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16.4.1893 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt.

Sonntag den 16. April

1893

Gießener A nzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

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erstrecken. Weiterhin ist auch die Anzeigepflicht anders I geregelt, als in der ursprünglichen Formulirung. Nach dieser sollte nicht nur an die Ortspolizeibehörde, sondern auch an den beamteten Arzt Anzeige erstattet werden, während die im Reichstage eingebrachte Vorlage die Benachrichtung der Ortspolizei für ausreichend erklärt. Außerdem sollten nach dem ersten Entwurf alle zum Haushalte gehörigen großjährigen Familienmitglieder und sonstige Haushalts­genossen zur Erstattung der Anzeige verpflichtet sein. Die neue Fassung beschränkt die Anzeigepflicht auf den be­handelnden Arzt, alle sonst mit der Pflege des Kranken beschäftigten Personen, den Haushaltungsvorstand und den Inhaber der Wohnung oder Behausung, in welcher der Er- krankungs- und Todesfall vorgekommen ist. Der schon in dem ursprünglichen Entwürfe vorgesehene Reichs­gesundheitsrath wird auch in dem neuen beibehalten. Das bereits bestehende Reichsgesundheitsamt soll künftighin keine außerordentlichen Mitglieder mehr umfassen, vielmehr würden diese zusammen mit den Mitgliedern besonderer medicinischer Commissionen, beispielsweise derjenigen zur Aus­arbeitung eines deutschen Arzeneibuches, den neuen Reichsge­sundheitsrath bilden. Der Director des Reichsgesundheits- amteS würde zugleich der Vorsitzende des Reichsgesundheits- rathes sein.

In Preußen erregen im Augenblicke zwei politische Angelegenheiten lebhaft das öffentliche Interesse: Die neue Vermögenssteuer, die nächster Tage von dem Abge­ordnetenhause in zweiter Lesung behandelt werden wird, und die Wahlgesetznovelle, welche verhüten soll, daß durch die neuen Steuergesetze das Wahlrecht allzusehr zu Ungunsten der kleinen Leute verschoben wird. Was die Vermögenssteuer betrifft, so wird diese vielfach für entbehrlich gehalten. Sie soll bekanntlich nach Angabe der Regierung deswegen nöthig sein, weil mit der Beseitigung der Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer als Staatssteuern ein Einnahmeausfall entstehe, welcher dadurch, daß künftig die Ueberweisungen von Reichs­steuern an Preußen dem Staate zur eigenen Benutzung ver­bleiben sollen, nicht genügend gedeckt werde. Dagegen werfen die Freisinnigen und ein Theil der Nationalliberalen dem Finanzminifter vor, daß er die staatlichen Einnahmen, die in den nächsten Jahren zu erwarten stehen, viel zu niedrig ver­anschlagt habe. Mit der neuen Wahlgesetznovelle sind vor­nehmlich die Nationalliberalen unzufrieden, weil sie von ihr eine Stärkung des Einflusses der Centrumspartei in der Rheinprovinz befürchten.

In Serbien hat sich das Parlament nunmehr constituirt; die regelmäßigen Sitzungen und Berathungen sollen demnächst beginnen. Da die Radikalen sich an den Sitzungen nicht betheiligen, so ist die gegenwärtige Skupschtina nur ein Rumpfparlament. Großes Aufsehen erregt es, daß der bulgarische Minister Stambulow, wie vor einiger Zeit vom Sultan, so jetzt auch vom Kaiser von Oesterreich in Audienz empfangen worden ist. In Belgien ist der Antrag des liberalen Abgeordneten Jansons auf Einführung des allge­meinen Stimmrechtes für die Einundzwanzigjährigen von der Kammer abgelehnt worden. In Folge deffen hat sich eine große Erregung des Volkes bemächtigt. Große Arbeiter- maffen aller Jndustrieen suchen durch Arbeitseinstellungen die Gewährung des allgemeinen Stimmrechtes zu erzwingen.

politifc^e Wochenschau.

Gießen, 15. April 1893.

Der Deutsche Reichstag hat sich in seiner ersten Sitzung nach den Osterferien mit der Interpellation des con- servativen Abgeordneten Men zcr in Betreff des Rückganges des deutschen Tabakbaues beschäftigt. Daß der Tabakanbau in Deutschland zurückgegangen sei, wurde bei der Berathung im Reichstag von keiner Seite bestritten. Doch war man Über die Gründe dieser Erscheinung getheilter Meinung. Während der Interpellant die Schuld auf die seiner Ansicht nach zu niedrige Verzollung des vom Auslande importirten TabakeS, der dem inländischen eine unerträgliche Concurrenz mache, zuzuschieben suchte, bezeichnete der Regierungsvertreter die Aenderung in der Geschmacksrichtung der Raucher als den wesentlichen Grund des Rückganges. Zugleich wurde von der Regierung und von der linken Seite des Hauses darauf hingewiesen, daß man nicht einseitig die Tabak­pflanzer durch Zollerhöhungen unterstützen dürfe, welche dem Interesse der Consumenten zuwider liefen und den Tabakhandel direct schädigten. Ueberdies seien die Klagen der Tabakproducenten vielfach übertrieben. Die Verhand­lungen über die Militärvorlage werden nach Fertig­stellung des Commissionsberichtes voraussichtlich in der letzten Aprilwoche beginnen. Es wird jetzt auf keiner Seite mehr bezweifelt, daß die Regierungsvorlage abgelehnt werden und auch kein Compromiß zu Stande kommen wird. Ebenso sicher ist es, daß die Regierung den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen vornehmen zu lassen gewillt ist. Diese würden voraussichtlich im Monat Mat stattfinden. Unter diesen Umständen wird wohl auch das dem Reichstag neu zugegangene Reichsseuchengesetz nicht mehr zur Er­ledigung kommen. Der eingebrachte Entwurf unterscheidet sich in zwei Punkten wesentlich von der Fassung, in der die Vorlage an den Bundesrath gelangt war. Zunächst sind die Bestimmungen des Entwurfes auf eine kleinere Anzahl von Krankheiten beschränkt, auf asiatische Cholera, Fleckfieber, Gelbfieber, Pest und Pocken. Darmtyphus, Diphtherie, Croup, Rückfall fieber, Ruhr und Scharlach sollen den Fest­setzungen der Vorlage nicht unterstehen, weil diese Krank­heiten nicht den Charakter von eigentlichen Volksseuchen haben, sondern zumeist nur in beschränktem Umfange an einzelnen Orten und in bestimmten Gegenden auftreten und deshalb zu ihrer Bekämpfung nicht Maßnahmen erforderlich find, welche sich gleichmäßig über das ganze Reichsgebiet

Deutscher Reich.

Berti», 14. April. Der Kaiser nahm am Donners­tag Vormittag im Reichskanzlerpalais einen Vortrag des Reichskanzlers Grafen Caprivi entgegen. Man wird in der Annahme vielleicht nicht irren, daß der Vortrag, mit der Militärsrage im Zusammenhang gestanden hat.

Die Centrumsfraction des Reichstags hat ihren Frieden mit Herrn Fusangel, dem neuen Reichs­tagsvertreter für Olpe-Meschede, gemacht. Wie dieK. Z." mitzutheilen weiß, ist Herr Fusangel in einer zu Köln statt­gehabten Besprechung mit einigen Centrumsabgeordneten aus­drücklich als zur Centrumspartei gehörig anerkannt worden. Der neue Fractionsgenoffe soll sich dafür verpflichtet haben, bei passender Gelegenheit eine kleine, der Centrumsleitung entgegenkommende Erklärung abzugeben.

Das Ergebniß der öffentlichen Zeichnung auf die jüngsten Anleihen des Reiches und Preußens liegt nunmehr ziffernmäßig vor. Auf die Reichsanleihe wurden 671 Millionen Mark, nahezu das 4'/^ fache des aufgelegten Betrags (160 Mill.), auf die preußischen Consols 533 Mill. Mark, beinahe das 4fache des aufgelegten Betrages (140 Mill.) gezeichnet. Die Reichsanleihe begegnete in Süddeutschland einer besonders günstigen Aufnahme.

Ausland.

Brüffel, 14. April. Die neue ausständische Be­wegung in der belgischen Arbeiterschaft weist fortgesetzt ein kritisches Aussehen auf. Allerdings trägt der ausge­brochene Strike keineswegs den allgemeinen Charakter, welchen

Feuilleton.

Der marinirte Hering.

Humoreske von Berthold Auerbach.

AuS Berthold Auerbachs Schatzkästlein des GcvattermannS. 1. Band.

Eines Morgens kommt in ein WirthShaus oder vornehmer gesagt in einen Gasthof am Rhein ein munterer, sauber und schmuck gekleideter preußischer Offizier, ein junges Blut, hat aber wenig davon in den Backen, sieht im Gegen- theil sehr übernächtig aus, hat sich am vergangenen Abend etwas zuviel zugemuthet und muß nun einen Rebellen zu Ruhe bringen, dem nicht mit Kugel und Säbel beizukommen ist. Man merkt schon, wie es bei ihm bestellt ist, denn er bestellt sich einen friedenstiftenden marinirten Hering. Der wird auch vom Kellner alsbald ausgetragen, schwimmt ganz appetitlich in einer weißen Brühe mit grünen Kapern und hat die Friedenspalme und den wohlfeilsten Lorbeer im Maul. Der junge Mann schneidet dem Fisch mit Behagen den Kopf ab und nickt zufrieden, während er das Mittelstück verspeist. Nicht weit davon sitzt ein epaulettenloser öster­reichischer Offizier vor einem Schoppen Laubenheimer, wünscht dem preußischen Kameraden einen gesegneten Appetit und fährt dann zutraulich fort:

Herr Kamerad, das ist ein Gusto, was Delikates? Bin in Italien gestanden, da wachsen diese an Sträuchern."

Sie scheinen heiter aufgelegt", erwiderte der Preuße, aber ich muß Sie ersuchen, mir derartigen Schnickschnack nicht aufbinden zu wollen."

Gar kein Schnickschnack, ist mein voller Ernst." Lächerlich! Wie können Sie so was behaupten?" Und ich sag' Ihnen, ich hab's selbst gesehen, sie wachsen an Sträuchern."

Und ich will jetzt keinen derartigen Scherz. Suchen Sie sich einen andern für dergleichen lächerliche Behaupt- »ngen."

Gar nichts Lächerliches, es ist so, Sie können mir's glauben, ich hab's mit eigenen Augen gesehen."

Dann werde ich Ihnen den Staar stechen", sagte der Preuße aufbrausend, dem noch etwas Verstimmung im Magen gelegen haben muß.Ich bin es müde, mich mit solch' albernem Scherze necken zu lassen."

Das ist zu viel," sagte der Oesterreicher.

Nun denn," fährt der Preuße hitziger fort,so kommen Sie morgen Früh um neun Uhr in den Mombacher Wald mit einem Secundanten und ich werde Ihnen dort mit einer Kugel Antwort geben!" und damit stürzt er zornig fort.

Auch recht", sagt der Oesterreicher und trinkt ruhig seinen Laubenheimer aus.

Am andern Morgen zur gesetzten Stunde treffen sich die Beiden richtig mit noch andern Kameraden im Mombacher Wald.

Ein Zweikampf wird in aller Ordnung (was man hierbei eben Ordnung Heißt) veranstaltet und ausgeführt. Auf ein gegebenes Zeichen schießt zuerst der Oesterreicher, als der Beleidigte, und fehlt. Der Preuße drückt nun los, und trifft seinen Gegner in den linken Oberarm- man setzt ihn auf den Boden und verbindet ihm die Wunde. Der Preuße geht auf ihn zu und sagt:

Nun, Kamerad, behaupten Sie noch, daß die Heringe an Sträuchern wachsen?"

Treuherzig erwidert der Oesterreicher :

Mein' ich ja gar nicht die Heringe, mein' ich ja die Kapern."

Und doch habt Ihr einen Zweikampf auSgefochten!" riefen alle Umstehenden.

Wie man eine Wette gewinnt.

Die Königin Victoria und die Herzogin von St. Alban haben allein das Recht, Rotten-Row den weltberühmten Reitweg im Londoner Hyde-Park zu Wagen zu befahren, die Königin in ihrer Eigenschaft als Herrscherin und die Herzogin als Frau des erblichen Groß-Falkeniers. Bei einer Erörterung dieses Privilegs in einem der vornehmen Londoner Westend-Clubs erlaubte sich ein bekannter Sportjünger das Vorhandensein eines solchen Rechts zu bezweifeln und erbot

sich zugleich, am hellen Mittag unaufgehalten Rotten-Row entlang zu fahren und am Ende des Weges mit seinen Kameraden zusammenzutreffen. Wetten wurden für und toiber das Unternehmen eingegangen und die Kunde durchflog sofort wie ein Lauffeuer alle Clubs. Rotten-Row war am nächsten Morgen überfluthet von Westendbewohnern, auch die Polizei war vollzählig erschienen und Alle warteten mit Spannung auf das Ereigniß, das da kommen sollte und nicht kam. Auf dem ganzen Wege war nichts zu sehen, als ein paar Hundert Reiter und ein Wafferwagen, der langsam einher fuhr und die Straße besprengte. Der erste Schlag der zwölften Stunde ertönte, und enttäuscht fing die Menge an sich zu zerstreuen; nur Diejenigen blieben, die ein besonderes Interesse an dem Mißlingen der Wette hatten. Auch die Schutzleute zogen, vergnügt die Hände reibend, sich zurück, und die Reiter wendeten ihre Pferde, um zum Lunch nach Hause zu reiten, als sich die Scene mit einem Schlage merk­würdig veränderte. Als nämlich der Wafferwagen am Stelldichein angelangt war, sprang plötzlich der Fuhrmann ab, warf seinen Staubkittel von sich und stand vor der Menge da als der erfinderische Sportsman, der die Wette vorgeschlagen hatte. An diesem Tage soll manche Hundert- pfundnote ihren Besitzer gewechselt haben.

Gereimte Epistel gegen das Corsett

von Pfarrer Kneipp in Wörishofen:

Schnürleib! Falscher Freund des Weibes, Feind der Leber und des Magens, Feind des ganzen Unterleibes, Mörder alles Wohlbehagens!

Wie viel Mägdlein machst Du krank

Und vernichtest alle Lungen!

Die viel Mägdlein stolz und schlank Hast Du wohl schon umgebrungen!"