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Nr 242.
Erstes Blatt. Samstag den 14. October 1893
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*M lulnabmt bei Monlag«.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Giert kl jährig er >|«at«citmftoi 2 Merk 20 Pjg. «M Bringerloh«.
Durch die Post begehe 2 Mark 50 Wg.
»edacNon, tpefrmei und Druckerei:
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Aints- und Anzeigeblutt fflr den Urkeis Gieren. > chratisöeikage: Hießmer Kamikitnblätter.
Amtliche»» Theil.
Gießen, den 12. October 1893.
8 etr.: Die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Großherzogthum.
Das Großherzogliche Kreisamt Gietzeu an Gr. Polizeiamt Gießen, die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden, sowie die Gr.
Gendarmeriestationen des Kreises.
Von nachstehendem Erlaß Großh. Ministeriums des Einern und der Justiz setzen wir Sie hierdurch in Kenntniß.
v. Gagern.
Z« Nr.M.J.28264. Darmstadt, 7. October 1893. Letr.: Die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Großherzogthum.
Das Grotzh. Ministerium des Innern und der Justiz
an die Großherzoglichen Kreisämter.
Wir haben dem Badischen Kunftgewerbeverein zu Karls» rnhe die Erlaubniß ertheilt, die Loose einer im November l. I. zum Zwecke der Förderung befähigter und strebsamer jüngerer Kunsthandwerker zu veranstaltenden Verloosung von Lnlbergegenständen innerhalb des Großherzogthums zu ver» trriben. Indem wir Sie hiervon zu Ihrem Bemesien in Jtinntnife setzen, bemerken wir, daß nach dem von der zu- stindigen Behörde genehmigten VerloosungSplan 100000 ßeofe ä 1 JL ausgegeben werden dürfen und 50000 JL zrm Ankauf von Gewinnsten verwendet werden müssen.
In Vertretung:
v. Knorr. Best.
Bekauntmachuua.
Wegen Umpflasterung der Fahrbahn in der Schulstraße blieibt der Verkehr in dieser Straße für Reiten, Fahren und Äehtreiben von Samstag den 14. October 1893 bis auf Weiteres gesperrt.
Gießen, den 12. October 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Das Befahren des von der Liebigstraße nach dem untersten Riegelpfad führenden Weges mit anderen als Dung-
und Erntewagen ist verboten. Zuwiderhandlungen werden nach Artikel 114 des Polizeistrafgesetzes bestraft.
Gießen, den 11. October 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. October. Der Reichstag dürfte in seiner bevorstehenden Session ein sehr bedeutendes Arbeitspensum zu erledigen haben. In erster Linie wird er sich bekanntlich mit der Bewilligung der Mittel für die Militärvorlage und in Verbindung damit mit der Reform der Reichsfinanzen zu besasien haben. Außerdem steht die Einbringung eines Gesetzentwurfes betreffend die Einführung der Berufung in Strafsachen, sowie betreffend die Entschädigung unschuldig 93er« urtheilter definitiv bevor. Im Weiteren liegt es in der Abficht der Reichsregierung, den umgearbeiteten Entwurf eines Reichsseuchengesetzes und ebenso einen Entwurf betreffend die Bekämpfung der Trunksucht wieder zur Vorlage zu bringen. Hinsichtlich des Cbek-GesetzentwurfeS ist bisher eine Entscheidung noch nicht getroffen, doch glaubt man in unterrichteten Kreisen, daß derselbe in der kommenden Session auch wieder eingebracht werden wird.
— Unser politisches Leben steht fortgesetzt überwiegend im Zeichen der neuen Reichs-Steuergesetzentwürfe, deren finanzielle Erträgnisse zusammen mit denen der geplanten anderweitigen Börsensteuer und noch einiger kleineren Steuern zunächst zur Deckung der laufenden Kosten der jüngsten Heeresverstärkung dienen sollen. Man kann indessen nicht sagen, daß die Väter der Tabakfabrikatsteuer und der ReickS- weinsteuer bis jetzt eine besondere Freude an ihren Werken erleben, insofern wenigstens nicht, als sich gegen die beiden geplanten Steuergesetze ein immer entschiedenerer Widerspruch geltend macht, dem gegenüber die officiösen Bertheidiger der Entwürfe offenbar einen schweren Stand haben. Speciell in den von den neuen Steuerprojecten vor Allem betroffenen Bevölkerungskreisen, in denen der Tabakindustriellen, Tabakhändler usw., wie in denjenigen der Weininteressenten macht sich begreiflicher Weise eine besonders scharfe Opposition gegen den neuen Tabaksteuer- und den Weinsteuerentwurf bemerklich, die mehr und mehr beginnt, bestimmt Ngitattonsformen an- znnehmen. Der BundcSralh wird darum nicht umhin können, bei seiner Vorberathung der beiden Entwürfe die wider sie erhobenen mannigfachen Einwürfe streng, aber vorurtheilsloS zu prüfen, vielleicht läßt es sich bann ermöglichen, sie in eine andere Form zu gießen, die zu Einwendungen weniger Anlaß gibt. Im Uebrigen muß jedoch die authentische Bekanntgabe gerade der wichtigsten Punkte der Tabakfabrikat- und der
Weinsteuer, nämlich der Steuersätze, noch immer abgewartet werden. — Inzwischen rückt nun der muthmaßliche Zeitpunkt deS Zusammentrittes des Reichstages zu seiner Wintersession immer näher, es heißt bereits, das Parlament würde wahrscheinlich gegen den 20. November einberufen werden.
— In den Räumen deS Berliner Auswärtigen Amtes werden die Handelsvertragsunterhandlungen zwischen den Commissarien Deutschlands und Rußlands unter anerkennenswerther Wahrung des Grund- satzeS der Geheimhaltung der Verhandlungen fortgeführt. Es ist darum auch müßig, darüber zu streiten, wie lange wohl diese Verhandlungen noch währen werden, die Hauptsache bleibt doch, daß eS zu einem beftiedigenden Ergebniffe der neuen deutsch-russischen zollpolittschen Conferenzen kommt.
— Seit einer Woche also weilt Fürst Bismarck wieder in den altgewohnten Räumen des FriedrichSruher Schlaffes, in denen seine völlige Wiedergenesung hoffentlich nunmehr bald erfolgen wird. Aus der Umgebung deS Alt- reichSkanzlerS verlautet denn auch, es werde nur noch kurzer Zeit bedürfen, daß er sich wieder im Besitze seiner ftüheren Rüstigkeit und Frische befinde. Selbstverständlich muß sich aber der alte Herr einstweilen noch die gebotene Schonung auferlegen.
Berlin, 12. October. Das Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerafälle bekannt: In Stettin wurde bei sieben zwischen dem 4. und 9. October erkrankten Personen (davon eine gestorben) Cholera nachgewiesen- in Kratzwiek bei Stettin ein tödtlich verlaufener Krankheitsfall. Der für Grabow a. O. gemeldete Kranke ist gestorben. In Hamburg kam eine neue Erkrankung vor.
Ausland.
Paris, 12. October. Nun ist endlich das „große Er- eigniß" des russischen Flottenbesuches in Frankreich zur Thatsache geworden, von morgen an ankert das russische Geschwader unter Admiral Avellan im Hafen von Toulon. Aber selbst in diesem Augenblick fehlt es nicht an WermuthS- I tropfen, die in den schäumenden Becher der Russenbegetsterung der Franzosen fallen, denn kurz vor dem Eintreffen des russischen Geschwaders in Toulon sind die bislang in Frankreich weilenden Großfürsten Alexis und Wladimir abgereist, jener nach Odessa, dieser nach Madrid. DaS ist natürlich bitter für die gallischen Ruffenschwärmer, die mit der Gegenwart der beiden Großfürsten bei der anhebenden franco- russischen Verbrüderungsfeier prunken wollten. Nun, hoffentlich begreift man in den chauvinistischen Streifen Frankreichs den in der Abreise der russischen Großfürsten gerade zum jetzigen
Fkuillcton.
war er geworden.
AuS
ein Billet nach Tamise offerirte.
„Ja, eine kleine Wafferfahrt, das wäre für mich daS Gesündeste und Zweckmäßigste, was ich unternehmen könnte," dachte Fridolin, und daher erkundigte er sich, wo der Dampfer läge und wann derselbe abfahre und kaufte alsdann das Billet. Glücklich und in weit lebensfroherer Stimmung als bei seiner Abreise traf er in Tamise des Nachmittags ein, um daselbst zu seinem Aerger zu erfahren, daß er in dem langweiligen Orte die Nacht zubringen muffe, da der nächste Dampfer erst am Mittag des folgenden Tages nach Antwerpen zurückkehren würde. So gut es eben gehen wollte, fügte er sich in sein Schicksal, und nach langen, langen Stunden, in denen sein Geist sich fortwährend mit Fanny beschäftigt hatte, traf er endlich in Antwerpen wiederum ein.
Am nächsten Mittag wurde endlich die um mehr als
48 Stunden verspätete Rückreise angetreten. Auf dieser träumte er mit offenen Augen beständig so lebhaft von seiner reizenden Braut, daß er sich um die Außenwelt nicht im Geringsten kümmerte und daher in Aerschot, wo er in den von Brüffel kommenden Schnellzug umsteigen mußte, beinahe den Anschluß versäumt hätte. Noch im letzten Augenblicke, als der Zug sich bereits in Bewegung setzte, gelang es ihm, in ein Coupä zu springen, in welchem ein einziger Reisender, ein junger Mann von etwa 26 Jahren, sich befand. Mit solcher Haft bewerkstelligte Fridolin sein Einsteigen, daß er beim Vorbeistreifen an dem Anwesenden diesem einen Stoß von Zeitungen vom Schooße riß und dieselben auf den Boden des CoupeS verstreute.
„Entschuldigen Sie gütigst, mein Herr," sagte Fridolin verlegen, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte und sich alsdann niederbückte, um die Zeitungen aufzuheben.
Mit einem Male erfaßte seine Hand eine Photographie, welche zwischen den Zeitungen gelegen hatte, unwillkürlich warf er einen raschen Blick auf dieselbe und fast gleichzeittg entfuhr ihm ein lauter AuSruf der Ueberraschung, während er sein Gegenüber zornig und herausfordernd betrachtete.
„Darf ich mir die Frage erlauben, wie Sie zu dieser Photographie kommen?" frug er mit aufgeregter Stimme.
„DaS geht Sie nichts an," lautete die grobe Antwort. „Geben Sie mir das Bild zurück, welches Sie durch Ihre Tölpelhaftigkeit beinahe in den Schmutz geworfen hätten."
„Was sagen Sie da! Mich sollte es nichts angehen, wenn ein Fremder sich im Besitze der Photographie meiner Braut befindet? Sie werden das Bild nicht zurückerhalten, ehe Sie mir auf meine Frage Rede und Antwort gestanden haben."
„Nun glaube ich aber wirklich, daß es bei Ihnen im Oberstübchen nicht ganz richtig ist. Diese Dame ist meine
Eine Verlobung.
Humoreske von G. ©trüber.
(Schluß.)
Am nächsten Morgen, sobald daS Geld eingetroffen war, taufte er in einem Juwelierladen ein prachtvolles Diamanten- Halsband im Werthe von 3600 Francs, und mit diesem in ber Tasche betrat er nach vorheriger Anmeldung durch einen rllner daS Wohnzimmer seiner Zukünfttgen. In Gegenwart tlirer Tante empfing sie ihn mit freundlich wohlwollender Mene, die ihm den Muth verlieh, unter einigen verlegenen Worten fein Angebinde der Geliebten zu überreichen. Einen Augenblick prüfte sie es erstaunt und aufmerksam und dann reichte sie ihm lächelnd die Hand dar, wobei sie ihren rosigen Mund dem feinigen so nahe brachte, daß er sich nicht ent» tjatften konnte, einen feurigen Kuß auf die schwellenden Lippen m pressen. Dann jedoch entwand sich Fanny züchtig feinen Armen, während nunmehr die Tante auf Fridolin zueilte, ihn am ihr Herz zog und ihn tief bewegt als ihren zukünftigen Neffen begrüßte.
Fast noch einen ganzen Tag brachte der überglückliche Fridolin in Gesellschaft seiner reizenden Braut und deren Tante zu, die erklärt hatten, deS Abends wieder abreifen zu müssen. Die Damen beftiegen gegen 6 Uhr den Zug nach Missingen, um von dort nach England zurückzufahren, nachdem Fridolin wiederholt hatte versprechen müffen, recht häufig an [eine Braut zu schreiben und sie auch, sobald der augenblicklich auf Reisen befindliche Baron v. Heimenthal nach Hause zuirückgekehrt wäre, in London zu besuchen.
Wie in einem Taumel befangen, verließ Fridvlm daS Wahnhvfsgebäude. Er vermochte das außerordentliche Glück,
welches so plötzlich über ihn gekommen, kaum zu f aff en, hundertmal fragte er sich, ob es denn überhaupt möglich sei, daß ein solches wunderbar schönes und dabei steinreiches Mädchen, welches aus den ersten Gesellschaftskreisen sich einen Mann hätte wählen können, ihm, dem einfachen Provinzial- städter mit dem relativ bescheidenen Vermögen, für immer angehören wollte, und erst als er sich in ein Restaurant begeben und dort einen Blick in den Spiegel geworfen hatte, in Betreff jener Möglichkeit etwas beruhigter
Freude trank er an diesem Abend weit mehr als gewöhnlich, so daß er sich am nächsten Morgen mit schwerem Kopfe von seinem Lager erhob. In diesem Zustande sofort den Zug zu besteigen und nach der Heimath zurückzukehren, wie er dies seiner Fanny versprochen hatte, war nicht möglich, er mußte erst eine Zeitlang durch die frische Luft pro» meniren, um die in seinem Haupte herumhämmernden Nebel zu verscheuchen. Jnstinctiv lenkte er seine Schritte nach der Schelde, wo ihm eine bejahrte Frau entgegentrat und ihm


