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16.3.1893 Erstes Blatt
 
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Rr. 64 Erstes Blatt

Donnerstag den 16. März

1893

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z Deutsches Reich.

Berlin, 14. März. Das Deutsche Kaiserpaar wird seine Reise nach Rom am 18. April antreten, wie eine anscheinend offiziöse Meldung in der ,,Köln. Ztg." besagt. Derselben Quelle zufolge würde sich im Gefolge der kaiser­lichen Majestäten auch der Staatssecretär des Auswärtigen Amtes, Freiherr v. Marschall-Bieberstein befinden. Hiermit erledigt sich wohl die bisherige vielverbreitete Annahme, wo­nach der Reichskanzler Graf Caprivi selber das Deutsche Kaiserpaar auf desien bevorstehender Romfahrt begleiten würde.

In parlamentarischen Kreisen verlautet, der Reichs­kanzler .habe im Hinblick auf die vorläufigen ablehnenden Be­schlüsse der Militärcommission erklärt, daß die Auflösung deS Reichstages, falls auch in den weiteren Verhand­lungen über die Militärvorlage keine Verständigung zu erzielen sei, erfolgen werde. Ob der Kanzler wirklich diese Drohung ausgesprochen hat, muß indessen noch dahingestellt bleiben, da die jüngsten Vorgänge in der Militärcommission zu einer ganzen Reihe uncontrolirbarer Gerüchte Anlaß gegeben haben. Einige von ihnen haben sich jedoch bereits als unbegründet herausgestellt, so z. B. diejenigen Gerüchte, wonach die sächsische und die bayerische Regierung einer etwaigen Auf­lösung des Reichstages nicht geneigt sein sollten. Auch die Nachricht, Graf Caprivi habe dem Kaiser über die ablehnenden Beschlüsse der Militärcommission sofort Vortrag gehalten und seien dieselben alsdann in der Sitzung deS preußischen Staats- ministeriums vom vorigen Samstag ebenfalls zur Sprache gelangt, wird jetzt als unrichtig bezeichnet. Inzwischen tritt die im Lande entstandene Strömung zu Gunsten einer Ver­ständigung zwischen Regierung und Reichstag in der Militär- frage immer energischer auf. U. A. hat sich auch der Landes­ausschuß der nationalliberalen Partei Badens in einer programmatischen Erklärung in dieser Richtung ausgesprochen, allerdings unter Forderung der gesetzlichen Feststellung der zweijährigen Dienstzeit.

Aus Deutsch-Ostafrika kommt die erfreuliche Kunde von einem neuen Erfolge der deutschen Waffen. Der in der wichtigen Station Tabora commandlrende Lieutenant Prince griff mit seinen Leuten die stark verschanzte Residenz des rebellischen Häuptlings Sikki an und erstürmte sie, wobei Sikki selbst fiel. Der Tod dieses einflußreichen deutschfeind­lichen Häuptlings dürfte die deutsche Herrschaft im Bezirke von Tabora wesentlich stärken.

Berlin, 13. März. Eine von 1500 Personen besuchte Versammlung beschloß, dahin zu wirken, daß eine deutsche Mittelstandspartei begründet werde, wodurch nur Handwerker- candidaten zur Wahl in den Land- und Reichstag gelangen können. Unter allen Umständen soll an dem Befähigungs

nachweis und an allen Forderungen, die bis jetzt vom Hand­werkerstand aufgestellt sind, festgehalten werden. Der Refe­rent trat energisch für den Befähigungsnachweis, Reform der Concursordnung, des Submissionswesens, der Gefängniß- arbeit, sowie Beseitigung der auch unter den neuen Verhält- niffen noch möglichen Auswüchse des Hausirwesens ein, unter dankbarer Anerkennung dessen, was bezüglich der Unter­drückung der Wanderlager bereits geschehen. Mehrere Redner empfahlen Anschluß an den Antisemitismus. Der Referent betonte, daß zwar nicht jeder Handwerker Judenfresser, aber deutsch-social sein könne. In nächster Zeit sollen weitere Ver­sammlungen abgehalten und zu diesen die Abgeordneten aller Fractionen geladen werden.

Ausland.

Der Pauamasumpf in Frankreich hat mit dem bis­herigen Justizminister Bourgeois ein neues Opfer verschlungen, da Bourgeois infolge der von Frau Cottu im Panama- Bestechungs-Prozeß gemachten Aussagen zurückgetreten ist. Schon war auch von dem Sturze des ganzen Cabinets Ribot infolge des Zwischenfalles Cottu-Bourgeois als einem jetzt unvermeidlich gewordenen Ereignisse die Rede, doch ist das Cabinet diesmal noch mit einem blauen Auge davongekommen. Denn die bewegte Deputirtenkammer-Sitzung vom Montag Nach­mittag, in welcher die auf die Aussagen der Frau Cottu und auf die Demission des Justizministers bezüglichen Inter­pellationen zur Sprache kamen, brachte dem Cabinet Ribot durch die Annahme einer ihm genehmen Tagesordnung ein Vertrauensvotum; wie lange dessen Wirkungen anhalten werden, das bleibt freilich abzuwarten. In der erwähnten Kammersitzung stellte sich Bourgeois als den reinsten Engel hin und bezeichnete er dafür die Aussagen der Frau Cottu als durchaus unwahr, welche Haltung Bourgeois auch in der Montagssitzung im Panamaprozeffe beobachtete. Die ganze Behandlung des sensationellen Vorfalles läßt indeffen nur aufs Neue das Bestreben der leitenden Kreise des heutigen republikanischen Frankreichs hervortreten, die für die Regie­rungsmänner, wie für das Parlament bedenklichen Wendungen des Panamascandals nach Kräften abzuschwächen.

Deutscher Reichstag.

66. Sitzung. Dienstag, 14. März 1893.

Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Ahlwardt (Anils.), er sei hier am Samstag in,seiner Abwesenheit ^angegriffen worden. Es sei gestern nicht zulässig gewesen, sich dagegen zu ver- theidigen, auch heute könne er dies nicht. Er behalte sich deshalb vor, bet der dritten Lesung des Etats und zwar am besten wohl beim Milttäretat eine ausführliche und gründliche Antwort zu geben.

Abg. Dr. Hermes (dfr.): Das wird ja ein welterschütterndes Ereigniß werden! (Heiterkeit.)

Präsident v. Levetzow erklärt den Zwischenruf für ungehörig.

Auf der Tagesordnung steht der Rest des Etat«.

Zum Etat der Zölle und Verbrauchssteuern liegt ein Antrag der Abgg. Scipio (natl.) und Goldschmidt (dfr.) auf Einsetzung einer Auskunftsbehörde in Zollsachen vor.

Abg. Hug (Ctr.) klagt über Erschwerung des schweizerisch- badischen Grenzverkehrs infolge der AuSlührunaSbestimmungen zum schweizerischen Zolltarif. Namentlich hätten die Thonwaaren- und die Ziegel-Industrie durch die schweizerischen Zölle zu leiden.

Abg. Staudy (cons.) verlangt Zollsreiheit für einenSchnetde- mühlenbefltzer, der seine Mühle von Rußland nach diesseits der deutschen Grenze verlegt hat. Die Verweigerung dieses Gesuchs Seitens der Zollbehörde widerspreche dem Gesetze.

Staatssecretär Frhr. v. Maltzahn bestreitet dies. Die Sache sei zweifelhaft.

Geh. Rath Huber erklärt, daß eine Herabsetzungdes schweizerischen Zolls auf Ziegel leider bei den Verhandlungen nicht habe durchgesetzt werden können.

Abg. Scipio und Goldschmidt befürworten ihren Antrag. Die Petitionscommission habe zahlreiche Beschwerden über »u Unrecht erhobene Zölle für begründet erklären müssen; aber die Beschlüsse der Commission seien ohne Eindruck auf die verbündeten Regierungen geblieben. Jetzt gebe eS in Zollsachen kein Recht. Der Antrag sei geeignet, diesen Uebelstand wenigstens zu mildern.

Staatssecretär Frhr. v. Maltzahn bestreitet, daß eS in Zoll­sachen im Deutschen Reiche kein Recht gebe. Es bestanden allerdings zwischen dem Bundesrath und dem Reichstag Differenzen über die Auslegung deS Zolltarifs; aber weshalb solle denn gerade die Inter­pretation des Reichstags allein authentisch fein? Ein Zolltarisamt würde eine Delegation von Befugnissen des Bupdesralhs in sich schließen. Jedenfalls werde der Antrag, wenn er angenommen werde, sorgfältig erwogen werden.

Abg. Scipio (natl.): Der Antrag verlange keine Delegation bundesrathlicher Befugnisse, sondern nur eine Verlautbarung darüber, wie der Bundesrath in jedem einzelnen Falle eine Tarifposttion auslege.

Staatssecretär Frhr. v. Maltzahn: Dann würde sich die ge­wünschte authentische Stelle doch stets, wenn ein neugearteter Zweifel auftauche, wieder an den Bundesrath wenden müssen.

Abg. Dr. Broemel (dfr.): Nach wie vor müsse die Schaffung einer richterlichen Instanz für endgültige Entscheidung in Zollstreit­sachen eoent. unter Abänderung entgegenstehender Gesetzes- und Ver­fassungsbestimmungen erstrebt werden. Wie soll ein Kaufmann denn überhaupt noch ein Geschäft machen, wenn er nicht einmal amtliche Auskunft darüber erhalten könne, wieviel Zoll er bei Einfuhr einer bestimmten Waare werde zu zahlen haben. Deshalb fordere der Antrag das Mindeste, was vorläufig gefordert werden könne.

Auf eine Anregung des Abg. Siegle (natl.) wird regierungs­seitig erwidert, Zollfreiheit für leichtere Petroleum-Destillate habe der Bundesrath in einigen Fällen für Fabriken gewährt, welche des Benzins zu DefiillationSzwecken benötigten.

Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Broemel (dfr.) thelltStaats- secretär v. Maltzahn mit, daß die Bundesrathsausschüsse über eine Vorlage derothen, wonach der so viel angesochtene Bundesrathsbeschluß über den Petroleumfaßzoll wieder aufgehoben werden soll. Dem Abg. Scipio gegenüber erklärte der Staatssecretär noch, es sei eine Vorlage in Vorbereitung, welche einige kleine Aenderungen des Zoll­tarifs, darunter auch die Position Baumwollsamen-Oel, bezwecke.

Der Etat der Zölle und Verbrauchssteuern wird angenommen, ebenso, und zwar mit kleiner Mehrheit, der Antrag Scipio-Goldschmidt. Genehmigt wird ferner der Etat der Stempelabgaben.

Es folgt Etat des Reicksschatzarnts.

Abg. Mirbach (Rp): Der niedrige Preisstand des Silbers

Feuilleton.

Geschichtsbilder aus dem Vogelsberg.

Von Dr. C. L. Otto.

(3. Fortsetzung.)

Aber die römischen Wachtposten am Pfahlgraben waren auch nicht leicht zu überrumpeln. Hoch loderten die Feuer und Rauchzeichen auf der ganzen Grenzlinie empor und riefen die weit zerstreuten Legionstruppen nach der gefährdeten Stelle; lange schwankte der Kampf, zahlreiche tapfere Streiter fielen auf beiden Seiten, Castelle und Ansiedelungen wurden erobert, geplündert und in Brand gesteckt, und so zogen unsere Voreltern gar manchmal beutebeladen und mit zahl­reichen Gefangenen wieder nach der Heimath, nicht selten aber auch war der Ei folg des Kriegszuges ungünstig, und die Leiber der getödteten germanischen Krieger deckten das Schlachtfeld. Sie gehörten den Thieren des Todtengottes, den Wölfen und Raben. War ja doch der Gott Zio ein­händig, weil der Wolf ihm die rechte Hand bis zum Gelenk abgebissen hatte, und konnte deshalb auch nur einem Theil der Kämpfenden den Sieg verleihen.

Schwankte dieser aber auf und ab oder war er endlich errungen, so wurden abermals Opfer gebracht und dem Schlachtengott d.e Erstlinge der Kriegsbeute geweiht, nach endlichem Siege aber alle Kriegsgefangenen.

So durchdrang vom Augenblick an, wo der Krieg be­schlossen wurde, bis zum blutigen Siege das religiöse Element die germanischen Heere, wie den einzelnen Mann. Fiel er im Kampfe, so wußte er sich ausgenommen in die Gefolgschaft, unter das Gesinde des Kriegsgottes. Durch sein Blut halte er eine solche Ehrenstelle erkauft. Durch die Todeswunde

hatte ihn sein Gott selbst als Gefolgsmann gezeichnet und ihm das Recht gegeben, an seiner Herrlichkeit theilzunehmen.

Wer kann sagen, wie oft während zweier Jahrhunderte am Grenzwalle und den naheliegenden römischen Castellen und Ansiedelungen solche Kämpfe stattfanden, wieviel tapferes Männerblut dabei die Erde tränkte. Die meisten Castelle sind mehrfach erobert und verbrannt, aber immer wieder aufgebaut worden, bis zuletzt die gejammte römische Herr­schaft in Deutschland zusammenbrach.

Jetzt finden sich von dem römischen Grenzwalle nur noch schwache Reste in den Wäldern, wo aber der Pflug darüber gehen konnte, ist jede Spur desselben verwischt. Von den Castellen, welche den Angriffen der Germanen durch zwei Jahrhunderte Trotz boten, haben sich nur schwache Reste der Grundmauern im Boden erhalten und von diesen sind manche selbst jetzt noch nicht wieder aufgcfunden worden. Wo ist das einst so mächtige Reich der Römer? Es besteht nur noch in der Erinnerung, es ist der Geschichte anheim­gefallen. Dereinst beherrschte die Sprache der Römer die ganze bekannte Welt und die in ihr geschriebenen Geistes- erzeugniffe galten als das Höchste, Tiefste und Schönste, was der Menschengeist erdenken kann. Jetzt wird die lateinische Sprache nirgends mehr gesprochen und bildet nur noch die Qual der Schulknaben.

Und die rohen, wilden, heidnischen Germanen? Sie bilden jetzt das mächtigste und angesehenste aller Reiche. Gebe Gott, daß es recht lange so bleibt.

III.

Einführung und Ausbreitung des Chriftenthuins.

Während der zweihundertjährigen Herrschaft der Römer auf deutschem Gebiete waren dieselben ohne Zweifel von dem

größten Einfluß auf die Cultur der umwohnenden Germanen. Bei den Römern jenseits des Pfahlgrabens hohe Gesittung, weitgehende künstlerische und technische Bildung, bei den Ger­manen jenseits der Grenze tiefe Barbarei. Doch lernten diese von den Römern mancherlei Künste, durch den Handel wurden sie mit manchen Kunstleistungen und dadurch zur Nachbildung und Nacheiferung veranlaßt. Und als dann die Römerherrschaft zusammenbrach und die Germanen die Erbschaft antraten, blieb gar mancher Legionssoldat zurück und verschwand in der ger­manischen Umgebung, aber seine Lehren verschwanden nicht, sondern breiteten sich weiter und weiter aus. Auch ist gar nicht unwahrscheinlich, daß ein oder der andere orientalische Sklave der Römer, ein Kaufmann oder Handwerker aus Italien, Griechenland oder Syrien, viel seltener aber ein römischer Legionssoldat als erster Missionar unter den heid­nischen Germanen auftrat, wenn auch ohne wesentlichen Erfolg.

Durch die lange andauernden Kämpfe war das Land volkarm geworden. Andere Stämme brachen von allen Seiten ein, so bei uns von Norden her wieder Chatten, und auch sie wurden Erben der von den Römern hinterlassenen größeren Gesittung.

So bereitete sich langsam die große Völkerwanderung vor, welche von der Mitte des vierten bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts die größten Veränderungen in den Sitzen der verschiedenen germanischen Völker zut Folge hatte. Doch konnte dieselbe in dem geschloffenen Waldgebiet unserer Gegend nur von geringerem Einfluß sein.

Bon unsagbarer Tragweite aber waren die Veränder­ungen, die etwas später von anderer Seite sich vorbereiteten. Es waren die britischen Missionare, welche in irischen Klöstern vorgebildet waren. Von Friesland aus erweiterten sie die Kreise ihrer Thätigkeit mehr und mehr und gelangten so auch in den buchonischen Wald, um da das Christenthum zu verbreiten.