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Freitag bcn 16. Juni
Nr. 139 Erstes Blatt.
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der Senat zur Verhinderung der Einschleppung der Cholera beschloß, den trotz ausdrücklichen Verbotes immer noch fortdauernden Zuzug russischer Auswanderer nach Hamburg vom 16. Juni ab polizeilich zu verbieten. Allen nach dem 15. Juni mit der Eisenbahn, zu Fuß oder auf dem Wasserweg der Hamburgischen Grenze sich nähernden russischen Auswanderern soll das Betreten des Hamburgischen Staatsgebietes durch polizeiliche Organe verwehrt werden, auch wenn sie mit Fahl karten und ausreichenden Geldmitteln versehen sind. Reisende aus Rußland mit Cajütfahrkarten nach Amerika werden von der Zurückweisung nicht betroffen.
** Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberhefsen 14. Juni. Zur Verhandlung kommt die am 6. l. M. auf heute vertagte Strafsache gegen Heinrich Langwasser von Steinfurr wegen Verbrechens im Amte. Vertreter der
*♦ Freisinnige Wähler-Versammlung. Nachdem in hiesiger Stadt sowohl Socialdemokroten wie Nationalliberale ihre größeren Versammlungen abgehalten, fand gestern Abend im Saale von Steins Garten auch eine freisinnige Wählerversammlung statt, die, ebenfalls wie die erwähnten Versammlungen, sehr stark besucht war, und sich von diesen nur dadurch unterschied, daß auch Gegenreden gehalten wurden. Es sei hierbei von vornherein constatirt, daß trotz der Schärfe der Gegensätze beiderseits nicht einen Augenblick der Boden der Sachlichkeit und des parlamentarischen Anstandes verlaffen wurde und kann sonach in dieser Hinsicht die gestrige Versammlung besonders hervorgehoben werden. Herr Rechtsanwalt Metz, dessen Umsicht übrigens der gute Verlauf der Versammlung wesentlich mit zu verdanken ist, führte den Vorsitz und bat in seiner Eröffnungs-Ansprache, den Ausführungen des Candidaten der freisinnigen Partei, des Herrn Dove, mit Aufmerksamkeit zu folgen. — Herr Dove dankte zunächst für den ihm bereiteten Empfang- erst in zwölfter Stunde habe er Gelegenheit gefunden, sich den Wählern vorzustellen- indeß seien unter diesen alte Bekannte aus den vor drei Jahren ausgefochtenen Kämpfen. Wenn er sich nach seinem früheren Gegner umsehe, so vermisse er ihn, danach scheine diese Bekanntschaft nur eine vorübergehende gewesen zu sein. Im Allgemeinen müsse er bemerken, daß die jetzige Wahlbewegung im Gegensatz zu derjenigen von 1887 und 1890 sich viel ruhiger vollziehe - man habe jedenfalls auf gegnerischer Seite erkannt, daß die alten Kampfmittel sich nicht zwei Mal anwenden ließen. Bei den Verhandlungen des künftigen Reichstags handle es sich nicht nur um die Militärvorlage, sondern um große organisatorische Fragen. Was aber die erstere betresse, so sei das ihr zu Grunde gelegte Ziel des Friedens Allen gemein, nur gingen über die Mittel zur Wehrhafterhaltung deS Vaterlandes die Ansichten auseinander. Es sei auffallend, daß der Reichskanzler mehr als der militärische Ressortminister die Militärvorlage vertreten habe- Caprivi sei mit voller Ueberzeugung für die Militärvorlage eingetreten, obwohl er sich früher lustig machte über die Zahlenwuth bei Beur- theilung militärischer Dinge. Aber auch unter den militärischen Sachverständigen finde die Militärvorlage ihre Gegner, er verweise nur auf den Fürsten Bismarck. Ueber die Militärvorlage hätte ganz gut eine Verständigung herbeigeführt werden können, wenn die Regierung nicht mit allzugroßer Starrheit auf ihrem Standpunkt beharrt hätte. Was die Stellung der freisinnigen Partei zur Vorlage betreffe, so bemerke er, daß sie für Erhaltung der Wehrkraft sei - die Einführung der zweijährigen Dienstzeit betrachte auch er als eine Erleichterung, aber wenn die Partei sie erstreben wolle, solle sie Dauer haben und nicht in fünf Jahren zurückgenommen werden können. Man wolle sich Seitens der Regierung durch Ber- weigeruug der dauernden Feststellung der zweijährigen Dienstzeit nur ein Mittel zu neuen, vielleicht viel folgenschwereren Fragen Vorbehalten. Die Volksvertretung solle zuerst prüfen, um nicht in eine Zwangslage zu kommen. Die Höhe der in der Miltärvorlage zum Ausdruck gebrachten Forderungen sei einzig in der Weltgeschichte, darum sei es nicht angängig, daß über bte Beschaffung der Mittel zu ihrer Durchführung erst nach der Bewilligung verhandelt werden könne. Wir hätten eine enorme Schuldenlast, die Steuerkräfte seien schon auss Höchste angespannt, die Con- sumartikel schwer belastet und durch diese Consumvertheuerung die Concurrenzsähigkeit mit dem Auslande gefährdet. Man müsse sich erst vor Allem klar werden, wo die Mittel zur Durchführung der Militärvorlage Herkommen sollen. Hätten wir einen verantwortlichen Reichs-Finanzminister, so wäre es dessen Sache, den Reichskanzler aus die Bedenken gegen die Militärvorlage ausmerksam zu machen. Als Deckungsmittel seien zwar die Börsen-, Bier- und Branntweinsteuer vorgeschlagen, aber diese müßten von den kleinen Bürgern getragen werden, sie würden abgewälzt auf die Schultern der Consumenten. Er würde gern die Hand bieten, wenn durch eine Steuer die Börse getroffen würde- letzteres sei aber nicht der Fall. Es müffe vor Allem gesucht werden, die Tragfähigen, die Wohlhabenden heranzuziehen, die großen Vermögen, die ein weiteres Interesse hätten, geschützt zu sein. Vor Allem müsse die an die Brenner jährlich gezahlte Liebesgabe von 41 Va Millionen Mark, wovon allein 38 Millionen auf die Großbrenner des Ostens kämen, beseitigt werden. Auch müsse man sich bei Neufordrrungen militärischer Art fragen, ob die Einrichtungen so vorzüglich sind, daß sich nicht Erscheinungen, die weite Kreise unangenehm berühren, zeigen. Hier seien es besonders die Soldatenmißhandlungen, gegen welche etwas geschehen müsse, ferner sei nothwendig die Erleichterung des Beschwerdewegs der Soldaten, die Einführung einer Militär- strasprozeßordnung. Aber noch andere Dinge kämen in Betracht- er verweise nur auf das allgemeine Wahlrecht, zu dessen Beschneidung man mit Einführung der fünfjährigen
Staatsanwaltschaft war Großh. Staatsanwalt Schilling- Trygophorus. Die Vertheidigung führte der Rechtsanwalt Dr. Jung, als Geschworene wurden ausgeloost die Herren: Heinrich Schudt II., Georg Seum II., August Gros, Johann Carle II., Heinrich Hofmann VIII., Heinrich Ram- speck II., Christoph Schwalb VIII., Philipp Hofmann IV., Johannes Müller II., Otto Karl Martin Henkel, Ludwig Hanner und Philipp Amend III. — Bezüglich des Gegenstandes der Anklage und des Sachverhaltes können wir auf unfern Bericht vom 6. l. Mts. Bezug nehmen. Die heutige weitere Beweisaufnahme ergab im Wesentlichen das gleiche Resultat wie früher und endete die Verhandlung, nachdem die Geschworenen (Obmann: Herr Heinrich Ramspeck II.) die Schuldfrage bejaht, mit der Verurteilung des Angeklagten in eine Gesängnißstrafe von einem Jahre und sechs Monaten, unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft und unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren. Hierauf wurden die Sitzungen des Schwurgerichts für diese Periode für geschlossen erklärt.
Ausland.
— In der Schweiz hat jetzt die jüngste Revolution im Canton Tessin ein sonderbares Nachspiel gefunden. Es ist nämlich darüber, wer die Kosten der beiden eidgenössischen Interventionen im Tessin tragen solle, ein Con- flict zwischen beiden Häusern des schweizerischen Bundesparlaments entstanden. Während vom Nationalrath, der eigentlichen Volksvertretung, beschlossen worden ist, der Canton Tessin selbst habe ein Drittel dieser Kosten zu tragen, faßte der Ständerath den Beschluß, sämmtliche Kosten dem Bunde aufzuerlegen. Wie dieser parlamentarische Streit zum Austrag gelangen wird, bleibt abzuwarten.
Gießen, 12. Juni 1893.
Betr.: Abhaltung landwirthschaftlicher Votträge.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Der Ausschuß des landwirthschastlichen Bezirksvereins hält es für zweckmäßig, wenn an verschiedenen Orten des Kreises Vorträge über die Mittel zur Minderung der Futter- noth abgehalten werden.
Die Diäten und die Kosten des Transports der betr. Herren Wanderlehrer per Bahn werden auf die landw. Bezirksvereinskassr übernommen. Gemeinden, welche nicht an der Eisenbahn liegen, haben den Wanderlehrer an der nächsten Bahnstation auf ihre Kosten per Wagen abholen zu lassen.
Ich ersuche Sie um gefällige Mittheilung, ob Sie wünschen, daß in Ihren Gemeinden Vorträge über dieses Thema abgehalten werden und an welchem Tage und in welchem Locale.
Nerieste Nachrichten.
Wolff« telegraphisches Eorrespondenj-Bureau.
Berlin, 14. Juni. Der „Reichsanzeiger" meldet: Der König verlieh dem Generaladjutanten General der Cavallerie Albedyll die Brillanten zum Schwarzen Adlerorden. — Nach einer telegraphischen Meldung des Reichscommissars auf der Chicagoer Weltausstellung tritt die Jury am 15. Juli zusammen. Ihre Arbeiten dauern vier bis sechs Wochen.
Kiel, 13. Juni. Der Graf von Turin ist hier eingetroffen und vom Prinzen Heinrich empfangen worden. Er roolinte einer Uebung der Manöverflotte an Bord des Flaggschiffes „Baden" bei und besuchte den Nordostsee-Canal. Um 21/4 Uhr erfolgte die Abreise nach Italien.
Hamburg, 14. Juni. Sämmtlichen Hamburger Rhedereien, Schiffsmaklern, Auswanderer-Expedienten und LogiSwirthen ist heute eine Verfügung des Senats zugegangen, wonach
Cocafcs und provinzielles.
Gießen, 15. Juni 1893.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juni. Die Würfel im Wahlkamp-fe sind zur Stunde gefallen und schon in diesen Tagen wird man wenigstens bezüglich eines Theiles der Wahlkreise die Abstimmungen vom 15. Juni übersehen können. Allerdings gibt es eine ganze Reihe ländlicher Wahlkreise, die räumlich so ausgedehnt sind, daß eine vollständige Uebersicht über die daselbst erzielten Wahlergebnisse wohl erst in der kommenden Woche möglich sein wird. Da im Ganzen ca. 1450 (San- didaturcn aufgestellt waren, so sind diesmal besonders zahlreiche Stichwahlen natürlich unvermeidlich- erst deren Vollzug wird das Wahlgemälde zu einem übersichtlichen Ganzen abrunden. Wie bekannt, werden die Reichstags-Stichwahlen in Preußen laut Verfügung des Ministers des Innern diesmal sämmtlich an ein und demselben Tage, am 24. Juni, vorgenommen werden und dürfte es sich aus praktischen Gründen empfehlen, wenn man auch in den übrigen Bundesstaaten diesen Tag für die Vornahme der engeren Wahlen allgemein ansetzte. Was den Tag des Zusammentritts des künftigen Reichstages anbelangt, so werden hierüber immer wieder neue Nachrichten in Umlauf gesetzt. U. A. tauchte jüngst eine Meldung auf, wonach als Termin des Zusammentritts der 11. Juli in Aussicht genommen sein sollte- es ist indessen kaum anzunehmen, daß die Reichsregierung wirklich plant, das neue Parlament erst zu einem verhältnißmäßig so späten Zeitpunkte einzuberufen, zumal die gesammten Verhältnisse zu einer möglichst raschen parlamentarischen Entscheidung in der Militärfrage drängen.
Depeschen de« Bureau „Herold*.
Berlin, 14. Juni. Sämmtliche Behörden wurden ange- wiesen, den Beamten durch Einrichtung des Dienstes Gelegenheit zu geben, ihr Wahlrecht auszuüben.
Berlin, 15. Juni. Die Socialdemokraten hielten gestern Abend etwa zwanzig Versammlungen ab. Die Locale waren theilweise so überfüllt, daß sie polizeilich abgesperrt werden mußten.
Berlin, 15. Juni. Es verlautet, der Finanzminister Miquel sei entschieden gegen eine direkte Reichs- einkommensteuer, dagegen unbedingt für die Reichs- Erbschaftssteuer. Die preußische Regierung halte an dem Plane fest, die letztere bald an Stelle der Erbschaftssteuern der einzelnen Bundesstaaten einzufllhren.
Altona, 14. Juni. Die Regierung in Schleswig erlaubte wieder die Einfuhr von Rindvieh und Schweinen aus Jütland, welche nach dem Hamburger Schlachthof weiter gehen, wo sie geschlachtet werden müssen.
Wien, 15. Juni. Den großen ungarischen Herbstmanöver n wohnen außer dem deutschen Kaiser auch König Humbert, der russische Thronfolger und der Kronprinz von Dänemark als Gäste des österreichischen Kaisers bei.
Kladno, 14.Juni. Die Zahl der Strikend en beträgt 8000; da größere Unruhen befürchtet werden, ist noch ein Bataillon Infanterie eingetroffen.
Paris, 14. Juni. Voraussichtlich wird bei der Abstimmung über das Gesetz über die theilweise Erneuerung der Kammer die Majorität nur wenige Stimmen für oder gegen betragen.
Montpellier, 14. Juni. Neuerdings werden zwei Cholerafälle gemeldet.
New York, 14. Juni. Durch eine Feuersbrunst wurde eine der hiesigen Kasernen zerstört. 7 Personen kamen in den Flammen um.
Newyork, 14. Juni. 3000 Baumwollenweber striken in Bideford, um höhere Löhne zu erreichen.
Newyork, 14. Juni. Durch das Ueberfahren einer mit Dynamit gefüllten Conservenbüchse entstand eine fürchterliche Explosion. Der Kutscher des betreffenden Wagens wurde getödtet, die Pferde schwer verletzt und der Wagen vollständig zertrümmert. Die Fenster der anliegenden Häuser gingen in Scherben.
San Frauctsco, 14. Juni. In der Nähe von Vis all a fand ein verzweifelter Kampf zwischen Eisenbahnräubern und Polizisten statt. Ein Räuber wurde erschossen, die anderen flüchteten.


