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Donnerstag den 13. April
1893
srr. 86. Erstes Blatt.
Der •MtMt A«»ei,er »Scheint täglich, «tt Lu-nahme bei Wtonlagl.
Die Gikßmrr Pe*ttte»lfi(l<t Wrtnj dem Anzeiger »Tchentltch dreimal '.««gelegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
vierieljähriger >io»nc*twb,ttUi 2 Mark 20 Psg. «eU Vringerlohn. Durch die Post bezaga.
2 Mark 50 Pjg.
Siedaction, UxpedeN»» und Druckerei:
-Snkftrahe Ar.B, 1kr*l»rc*rt 51.
Aints- und Anzeigeblutt fflr den Tlveis Gietzeu.
Annahme »an Anzeige» zu der Nachmittags für de» ßatgendrn Lag erscheinenden Nummer dis Boreu 10 llh«.
I Hratisöeikage: chießener^amMenbtätter.
Alle Armoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeige» für den .Gießener Luzeiger" entgegm.
2lmtlid>cv Thcil.
Bekanntmachuua.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat März 1893 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer v4L 16.30, Heu vtL 10.—, Stroh JL 5.80.
Gießen, den 10. April 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Die innere Krisis.
Am morgigen Donnerstag nimmt der Reichstag seine durch die parlamentarische Osterpause unterbrochenen Arbeiten wieder auf, welchem hiermit anhebenden nachösterlichen Sessionsabschnitte man in den weitesten Kreisen unseres Volkes mit größter Spannung entgegenblickt. Denn er wird mit der zweiten Plenarlesung der Militärvorlage die parlamentarische Entscheidung in der inneren politischen Krisis bringen, welche sich infolge der eigentümlichen Entwickelung der nun schon so lange schwebenden Militärfrage herangebildet hat. Allerdings dürften jedoch die entscheidenden Abstimmungen des Reichstages in Sachen der Militärvorlage noch nicht sobald erfolgen, wie bisher fast allgemein angenommen worden war. Denn wie Berliner Meldungen übereinstimmend versichern, steht die Abfassung des Berichtes des Referenten der Militärcommission, Abg. Gröber, vor Ende April schwerlich zu erwarten, sodaß also der Reichstag erst Mitte Mat in die Lage kommen wird, sein Schlußwort bezüglich der Militärvorlage auszusprechen. Die wahrscheinliche Verwerfung der Vorlage wird dann ebenso wahrscheinlich die Auflösung des Reichstages nach sich ziehen, sodaß die Neuwahlen vielleicht für die erste Junihälfte zu gewärtigen wären.
Das Alles ist natürlich noch Zukunftsrechnung, aber wenn dieselbe einen Querstich erfahren sollte, so müßten noch ganz besondere Ereignisse eintreten und Anzeichen einer solchen Wendung liegen bis zur Stunde nicht vor. Im Gegentheil, gerade während der Osterferien des Reichstages mußte durch die bekannten officiösen Erklärungen der „Nordd. Allg. Ztg." gegen die weitgehenden Compromißvorschläge des Abgeordneten v. Bennigsen eine Kundgebung verzeichnet werden, welche sicherlich nicht im Interesse einer Verständigung in der obwaltenden Shifi8 liegt.
Da sich anderseits auch im Standpunkte der Reichstagsparteien zur Milttärfrage innerhalb der Osterpause offenbar nichts verändert hat, so erfolgt jetzt die Fortsetzung der Reichstagssession unter bedenklichen Vorzeichen einer leider kaum mehr verme'dbar erscheinenden gewaltsamen Beendigung der Thätigkeit des Reichstages. Die Katastrophe könnte eben । nur durch eine noch in zwölfter Stunde erfolgende Ver- ' ständigung zwischen Reichsregierung und Reichstagsmehrheit verhindert werden, was sicherlich der lebhafte Wunsch der großen Mehrheit unseres Volkes ist, aber bedauerlicher Weise sind die Aussichten auf eine solche Verständigung derartig minimale, daß die Verwerfung der Militärvorlage und hiermit die Auflösung des Reichstages als kaum mehr ver- ; weidlich erscheint.
Selbstverständlich hofft die Regierung bei den eventuellen • Neuwahlen einen in der Militärfrage gefügigeren Reichstag zu erhalten, als es der gegenwärtige ist, aber es dürfte dies für die Regierung eine schwere Selbsttäuschung sein, denn in , j den breiten Massen der Wählerschaft läßt sich gewiß nicht ! । irgend welche Begeisterung für die Militärvorlage entdecken. । Vermuthlich stützt man sich regierungsseitig bei den Erwägungen i über eine etwaige Auflösung des Parlaments auf den günstigen I Ausfall der Septennatswahlen des Jahres 1887, welche den i oppositionellen Reichstag hinwegfegten und an seine Stelle • einen Reichstag mit einer starken Mehrheit für die Septennats- ' Vorlage treten ließen. Indessen heute liegen doch die Ver- ! hältnisse unstreitig lange nicht so günstig für die Reichs- ' regierung, als es damals der Fall war, im Gegentheil, es I ist die hohe Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß der etwaige i neue Reichstag seinen Vorgänger in der oppositionellen ! Stimmung gegenüber der Militärvorlage noch übertreffen ; würde. Wenn sich die Reichsregierung selbst dann noch nicht zur Zurückziehung oder wenigstens Abschwächung der Heeres- vorlage entschließen könnte, so müßte sie entweder zu einer zweiten Reichstagsauflösung schreiten oder sich auf einen langwierigen Conflict mit der Volksvertretung gefaßt machen - \ beide Eventualitäten wären jedoch gleich bedenklich. Aber ! schon die vermuthliche Auflösung des jetzigen Reichstages müßte vom patriotischen und nationalen, wie vom allgemein politischen Standpunkte nur tief bedauert werden, denn die Maßregel würde eine Periode heftigster innerer Kämpfe für das Deutsche Reich zeitigen, welche schließlich auch seinem Ansehen nach außen kaum förderlich wären.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. April. Der Ausflug, welchen Kaiser j Wilhelm noch vor Antritt seiner italienischen Reise nach
der Wartburg zu unternehmen gedachte, um in den Forsten der Umgegend der Auerhahnjagd obzuliegen, ist von dem Monarchen aufgegeben worden, da die andauernde kühle Witterung sich der projectirten Jagd als ungünstig erwies. Dagegen bleibt es dabei, daß der Kaiser am Abend des 14. April in Swinemünde eintrifft, wo der hohe Herr alsdann an Bord der „Hohenzollern" geht, um sich nach Kiel zu begeben. Die Bestimmungen für die auf kommenden Dienstag festgesetzte Abreise der Kaiserlichen Majestäten nach Italien erleiden durch diesen Ausflug keinerlei Aenderung.
— Nachdem das preußische Abgeordnetenhaus bereits am Dienstag den 11. April seine durch die Osterferien unterbrochene Thätigkeit wieder ausgenommen hat, wird auch der Reichstag an diesem Donnerstag (13. April) seine Arbeiten nach Ablauf der österlichen Ruhepause fortsetzen. Im preußischen Abgeordnetenhause stellt die Specialberathung der drei Steuerreformvorlagen die parlamentarische Hauptarbeit des neubegonnenen Sessionsabschnittes dar und ist an einem erspießlichen Ausgange der betreffenden Verhandlungen kaum zu zweifeln. Im Reichstage aber wird die zweite Plenarlesung der M i l i t ä r v o r l a g e den Alles beherrschenden Mittelpunkt der nachösterlichen Sitzungsperiode bilden, und größer denn je ist die Spannung, mit welcher man der all- mälig herannahenden parlamentarischen Entscheidung in der Mrlitärfrage allseitig entgegenblickt. Während der Osterver- tagung des Reichsparlaments ist anscheinend nichts geschehen, um einer Verständigung zwischen Reichsregierung und Reichstag angesichts der bevorstehenden Plenarerörterung der Militär- Vorlage die Wege zu ebnen, sodaß also die Wahrscheinlichkeit einer Reichstagsauflösung im Falle einer Ablehnung der Vorlage immer stärker wird. Wie die,,Nat.-Ztg." meint, stünde der Eintritt dieser Katastrophe bereits Anfang Mai zu gewärtigen, da der Berichterstatter der Militärcommission, der Centrumsabgeordnete Gröber, seinen Bericht doch noch bis spätestens zum 20. April fertigzustellen gedenkt- es könnte alsdann die zweite Plenarlesung sehr wohl etwa am 24. April' beginnen. Sollte nun die Auflösung des Reichstages in der That Anfang Mai erfolgen, so wäre selbstverständlich an eine definitive Erledigung der meisten der noch schwebenden Vorlagen — und deren gibt es noch eine beträchtliche Anzahl — nicht mehr zu denken. Dann könnten bis zu genanntem Zeitpunkte eben nur diejenigen Gesetzentwürfe vielleicht noch aufgearbeitet werden, auf deren Zustandekommen die Regierung besonderen Werth legt. Hierzu gehört namentlich der dem Reichstage soeben aus dem Bundesrathe zugegangene Gesetzentwurf betr. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten. Die Vorlage hat in ihrer Vorberathung durch den Bundesrath erhebliche Abänderungen erfahren, von denen speciell die
Feuilleton.
Buntes über England.
Time is Money.
(Nachdruck verboten.)
Auf dem europäischen Continent und besonders in Deutschland kennt jeder Knabe bemittelter Eltern das geflügelte Wort „Zeit ist Geld" in der Ursprache - es erweckt bei ihm die Idee/ daß die Engländer ein Volk sind, denen jener wichtige Lebensgrundsatz in Fleisch und Blut übergegangen ist, und solche Meinung bleibt dann meist für das ganze Leben haften.
Es gibt wohl außer uns Deutschen kein zweites Volk auf Erden, das beinahe alles bei sich schlecht findet und, mit einer Zugvogelnatur ausgestattet, gern England als Muster und Vorbild besucht, um erst dann einzusehen, daß es sich in Deutschland ganz gut leben läßt, und daß wir den Engländern gegenüber nicht etwa zurück, sondern in vielen Dingen voraus sind.
Mit Verwunderung bemerkt der Deutsche dann auch, daß bei keinem nördlichen europäischen Culturvolke die Zeit vielfältig so unnütz vertrödelt wird wie in England. Ganze Bände könnte man mit Beispielen solcher Art füllen, wie im öffentlichen und Privatleben der kostbaren Zeit gar keine Rechnung getragen wird, und wir müssen uns darauf beschränken, aus der Alltäglichkeit, welche die Sitten und Gebräuche eines Volkes am besten wiederspiegelt, einiges herauszugreifen.
Mit Erstaunen nimmt man in England wahr, daß selbst im größten Menschengewühl, wie es z. B. in der City Londons herrscht, beinahe Jedermann die Hände in den Hosentaschen trägt und dabei, so unpraktisch wie nur möglich, die Ellenbogen möglichst nach außen gespreizt hat, um es den anderen Straßengängern damit zu erschweren, rasch vorwärts zu kommen, d. h. Zeit zu sparen, welche eine Summe Geldes
repräsentirt. Andererseits darf man aber sicher sein, daß der Engländer, wenn er nur eine Hand in der Tasche hat, in der anderen — auch bei dem herrlichsten blauen Himmel — entweder einen Regenschirm hält, der wenigstens bei der im Jnselreiche schnell veränderlichen Witterung Sinn hätte, ober einen meist kolossalen hölzernen Knüppel, der mit unserem Spazierstock nichts gemein hat. Das Tragen der Hände in den Beinkleidertaschen und der Stock sind aber kennzeichnend national, denn selbst auf den Ensemble - Photographien der königlichen Familie, bei denen die Herren in Civilkleidern dargestellt sind, kann man diese englische Sitte beobachten. Einsichtige Menschen des Kontinents wundern sich natürlich darüber, daß sich die time-is-money-$nfutaner so wenig auf der Straße aus dem Wege gehen und dadurch die Kirculation außerordentlich hemmen, denn es ist doch eine thatsächliche Unmöglichkeit, daß Jemand mit den Händen in den Taschen einem Entgegenkommenden schnell unb gewandt ausweichen kann. Regenschirm unb Stock werben aber noch obenbretn so unpraktisch als möglich getragen, nur nicht so, wie es vernunftgemäß wäre. In Lonbon ist auch an ben belebtesten Stellen bie Passage ber Fußgänger kaum größer als in ge- wiffen Straßen continentaler Stäbte, aber mit ben Millionen Ellenbogen und den Millionen Stöcken muß man eben rechnen. Ein anderes Beispiel: Wir wollen nach irgend «inem Punkie der Welt fahren und finden mehrere derartige Unternehmungen in den Zeitungen oder auf Straßenanschlägen. Da steht nun alles, was nöthig und auch was unnöthig, darauf, aber die Hauptsache fehlt, nämlich wann die Schiffe gehen- sollte dies ausnahmsweise bemerkt fein, so ist doch ber Preis, auf ben es am meisten ankommt, nirgenbs' zu finben. Statt bessen heißt es: Wegen ber sonstigen Einzelheiten wenbe man sich schriftlich an -die Herren X — hier folgt die bekannte uiv nöthig lange englische Adresse — unb man wirb bie Bedingungen zugeschickt erhalten. Ware es denn nicht mit weniger Zeitvergeudung verknüpft, wenn die „practischen" Engländer auf den zumeist riesigen Zetteln oder Annoncen gleich ben
Preis für Ueberfahrt, Gepäck, Beköstigung rc. angeben würben. Dies wäre aber einfach unb einfach ist in Englanb absolut nichts- alles ist so complicirt, wie nur möglich unb bebhalb zeitraubend), unb boch ist Zeit — Gelb.
Einen Englänber irgenb welche Waare psunbweise ab» wiegen zu sehen, kann auf nervöse Menschen töbtlich wirken, so langweilig unb zeitraubenb ist bas Verfahren, selbst wenn ber Laden voll wartender Kunden ist, wie Samstag Abend. MeistentheilS ist die zu wiegende Menge Butter von vornherein sichtlich zu klein, unb boch wirb gewogen unb noch einmal gewogen - nun legt ber Kaufmann ein Stückchen hinzu, welches aber bas Pfunb nicht voll macht — ein Kinb hätte bies vorher eingesehen — immer winziger werben bie Abschnitte, bis enblich ein Atom zu viel vorhanben ist, bas absolut wieber fort muß, wobei bann aber meist ber Umftanb eintritt, baß ber Kunbe etwas Waare zu wenig erhält. Währenb besten verlieren bie Kunben ihre Zeit, ber Verkäufer aber auch oftmals erstere selbst, benn nichtenglische Frauen verlassen meist bas Local, eine leise Verwünschung über bas lange Warten auf ben Lippen.
Im Folgenben wollen wir keine Humoreske schreiben, fonbern bie sehr traurige Wahrheit. „Dieses Haus ist zu vermiethen", leuchtet bem Sucher eines Unterkommens auf schiefwinkelich zusammenstoßenben Tafeln entgegen, bie an einem schweren Holzpfahl befestigt sind, wie ja beinahe alles, was ber Englänber probucirt, das Gepräge des übermäßig Starken, Klumpigen, Klotzigen hat. Dieser Pfahl ist im Borgarten des Hauses tief eingegraben, sonst fällt er um, und derselbe muß meistentheils weit hin» und hergeschleppt werden, welche Manipulationen nutzlos und zeitraubend sind. Ein Zettel an den Schiebefenstern — unsere geschätzten Leser wissen, daß England auch heute noch keine Flügelfenster hat — würde genügen, den gleichen Dienst zu leisten, aber so machten es die Urväter und — so bleibt es vorläufig.
(Schluß folgt.)


