauptet, daß das preußische Ministerium durch den Finanzminister Dr. Miquel und den Handelsminister v. Ber­lepsch plötzlich erhöhte Gegenforderungen im Interesse der deutschen Landwirthschaft aufgestellt habe, denen der Reichs­kanzler Graf Caprivi hätte nachgeben müssen und welche das Zustandekommen des deutsch-russischen Handelsvertrages als aussichtslos erscheinen ließen. Andere Meldungen bezeichnen indessen diese Behauptungen bestimmt als gänzlich unzutreffend und dies wohl mit Recht.

Ausland.

Die jüngsten Zwischensälle im Panama-Scandal, wie sie sich durch die Aussagen der Frau Cottu im Panama- Bestechungs Prozeß und dem hierdurch veranlaßten Rücktritt des Justizministers Bourgeois darstellen, werden vorläufig keine weitergehenden politischen Folgen, wie etwa den Sturz des Gesammtcabinets Ribot, nach sich ziehen. Dies erhellt zur Genüge auS dem Ausgange der über diese Vorgänge ge­pflogenen parlamentarischen Erörterungen. In der Depu« tirtenkammer ist man mit Annahme der der Regierung günstigen Tagesordnung Rivet, die am Schluffe der betreffenden Montagssitzung mit 297 gegen 228 Stimmen Genehmigung fand, über die Aussagen der Frau Cottu zur Tagesordnung übergegangen, und dasselbe geschah in der Dienstagssitzung des Senats, in welcher das Verhalten der Regierung mit

imponirender Mehrheit, mit 209 gegen 56 Stimmen, ge­billigt wurde. Da schließlich auch die DienStagSdebatte der Depmirtenkammer, bei welcher der Zwischenfall mit Frau Cottu nochmals zur Sprache gelangte, wiederum mit einem Erfolge für die Regierung endete, so kann das Ministerium Ribot in dieser für letzteres nicht unbedenklichen neuesten Phase des Panamascandals als einen parlamentarischen Sieg auf allen Linien verzeichnen. Trotzdem herrscht in den Pariser politischen Kreisen fast allgemein die Ansicht, daß die Regie- rung keineswegs gefestigter dastehe und daß für sie vielleicht schon der nächste Zwischenfall verhängnißvoll werden könne. Bemerkenswerth ist es jedenfalls, daß Bourgeois den Wieder- eintritt in daß Cabinet Ribot rundweg abgelehnt hat, er scheint zu fühlen, daß es mit dessen Herrlichkeit doch nicht mehr lange dauern wird. Im Panama-Bestechungs Prozeß wurde am Dienstag das Zeugenverhör zu Ende geführt. Im Verlaufe der Sitzung forderte der Advocat Lassages ein strenges Urtheil gegen die Angeklagten Baihaut, Böral, Sans Leroh, Dugue, Gobron und Proust/ denn sie seien alle wahre Verbrecher.

In Spanien ereignen sich immer wieder repu­blikanische Kundgebungen, welche davon zeugen, wie sehr das Bewußtsein der spanischen Republikaner durch die von ihnen bei den jüngsten Corteswahlen errungenen Erfolge gehoben worden ist. So kamen am Montag in Barcelona mehrfache Demonstrationen zu Gunsten der Republik vor, doch gelang es, die Ruhe bald wieder herzustellen.

Deutscher Reichstag.

67. Sitzung. Mittwoch. 15. März 1893.

Die »wette Beiathung des Reichshaushattsetats wird beim Etat des Reichsfchatzamts fortgesetzt.

Abg. Graf Mirbach (cons.) weist die gestrige Behauptung BüsingS zurück, wonach die Aenderung der Währung nur dazu dienen solle, der Verschuldung des Großgrundbesitze« abzuhelfen. Bamberger habe keinen Anlaß gehabt, sich verletzt zu fühlen; er, Redner, habe nicht unterstellt, daß ein Volksstamm schlechter als der andere fei.

Abg. Dr. Broemel (bfr.) bemerkt, daß Bamberger wegen eines Augenleidens einen Arzt consultire und deshalb nicht anwesend

^Abg^. Büsing (natl.): Graf Mirbach habe neulich selbst geäußert: Wer nicht bei der Landwirthschaft ist, den schütze ich nicht. Bei der Landwtrtbfchaft aber seien hauptsächlich Großgrundbesitzer.

Abg. Gtas Mirbach bestreitet dies. Der bäuerliche Besitz suche in steigendem Maße Eredtt bet der Landschaft.

Der Etat wird angenommen-

Beim Etat des Bankwesens beklagt Abg. Gras Mirbach (cons.), daß s. Z. der conservatioe Antrag auf Ueberführung der Bank in Retchsbesitz nicht angenommen worden sei. Binnen zwei Jahren seien dadurch dem Reiche 84 Millionen entgangen.

Der Etat wird genehmigt.

Feuilleton.

Geschichtsbilder sus dem Vogelsberg.

Von Dr. E. L. Otto.

(4. Fortsetzung.)

Der Engländer Wyn fr ith, geboren itn letzten Viertel des siebenten Jahrhunderts, hatte sich wie so viele seiner Landsleute ausgemacht, um den heidnischen Deutschen die Segnungen des Christenthurns zu bringen, lieber Rom, wo ihm etwa 718 der Papst Gregor II. den Namen Boni­tät i u s ertheilte, zog er nach Thüringen, aber nur zu kurzem Aufenthalt, um dann in Hessen das Werk der Heidenbekehrung aufs eifrigste fortzufetzen. Das Christenthum war dem Volke nicht fremd geblieben, doch war die große Masse desselben immer noch heidnisch. Von der Höhe der Amanaburg aus, wo er 722 bei den heidnischen Brüdern Dettic und Deoruls gastliche Aufnahme und sein mächtiges Wort vom großen Christengott einen günstigen Boden fand, wo der Bekehrung dieser beiden mächtigen Heerführer die Taufe des massenhaft zuströmenden Volkes folgte, konnte er hinüberblicken nach dem lang hingestreckten Hochrücken des Vogelsbergs. Ohne Zweifel plante er damals auch, seine Bewohner ebenfalls für das Christenthum zu gewinnen.

Wie ein Feldherr in einem eroberten Lande Festungen anlegt und in denselben eine genügende Besatzung zurückläßt, um sich den dauernden Besitz zu sichern, so gründeten auch die christlichen Eroberer an hervorragenden Stellen Kirchen und Klöster. Auch Bonifatius erbaute auf der weithin sicht­baren Basaltkuppe der Amanaburg ein Kloster, das erste, das er stiftele. Hier sammelte er eine Anzahl von Brüdern, welche die Lehrer der bekehrten und noch zu bekehrenden Hessen sein sollten. Sie zogen predigend von Ort zu Ort und lebten, wie das Volk selbst, in größter Armuth. Fielen die Sachsen plündernd und verheerend in das Land ein, so

flüchtete man nach dem nächsten festen Platze in den Wäldern, bis es gelang, die Feinde wieder über die Grenze zu treiben. So gewann Bonifatius mit seinen Begleitern im Sturm die Herzen des hessischen Volkes.

Doch wandte sich derApostel der Hessen" nicht gleich der Bekehrung des Vogelsbergs zu. Andere Aufgaben lagen ihm näher und waren ihm wichtiger.

Zuerst reiste er wieder nach Rom (722), wo er die bischöfliche Ordination erhielt und sich dadurch unlöslich an die päpstlichen Interessen band- von jetzt an war er nicht mehr freier Prediger des Evangeliums, sondern nur noch Beauftragter des Papstes.

Im Frühjahr 723 kehrte Bonifatius nach Deutschland zurück, und im folgenden Jahre sehen wir ihn wieder bei den Hessen, wo er die heldenmüthige Fällung der heiligen Eiche bei Geismar vornimmt und dadurch das Vertrauen aus die heidnischen Götter mehr schädigt, als durch die eindringlichsten Predigten. Er versetzte dadurch dem Heidenthum in jener Gegend einen tödtlichen Schlag. 732 gründete er unweit davon ein Kloster, das er Friedensstätte, Friteslar nannte, woraus später Fritzlar geworden ist. Hier predigte auch des Bonifatius Lieblingsschüler Sturm, den er ausersehen hatte, ein anderes neues Kloster zu gründen. Die erstgewählte Stelle, wo etwas später das Kloster Hersfeld gebaut wurde, schien Bonifatius der Nähe der heidnischen Sachsen wegen zu gefährlich- er befahl einen südlicher gelegenen Platz aufzu­suchen.

Lange suchte Sturm bte Abhänge und Thäler der Rhön und des Vogelsberges ab, bis er einen Platz im Eichwald, Eich loh, fand, der geeignet für das neue Kloster schien. Karlmann schenkte den Bezirk und veranlaßte auch die Großen des Grabfeldes zu Schenkungen von Grundbesitz. Im März 744 traf Sturm mit sieben Brüdern aus Fritzlar im Eichloh ein, im Mai auch Bonifatius, und nun wurde der Grund zu einer Kirche gelegt. So ward das Kloster Fulda gegründet. Doch ist jetzt von diesen ältesten Ge­

bäuden nichts mehr vorhanden- die älteste noch jetzt stehende Kirche Fuldas, die Michaelskapelle, stammt In ihren frühesten Theilen aus den Jahren 82022.

Daß Bonifatius von Fulda aus in den Vogelsberz kam, ist wahrscheinlich, aber nicht geschichtlich beglaubigt. Nur Sage ist es, daß er auf dem höchsten Punkte unseres Gebirges, auf dem Taufstein zahlreiche Taufen vorgenommen habe. Irgend welche sichere Beweise dafür haben wir nicht, sicher aber ist, daß, wenn Bonifatius in den Vogelsberg, kam, er auch daselbst schon Christen vorfand, die schottische Missionare bekehrt hatten, also nicht der römischen Kirche angehörten.

Doch waren es immer noch nur einzelne, verhältniß- mäßig wenige Bewohner unserer Gegend, welche die Heiden­götter abgeschworen hatten und durch die Taufe in den Bund der Christen ausgenommen waren. Aber nicht ganz. Ein so tief durch viele Jahrhunderte eingewurzelter Glaube an die Größe und Macht der alten Götter konnte nicht aus­gezogen und weggeworsen werden wie ein zerschlissenes Kleid. Wenn sich auch die jungen Christen öffentlich und äußerlich bequemten, die dem Heidenthum angepaßten christlichen Ge­bräuche auszuführen, wie sie es von Priestern und Mönchen gelernt hatten, im Herzen und insgeheim waren sie noch Heiden, welche wenigstens bei Nacht die alten Opferstätten und heiligen Plätze aussuchten, wie vor der Taufe. War es ja doch in jenen Anfangszeiten der Ausbreitung des Christen­thums keine Seltenheit, einen Priester zu finden, der je nach Wunsch Messe las, Beichte hörte und Absolution ertheilte oder auch den alten heidnischen Göttern opferte. Blieb er doch dadurch in Gemeinschaft mit seinen Stammgenossen, von welchen die meisten sich gegen die neue Lehre durchaus ab­lehnend verhielten und den alten Heidengöttern treu blieben, die auch von ihren Vorfahren verehrt worden waren, soweit die Erinnerung und die Sage auch zurückreichte.

(Fortsetzung folgt.)