1893
Freitag den 16. Juni
Zlmts- und Anzsigeblatt für den Kreis Gieren
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Hratisöeitage: Hießener KamikienöMter
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
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Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aa mifienv latier werden dein Anzeiger wSchentlich dreimal heigelegt.
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Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
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vom Land an Resolut gefaßt, daß wir allesammt für die Soldaten stimmen werden. Wir hatten unsere Gründe dazu, wir — aber das verstehst net. Jetzt, weißt was geschieht?"
Der Lindenhofer schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel, daß es knallte und sah das Mariandl unter dem buschigen Augenbrauen wild an.
„Was wird sein," sagte das Mariandl zögernd, „die Zipfheimer werden an anderen Candidaten haben wollen, der gegen das Militär ist."
Der Huber warf dem Mariandl von der Seite einen Blick zu, der genau so viel sagte wie: „Bist dumm geboren und hast nichts zugelernt." Dann stützte er sich mit beiden Händen fest auf den Tisch und bekräftigte jedes Wort mit einem höhnischen Kopfnicken.
„Denselben Candidaten haben's aufgestellt, accurat denselben Candidaten! Was sagst jetzt? — Brauchst net roth zu werden vor Aerger, Mariandl- i, der Lindenhof-Huber, Dein Ohm, werd den Stadtleut schon die Trümpf rausholen. Denken sollen die an mich. Denselben Candidaten! Als ob die Schwasendorfer für einen zu haben wären, der mit den Städtschen hält. Kruzi Türken überanand! Das wär mir a Sach! — Aber schön Paßt sich's. Gleich heut kann ichs ihnen weisen. Vier Uhr ist's. Der Demokratische hat a Red angesetzt. Der wird gewählt, der und kein Andrer. — Mariandl, mei Jack, mei Kappen. Zeit ist's. Sonst geht's an und i will mit dabei sein."
Wenn das Mariandl nicht besiere Nerven gehabt hätte wie die Stadtfräulein, dann hätte es jetzt, wo der Ohm die Stube verließ, so was wie Ohnmacht gekriegt. Denn vom Fenster aus hatte sie den Paul-Johann erspäht, ihre lange Lieb, die heute noch länger war, weil sie einen hohen schwarzen Hut aufhatte und einen langen Abendmahlsrock von
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theilung lausen immer wieder auf die Versicherung hinauf sie biete nach jeder Richtung das Beste dar, waS auf der gejammten Ausstellung überhaupt zu finden sei. Speciell gerade von Seiten der amerikanischen sachverständigen Besucher bet Ausstellung erklingen derartige bewundernde Anerkennungen der deutschen Leistungsfähigkeit auf industriellem Gebiete, denen die Urtheile gegenüber von der -nämlichen Seite über die eigene Stellung, also über diejenige der nordamerikanischen Industrie auf der Weltausstellung um so abfälliger lauten- wird doch die amerikanische Abtheilung von Amerikanern selbst als em „großer Jahrmarkt", als „viel Schund mit Gutem durch- einandergeworfen," charakterisirt!
Man kann also schon jetzt getrost behaupten, daß der deutsche Gewerbefleiß und die deutsche Tüchtigkeit als Sieger in dem großen industrielleen Völkerwettstreite dastehen wird, der sich zur Zeit an den Gestaden des Michiganseees abspielt. Alsdann darf auch wohl die bestimmte Hoffnung ausgesprochen werden, daß der glänzende Erfolg der deutschen Jndustrte- thätigkeit auf der Chicagoer Weltausstellung in der baldigen weiteren Förderung der Ausfuhr Deutschlands seine materiellen Wirkungen zeigen werde. Schon in dem durch die Mac Kinley Bill veranlaßten schweren Ringen der deutschen Exportindustrie um die Erhaltung ihres Absatzgebietes in der nordamerikanischen Union wird jene in Folge ihrer Chicagoer Triumphe sicher einen nicht zu unterschätzenden MckhftU ?r-^ halten. Dann kann aber gewiß gehofft werden, daß sich Deutschland im Hinblick auf seine Leistungen zu Chicago neue Absatzgebiete gerade jenseits des atlantischen Oceans erringen werde. Mittel- und Südamerika sollen ein beträchtliches Contingent zu den Besuchern der Chicagoer Weltausstellung stellen, wo denselben nun Gelegenheit gegeben wird, die Güte und Vortrefflichkeit der industriellen Erzeugniffe Deutschlands der verschiedensten Art kennen zu lernen. Vielleicht, daß sich hieraus die Anknüpfung reger neuer Handelsbeziehungen Deutschlands zu den noch vielfach auf die europäische Jn- dustriethätigkeit angewiesenen Staaten Mittel- und Südamerikas entwickelt, was jedenfalls durch die von deutscher Seite mit einigen der betreffenden Länder abgeschloffenen Handelsverträge wesentlich erleichtert werden würde.
Der Sieg der deutschen Industrie auf der Chicagoer Weltausstellung.
„Billig und schlecht!" So absprechend beurtheilte der deutsche Reichscommissar Professor Reuleaux auf der Philadelphiaer Weltausstellung die Industrie Erzeugnisse seiner eigenen Nation, und leider war dieses herbe Urtheil über die Leistungen der deutschen Industrie theilweise wenigstens nur zu sehr begründet. Aber seitdem sind siebzehn Jahre vergangen und in der Zwischenzeit hat die deutsche Industrie wacker daran gearbeitet, ihre Scharte von Philadelphia wieder auszuwetzen und sich allen Gegenanstrengungen der concurrri- renden Industriestaaten des Auslandes zum Trotz einen der ersten Plätze auf dem Weltmärkte zu erringen. Schon die Erfolge der deutschen Industrie auf den späteren Weltausstellungen zu Sydney, Melbourne, Barcelona u. s. w. zeigten, daß ihr Mühen zur Wiederherstellung ihres guten Rufes kein vergebliches gewesen war, daß Deutschland vielmehr auch auf industriellem Gebiete recht gut seinen Concurrenten die Spitze bieten konnte. Aber erst auf der jüngsten Weltausstellung, der jetzt zu Chicago stattfindenden, ist es gelungen, den Triumph der deutschen Industrie ins hellste Licht zu setzen, ihre Ueberlegenheit über diejenige selbst Frankreichs, Englands und Nordamerikas klar vor Augen zu führen. Nicht nur sachverständige deutsche Beurtheiler zollen den Leistungen und der Vertretung der deutschen Industrie in Chicago die höchste Anerkennung, sondern es ge- schicht dies in rückhaltloser Weise auch von fremdländischer Seite, namentlich von englischer und amerikanischer, welches Lob aus fremden Munde natürlich besonders schwer wiegt.
In der That stimmen alle diese Urtheile darin überein, daß Deutschland in dem jüngsten internationalen Wettkampfe zu Chicago in jeder Beziehung als erster marschtre. Man rühmt den großartigen äußerlichen Eindruck der deutschen Abtheilung, den ausgezeichneten Geschmack in der Anordnung der einzelnes Gruppirungen und die wahrhaft künstlerische Ausführung des gesammten Arrangements ebenso sehr, als man der Gediegenheit und Solidität der ausgestellten Waarcn und Producte, ihrer äußerlichen Ausstattung u. s. w. vollste Bewunderung zollt. Keine andere auf der Chicagoer Weltausstellung vertretene Nation hat dem Beschauer ein so eindrucksvolles und glänzendes Bild ihrer industriellen Leistungen vorzusühren, als dies mit Fug von Deutschland gesagt werden kann, und alle Kritiken über die deutsche Ab-
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Allc Annonckn-Burcaux bt8 In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeigcr" entgegen.
Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebens! ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhesseu ansässige Berichterstatter, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelcgt werden, und die stets ein gewühltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements-
Verinischtes
* Berlin, 13. Juni. Die nunmehr abgeschlossenen Sammlungen für die Kaiser-Wilhelm-Gedächrniß- kirchc haben einen Reinertrag in baarem Gelbe von rund 620,000 Mk. ergeben, bei welcher Summe die königliche Familie mit 196,000 Mk. betheiligt ist. Hierzu kommen noch die von verschiedenen Freunden statt des baaren Geldes bestimmten Gegenstände für die innere Einrichtung der Kirche im Werthe von 87,000 Mk., so daß der Gesammtertrag der Sammlung 707,000 Mk. übersteigt.
Nr. 139 Zweites Blatt
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Gietzener Anzeiger
Kemral-Itnzeiger.
^uilleton.
Unser Candidal.
Eine Wahlgeschichte von T. Szafcanski.
(Schluß.)
„Sacra Laudon übeanand, — jetzt is gefehlt! * Der Lindenhof-Huber schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Rahmkanne überschülperte und das Mariandl einen argen Schreck bekam. Sie dachte nicht anders, als daß ein Fürwitz ihre Verlobungsanzeige schon ins Blatt gesetzt hätte, ehe noch der Ohm Ja und Amen gesagt. Während der Lindenhofer beide Fäuste auf die Knie gestemmt, vor sich hinstarrte, erwischte sie den „Kreisboten" und überflog die vier knappen Seiten, ohne etwas anderes zu finden, als Wahlnachrichten. Auf allen vier Seiten nichts als zu den Wahlen, von den Wahlen und über die Wahlen, in allen Druckarten und in all den besonders verdrehten Redensarten, auf die die Menschen eben nur zur Wahlzeit kommen.
Der Lindenhofer war aufgestanden und hatte sich erregt die buntgestickten Hosenträger über die Schulter geschoben. „Sacra, sacra, — die verflixten Pflasterhupfer!"
„Jessas, Herr Ohm, was habts denn schon wieder mtt dena von drüben?"
„Was i hab? Und da fragst noch? ! A Sünd und a Schänd ists mit der Niedertracht. Paß mal Acht. Bist wenn auch nur a dumme Dirn, aber die wirst verstehen, die Gemeinheit von dem Stadtvolk. Dienstag vorige Woch hab t ’ne Versammlung g'habt beim Siernkrugwirth weifet, wo der Schlippacher Nazi noch an Loch in sein Schädel mit zu Haus gebracht hat wegen des immer z'wider reden, na sixt, in der Versammlung haben wir vierzehn Gemeinden
derselben Farbe. Jetzt - Jessas — da stießen sie aufeinander. Dem Mariandl stieg das Helle Wasser in die Augen und mit dem verzweifelten Rufe: „Das gibt an Unglück! lief das arme Mariandl händeringend in seine Kammer.
Wenn die Kleine ein wenig länger hingeschaut hätte, dann wäre ihr die Angst bald vergangen. Wie nämlich der Lindenhof-Huber den Schwarzberockten kaum gesehen hat, ist er aus ihn zugeeilt, hat ihm beide Hände geboten und ein „Grüß Gott" übers andere gesagt.
„Ihr seid also unser Candidat?"
„Zu dienen — ich bin der Candidat . . ."
„Das is brav, daß Ihr net habt warten lassen. Aber nun setzt Euer Rohr Wieder aus und geht gleich mit."
Der halb beglückte und halb verblüffte Paul-Johann stülpte mechanisch seinen Sabbathdeckel wieder auf und fragte leise, aber mit innigem Nachdruck:
„So darf ich hoffen?"
Der Lindenhof-Huber lachte in bester Laune laut auf, griff den Paul-Johann unter den Arm und sagte, indem er ihn an sich zog: c t ~ ,
Ihr seid der Gewählte, Herr, t, der Llndenhof-Huber, sagt Euch, Ihr seid der Gewählte, Ihr kriegt, was Ihr wollt! Und wenn Ihr mir einen weisen könnt, der sagt, es Wär was net so gewesen, wie der Lindenhofer gesagt hat, der hat ein Lügenmaul und dem brech ich die Seiner."
Damit zog er den Paul-Johann, der die vergeblichsten Anstrengungen machte, ihm um den Hals zu fallen, mit sich fort — zum Sternenkrug. Der Paul Johann hatte zuerst gar kein Arg, denn er wußte von dem Mariandl, wenn der Lindenhof-Huber sich über etwas recht sehr freute, bann mußte er eins trinken (und wenn er sich ärgerte, dann zwei).
Er ging also willig mit. Aber merkwürdig, — die
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