sein Ansehen an die schlimmsten Zeiten der Vergangenheit. Im Vorjahre wurde das Wasser abgelassen und seitdem hat es seinen Normalstand bis zu Beginn der Badezeit im Mai nicht wieder erreicht, ja, es kommt nicht einmal ein Tröpfchen Zufluß, da haben sich denn eigenartige Zustände herausgebildet. Das Wasser steht so niedrig wie nie in den Vorjahren, die Farbe ist auch gerade nicht die reinlichste und zum Baden verlockendste, zumal viele ganz seicht gelegene Stellen jetzt mit Schlamm überzogen sind und das Baden überhaupt unmöglich machen. In Anbetracht dieser Mißstände ist denn auch mit vielem Recht in der Presse von Neuem für endliche Errichtung eines im Winter wie im Sommer zu benutzenden Schwimmbades plädirt worden. In der That, eine derartige Anstalt gehört in eine Stadt von der Größe und Bedeutung wie Darmstadt, die sich noch dazu in den letzten Jahren so fabelhaft rasch vergrößert und entwickelt. Will man für das Gedeihen unserer Residenz auch fernerhin in richtiger Weise sorgen, wie das ja seither in so reichem Maße geschehen ist, so muß man diese Frage jetzt endlich zur Entscheidung bringen, spruchreif ist die ganze Angelegenheit schon lange. Hoffentlich kann an dieser Stelle recht bald etwas Neues über dies wichtige und die ganze Einwohnerschaft der Stadt, also etwa 60,000 Menschen, betreffende Thema berichtet werden.
Jndeß ist es in unserer Stadt in mancher Beziehung stiller geworden, am frühen Morgen zur Zeit des Schulbeginnes und um die Mittagsstunde macht sich das sehr bemerklich. Die höheren Schulen sind nämlich seit letzten Samsiag sämmilich für die Dauer von vier Wochen geschlossen worden und am morgigen Samstag erfolgt auch der Schluß der Volksschulen. Wer es irgend möglich machen kann, flieht in diesem trockenen Sommer die heißen, staubigen Straßen der Stadt. Die Darmstädter sind ja als Touristen berühmt und so sind denn auch in diesen letzten Tagen Hunderte zu Ferienfahrten in die Berge abgedampft. Bequem ist es uns in dieser Beziehung ja in jeder Hinsicht. Der herrliche Odenwald ist in kürzester Frist erreicht und der bietet ja Ausflugsorte und Standquartiere zu einer mehrwöchent
lichen Sommerfrische in reicher Fülle. Es sind längst nicht mehr allein Darmstädter oder überhaupt Bewohner der näheren Umgebungen, die in unserem Odenwald Erholung von den drückenden Berufsgeschäften suchen. Oft kommen ganze Schaaren von Fremden aus weiter Ferne, aus allen Theilen unseres Vaterlandes herbei und nehmen an der Bergstraße oder in einem inneren Gebirgsthale längeren Aufenthalt. Sehr comfortabel gehts in den Odenwalds-Gasthäusern allerdings nicht zu, und das ist auch wohlberechtigt, nicht übertriebene Ansprüche werden jedoch stets reiche Befriedigung in unseren heimischen Bergen finden.
Für den eigentlichen Wochenbericht wäre diesmal nicht gerade viel aufzuzeichnen, ich habe diesmal Ihren Lesern von dem schon für den vorigen Mittwoch projectirt gewesenen Garten-Sommerfest des Akademischen Vereins zu berichten, das am verflossenen Montag stattfand. Die Veranstaltung verlief, wie man das bei genanntem Verein nicht anders gewohnt ist, tadellos und wird nicht wenig dazu beitragen, die Beliebtheit des Akademischen Vereins bei den Darmstädtern zu erhöhen. — Ferner sei hier constatirt, daß das jüngst erwähnte Massenconcert der vereinigten hiesigen Militär- capellen am Donnerstag den 8. Juli im städtischen Saalbaugarten unter ganz ungeheurem Zuspruch stattgefunden hat und mit größtem Beifall ausgenommen wurde. Unsere vier Musik- dirigenten, Herr Musikdirector H i l g e, die Herren Stütze! I. und II. und Herr Engel, können auf das Gelingen ihrer Veranstaltung mit Recht stolz sein. — Im Sommertheater ist die Zeit der Benefize angebrochen und das Unternehmen findet auch bei dieser Gelegenheit die lebhafte Unterstützung des Publikums. Herr Director Reiners kann in dieser Hinsicht, wie wir glauben, mit seinen Erfolgen ganz zufrieden sein. Zum Schlüsse sind uns noch einige interessante Gastspiele in Aussicht gestellt. — Recht lebhaften Zuspruch von hier aus fand übrigens auch in der vergangenen Woche daS große Musikfest in Worms, bei dem bekanntlich unsere rühmlichst bekannte Hoscapelle mitwirkte und wohlverdienten Erfolg erzielte. Z.
unter von Huenes Führung wiederholt den Ausschlag zu Gunsten der Regierung gegeben hat, herrscht im Augenblicke eine nichts weniger als regierungsfreundliche Stimmung. Dazu kommt, daß die kleineren Gruppen (Polen, Antisemiten) um so eher geneigt sein werden, der Regierung bei den Forderungen des neuen Militäretats zu opponieren, je mehr sie bestrebt sein müssen, den ungünstigen Eindruck ihrer Abstimmung für die Militärvorlage in manchem ihrer Wählerkreise zu verwischen. Die wirthschafts-politische Gesetzgebung war schon im aufgelösten Reichstage von einer conservativ-clericalen Mehrheit beherrscht. Im neuen hat diese noch eine Verstärkung um 18 Sitze erhalten. — Die Reichsschulden beliefen sich nach dem jüngst erschienenen Bericht der Reichsschulden-Commission am 31. März 1892 auf 1,8 Milliarden und zwar auf 1,6 Milliarden Mark verzinsliche Anleihe, 30 Millionen Mark Schatzanweisungen und 120 Millionen Mark Reichskassenscheinen. Mittlerweile ist im April 1893 eine neue Reichsanleihe von 160 Millionen Mark hinzugekommen, so daß im Augenblicke die Schulden des deutschen Reiches die zweite Milliarde bereits überstiegen haben.
In England ist bei der Weiterberathung der Homerule- Bill die Zahl der Vertreter Irlands im Reichsparlament auf 80 festgesetzt worden. Diese Zahl steht zur Gesammtzahl der Abgeordneten des Reichsparlamentes in . demselben Vcrhältniß wie Irlands Bevölkerungszahl zu derjenigen Englands.
In Italien ist die Barckenvorlage nach den Wünschen Giolittis vor der Erledigung des Bankenprozesses verabschiedet worden. Giolitti hat damit einen bemerkenswerlhen Erfolg erzielt.
Der Besuch des egyptischen Khediven Abbas beim türkischen Sultan hat in England recht verstimmt. Man erblickt in dem Vorgehen des jungen Herrschers den Versuch, sich der englischen Bevormundung allmählich zu entledigen. Einzelne Londoner Blätter berichten bereits, daß Abbas die Entsendung eines türkischen Truppencorps oder einer türkischen Leibgarde zu seinem Schutze vom Sultan erbeten habe.
In Rio Grande do Sul in Brasilien ist ein neuer, und wie cs scheint, dies Mal sehr ernster Aufstand ausgebrochen.
" vermischtes.
* Ein Candidat der Philologie al8 Hausdiener. Ein Münchener Destillateur suchte dieser Tage durch ZeitungS- inserat einen Hausdiener. Unter den zahlreichen Bewerbern um die Stelle befand sich auch ein Mann, der durch sein gewandtes Auftreten die besondere Aufmerksamkeit des Wirthes erregte. Nach seinen Papieren gefragt, erklärte er, daß er allerdings noch nicht als Hausdiener thätig gewesen sei, aber den besten Willen habe, die ihm zu übertragende Stelle zur vollsten Zufriedenheit seines Arbeitgebers auszufüllen, es lei ihm sehr darum zu thun, recht bald Unterkunft zu finden. Er zeigte dann seine Legitimationspapiere vor, durch die er sich als — Candidat der Philologie auswies.
♦ Das Ende eines „starken Mannes". Ein Deutscher, Namens Ferdinand Schumann, welcher als Artist und Kraftmensch den heutzutage nicht gerade seltenen Namen „Blondtn" angenommen hatte und als solcher sich vor einem Jahrzehnt auch in Deutschland producirt hat, bereist seit einigen Jahren die größeren Städte des Staates Newyork in Nordamerika. Letzthin führte er in Saranac Lake daselbst das nicht mehr ganz neue Kunststück vor, zwei starke, in entgegengesetzter Richtung ziehende Pferde festzuhalten. Diese Kraftproduction war ihm in Coles Circus bereits viele Male geglückt. Jüngst mögen die beiden Pferde doch etwas zu stark gefrühstückt, oder, den Regeln der Kunst zuwider, zu plötzlich und heftig angezogen haben, kurz, „Blondin" ließ das Tau fahren und stürzte bewußtlos zu Boden. Man brachte den Kraftmenschen, aus dessen Munde ein dicker Blutstrom hervorquoll, nach dem Krankenhause, dort aber starb er, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.
* Koblenz, 12. Juli. Die Freude über die so gelungene Fertigstellung der Gesammtausstellung von deutschen Weinen auf der Weltausstellung in Chicago ist in trauriger Weise getrübt worden. Als gestern das Comitö vor der beabsichtigten Abreise der Preisrichter Coblenz und Sturm zu einer Sitzung in Bingen vereinigt war, erregte die Nachricht große Bestürzung, daß das Gebäude der Hercules Co. in Chicago, leider auch mit großem Verlust an Menschenleben, abgebrannt sei. Da die Reichscommission die deutschen Weinproben für die Jury in diesem Gebäude, das auf 65° Fahrenheit gehalten wurde, untergebracht hatte, mußte der Verlust der Proben befürchtet werden. Diese Befürchtung wird leider durch folgende Depesche bestätigt: „Kühles Lagerhaus total abgebrannt. Deutsche, spanische,
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Nr. 165. Zweites Blatt. Sonntag den 16. Juli
1893
Der «leleeet Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.
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4politifd?e Wochenschau.
Gießen, 15. Juli 1893.
Die Entscheidung über die Militärvorlage ist gefallen. Artikel I, der die Präsenzerhöhung ausspricht und somit den Kern der Vorlage enthält, ist mir 198 gegen 187 Stimmen angenommen worden. Da der Sollbestand der Reichstagsabgeordneten im Augenblicke 392 beträgt, so haben sich nur 7 Abgeordnete an der Abstimmung nicht be- theiligt. Von diesen würden drei: die Centrumsmitglieder Wenzel und Letocha und der erkrankte Volksparteilcr Hartmann sicher gegen und die Antisemiten Ahlwardt, Liebermann von Sonnenberg und Leuß, die scheinbar aus persönlicher Verstimmung über den Reichskanzler sich der Abstimmung ferngehalten haben, für die Militärvorlage eingetreten sein. Rechnet man den Polen v. Czarlinski, der ebenfalls bei der Abstimmung gefehlt hat, noch den Freunden der Regierung zu, so ergiebt sich, daß im Ganzen unter den bis jetzt gewählten Abgeordneten 201 Freunde und 191 Gegner der Vorlage sind. Es hätte also jede einzelne der drei kleinen Gruppen (Polen, freis. Vereinigung, antis. Resormpartei) den Ausschlag gegen die Vorlage geben können. In Bezug auf die Deckungsfrage steht so viel fest, daß die Erhöhung der Börsensteuer nicht aufgegeben worden ist, dagegen von einer höheren Besteuerung des Bieres und des Branntweines Abstand genommen werden soll. — Der neueReichstag ist seither, säst ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Annahme oder Ablehnung der Militärvorlage betrachtet worden. Nachdem diese eine wenn auch schwache Mehrheit gefunden hat, ist es angezeigt, sich darüber klar zu werden, wie sich der neue Reichstag voraussichtlich im Uebrigen verhalten wird. Die nächste wichtige Vorlage wird ein russisch- deutscher Handelsvertrag sein, sofern es dem Reichskanzler gelingt, sich mit Rußland zu verständigen, was vorläufig noch recht zweifelhaft ist. Sollte es aber dazu kommen, so ist auch anznnehmen, daß der Reichskanzler für seine Handelspolitik eine Mehrheit im Reichstage findet. Allerdings hat die linke sreihändlerische Seite 25 Mandate an die Rechte verloren und unter den Rationalliberalen das schutz- zöllnerische agrarische Element eine namhafte Verstärkung erfahren. Andererseits sind aus der Centrumspartei mehrere enragierte agrarische Führer ausgcschieden. Bei den Be- rathungen des Marine- und Militäretars dagegen würden die Aussichten der Regierungen keine sehr günstigen sein. In der Centrumspartei, die in den vorigen Sessionen
Feuilleton.
Wochenbriefk aus der Residenz.
(Origlnalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 14. Juli 1893.
Vom großen Woog. — Ferienzeit. — Wochenbericht.
Der „große Woog" ist von jeher Gegenstand der lebhaftesten Dtscussionen und Debatten gewesen, es ist ihm von jeher viel Gutes und noch mehr Schlechtes nachgesagt worden, aber augenblicklich sind seine Lobredner fast ganz verstummt und seine Tadler erheben daher ihre Stimmen um so lauter. Was der große Woog ist, wissen alle Ihre Leser unzweifelhaft, er soll den Residenzbewohnern im Sommer ein erfrischendes Bad im Freien bieten und zur kalten Winterszeit tummeln sich auf seiner erstarrten Fluch die Schaaren der Schlittschuhläufer. Ja, selbst zu idyllischen Gondelfahrten wird er benutzt und es ist wirklich ein Wunder, daß die vor Jahren im Carnevalszuge so gelungen persiflierte zukünftige „Darmstädter Rudergesellschaft" noch immer nicht zum that- sächlichen Leben erwacht ist. Wir habens nicht so gut wie die Gießener, die am fließenden Wasser, am „Lahnstrom", wie man wohl zu sagen pflegt, wohnen, wir müssen eben schon die Verhältnisse nehmen wie sie sind und uns mit unserem vielbespöttelten Woog begnügen. Nun, es geht auch hier, wie in vielen Fällen ähnlicher Art, auch der große Woog ist im Allgemeinen besser als sein Ruf, namentlich seit ihn die sorgsame Residenz in städtische Verwaltung genommen hat und ihn von ihren Beamten überwachen läßt, hat sich sein Aussehen schon sehr zum Vortheil geändert. DaS Wasser ' erschien nicht mehr ganz so schmutzig grün, wie in früherer Zeit, die Badeanstalten wurden gehörig hergerichtet und ausgestattet, kurz, eine wahre „Woogreform" wurde inscenirt und die Bewohner unserer Stadt haben das durch fleißige Inanspruchnahme der neuen Anstalten mit Dank anerkannt. Freilich in diesem Jahre läßt sich von dem „Darmstädter See" weniger Erfreuliches berichten, gegenwärtig erinnert


