Wirtschaft in gesetzgebenden Körperschaften, Schaffung von LandwirthschaftS'Kammern, Beseitigung der Staffeltarife auf den Eisenbahnen. Nur zu ihrem Rechte wolle die Land- wirthschaft kommen, Sonderbestrebungen lägen ihr fern. Der nationalliberalen Partei könne kein Borwurf gemacht werden, daß sie reformatorisch vorgegangen sei, er halte es ihr zum Lobe, daß sie jederzeit auf ihre Fahne geschrieben: „Jedem das Seine". Herr Meinen belegte mit einigen Ziffern den Niedergang der Landwirtschaft. Grund und Boden hätten eine Vermehrung der Hypothekenschulden seit 1880 um 800 Mill. Mark erfahren. Diese Schulden seien gewiß nicht aus Ueber- muth ausgenommen worden. Die Vieheinfuhr bedeute für die Landwirthschaft einen jährlichen Ausfall von 234 Mill. Der Preisrückgang deS Getreides sei beispiellos, es müffe oft unter den Selbstkosten verkauft werden. Auf 2950 Mill, belaufe sich die Summe, um welche der Werth für Getreide, Kartoffeln u. s. w. allein im Jahre 1890 zurückgegangen. Die Landwirthschaft werde aber auch durch Naturereigniffe geschädigt, nicht zum wenigsten auch durch die soziale Gesetz« gebung, die sie um 32 Mk. pro Hectar belaste. Direct lchä- digend sei für die Landwirthschaft auch die neue Zollgesetzgebung. Es sei sonach kein Wunder, wenn sich die Land« wirthe zusammenschaarten, wenn sie sorderten, daß auch sie gehört, auch ihren Bedürfnissen Rechnung getragen würde, denn Dip laudwirthschaftliche Bevölkerung repräsentiere 42 pCt. der Gesammtbevisikerung. Durch Handelsverträge mit Oesterreich, Italien, Rußland werde die Landwirthschaft direct, Industrie und Handel indirect geschädigt. Auch die Landwirthschaft bedürfe eines Zollschutzes, gerade wie die Industrie auch, aber die beiderseitigen Berufsintereffen sollten nicht gegen, sondern miteinander in die Schranken treten, wenn es gilt, die allgemeine Lage zu verbessern. Er halte eS nicht für geboren, daß die Regierung Deckung für die Ausgaben deS Reichs durch Monopolwirthschaft suche, er sei Gegner deS Monopols, und erachte deshalb auch das Tabakmonopol für gefährlich; die Staatsreglerung möge erklären, daß sie nicht durch Monopolgedanken die Industrie stören wolle. Er sei für Handwerker- und Arbeiterkammern und glaube in dieser Beziehung weiter zu gehen als die Sozialdemokratie, die derartige Forderungen noch nicht erhoben, ihre sonstigen Forderungen seien Nebelgssbilde, die bei der ersten Berührung verschwänden. Der Hausirhandel schädige das solide Handwerk und den soliden Handel, dem Börsenspiel müffe ein Damm entgegengesetzt werden, da er Viele inS Unglück bringe. Hier helfe Schimpfen nichts, sondern hier müffe Hand ans Werk gelegt werden. Auch die soziale Geletzgebung sei verbesserungsbedürftig, in derselben seien in den letzten Jahren Mängel zu Tage getreten, für welche die sozialdemokratische Bewegung den Popanz habe abgebcn müssen, bei Beseitigung dieser Mängel wurde aber vielfach der Mittelstand vergessen, man habe sich der Stände, die die Stützen des Staates sind, zu viel entfremdet. Man solle sich aber als gute Staatsbürger betrachten und mitarbeiten an dem Gebäude des Staates, da an seinen Pfosten die Würmer nagen. Er müsse die Frations- pplitik geißeln, die das patriotische Gefühl unterdrückt habe. Sollten deshalb Fragen an ihn herantretcn, die ihn in gewisser Beziehung fremd, die er nicht gleich beantworten könne, so werde er als guter Deutscher handeln. Zur Militärvorlage übergehend, bemerkte Herr Meinert, daß er unbedingt für dieselbe fei, ohne Wenn und Aber. Die Armee fei zur Erhaltung unserer Existenz nöthig, darüber helfe alle Parteipolitik nicht hinaus. Frankreich rüste in unheimlicher Weise, man solle sich deshalb nicht von den Gegnern der Militär- Vorlage durch schöne Reden beihören lassen, denn mit Reden fei noch keine Schlacht gewonnen worden. AuS Aeußerungen französischer Staatsmänner geht hervor, daß man in Frankreich weit opferwilliger sei, trotzdem Frankreich schon an einer Schuldenlast von 3300 Mill. Franc- trage. Frankreich strebe nach Rückeroberung Elsaß Lothringens. Vergleiche man die Kriegsstärken von Rußland und Frankreich, so hieße es der deutschen Armee zu viel zumuthen, daß sie solcher Uebermacht gegenüber siegreich heimkehren solle. Sollten wir unS da nicht durch Bewillguvg der Militärvorlage eines Schutzes versichern? Je stärker wir sind, um so fiegeSgewisser ziehen wir in den Kamps, schon deshalb müssen wir unsere Zustimmung geben, man müsse den Familien die Väter zu erhalten, indem man jüngere Mannschaften vor den Feind bringt. Alles müsse zur Wahrung deS Friedens geschehen, denn ein Krieg habe einen schlechten Geschäftsgang zur Folge, unter welchem Alle litten, der Unsicherheit müsse ein Ende bereitet werden, je gesicherter der Friede, desto besser der Geschäftsgang und damit das allgemeine Wohlbefinden. Wenn eS gegenüber der in Aussicht gestellten zweijährigen Dienstzeit für die Fußtruppen hieße, eS liege darin eine Ungerechtigkeit für die berittenen Truppen, die drei Jahre dienen müßten, so müsse er bemerken, daß dieser scheinbare Nachtheil für die letzteren ausgewogen werde durch die Thatsache, daß die berittenen Truppen weit weniger der Gefahr auSgesetzt seien, erschossen obet verwundet zu werden, als die Fußtruppen, denn in 1870/71 seien bet 26,000 Mann Infanterie 2300 Reiter vor dem Feinde geblieben. Eine Erhöhung der Milttärlaften dürfe unS nicht abhalten, für die Vermehrung der Armee einzutretcn, denn ein unglücklicher Krieg würde unS 20 bis 30 Milliarden kosten, solcher Eventualität gegenüber sei die auf den Kopf der Bevölkerung kommende Mehrausgabe von 1 Mark kaum der Rede werth. Auch würden die Reichen gern bereit fein, die höheren Kosten zu tragen, die für sie die Bedeutung von Versicherungsprämien hätten. Er fei dagegen, daß die Mittel durch Bier- oder Branntweinsteuer aufgebracht würden, er sei für höhere Besteuerung der höheren Einkommen, für Börsensteuer, LuxuSsteuer und in vierter Linie auch für eine Wehrsteuer. Der Grundgedanke, was er gesagt, sei in erster Linie Hochhaltung deS Vater- lande-, Sicherung deS Friedens. Möge deshalb die in die alte Form gegossene neue Glocke hinauStönen und Freude unfenn Reich verkünden, Friede fei ihr erst Geläute. (An- haltender Beifall.)
Der nächste Redner, Herr Rechtsanwalt Dr. Osann
Darmstadt, wurde stürmisch begrüßt. Ausführlich das hier wieder zugeben, was er in einstündiger, oft durch Beifall unterbrochener Rede sagte, gestattet uns der Raum nicht. Herr Osann gab der Hoffnung Ausdruck, daß der gesunde Sinn des Volkes über die gegnerischen Bestrebungen trimn» phiren werde; er finde eS begreiflich, daß in landwirthschaft- lichen Kreisen Unmuth herrsche. Die nationalliberale Sache erfreue sich in der bevorstehenden Wahl der Unterstützung der Conservativen, sowie eines großen Theiles der gemäßigten Deutschfreifinnigen. Wenn das Volk nicht zusammenstehe, so gebe sich unS das Bild des HerabsteigenS des Vaterlandes von seiner Höhe. Herr Dr. Osann unterwarf die gegnerischen Parteien, besonders die Eugen Richters, die Antisemiten, das Centrum und die Socialdemokraten einer eingehenden Kritik, desgleichen die elsässischen Protestler, geißelte die oft gesehene Beschlußunfähigkeit deS Reichstags, wies auf einen im Falle wiederholten AblehnenS der Militärvorlage ein« tretenden Conflict mit der Regierung hin, stellte die Aussagen militärischer Autoritäten über die Militärvorlage höher als das abfällige Unheil der Gegner, betonte weiter, daß hinsichtlich deS Antrags Huene vollständige Klarheit geherrscht, und nicht, wie angenommen, der Antrag durch dem Centrum gemachte Concessionen herbeigeführt sei. Der antisemitischen Partei müsse ebenso entschieden entgegengetreten werden, wie der socialdemokratischen, diese seien die Parteien der Widersprüche, in die sogar ihre Führer verfielen. Herr Dr. Osann schließt mit der Aufforderung, am 15. Juni Mann für Mann für den Candidaten der nationalliberalen Partei einzutreten. Schon am 15. Ium müsse die Entscheidung darüber fallen, ob das Volk sich für die Steigerung seiner Wehrkraft erkläre, oder damit warten wolle, bis das Gespenst des Krieges am Himmel stehe. (Langanhaltender Beifall).
Herr Geh. Hofrath Prof. Dr. Oncken fordert, nachdem er die Candidatur des Herrn Meinort freudig begrüßt, auf, vor Allem der Socialdemokratie entgegen zu treten; ihr Einfluß auf das Volk, ihre Gefährlichkeit bestehe lediglich in dem Mangel jeden Widerspruchs in den Versammlungen, in der Abwesenheit ihrer Gegner. Nicht in Wasserstiefeln treten die Führer und Redner auf, sondern mit Manieren, die ihn wahrhaft verblüfft. Die Socialdemokratie werde bei den bevor- stehenden Wahlen einen bedenklichen Zuwachs aufweisen. Deshalb müsse besonders in den Versammlungen der Socialdemo- Tratte entgegen getreten werden. Die nationalliberale Partei gehe mit Muth und gutem Humor in den Wahlkamps, er erhoffe für die gute Sache Zuzug von den freisinnigen Nach- barn; wer sich nicht nach rechts anschließe, verursache ein An- schwellen der Socialdemokratie. Herr Prof. Oncken forderte schließlich ebenfalls auf, am 15. Juni für die Sache der nationalliberalen Partei und der des Vaterlandes elnzutreten, und drückte den Wunsch auS, daß die gute Sache nicht Schaden nehmen möge. (Stürmischer Beifall). — Herr LandgerichtSrath , Dr. Schäfer dankt den Vorrednern für das, was sie gesprochen, er appellirte an den Bürgersinn, damit die Schmach, daß ein Antisemit bisher den Wahlkreis vertreten habe, be- feitigt werde; eS sei Pflicht aller Staatsbürger, dafür zu sorgen, daß wir in Deutschland Frieden haben. Mit einem von der Versammlung jubelnd aufgenommenen Hoch auf Kaiser und Reich schloß er die Versammlung.
Herr Oberst Spohr, der schon nach der Rede deS Herrn Meinert eine Interpellation an diesen richten wollte, ergriff nach Schluß der Versammlung das Wort, um die Nationalliberalen zu ersuchen, etwas wieder gut zu machen, bezw. zu beseitigen, was früher verschuldet worden. Er forderte die Beseitigung des Impfzwanges. Seine weiteren Ausführungen blieben indeß infolge der mit dem Verlassen des Saales verbundenen Unruhe unverständlich.
* ♦ BerfammlungsBerbot. Die auf Mittwoch Nachmittag 3 Uhr in Röhrles Bierhalle anberaumte antise mitische Wähler-Versammlung ist, wie uns mitgetheilt wurde, polizeilich untersagt worden.
♦ ♦ Radfahrfest. Der gestern Abend erfolgte Meldeschluß zum PreiS-Wettfahren brachte dem hiesigen Radfahrverein ganz überraschende Resultate in Bezug auf Anzahl und Bedeutung ter eingegangenen Meldungen. Dem Meisterfahrer von Deutschland im Kunstfahren Herrn Albrecht auSjFrank- furt a. M. reihen sich eine große Anzahl namhafter Renn- fahret würdig an. Außer dem Meisterfahrer von Hessen, Herrn Hertz auS Offenbach a. M., liefen gestern Abend noch die Meldungen einiger Fahrer ersten Ranges — wir nennen nur Namen wie Verhetzen und Gehrig — ein. Im Ganzen hat der Verein für die projectirten fechS Rennen 76 meist auswärtige Meldungen zu verzeichnen, ein Resultat wie eS großartiger nicht erwartet werden konnte.
♦ » Es dürfte wohl nicht allen Radfahrern bekannt sei«, daß das Fahren per Rad in der Stadt zu zwei und mehr nebeneinander unter allen Umständen verboten ist und ebenso vor den Thoren das Befahren der BanketS.
* ♦ Betreffs des «u8haugen8 von Plakaten an Bahnhöfen verweisen wir auf die in vorliegender Nummer befindliche Bekanntmachung der Königl. Eisenbahn-Direction Hannover.
* ♦ Verhaftet wurde gestern Vormittag ein Handwerks- bursche, der einem anderen wahrend der Arbeit bei der Pfleg- ftation dahier eine Busennadel entwendete.
§ Ruppertenrod, 12. Juni. Man hat seither allgemein gesagt, die jetzige Wahlcampagne verlaufe viel ruhiger und leidenschaftsloser als die letzte im Jahre 1890. Seit den beiden gestern hier abgehaltenen Wählerversammlungen der socialistischen und antisemischen Partei trifft das nicht mehr zu, wenigsten- für unseren Ort. Höher haben wir die Wogen der Leidenschaften im Jahre 1890 in der heißesten Wahlversammlung nicht gehen sehen, al- gestern. Warum verliefen nur die nationalliberalen und freisinnigen Wählerversammlungen in so ruhiger, gelassener Weife und warum gerade beide Versammlungen der gestrigen Parteien in so stürmischer, aufregender Art? Die Antwort liegt im Namen der betreffenden Parteien selbst. Wie man in den Wald hineinrust, so schallt eS wieder heran-. Wer hetzt,
wird wieder gehetzt. Anerkannt muß werden, daß hier ber Redner der socialdemokrarischen Partei, Herr Stadtverordneter Orbig auS Gießen, in Rücksicht der versammelten Wähler recht maßvoll sprach und daß auch seitens der Genossen seiner Partei keine Störung gemacht wurde. Herr Orbig unterzog die Militärvorlage, da- Militärsystem, sonstige Mißstände deS staatlichen und öffentlichen Lebens einer verunheilenden SMtif und legte das Programm seiner Partei auseinander. In der Versammlung stießen die Ausführungen deS Redners auf den größten Widerstand und entfesselten stürmische Gegenruse. Nachdem Herr Orbig geschlossen, trat ihm ein antisemitischer Redner, Herr Schuhmacher Dommershausen, entgegen. Im Brustton wärmster Ueberzeugung widerlegte er die Ausführungen deS Herrn Orbig mit wirklich vielem Geschick. Die weiteren Forderungen seine- antisemitischen Programm» bewegten sich auf vollständig nationalliberalem Boden, wie er denn auch bei einer eventuellen Stichwahl zwischen dem 6a n- didaten der nationalliberalen Partei und einem solchen einer anderen Partei außer der antisemitischen den Genossen seiner Partei empfahl, für den nationalliberalen Candidaten zu stimmen. Um fo befremdender wirkten die Ausführungen be» Herrn Dommershausen m der amisemttstchen Versammlung, die nach der socialbemokratischen in einem anderen Saale noch besonber- abgehalten wurde. Hier suchte Redner der freisinnigen wie nationalliberalen Partei besonder- am Zeuge zu flicken im Interesse des Ganbibaten ber Antisemiten. Wie bie Ausführungen des Redner- lebhaften Beifall bet seinen Gesinnungsgenossen fanden, so erregten sie auch ebenso lebhaften Widerspruch bei ander- denkenden und fühlenden Leuten. Diese Gegensätze, entzündet und angesacht durch die beiden genannten Parteiversammlungen, kamen denn nach diesen zum lebhaftesten, leidenschaftlichsten Ausdruck.
-i- Ettingshausen, 11. Juni, vorige Woche fand dahier eine stark besuchte soeialistischc Wählerversammlung statt, in der Herr Krämer von München da- Programm der socialistischen Partei entwickelte.
n.-Rieder Ohme», 11. Juni. Bon dem socialdemokratischen Eandidaten, Stadtverordneten und Schreinermeister Orbig zu Gießen, war auf gestern Abend dahier eine Wähler- versam mlung einberufen worden. Einige Hundert deutsche Männer erschienen, um, ohne Rücksicht [auf den Unterschied ber Parteien, dem Herrn gegenüber ein kräftige- Zeugniß ihrer gut deutschen, christlichen Gesinnung abzulegen. Nachdem die Versammlung durch Acclamation Herrn Lehrer Dem von hier zum Vorsitzenden ernannt hatte, erhielt zunächst -da- Wort Herr Director Rottmeyer. Zur Tagesordnung sprechend, führte derselbe au», e- sei ihm unbegreiflich, daß ein Mann, tote Herr Orbig, es überhaupt wagen könne, hier zu reden; er wie- auf das Gemeingefährliche der Socialdemokrakie hin, forderte die Versammlung auf, Herrn Orbig überhaupt nicht anzuhören, und schloß mit einem Hoch auf Kaiser und Reich, in welche- alle Anwesenden begeistert einstimmten. Dem folgte der Gesang ber deutschen Nationalhymne, al- eine Kundgebung echt deutscher, tren zu Fürst und Vaterland haltender Gesinnung. Hieraus erhielt, ebenfalls zur Tagesordnung, das Wort Herr Pfarrverwalter Michel von hier. In längerer Rede beleuchtete derselbe die Stellung ber Social- demokratie zum Vaterlanb, zum Ehristenthum, zu den Interessen der Landwirthschaft, sowie da- Trugbtlb de» soeialisnschen Zukunftsstaates, von welchem bie Herren Socialbemokraten selbst nicht recht wüßten, was sie sich darunter vorstellen sollten. Seine, durch stürmische Beifall-bezeugungen oft unterbrochenen Ausführungen belegte Redner mit socialistischen Prcßerzeug- nissen aus dem „Vorwärts", aus Liebknecht- Schrift „Zu Schatz und Trutz" und der „Volkstribüne". — Nach einigen Worten de- Herrn DirectorS Rottmeyer richtete der Vorsitzende an die Versammlung bie Anfrage, ob sie nach ben trefflichen Ausführungen der Vorredner noch gewillt fei, das angekündigte Referat des Herrn Orbig zu hören. Ein mit lebhafter Entrüstung ausgesprochenes „Nein'" der ganzen Versammlung war die Antwort und ebenso da- Resuttat einer Abstimmung durch Handerhebung, die der Vorsitzende vornehmen ließ, um jedem Verdachte einer Vergewaltigung vorzubeugen. Mit einem Hoch auf Se. K. Hoh. den Großherzog und Se. Maj. den Kaiser wurde hierauf bie Versammlung geschlossen.
K. Hungen, 11. Juni. Heute sand bahier eine antisemitische Wählerversammlung statt, welche gut besucht war und in welcher der '.antisemitische Eandidat Philipp Köhler von Bettenhausen sprach. Da sich keiner ber Gegner zum Wort meldete, war die Versammlung bald beendigt. — In dem benachbarten Inheiden fiel ein ber Schule entwachsenes Bürschchen, welche- Kirschen stehlen wollte, dabei vom Kirsch- bäum und brach ein Bein.
E. Echzell, 12. Juni. Im Herzberger schen Saale fand gestern Abend eine von der freisinnigen Partei berufene Wählerversammlung statt, in welcher Herr Rechtsanwalt Metz- Gießen da- Programm der freifimtigen Partei ent- wickelte. Der Redner verbreitete sich über die Militärvorlage, die HeereSlasten deS deutschen Reiche- und wie» nach, daß sich diese Lasten feit 20 Jahren ganz außerordentlich erhöht haben- er behandelte die Gründe, welche bie Auflösung bei Reichstage- herbeiführten, verlangte die unwiderrufliche Festlegung der zweijährigen Dienstzeit, die Besteuerung der größeren Einkommen, bie Beseitigung ber sogenannten Liebesgabe an bie großen Brennereibesitzer, bie Gleichheit Aller vor dem Gesetze unb noch eine Reche von anderen Punkten des freisinnigen Programm-, deren Aufzählung und Besprechung den unfl gestatteten Raum überschreiten würde. Weiter besprach der Herr Redner die Programme der anderen Parteien unb that bar, baß bie Grundsätze derselben nicht die richtigen seien. Als die ÄntifemUen kritifirt wurden, gab eS ein wenig Radau, der sich aber legte. Der Redner fonftattrte: Bor drei Jahren habe man ihn über bie Antisemiten hier gar nicht zu Wort kommen lassen- heute könne man schon darübet reden, in fünf Jahren würbe wahrscheinlich von bem Antisemitismus überhaupt nicht mehr gesprochen werben. AuS der Versammlung war eS Herr
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