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15/02/1893 Erstes Blatt
 
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^otltmonttait mit Sn1 t an btt KobHtimerstraße i(6 und Schombcr Dem ix tW E Ww oAwMh Grün, Neustadl- ninoe verleiht Mior, Bahnhoiftrahe 7. pfer, Mesfiag, i, 3ittt u f. w. tauft ifltsprtiftn.

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Nr. 39 Erstes Blatt

Mittwoch de« 15. Februar

1893

Der

Zu,ei,er erfdjnnt täglich, Mit Ausnahme des Montag».

Die Gießener

P«Mtsie»05Liter Merdm dem Anzeiger Wöchentlich dreimal d eigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Akonn-, tufntaprdi l 2 Mark 20 Psg. mit Br'ngcrlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.

Rebachon. (Eptbitiee und Druckerei:

-OurSratz-A».^ Fernsprecher &L

unb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

I Kr-ti-önlag.- Hich-n-r gamitttnCfätta. \

Amtlicher Therl.

Bekanntmachung,

betreffend Maul« und Klauenseuche in der Gemarkung Muschenheim.

Nachdem die in einem Gehöft der Gemarkung Muschen­heim ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die angeordnete Gehöftsperre wieder aufge­hoben.

Gießen, den 13. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche- Reich.

Berlin, 11. Februar. In der Militär'Commission des Reichstags richtete der Abg. Rickert an die Re­gierung die Anfrage, welche Pläne bezüglich etwaiger Er­weiterungen von Häfen, namentlich für Wilhelmshaven, vor­liegen. Der Reichskanzler v. Caprivi erwiderte darauf, spezielle Pläne für den Umbau des Hafens in Wilhelmshaven kenne er nicht, er bestreite, daß auf dem Gebiete der Marine große Ueberraschungen stattgefunden hätten. Bindende Marine- pläne auf lange Zeit hinaus ließen sich nicht aufstellen. Rickert, welcher hierauf das Wort erhielt, hebt hervor, daß die große finanzielle Frage der Panzer auch heute noch sehr umstritten sei. Man befände sich auf durchaus un­sicherem Boden. Der Reichskanzler Graf Caprivi erklärt, der Gedanke, eine bestimmte Summe für jedes Jahr für Neu- und Ersatzbauten der Marine zu bewilligen, würde vermuth- lich der Marineverwaltung willkommen sein. Director im Reichsschatzamt, Aschenborn, versichert, die Mehreinnahmen deS Reiches würden in fünf Jahren rund 70 Millionen be­tragen ohne die neu beantragten Steuern. Richter be­zeichnet diese Darstellung für ein Phantasiegebilde, zumal die Reichsfinanzverwaltung gerade jetzt mit neuen Steuerprojecten, z. B. in Betreff des Rohspiritus, beschäftigt sei. Staatssecretär Freiherr v. Maltzahn ruft: Nein. Derselbe nimmt als­dann das Wort und erklärte, alle-, was in der Preffe über die Pläne der Reichsfinanzverwaltung mitgetheilt sei, beruhe auf Jrrthum. Der Abgeordnete Richter solle nur das gesetz­

lich Bestehende berücksichtigen und nicht gänzlich ungewisse Aenderungen. Gegen eine Fortsetzung der Detailberathung über die künftigen Finanzen erklärt sich darauf der Abg. v. Bennigsen, da dieselbe keinen practischen Zweck habe. Die weiter fortgeführte finanzpolitische Discussion, worin auch die Franckenstein'sche Klausel wiederholt erörtert wird, schließt der Staatssecretär mit dem Nachweis ab, daß die Einzel­staaten im Berhältniß zu den Reichseinnahmen jetzt günstiger stehen als früher, v. Bennigsen beantragt alsdann, die zweijährige Dienstzeit der Fußtruppen für die Dauer der Friedenspräsenzstärke gesetzlich zu fixiren. Bebel beantragt, die zweijährige Dienstzeit überhaupt gesetzlich festzulegen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Die nächste Sitzung ist Dienstag.

Berlin, 13. Februar. In parlamentarischen Kreisen gilt es als durchaus ausgeschlossen, daß die zweite Lesung der Militärvorlage im Plenum noch vor Ostern erfolgen könnte.

Der badische Finanzminister Ellst älter beging am 12. Februar sein 25jähriges Ministerjubiläum, denn seit dem 12. Februar 1868 leitet Herr Ellstätter als Nach­folger Mathys die badischen Finanzen. Die Verdienste, welche sich der Jubilar in dem seitdem verstrichenen langen Zeit­räume um die Hebung und Förderung der Staatsfinanzen Badens erworben hat, sind nicht hoch genug anzuschlagen- ist doch durch ihn dieser wichtige Zweig der Staatsverwaltung förmlich neugestaltet worden. Herr Ellstätter weilt zur Zeit in Italien, so daß es den Beamten seines Ressorts hierdurch unmöglich gemacht wurde, ihrem verehrten Chef zu dessen Ehrentage persönlich ihre Glückwünsche darzubringen.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondurz-Bureau.

Berlin, 13. Februar. Die Budget - Commission des Reichstages erledigte die einmaligen Ausgaben des außerordentlichen preußischen Heeresetats und bewilligte von den für die Beschaffung von Feldbahnmaterial geforderten 4,960,000 Mk. nur 2,960,000 als erste Rate. Von den zur Vervollständigung der wichtigen Festungsanlagen geforderten 5 Millionen wurden nur 2i/z Millionen bewilligt, die Zahlung weiterer 2*/2 Millionen aber als zweite Rate auf nächstes Jahr verschoben.

Berlin, 13. Februar. Bei dem Zusammensturz der Brücke auf dem Uebnngsplatze der Eisenbahnbrigade sind, wie jetzt amtlich mitgetheilt wird, fünf Mann schwer verletzt, gestorben ist noch keiner. Die ersten Meldungen waren also etwas übertrieben.

Berlin, 13. Februar. Dem Gesundheitsamt wurde vom 11. bis 13. Februar Mittags gemeldet: AuS Nietleben am 11. Februar ein Todesfall.

Hamburg, 13. Februar. Während vom 7. bis 9. Februar aus Altona keine Choleraerkrankungen gemeldet wurden, ist bei vier am 10., 11. und 12. Februar in Altona Erkrankten die Cholera festgestellt.

Coburg, 13. Februar. Wie dieCoburger Zeitung" meldet, hat der Prinz Ferdinand-von Bulgarien bei dem Herzog Ernst als Chef des Hauses Coburg die Zu­stimmung zu seiner Verlobung mit der Prinzessin Marie Louise von Bourbon, Tochter des Herzogs von Parma, nachgesucht. ____

Depeschen veS BureauHerold".

Berlin, 13. Februar. Mittwoch Abend findet eine Ver­sammlung zur Herbeiführung einer Verständigung bezüglich der Militärvorlage statt. Einberufen ist die Versamm­lung u. A. von den Professoren Adolf Wagner, Harnack, Dornburg, Pfleiderer, sowie Waldeyer.

Berlin, 13. Februar. DieVossische Zeitung" erfährt zu dem russischen Handelsvertrag, daß die dieffeitigen Forderungen festgestellt und nach Petersburg übermittelt worden sind. Es sei abzuwarten, ob dort zugestimmt werde. Es steht fest, daß man sich hier keinen zu großen Erwartungen hingibt.

München, 13. Februar. Das Generalcomitö des Lan d- wirthschaftlichen Vereins beschloß eine Resolution, welche den Abschluß eines Zoll- und Handelsvertrags mit Rußland als für die deutsche Land- und Forstwirthschaft in hohem Grade gefährlich bezeichnet.

Würzburg, 13. Februar. Die theologische Facultät über­sandte dem Papste eine Glückwunschadresse.

Wien, 13. Februar. Es wurde ein Vertrag zwischen der österreichischen Waffenfabrik und Bulgarien auf Lieferung von 100,000 Magaz ingewehren binnen Jahresfrist ab­geschlossen.

Wien, 13. Februar. Bei der gestrigen Feier des Papst-

Feuilleton.

Eine Wette.

Fastnachts-Erzählung von S. lom Have.

(Nachdruck verboten.)

In dem Speisesaale eines Hotels der großen Handels­stadt L. saßen vier Herren in heiterer Champagnerlaune bei einem späten Diner. Drei derselben waren Cavallerieoffiziere, ein Rittmeister und zwei Lieutenants, der Vierte der Tisch­genoffen trug Civil.

Aber meine Herren," rief der Rittmeister, ein junger, auffallend schöner Mann,diese Gräfin Waldhof muß ja ein Unicum sein, jung, schön, liebenswürdig, reich und Wittwe." Ja, aber dabei unnahbar,kühl bis ans Herz hinan", ihre Verehrer habenVerlorene Liebesmüh"", sagte der eine Lieutenant, ein Herr von Hagen.

Nun, ohne Jemand zu nahe treten zu wollen," meinte der Rittmeister,die Verehrer waren auch vielleicht danach und verstanden sich nicht auf Frauenherzen, sonst"

Bei diesen Worten ließ er mit einem selbstbewußten Lächeln seinen schönen Bart durch die wohlgepflegte Hand gleiten.

Sie denken wohl, Sie würden mehr Glück bei der Dame hüben?" unterbrach ihn fast gereizt der Vierte der Tischgenossen, Legationsrath v. Saldern.

Nun, Herr von Saldern, ich möchte wenigstens wetten," rief der Rittmeister,daß ich die schöne Gräfin auf den Maskenball führen werde, der nächstens im Theater stattfindet, und daß sie sogar dort mit mir in einem der reservirten Zimmer soupiren wird."

Unmöglich!" rief Herr von Berg, der ältere der beiden Lieutenants.

Ich wette aber meinen braunen Hengst Olaf gegen sechs Flaschen Champagner, daß es geschehen wird," sagte erregt der Rittmeister.

Die Wette gehe ich ein," meinte lachend Lieutenant von Hagen.

Solch capitaler Gaul, wie Ihr Olaf, könnte mir jetzt gerade passen."

Abgemacht!" rief der Rittmeister.Sie sind Zeugen, meine Herren, und ich lade Sie ein, den Sect, den Hagen natürlich geben muß, mit mir auf das Wohl der schönen Gräfin zu trinken."

Bei diesen Worten des Rittmeisters erhob sich Herr von Saldern und sagte sehr ernst:Gräfin Waldhof stehl mir zu hoch, um sie zum Gegenstand einer solchen Wette zu machen!" Und kurz grüßend, verließ er den Saal.

Erstaunt, fast erschrocken sahen sich die drei Zurück­gebliebenen an. Der Rittmeister ließ einen verständnißinnigen leisen Pfiff hören und fragte:Steht es so, meine Herren?"

Ach nein," erwiderte lächelnd Herr von Berg,Saldern gehört zwar zu den Verehrern der schönen Frau, allein er hat kein Vermögen"

Aber sie soll ja reich sein, wie Sie sagten," wandte der Rittmeister ein.

Ja, jetzt- wenn sie aber eine zweite Heirath eingehr, fällt das Vermögen ihres ersten Mannes an entfernte Ver­wandte desselben, und Saldern muß, will er in der diplo­matischen Laufbahn bleiben, eine reiche Frau heirathen, es heißt zwar, er hätte Aussicht auf einen Ministerposten, aber dazu ist er wohl, wenn auch befähigt, doch noch zu jung."

Ach, wer denkt denn gleich ans Heirathen, lieber Berg, erst sich der Poesie der Liebe möglichst lange freuen, später, sehr spät kommt dann die Prosa der Ehe."

Bei diesen lachend geäußerten Worten hob er die Tafel auf und entfernte sich. Die beiden jungen Offiziere folgten ihm.

Kaum waren sie verschwunden, als am entgegengesetzten Ende des Speisesaales, wo sie, unbemerkt von den vier Herren, Platz genommen, zwei Damen sich ebenfalls erhoben. Die ältere rief dem Kellner und während sie ihre Rechnung be­zahlte, fragte sie wie beiläufig:

Wer waren denn die vier Herren, auch Fremde?"

Nein, nur der Rittmeister Graf Lemberg ist erst kürz­lich aus der Residenz hierher versetzt, die anderen Offiziere waren Lieutenant von Berg und Herr von Hagen und der Herr in Civil, Legationsrath von Saldern, lebt auch hier. Die Herren waren etwas heiter," fügte er mit einem forschenden Blick auf die jüngere Dame hinzu, der die helle Entrüstung aus den Augen leuchtete, aus den schönen, sonst

so sanften blauen Augen, die aber jetzt im Zorne fast schwarz erglänzten, während die Stirn finstere Falten zeigte, die zu dem hübschen, frischen Gesichte gar nicht paßten. Sie schien etwas sagen zu wollen, schwieg aber auf einen Wink der älteren Dame, welche, den Redseligen unterbrechend, einen Wagen verlangte. Als sie ihn später bestiegen, gab die Dame die Adresse eines Modemagazins.

Mama," rief die Jüngere.Wir wollten doch ich dachte"

Das heißt, Du bedachtest nicht, liebes Gretchen, daß der geschwätzige Kellner, welcher leider Zeuge der häßlichen Wette war, nicht zu wissen brauchte, wohin wir fahren wollen. ErstL.-Straße Nr. 2!" rief sie bann, als sie einige Minuten gefahren waren, dem Kutscher zu.

Wie klug und besonnen Du doch immer bist," sagte die Tochter etwas beschämt, bewundernd.

Wenn Du so alt sein wirst wie ich, wird Dir Dein Herzchen auch nicht mehr mit der Ueberlegung davoneilen, liebes Kind," tröstete lächelnd die Mutter.

Ich bin aber auch ganz aufgeregt und habe mich so über diese Wette geärgert, die Herren waren zu abscheulich," entgegnete die junge Dame.

Da übertreibt mein Gretchen wieder," tadelte die Mutter,zwar, was den Grafen Lemberg betrifft, hast Du Recht, aber die anderen Herren benahmen sich ganz paffend und der Legationsrath hat mir sogar einen angenehmen Ein­druck gemacht. Durch die Art, wie er die Wette ablehnte, bewies er ritterlichen Sinn, Zartgefühl und Tact."

Das ist wahr," sagte Gretchen,und dabei ist er ein sehr schöner Mann, es sollte mir leid thun, wenn er in Ada verliebt wäre, denn sie ist kalt gegen ihre Verehrer und denkt nicht daran, sich wieder zu verheirathen. Hörtest Du wohl, daß sie auch hier das Gerücht verbreitet hat vom Verlust ihres Vermögens bei ihrer Wiederverheirathung? So thöricht! Als ob irgend Jemand die entzückende Ada um ihres Reich- thurns willen heirathen würde? Und dieses Unsinns halber kann nun der schöne, liebenswürdige Saldern nicht um sie anhalten, und sie paßten doch so gut zusammen!"

(Fortsetzung folgt.)