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Alte und neue Parteien in Deutschland.
In Zeiten großer Gährungen und unzufriedener Stimmungen finden im politischen, socialen und wirthschaftlichen Leben mancherlei Wechsel in den Anschauungen und Urtheilen statt, und characteristisch für solche EntwickelungSperioden ist die Thatsache, daß innerhalb derselben sich gewöhnlich alte Parteien zersetzen und neue bilden oder doch heftige Bestrebungen in dieser Richtung vorhanden sind.
Das Zeitmaß, innerhalb welchem sich solche Aenderungen im Parteileben vollziehen, darf freilich nicht kurz bemessen werden, denn oft gehören dazu Jahrzehnte, wobei wir allerdings auch hervorgehoben haben wollen, daß eine ältere Partei erst dann als untergegangen bezeichnet werden kann, wenn sie gar keine Vertretung im Landtage oder Reichstage und in der Oeffentlichkeit mehr besitzt oder daß diese Vertretung ganz unbedeutend und ohne E nfluß ist, während die wirkliche Gründung einer neuen Partei nur erst dann als vollzogen erachtet werden kann, wenn sich dieselbe einflußreiche Vertretung im Parlament und in der öffentlichen Meinung erworben hat.
In politischer Hinsicht ist im Großen und Ganzen das Sehnen aller Deutschen erfüllt und ist deshalb seit der Begründung deS Deutschen Reiches eine Zersetzung, Verschiebung oder Neubildung der Parteien aus reinen politischen Gründen selten geworden, aber desto mehr haben wirthschastliche und sociale Ursachen und darauf gebaute Theorien, Pläne und Wünsche zur Bildung neuer Parteien in Deutschland gesührt. Wir müssen in dieser Hinsicht zuerst die socialdemokratische Partei nennen, welche erst mit der Begründung des Deutschen Reiches zur politischen Bedeutung gelangte, denn der Reichstag sah die ersten socialdemokratischen Volksvertreter und gerade die Reichseinheit trug indirect und ohne es zu beabsichtigen, Vieles zur festeren und leichteren Organisation der social- demokratischen Partei bei. Aus vollständig entgegengesetzten Gründen der politischen Anschauungen, aber immerhin doch auch aus wirthschaftlichen und socialen Ursachen haben sich dann in Deutschland die Parteien der Deutschsocialen und Antisemiten gebildet, und schwerem wirthschaftlichen Drucke folgend entstanden in der letzten Zeit wiederum zwei neue Parteien, „der Bund be< Landwirthe" und die „Teuroburger
Partei", die erste vor einigen Wochen in Berlin zur Hebung der Lage der Landwirthe begründet, und die letzte vor einigen Tagen in Leipzig von ca. hundert aus allen deutschen Gauen herbeigekommenen Vertretern des gewerblichen Mittelstandes gebildet und zwar zu dem Zwecke, um die Lage des gewerblichen und kaufmännischen Mittelstandes zu heben.
Wir müssen betonen, daß wir in die von mehreren großen Parteiorganen beliebte gehässige Kritik nicht etnstimmen können, denn das Recht, seine Lage innerhalb der gesetzlichen Wege zu bessern, hat jeder Reichsbürger, und falls die neu gebildeten Parteien auch vielleicht nicht im Stande sind, eine vollständige Umbildung der alten Parteiverhältnifle durchzuführen, so weisen diese Neubildungen dock sehr scharf auf unzulängliche Vertretung berechtigter Interessen innerhalb der alten Parteien hin und können somit zu gedeihlichen Neuorganisationen innerhalb des Parteilebens führen.
vermischtes.
* Bern, 11. April. Wie der „Walliser Bote" meldet, sanden Ziegenhirtcn vor einigen Tagen hoch in den Bergen über St. Nicolaus (Wallis) die Leiche eines seit nahezu P/4 Jahren vermißten 21jährigen Fräuleins aus Altona (Deutschland). Dasselbe wollte am 14. Juli 1891, während ihre Angehörigen die Bahn benutzten, die Strecke St. Nikolaus- Kalpetran allein zu Fuß zurücklegen, scheint aber einen Seitenweg eingeschlagen zu haben, immer höher ins Gebirg gestiegen, über einen Abhang hinabgekollert und am Fuße eines vier Meter hohen Felsens liegen geblieben zu sein. Alle damals gemachten Nachsuchungen waren erfolglos, so daß man annehmen mußte, die auf unerklärliche Weise verschwundene Tochter müsse in die hochangeschwollene Visp gefallen sein Aber auch die später bei niedrigerem Wasserstande vorgenommenen Absuchungen des felsigten Flußbettes förderten die Verlorene nicht zu Tage. Die endlich nach Jahr und Tag zufällig aufgefundene Leiche, deren Identität durch die Kleider und das Monogramm im Taschentuche von der Gerichtsbehörde festgestellt werden konnte, lag an besagtem Orte unter einer Eiche, das Haupt aufwärts gekehrt, mit der Linken den Rücken stützend und mit der Rechten gegen ein Vorwärtsrutschen sich stemmend, mit drei gebrochenen
Rippen und mit gespaltenem Unterkiefer, unkenntlich und zum Scelette eingetrocknet. Zweifelsohne hat die Unglückliche nodi längere Zeit nach ihrem Sturze gelebt und ist dann eines entsetzlichen Todes gestorben. Auf der Leiche fanden sich Schmuckgegenstände und 400 Francs an Baar und in Banknoten. Telegraphisch benachrichtigt, holte ein Bruder am letzten Mittwoch die verloren geglaubten Ueberreste der lange betrauerten Schwester heim.
* Ein interessanter Prozeß ist kürzlich vor der 12. Cwil- kammer des Landgerichts I. in Berlin zur Entscheidung gelangt. Der Schneidergeselle Zühlke hatte bei dem Schneidermeister Kilian in Arbeit gestanden, und wurde am 22. August v. I. entlassen. Am solgenden Tage erschien er in einer Schlosserwerkstatt und ersuchte den Lehrling, ihm nach dem Hause Kaiserstraße 34 zu folgen, um seine dort vier Treppen hoch gelegene Wohnung zu öffnen, es sei ihm der Corridorschlüssel abhanden gekommen. Der Lehrling fragte seinen Meister, ob er den Auftrag ausführen könne. Er erhielt eine bejahende Antwort mit der Weisung, vorher beim Hauswirth Erkundigung einzuziehen, ob der Auftraggeber auch die bezeichnete Wohnung inne habe. Dies verabsäumte der Lehrling. Er öffnete die Wohnung, die aber nicht dem Z., sondern dessen früherem abwesendem Meister gehörte. Z. stahl dort fünf Ueberzieher, die er für 37 Mk. versetzte. Er wurde dieserhalb von der Straskammer zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt. Der Lehrling erhielt vom Schöffengericht einen Verweis, weil er unvorsichtig mit einem Dietrich umgegangen. Der Bestohlene machte den Meister des Lehrlings für den ihm durch den Diebstahl zugefügten Schaden verantwortlich, wurde aber in erster Instanz mit seiner Klage abgewiesen. Hiergegen legte sein Vertheidiger Berufung ein. Das Landgericht verurthestte den Schlossermeister zur Schadloshaltung des bestohlencn Klägers. In der Begründung heißt es, daß der Beklagte sich seines Lehrlings lediglich als Werkzeug bedient habe und die Verantwortung für die Oeffnung der fraglichen Wohnung selbstredend übernommen habe, wie der Lehrling ihm auch die für die Arbeit erhaltenen 50 Pfg. ausgehändigt habe. Es hieße in Wahrheit der Unsicherheit Thür und Thor öffnen, wenn es in das Ermeffen eines unerfahrenen Lehrlings gestellt würde, die Identität dessen, welcher eine ver-
Feuilleton.
Wochrnbriefk aus brr Residenz.
(Origlnalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 14. April 1893.
Bo« Odeuwaldclub. — Die „Humanität. — Darmstadter Sommertheater. — Allerlei.
Born Decorirungsseste des Odenwaldclubs versprach ich im heutigen Residenzbrief zu berichten und ich komme meinem Worte um so lieber nach, als es diesmal sich wirklich um die Beschreibung einer ganz originell und prächtig verlaufenen Veranstaltung handelt. Der große, sogenannte „weiße" Saal des Restaurants „Zur Stadt Pfungstadt" war von dem fest- gebenden Verein auf das Schönste ausgeschmückt worden. An der Wand war ein großes decoratives Schaustück, eine perspectivische Ansicht der Odenwaldberge darstellend, angebracht, das seinem Schöpfer, Herrn Hoftheatermaler Schlegel, viel Dank und Anerkennung brachte. Auch das vom Club neuerdings angefertigte „Odenwaldplakat", das allerlei Ansichten von Land und Leuten aus unseren heimischen Bergen zeigt und nun in vielen deutschen Städten an geeigneten Punkten ausgehängt werden soll, um das Jntereffe für das hessische Gebirge auch an anderen Orten zu erwecken (ein solches Plakat ist auch im Ritrersaale auf Burg Gleiberg aufgehängt. Red.), fand verdienten Beifall. Die Zahl der Festgäste war ganz außerordentlich groß, ja nicht wenige mußten auf die Antheilnahme am Festeffen verzichten, da es an Platz fehlte. Ihnen über den genauen Verlauf zu berichten, alle Toaste aufzuführen, würde zu weit führen, bemerkt sei nur, daß eine verhältnißmäßig große Zahl Vereinsmitglieder mit dem Ehrenzeichen der vereinigten deutschen Touristenvereine „becorirt" werden konnte und außerdem jeder einzelne ein hübsch ausgestattetes Diplom empfing, worin seine touristischen Verdienste gebührend anerkannt wurden. An ten osficiellen Theil schloß sich eine urgemüthl'che gesellige Vereinigung. Der launigen Trink- sprücke und Vorträge gabs da vele. Sangbare Weisen, theilweise eigens zu dem Frstadend gedichtet, ertönten .dazwischen, fröhliche Chorlieder zum Preise unseres Heffenlandes und seiner schönen Berge. Bon Solisten wirkten theils namhafte Künstler mit, so die Herren Dern, Dalmonico, Wagner
und Riechmann vom Hoftheater, theils kunftliebende Dilettanten, von denen die Herren Psersdorff 'und Notti, sowie unser talentvoller Darmstädter Dialectdichter, Lehrer Schaffnit, genannt seien. Lange, sehr lange hielt die feucht-fröhliche Zech- ftimmung die frohe Schaar der Festtheilnehmer beisammen, und als die Ersten ans Heimgehen dachten, da war aus dem Samstag Abend schon lange Sonntag Morgen geworden. Am Tage nach dem Feste soll übrigens, einem unverbürgten Gerücht zufolge, die Odenwaldluft ihre sanitäre Wirkung in mehr als einem Falle bewährt haben. Es soll verschiedene „Kater" zu heilen gegeben haben, und daß die zu benanntem Zwecke unternommenen „Katerbummel" in den Odenwald führten, verstand sich diesmal ganz von selbst, dieser hatte ja auch den mittelbaren Anlaß zu diesen „Krankheiten" gegeben. Also Alles in Allem, es war ein schönes Fest, und der alte Rodensteiner hätte sicher seine Freude an den trinkbaren Mannen gehabt, die zur Verherrlichung seiner Heimath- berge manch ehrlichen Schluck thaten. Seit dem letzten Samstag dürfte der alte Anführer des wilden Heeres wohl eine bessere Meinung von den Darmstädter „Stammgast- schaaren" bekommen haben, als bei der Entführung seines „StühstrqqipeterS" Hgns Schleuning aus dem „Schwarzen Lamm", von der uns Scheffel so erbaulich zu berichten weiß. Dem ersten Decorirungsfeste dürften nach diesem Verlaufe nun wohl noch recht viele folgen.
Am Montag trat jder neugegründete Männerchor „Humanitas" zum ersten Male mit einem großen Concerte, dessen Reinertiägniß zu_ Wohlthätigkeitszwecken verwendet werden soll, vor die Oeffentlichkeit. Wir wollen gleich von vornherein seststellen, daß der Erfolg in jeder Beziehung glänzend war. Der große Saal des Saalbaues war dicht gefüllt und das Publikum spendete nach jeder Nummer des mit großem Geschma? zusammengestellten Programms reichen Beifall. Der noch nicht lange zusammengetretene Männerchor hat in ganz kurzer Zeit unter der Leitung unseres rühmlichst bekannten Musikdirectors Dr. Fritz Reifer geradezu erstaunlich viel gelernt; alle Gesänge, darunter der mit technischen Schwierigkeiten geradezu überladene Chor „Die Krone im Rhein", der vom „Mozartverein" beim vorjährigen Gesangswettstreit zu Karlsruhe vorgetragen wurde, wurden ganz musterhaft wiedergegeben. Eine Solistin, die ihresgleichen sucht, hatte der Verein in der Konigl. Hofsängerin Fräulein Elisabeth Leisinger aus Berlin gefunden. Sie ist unserem
Publikum nicht mehr unbekannt gewesen, das erste Symphonie- concert unserer Hofmusik hatte sie durch ihre Mitwirkung verherrlicht. Jubelnder Beifall lohnte die großartige Gesangs- Meisterin auch diesmal wieder für ihre wirklich vollendeten Leistungen.
Eine andere Nachricht wird die Gießener besonders interessiren. Allgemein verlautet hier — und eine Notiz im „Darmstädter Tageblatt" bestätigte die Nachricht — für den Sommer sei die Errichtung eines Sommertheaters int städtischen Saalbau geplant und Herr Director Reiners aus Gießen sei der Unternehmer. Im Juni sollen die Vorstellungen beginnen und bis Ende August dauern. In den Sommermonaten ist hier außer an Concerlen ja allerdings wenig geboten und wenn Herr Director Reiners solche Stücke bringt, die aus inneren Gründen dem hiesigen Publikum auf unserer Hofbühne nicht vorgeführt worden sind, und wenn er ferner über ein wirklich gut geschultes Ensemble verfügt, so kann er seine Rechnung vielleicht ganz gut finden. Als Zuwachs unserer dürftigen sommerlichen Vergnügungen wäre die Errichtung eines guten Sommertheaters recht erfreulich.
Sonst bleibt für heute noch zu erwähnen, daß neulich im katholischen Gesellenhospiz eine wohlgelungene Aufführung lebender Bilder stattgefunden hat, woran sich eine Art Bazar anschloß. Die Veranstaltung diente einem edlen wohlthätigen Zweck, der Errichtung einer erweiterten katholischen Kirche in Darmstadt. Eine schöne, reichbeschickte Ausstellung von Vögeln und Geflügel hat der hessische Geflügelzuchtsverein in Saale der Turngemeinde Darmstadt veranstaltet und damit vielen Beifall errungen. Aufsehen machte in der vergangenen Woche das Auftreten eines „unverwundbaren Fakirs", der allerhand nervenerregende Kunststückchen und Experimente machte, die völlig unerklärlich erscheinen. Er durchbohrte sich unter Anderem Wangen, Hals und Arme mit langen Nadeln, schlug einen Degen in den Leib, ließ sich von giftigen Schlangen beißen rc., ohne daß irgend ein äußeres Anzeichen einer Verwundung sichtbar wurde oder auch nur die geringste Menge Blut floß. Die Vorstellungen wurden namentlich von unseren Aerzten mit lebhaftem Interesse verfolgt und fanden vielen Beifall. Unterhaltend waren die ausgeführten Experimente allerdings nicht und den Nerven der Zuschauer gewiß wenig zuträglich. Das Urtheil der hiesigen Presse über die eigenartige Schaustellung war getheilt. 2.


