1893
Mittwoch den 16. August
Erstes Blatt
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Nr. 191
Fcrnsprech« 51.
Zlints- und Anzcigeblatt für den Kreis Gieren.
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Gratisbeilage: Gießener JamitienKkätter.
Amtlicher Theil
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Deutscher Reich.
«Berlin, 14. August. Im Befinden des Herzogs E r n st von Coburg ist bedauerlicher Weise wieder eine Verschlimmerung eingetreten, namentlich machen sich Zunahme der allgemeinen Körperschwäche und Appetitmangel bemerklich. Bei dem vorgerückten Alter deS hohen Kranken — Herzog * Ernst steht bekanntlich im 76. Lebensjahre — gibt dieser Stand der Krankheit des coburgischen Herrschers jedenfalls .zu nicht ungegründeten Besorgnisien Anlaß.
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Schiedmayer, Kuhse, Estej
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Vierieljähriger ASouutmealsprcl-, 2 Mark 20 Pfg. mit, vringerlohn.
Durch die Post bezog«» 2 Mark 50 Pfg.
Rebaction, Lxpeditto» > und Druckerei:
ungen hat sich Graf Posadowsky als tüchtiger Verwaltungsbeamter bewährt, ob er jedoch auch daS Zeug dazu besitzt, den gerade unter den heutigen Umstanden so schwierigen Posten eines StaatSsecretärs im Reichsschatzamte voll auS- zufüllen, daS wird er noch zu beweisen haben.
— Der Wortlaut des deutsch-spanischen Handelsvertrages soll einstweilen nicht veröffentlicht werden. Die deutsche Regierung will erst die Entschließungen der spanischen Cortes über den Vertrag abwarten.
— Deutsch-russische Handelsvertragsver- Handlungen. Die „Now. W kann aus sicherer Quelle mittheilen, daß die nach Berlin gesandte russische Note, welche vorschlägt, schon vor dem 1. October n. St. (IS. September a. St.) zu den Handelsvertrags-Verhandlungen aus der Basis gegenseitiger Coneessionen zu schreiten, von der deutschen Regierung äußerst günstig ausgenommen worden ist. Somit ist voller Grund vorhanden anzunehmen, daß der Zollkrieg, dessen folgen gleich schwer aus der ökonomischen Lage beider befreundeten Mächte lasten, Dank der Mäßigung von Seiten beider Regierungen und der von der russischen Regierung bezeugten weisen Festigkeit, in kürzester Zeit beendet sein
Brücken-Sperre.
Die im Kreisstraßenzug Beuern—Bersrod gelegene Rrebsbachbrücke ist von
Montag den 21. August l. I.
<rb wegen Umbaues derselben bis auf Weiteres gesperrt.
Gießen, den 14. August 1893.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V. : Dr. li o r._________
Bekanntmachung,
Eduard Lind hat die Concession als Dienstmann mit .der Nr. 19 erhalten.
Gießen, den 12. August 1893.
Großherzogliches Polizeiarnt Gießen.
Fresenius.
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Das Gr. Steuer-Commissariat Gießen
au die Grosth. Bürgermeistereien des Bezirks.
Wegen Anberaumung der Stmer-Regulinmg ersuchen wir Sie um umgehende Mittheilung an welche» Tage« de» Monats September Sie mit der Commission, in Folge von Einquartierung, unbedingt verhindert sind dem Einschätzungsgeschäfte beizuwohnen.
Die Anwesenheit der Mannschaften in den Orten, die theilweise 8—14 Tage andauert, kann die Vornahme der, nur einige Stunden beanspruchenden, Regulirung doch nicht unmöglich machen.
Gießen 15. August 1893.
Süfsert.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
— Die bisher noch unbeglaubigten Mittheilungen über die auf der Frankfurter Finanzminister-Conserenz erzielten Resultate haben durch eine offenbar hochofficiöse Correspondenz in der „Nordd. Allg. Ztg." eine gewiße Bestätigung erfahren. In dieser von „gut unterrichteter Seite stammenden Zuschrift wird ebenfalls versichert, daß sich in den Anschauungen der in Frankfurt versammelten Staatsmänner über die Nothwendigkeit einer Neuordnung der Reichsfinanzen und der finanziellen Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten eine überraschende Uebereinstimmung gezeigt habe. Hinzugefügt wird die Versicherung, daß diese erfreuliche Uebereinstimmung auch bei dem Gedankenaustausch über die Ziele und den Inhalt der erstrebten Reform hervorgetreten sei. Im Ferneren geht aus der Veröffentlichung in der „Nordd. Allg. Ztg." hervor, daß in der That zunächst eine Mehrbesteuerung deS Tabaks und Weins zur Deckung der Kosten der projectirten Finauzreform beabsichtigt ist, es sollen in Frankfurt sogar schon die Grundlinien der betreffenden Gesetz- entwürfe festgestellt worden sein. Schließttch versichert die Zuschrift, daß aus der Frankfurter Ministerconferenz von keiner Seite die Befürchtung einer zu starken Betonung des einheitlichen Gedankens laut geworden sei.
— Fast unmittelbar nach Abschluß der Frankfurter Ministerberathungen ist die Nachricht von der G e n eh m i g u n g des Entlassuugsgesuches des bisherigen StaatSsecretärs im Reich Sschatzamte, v. Maltzahn- Gül tz, und von der Ernennung teS Landeshauptmannes von Posen, Grafen v. Posadowsky-Wehner zu seinem Nachfolger amtlich bekannt gegeben worden. Herr v. Maltzahn wird die Geschäfte des Reichsschatzamtes nur noch bis zum 1. September leiten, alsdann tritt der neue Chef der Reichsfinanzverwaltung sein schwieriges Amt an. So sehr die Meldung von der Annahme des Abschiedsgesuches v. Maltzahns nur der allgemeinen Erwartung entspricht, so überraschend wirkt anderseits die Nachricht von der Berufung des Grasen v. Posadowsky-Wehner an die Spitze des Reichsschatzamtes, denn der neue Reichsschatzstcretär ist polittsch noch em fast unbeschriebenes Blatt, man weiß in dieser Beziehung nur, daß der jetzt 49 Jahre alte Herr zur sreiconservativen Partei gehört und daß er als Mitglied derselben den Wahlkreis Fraustadt-Kröben von 1882 bis 1885 im Abgeordnetenhause vertrat. Im Uebrigen hat Gras Posadowsky die Landraths- Laufbahn durchmessen, leitete dann die provinzralstandliche
aussehende Gestalten mit langen, offenbar falschen Bärten und geschwärzten Gesichtern hieben mit kräftigen Stöcken auf dre Kehrseite eines auf der Erde liegenden Mannes ein.
Den Hirschfänger ziehend, stürmte Wehr muthig auf die Vagabunden ein und führte einen gewaltigen Hieb nach dem ersten derselben, welcher ihm jedoch gewandt auswich und ihm flüsternd zuraunte: „Sei doch gescheit — ich bins ja!'
Herr des Himmels — dem Verblüfften entsank fast die Waffe — Pfiffig mit seinen drei Jägern.
Es entspann sich nun ein höchst fürchterlich aussehender Scheinkampf, welcher mit der schmählichen Flucht der Straßenräuber endete. Stöhnend raffte sich Herr Semmel empor und fiel dem Oberjäger um den Hals.
„Sie haben mir das Leben gerettet, Herr Wehr, daS vergesse ich Ihnen nie, das werde ich Ihnen lohnen. Die Schufte hätten mich todtgeschlagen und mir dann das Geld abgenommen."
Ja, wo hatten Sie denn Ihren Revolver?
„Den mußte ick ja zuerst weggeben," klagte der Tapfere, indem er die am Boden liegende Waffe aufhob.
„Passirt ist Ihnen doch nichts, Herr Semmel?
„Dank Ihrer Hilfe eigentlich nicht, obwohl — und Herr Semmel tastete jammernd nach seiner Kehrseite.
„Wären Sie Soldat gewesen, so hätten Sie fechten gelernt und die Bande mit leichter Mühe in die Flucht geschlagen," erklärte Wehr, der kaum das Lachen zurückhaltea konnte. „Gehen Sie noch nach der Stadt?"
„Nicht um ganz Indien! Sie lasse ich ntcht von mir __ und wir müssen doch auch die Sache mit Mtnna tn Ordnung bringen." . ...___
Und nun war der Pfingsttag doch auch em achter Fest- und Freudentag für das Waldhaus. -
In schwungvoller Weise feierte Herr Semmel das gluck- liche Brautpaar, pries sich selbst glücklich, einen so tapferen Soldaten Eidam nennen zu dürfen und schloß m.emern donnernden „Es lebe der edle, brave Kriegerstand und ferne 21 9 h„Und der Straßenraub!" fügte Pfiffig leise hinzu.
erpreßte. , t ... .
Stumm schritten die Freunde durch den dämmernden Wald der Garnisonstadt zu, Wehr an seine glückliche und doch wieder so unglückliche Liebe denkend, Pfiffig mit nach- denklicher Miene an seiner Cigarre kauend. Plötzlich blieb der letztere stehen, machte ein paar ellenhohe Schlußsprünge, schlenkerte wie toll mit den Armen in der Luft herum und lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten.
„Ich Habs, ich hab's!" schrie er dabei, „ha ha ha', ich hab's!"
„Was?"
„Wenn Du den ersten Pfingstseiertag nicht Verlobung feierst, will ich statt Pfiffig ein Esel sein und heißen.'
„Bitte, mache keine schlechten Witze!4 knurrte der andere verdrießlich. , „ .
Oho, es handelt sich um den besten Witz, der je in einem pfiffigen Gehirn entstanden ist'." kicherte Pfiffig, seine erloschene Cigarre wieder anzündend. „Eure Kinder und Kindeskinder werden mir noch dafür danken. Du hast weiter nichts dabei zu thun, als morgen Abend allein — ohne meine oder andere Begleitung — nach dem Waldhause zu gehen."
„Meinetwegen," sagte Wehr zerstreut.
Am nächsten Tage dachte er kaum noch an Pfiffig« Worte. Nur fiel es ihm auf, daß dieser sofort nach dem früh beendeten Nachmittagsdienst mit drei Jägern, welche ebenfalls als zu jedem tollen Streiche aufgelegt verschrieen waren, die Kaserne verließ und nicht wiederkehrte.
Gegen acht Uhr ging er auf dem wohlbekannten einsamen Fußwege nach dem Waldhause. Etwa in der Halste des Waldes vernahm er vor sich em durchdringendes Weh- und Hilsegeschrei. Hastig sprang er vorwärts. Ein seltsames Schauspiel bot sich seinen Blicken- vier höchst fragwürdig
revolver bei mir trage . . . wollte keinem rathen, mir zu | nahe zu kommen, obwohl die halbe Stadt weiß, daß ich morgen ein wohlgespicktes Portemonnaie bei mir tra^e, um die Lieferungen für das Fest zu zahlen."
„Gott erhalte Ihnen Ihre Courage! sprach Pfiffig mit einem Händedruck, welcher Semmel ein leises „Au!
tolTb'— Die landwirthschastliche Production der Welt. Eine von dem Departement os Agriculture der Vereinigten Staaten von Nordamerika vorgenommene Reihe von Untersuchungen über die Gesammt-Erträge der wichtigsten landwirthschaftlichen Producte in den verschiedenen Landern hat sür die Hauptproductionsgebiete folgende Ergebnisse gehabt. Es betrug die zehn- biß elfjährige Durchschnitts-Ernte (von 1880—1890) in Tausenden von BushelS: an Weizen in den Vereinigten Staaten von Amerika 439 767, in Frank reich 309 433, in Britisch-Jndien 254 927, in Rußland mit Polen und Finnland 229 916, in Oesterreich-Ungarn 160 529; an Roggen: in Rußland mit Polen und Finnland 723 06b, in Deutschland 228 098, in Oesterreich-Ungarn 12195b, in Frankreich 69 281, in den Vereinigten Staaten von Amerika 25 340; an Hafer: in den Vereinigten Staaten von Amerika 594 961, in Rußland 535 092, in Deutschland 299 556, in Frankreich 246 061, im Vereinigten britischen Königreich 167 307; an Mais: in den Vereinigten Staaten von Amerika 1 680 697, in Oesterreich - Ungarn 109 508, in Italien 80 722, in Rumänien 61 003, in Frankreich 26563; au Gerste: in Rußland mit Polen und Finnland 143 357, in Deutschland 100 948, in Oesterreich - Ungarn 97 906,
• Feuilleton.
tzin lufligte Iägcrstiickltin.
Erzählt von Hans Richter.
(Schluß.)
~ So wurde es Winter und wieder Frühling . . . Der 'sonst so heitere, jugendsrische Oberjäger schlich wie ein Kopf- hänger umher und das einst so blühende Mädchen glich einer welkenden Knospe. ...
Das geht so nicht weiter," sagte der Oberjager Pfiffig zu seinem speziellen Freunde Wehr, als sie am Ps^gst-Freitag Abends im Garten des Waldhauses saßen. „Ihr sterbt ja vor Liebesgram, ehe diese verflixte Vormundschaft zu
Was sollen wir thun? Alles Mögliche haben wir schon versucht ... es hilft eben nichtsentgegnete Wehr hl^teX 'Der Teufel soll mich reiten, wenn zwei altgediente Soldaten nicht mit diesem bockbeinigen Budiker fertig werden, knurrte Pfiffig und legte sein häßliches, aber außerordentlich kluges Gesicht in nachdenkliche Falten. Seinen etwas kuriosen Namen trug er übrigens mit vollem Recht; das ganze Bataillon erzählte von seinen Schwänken und verwegen lustigen Streichen, welche er stets so schlau durchführte, daß die Offi' ziere gern ein Auge zudrückien. ,
Nun winkte Minna dem Geliebten das einzig erlaubte flüchtige Gute Nacht zu, was für die beiden Oberjäger das Signal zum Aufbrechen war. Während sie ihre Hirschfänger umschnallten, trat Herr Semmel auf fie zu und sagte mit hämischem Lächeln: „Immer in Wehr und Waffen. Die Herren sind gewaltig vorsichtig."
„Sie nicht, Herr Semmel?" fragte Pfiffig-
Ich?" — Der Gaftwirth warf sich , in die Brust. „Ich "sage Ihnen, ich gehe morgen Abend mit ein paar hundert Mark allein nach der Stadt und daS noch auf dem Fußwege durch den Wald ... von Furcht keine Spur, obwohl ich nicht Soldat gewesen bin und nur einen Taschen-
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