Ausgabe 
14.6.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 137

Erstes Blatt.

Mittwoch den 14. Juni

1893

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US zu Haus rooffen wir nicht oti- ib Jungfrauen, welche willig sind, tue Kirche tyutragen, ihre Gabe tinfenben ju wollen.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

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Anrtlichev Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Verhütung von Waldbränden.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß nach Ver­fügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz die durch die nachstehende Polizei-Verordnung getroffene Anordnung für die Monate Juni und Juli d. I. noch fort zu dauern hat.

Gießen, den 12. Juni 1893.

Großherzoglichcs Kreisamt Gießen.

v. (Sagern.

Polizeiverordnung,

betreffend Verhütung von Waldbränden.

Mit Rücksicht auf die große Zahl von Waldbränden, welche in Folge der zur Zeit bestehenden außerordentlichen Trockenheit entstanden sind, bestimmen wir auf Grund des Art. 79 der Kreis- und Prooinzialordnung das Folgende:

1. Bis auf Weiteres ist das Rauchen von Cigarren, Cigarretten und ungedeckelten Tabakspfeifen in Waldungen und auf Haiden außerhalb der chaufsirten Ortsverbindungs- wege verboten.

2. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 90 Mark bestraft.

Gießen, den 27. April 1893. "

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche zu Weitershain.

Nachdem die in mehreren Gehöften zu Weitershain ausgebrochene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperrmaßregcln wieder aufgehoben.

Zur Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus der Gemarkung Weitershain bedarf es, sofern die Thiere nicht sofort geschlachtet werden, indeß bis auf Weiteres noch eines thierärztlichen Gesundheitsscheines. Sofern die Thiere sofort geschlachtet werden, genügt zum Ausführen derselben ein Gesundheitsschein der Großh. Bürgermeisterei Weitershain. ;

Gießen, den 13. Juni 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Wahl der Einschätzungecommissionen für die Veranlagung der Einkommensteuer und Capitalrentensteuer.

Der Provinzialauäschuß der Provinz Oberheffen hat für die Jahre 1894/95 bis 1896/97 zur Landescommission für die Einkommensteuer

als Mitglieder

die Herren Stadtverordneter Heinrich Vogt zu Gießen, Bürgermeister Bopp zu Bellersheim, Georg Steinhäuser zu Friedberg,

als Crfatzmitglieder

die Herren Bürgermeister Fendt zu Schotten, Mühlenbesitzer W. Erk zu Nidda gewühlt.

Gießen, den 10. Juni 1893.

Großherzogliche Provinzial-Direction Oberhessen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 12. Juni. Kaiser Wilhelm hat soeben erneut sein warmes Interesse bekundet, welches er auch der Landwirthschaft entgegenträgt. Er bewies dies durch die telegraphische Erwiderung auf das Huldigungstelegramm, das Prinz Ludwig von Bayern anläßlich der am Samstag zu München eröffneten achten Wanderversammlung der deutschen Landwirthschafts-Geseüschast an den erlauchten Monarchen gerichtet hatte. In seiner Antwortdepesche dankt der Kaiser herzlich für die ihm dargebrachte Huldigung und spricht er speciell seine besondere Freude über die ihm zugegangene Ver­sicherung unverbrüchlicher Treue Seitens der deutschen Land- rvirthschaft aus. Der kaiserliche Herr erklärt dann in seiner Erwiderung, daß er der deutschen Landwirthschaft allzeit sein vollstes Interesse widme und wünscht er schließlich den Be- uathungen der in München versammelten Landwirthe segens­reichen Erfolg.

Der Reichskanzler Graf Caprivi soll, wie das T." von guter Seite hört, zum Verzicht auf alle bislang

vom Reichsschatzamt aufgestellten Deckungspläne in der Militärfrage entschlossen sein. Demnach würde neben der Brau- und der Branntweinsteuer auch die neue Börsensteuer als wieder aufgegeben zu betrachten sein, obwohl es von letzterer bisher allgemein geheißen hatte, sie würde als eines der Deckungsmittel in Sachen der Militärvorlage auch dem künftigen Reichstage wieder vorgeschlagen werden. Dagegen sind, dem genannten Blatte zufolge, angeblich Erhebungen von schon sehr weit vorgeschrittenem Character über folgende Projecte zur Bestreitung der Kosten der Heeresverstärkung angestellt: Ueber die Beseitigung der Vierzig-Millionen-Gabe an die Brenner, über eine Börsen-Emtssionssteuer, über eine Erbschaftssteuer und über eine Reichs-Einkommensteuer. Der aufgetauchte Vorschlag der Einführung von Luxussteuern soll bereits definitiv aufgegeben sein. Es wird freilich noch ab­zuwarten sein, inwieweit sich diese Informationen desB. T." bestätigen werden.

Die Socialdemokraten haben noch in den letzten Tagen eine Anzahl neuer Reichstagscandidaturen aufgestellt, sodaß jetzt im Ganzen 3 91 von den 397 Reichstagswahl- kreisen mit socialdemokratischen Candidaturen besetzt sind. Selbstverständlich sind der größte Theil derselben nur Zähl- candidaturen, lediglich zu dem Zwecke bestimmt, die Zahl der locialdemokratischen Stimmen am 15. Juni möglichst in die Höhe zu treiben und hiermit den anderen Parteien gegenüber zu prunken.

Der deutsche Bauernbund hält am nächsten Samstag in Berlin eine außerordentliche Generalversammlung ab. In derselben soll über die Auflösung genannter Ver­einigung und deren Verschmelzung mit dem Bunde der deutschen Landwirthe endgiltig Beschluß gefaßt werden.

Nerreste

Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 12. Juni. Dem Vernehmen nach wird Prinz Friedrich Leopold zum Obersten befördert werden.

Berlin, 12. Juni. Der Graf von Turin reist heute Abend 10 Uhr über Hannover nach Rom zurück. Der Kaiser gab ihm bis zum Bahnhofe das Geleit und verabschiedete sich von ihm aufs herzlichste.

München, 12. Juni. Der Herzog in Bayern, Max Emanuel, ist heute Morgen 7 Uhr in Schloß Feldafing am Starnberger See infolge der Sprengung eines Herz- gefäßes, die er sich bei einem Ritt zugezogen hatte, ge­storben. Herzog Max Emanuel, der jüngste Sohn des Herzogs Ludwig, ein Bruder der Kaiserin von Oesterreich, wurde am 7. December 1849 in München geboren. Ver­mählt war er seit 1875 mit Prinzessin Amalia von Koburg- Gotha. Er hinterläßt drei Söhne, Siegfried, Christoph und Luitpold.

Antwerpen, 12. Juni. Vergangene Nacht wurde gegen das Haus des Staatsanwalts ein Attentat verübt. Eine auf das Fenster niedergelegte Explosionsvorrichtung explodirte mit lautern Getöse. Sämmtliche Fensterscheiben zersprangen; es wurde Niemand verletzt.

Budapest, 12.Juni. Aus Südungarn werden große Ueberschwemmungen gemeldet. Die Maros ist aus­getreten und die Niederung zwischen Arad und Neu-Arad ein wahres Meer.

Genua, 12. Juni. Der Dampfer des Norddeutschen LloydKaiser Wilhelm II." ist im besten Zustande nach Bremen in See gegangen.

Sofia, 12. Juni. Heute fand die feierliche Ueberreichung der Hochzeitsgeschenke an den Fürsten Ferdinand und seine Gemahlin statt. Eine Deputation von Damen unter Führung der Gemahlin Stambulows überreichte ein kostbares Diadem und 130 000 Francs für wohlthätige Zwecke.

Depeschen de« BureauHerold".

Berlin, 12. Juni. Ein Flugblatt der unab­hängigen Socialisten an die Arbeiter Deutschlands bezeichnet den Parlamentarismus als eine im Dienste der herrschenden Gewalt stehende Institution. Der Gewerkschafts­kampf und die Massendemonstrationen seien das einzige wirk­same Mittel zur Beseitigung des heutigen Staates.

Bukarest, 13. Juni. Nach demAdverul" finden die diesjährigen russischen Manöver von drei Corps in Podolien und Bessarabien statt.

Rom, 13. Juni. Während des Consistoriums pro- teftirte der Papst aufs Neue gegen die Gewaltthätigkeuen, welchen die Kirche ausgesetzt ist.

CscaUs unb provinzielles.

Gießen, 13. Juni 1893.

** Sitzung des Schwurgerichts der Provinz OberheffeN vom 12. Juni 1893. Zur Verhandlung kommt die Straft sache gegen den Kaufmann Aron Bachrach von Gießen wegen bettüglichen BankeruttS und Betrugs. Die Anklage vertrat der Großh. Staatsanwalt Clement, die Vertheft digung derselben führten die Rechtsanwälte Grünewald und Dr. Ferdinand Stein. Als Geschworene wurden ausgeloost die Herren: Otto Carl Martin Henkel, Heinrich K»rell, Wilhelm Hanstein, Johannes Müller II., Christoph Schwalb VIII., Georg Seum II., Peter Philipp Schäfer, Johannes Kromm, Ludwig Hanner, Gemetnderechner Greb, Andreas Carl Keller und Wilhelm Conrad Görlach. Aron Bachrach ist angeklagt, in der Zeit vom Januar 1887 bis October 1892 zu Gießen als Schuldner, welcher feine Zahlungen eingestellt und über dessen Vermögen das ConcurS- verfahren eröffnet worden, gegen die Bestimmung des Handels­gesetzbuches unterlassen zu haben, die Bilanz seines Vermögens in der vorgeschriebenen Weise zu ziehen und sodann in der Ab­sicht, seine Gläubiger zu benachtheiligen, Vermögensstücke ver­heimlicht ober bei Seite geschafft, Handelsbücher, deren Führung ihm gesetzlich oblag, zu führen unterlassen und seine Handels- büchcr vernichtet ober verheimlicht ober so geführt unb ver- änbert zu haben, baß bieselben keine Uebersicht beS Vermögenß- stanbes gewähren. Er ist ferner angeklagt, im August 1892 zu Gießen in ber Absicht, sich einen rechiSwibrigen Vermögenö- vortheil zu verschaffen, das Vermögen beS Lanbwirths Nicolaus Romeiser zu Steinau baburch um ben Betrag von 993 Mk. 32 Psg. geschäbigt zu haben, baß er in denselben durch die Vorspiegelung falscher und die Entstellung und Unterdrückung wahrer Thatsachen einen Jrrthum erregte. Mit Rücksicht auf die vom Angeklagten in der heutigen Verhandlung behaupteten Thatsachen, die in der bisherigen Untersuchung noch nicht zu Tage getreten waren und welche für erheblich erachtet werden mußten, beschloß das Gericht, die heutige Hauptverhandlung auSzusetzen und der Großh. Staatsanwaltschaft zu überlassen, weitere Ermittelungen zu veranlassen. Hiernach wird die Verhandlung gegen Bachrach erst in ber nächsten Schwur- gerichtsperiode stattfinben, resp. beendigt werben.

** Nationalliberale Versammlung. Die auf gestern Abend vom nationalliberalen Wahlausschuß einberufene Wähler­versammlung in SieinS Garten war sehr stark besucht, so daß der geräumige Saal vollständig gestillt war. Herr Landgerichtsrath Dr. Schäfer führte den Vorsitz und ertheilte derselbe nach einer kurzen Ansprache dem Candidaten der nationalliberalen Partei, Herrn Pachter M e i n e r t aus Konrads- dors, das Wort. Herr Meinert bat zunächst, daS, was er hier vorbringen wolle, nicht der Form sondern dem Inhalte nach zu beurtbeilen. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen seien es zwei Punkte, die als Kampfmittel von den Gegnern benutzt würden. Zur Kennzeichung der erwähnten beiden Punkte übergehend, bemerkte Herr Meinert, daß ihm von seinen Berufsgenossen erstens ein Vorwurf gemacht würde, weil er sich der nationalliberalen Partei angeschlossen habe, denn die Partei habe nicht das gehalten, was sie versprochen; aber daran, was geschehen in Bezug auf die Landwirthschaft, aber auch versäumt, seien andere Parteien mit betheiligt. Zweitens betrachte man ihn mit Mißtrauen, weil er sich vom Bunde der Landwirthe habe aufstellen lassen. Es gelte für ihn heute, darzulegen, daß diese vorgesaßten Meinungen verkehrt seien. Er würde nicht der nationalliberalen Partei dienen, wenn diese nicht reformirenb auf lanbwirthschaftlichen Gebieten vorgehe, bie Partei habe es anerkannt, baß zur Erhaltung bes VaterlanbeS bie Erhaltung ber Landwirthschaft nöthig sei. Indessen bestehe, was den Bund der Landwirthe betreffe, ein Unterschied zwischen den in der Tivoli-Versammlung zu Tage getretenen und den Bestrebungen in Hessen. Jnteressen-Ver- tretungen seien nichts, vor denen man eine Scheu zur Schau tragen müsse, sie seien aber nothwendig, wenn sie sich Einzel- intereffen unterorbnen. Auf biete Weise werbe bas erstrebte Ziel erreicht. Weiter sei ber Partei vorgeworfen worden, daß sie einen Landwirth zum Candidaten erhoben, man habe sich dies nicht erklären können, dabei aber vergessen, daß sie in mancher Beziehung bahnbrechend vorgegangen. Ueber ben Bunb der Landwirthe beständen, wie aus Zeitungen, Reden und Wahlflugblättern zu ersehen, die verdrehtesten Anschauungen. Herr Meinert legte die Bestrebungen des Bundes der Land­wirthe dar, in Hessen stehe man in vielen Punkten in Gegensatz zu dem Westen des Reiches- die wesentlichsten Punkte des Programmes seien: Zollsckwtz, Absperrung der Grenzen gegen Viehkrankheiten, staatliche Beaufsichtigung der Productenbörse, Verbot des Geld- und Sachwuchers, Abänderung desJnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes, geregelte Vertretung ber Lanb-